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Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

12.04.2026 25 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 16
Klims Rückkehr in sein Vaterland und das Ende der Fünften Monarchie

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
https://onsound.eu/
Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

16. KAPITEL Klims Rückkehr in sein Vaterland und das Ende der Fünften Monarchie Hier lag ich nun lange Zeit zwischen diesen Felsen und war gleichsam aller Sinne beraubt, denn mein Gemüt war teils durch diesen jähen Fall, teils durch die wunderbare Veränderung, da ich mich aus einem Stifter der Fünften Monarchie nun in einen armen und hungerleidigen Bakkalaureus verwandelt sah, ganz und gar in Verwirrung geraten. Und diese Begebenheit war auch in der Tat dermaßen erstaunenswürdig und poetenmäßig, dass sie auch das gesetzteste Gemüt gar leicht in Unordnung hätte bringen können. Ich fragte mich daher selbst, ob denn dies in der Tat sich so verhielte, wie es mir vorkäme, oder ob ich träumte und mich meine Augen betrögen? Nachdem aber die erste Bestürzung sich ein wenig verloren hatte, kam ich nach und nach wieder zu mir selber, und auf die vorige Bestürzung folgte nun Betrübnis und Unwillen gegen mich. Ich schlug die Hände zusammen, hob sie in die Höhe gen Himmel und sagte: »Oh Du allmächtiger Schöpfer, hast Du mich denn wegen meiner Laster für so sehr strafbar erkannt? Wo gerate ich hin, wo komme ich her, was für eine Flucht führt mich zurück, und in was für Umständen befinde ich mich jetzt.« Und gewiss, wenn man in den Jahrbüchern die Geschichte, sowohl der älteren als auch der neueren Zeit, durchliest, so wird man schwerlich ein Beispiel für einen so großen Fall finden, man müsste es denn an Nebukadnezar antreffen, der aus dem größten Monarchen in ein wildes Tier, das in den Wäldern herumlief, verwandelt wurde. Beinah ebenso einen Streich versetzte mir das spottende Glück auch. Mir wurden innerhalb weniger Stunden zwei große Kaisertümer und beinah 20 Königreiche aus den Händen gerissen, von denen mir nichts als der Schatten und die leeren Bilder noch übrig waren. Vor kurzem war ich ein Monarch gewesen, jetzt konnte ich mir kaum eine Rektor- oder Schulmeisterstelle in meinem Vaterland versprechen. Vorhin noch nannte man mich einen Gesandten der Sonne, jetzt aber war ich so arm, dass ich mir kaum zutraute, etwa bei einem Bischof oder Probst als Bedienter angenommen zu werden. Vor kurzem waren Ruhm, Ehre, Hoffnung, Wohlstand und Sieg meine Gefährten, nun aber begleiteten mich Sorgen, Elend, Bekümmernis, Tränen und Wehklagen. Endlich betrachtete ich mich noch als ein Kraut, das bald welk wird, denn ich war geschwind entstanden und geschwind wieder vergangen. Und das ich’s kurz mache: Der Schmerz, der Widerwillen, die Bekümmernis, der Zorn und die Verzweiflung machten mich so verwirrt in meinem Kopf, dass ich mich bald erstechen, bald mich aber wieder in die Höhle hineinstürzen wollte, aus der ich herausgekommen war, um zu versuchen, ob eine neue unterirdische Reise etwa glücklicher für mich ausfallen möchte. Beides nahm ich mir dreimal vor, ich ließ aber auch dreimal wieder davon ab. Am meisten aber hielten mich die Grundsätze der christlichen Religion von diesem Vorhaben zurück, nach denen es verboten ist, sich vor der Zeit selbst das Leben zu nehmen. Ich bemühte mich daher, von diesem Berg durch den rauen, engen und ungebahnten Weg, der nach Sandwik führt, hinabzusteigen, weil aber mein Gemüt durch die tiefsinnigen Gedanken ganz zerstreut war, stolperte ich ein über das andere Mal, denn alle meine Gedanken waren noch ganz von der Fünften Monarchie eingenommen. Die leeren, jedoch noch ganz frischen Bilder davon schwebten mir so beständig vor meinen Augen, dass sie mich fast aller Sinne beraubten. Und der Verlust meiner Ehre und Gewalt war auch in der Tat so groß, dass er nach meinen Gedanken durch kein Glück in meinem Vaterland ersetzt werden konnte. Bildete ich mir ein, wenn mir gleich die Statthalterei von Bergen, oder, was noch mehr wäre, von ganz Norwegen aufgetragen würde, so wäre doch dies gar kein Vergleich mit meinem vorigen Glück und nur ein elender Trost für einen Monarchen so vieler Reiche, die er selbst gestiftet hatte. Jedoch beschloss ich bei mir selber, wenn mir etwa eine Statthalterschaft in meinem Vaterland sollte angetragen werden, sie nicht gänzlich auszuschlagen. Nachdem ich die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, wurde ich einiger Knaben ansichtig, denen ich winkte, dass sie zu mir kommen sollen, und sie mit den Worten jeru pikel salim um Beistand ersuchte, was in quamitischer Sprache so viel bedeutet wie, »weist mir den Weg«. Als aber die Knaben einen Menschen in fremder Kleidung sahen, der einen Hut aufhatte, der mit Sonnenstrahlen verziert war und glänzte, erschraken sie heftig über mich, machten ein entsetzliches Geschrei und stürzten sich aufs Eilfertigste von den Felsen hinunter, dermaßen, dass sie eine Stunde eher nach Sandwik kamen als ich, weil ich um vieles langsamer ging als sie, da meine Füße von den abgebrochenen Felsstücken sehr wund waren. In Sandwik aber versetzten sie alles in Schrecken, da sie hoch und teuer schworen, sie hätten den Schuster von Jerusalem zwischen den Felsen herumirren sehen, er habe Sonnenstrahlen um seinen Kopf, und er verriete durch häufiges Seufzen die Schmerzen seines Gemüts. Als die Bauern hierauf fragten, woher sie denn wüssten, dass es der Schuster von Jerusalem sei, antworteten sie, ich hätte ihnen selber meinen Namen und Vaterland gesagt, dieser Irrtum aber mochte vermutlich aus den übelverstandenen Worten jeru pikel salim entstanden sein. Das ganze Dorf war daher voller Bewegung und es zweifelte niemand mehr an der Richtigkeit dieses Vorgebens, zumal kurz zuvor das Märchen vom ewigen Juden wieder aufgewärmt worden war und man vorgegeben hatte, dass er sich vor gar nicht langer Zeit in Hamburg habe sehen lassen. Als ich gegen Abend selber nach Sandwik kam, sah ich die Einwohner der ganzen Gegend haufenweise beisammen stehen, welche die den Sterblichen angeborene Begierde, etwas Ungewöhnliches zu erfahren und zu sehen, von allen Enden herzugelockt hatte. Diese wollten ihren neuen Gast empfangen und hatten schon lange voller Sorge am Fuß des Berges auf mich gewartet, als sie mich aber reden hörten, erschraken sie aufs Äußerste und liefen alle davon, bis auf einen einzigen alten Mann, der mehr Herz hatte als die anderen und sich nicht von der Stelle bewegte. Diesen redete ich sogleich an und bat ihn, ob er nicht einen irrenden Menschen beherbergen wolle. Hierauf fragte er mich, woher ich käme, wer ich wäre und wo ich zu Hause sei. Über diese Frage tat ich einen tiefen Seufzer und sagte: »Wenn ich auf alles gehörig Rede und Antwort geben soll, so würde der heutige Tag nicht langen, ehe ich zu Ende käme, wenn ich aber in die Herberge komme, werde ich eine solche Menge Wunderdinge erzählen, die allen menschlichen Glauben zu übertreffen scheinen, dergleichen man in keinen Geschichtsbüchern finden wird.« Hierüber wurde der Alte neugierig, kriegte mich bei der Hand, führte mich mit sich nach Hause und war unwillig über die unzeitige Furcht seiner Landsleute, die bei Erblickung meines unbekannten Gesichts gleichsam wie über einen Kometen erzitterten. Als ich in sein Haus kam, forderte ich etwas zu trinken, um meinen schmachtenden Durst zu löschen. Er reichte mir auch alsbald selber einen Becher Bier, weil sich sowohl seine Frau, als auch die Magd vor Furcht nicht wagten, sich sehen zu lassen. Nachdem ich den Becher ausgetrunken und meinen Durst gestillt hatte, fing ich folgendermaßen an zu reden: »Du siehst hier einen Menschen, den das Glück gleichsam wie einen Ballen hin- und hergeworfen, ja, seiner dermaßen gespottet hat, dass niemand in der Welt sein kann, der dergleichen erfahren hätte. Man weiß zwar, dass sich auch die wichtigsten Dinge in einem Augenblick ändern und verkehren können, aber was mir begegnet ist, überwiegt ganz und gar allen menschlichen Glauben. Denn meine Begebenheiten sind nicht gewöhnlich, sondern ganz unerhört.« Hierauf gab mein Wirt zur Antwort: »Es geht freilich lang herumirrenden Leuten nicht anders, und man kann leicht denken, dass einem auf einer Reise von 1.600 Jahren vielerlei Zufälle begegnen können.« Dies verstand ich nicht, daher fragte ich ihn, was er mit den 1.600 Jahren meine. Worauf er mir folgende Antwort gab: »Wenn man den Historienbüchern glauben darf, so sind nun 1.600 Jahre seit der Zerstörung Jerusalems verflossen, und ich zweifle nicht, dass Du, ehrwürdiger Mann, zu der Zeit schon ebenso ausgesehen haben wirst wie jetzt, denn wenn das wahr ist, was von Dir erzählt wird, so muss man die Zeit Deiner Geburt unter Regierung des Kaisers Tiberius setzen.« Über diese Reden verstummte ich, und ich glaubte, der Alte sei wahnwitzig und gab ihm zu verstehen, dass ich dieses Rätsel nicht lösen könne. Aber er suchte eine Zeichnung vom Tempel zu Jerusalem, legte sie mir vor und fragte, ob dieser Plan mit der wahren Gestalt des Tempels übereinstimme oder wie viel er davon abweiche. Ich konnte mich daher, zu meiner großen Betrübnis, des Lachens nicht enthalten und fragte, warum er denn so verkehrte Dinge vorbringe. Er gab mir aber zur Antwort: »Ich weiß nicht, ob ich irre oder recht denke. Die Einwohner dieses Ortes bezeugen einmütig, Du seist der in den Geschichten so bekannte Schuster von Jerusalem, der von Christi Zeiten an in der ganzen Welt herumirrt. Aber je mehr ich Dich ansehe, desto mehr erinnere ich mich eines alten guten Freundes, der vor 12 Jahren auf dem Gipfel dieses Berges umgekommen ist.« Bei diesen Worten gingen mir die Augen auf, und ich erkannte ihn: Es war mein alter Freund Abelin, in dessen Haus ich zu Bergen so oft aus- und eingegangen war. Ich fiel ihm daher sogleich mit beiden Händen um den Hals und sagte: »So ist es denn wahr, dass ich Dich, o Abelin, umfasse! Denn ich traue fast meinen Augen noch meinen Händen: Hier siehst Du jetzt Deinen Klim, der aus den unterirdischen Regionen der Erde wieder zurückkommt. Eben ich bin es, der vor nun 12 Jahren in die Höhle gestürzt ist.« Durch diese unvermutete Begebenheit wurde sein Gemüt dermaßen in Unordnung gebracht, und er stand da, als ob er vom Blitz gerührt worden wäre. Er lebt und wusste nicht, dass er lebte. Endlich aber sagte er : »Ich sehe das Gesicht meines Klims, ich höre eine ihm gewöhnliche Stimme, ich sehe seine Augen, seine Hände, seinen Mund. Aber obgleich ich niemanden jemals gesehen habe, der meinem Klim so gar ähnlich gewesen wäre, so kann und darf ich doch meinen Sinnen unmöglich glauben, denn heutzutage stehen die Toten nicht mehr auf, und ich muss kräftigere Beweise, glaubwürdige Zeugnisse haben, wenn ich Deinen Worten trauen soll.« Um ihm nun seine Zweifel zu nehmen, erzählte ich ihm alles haarklein und Stück für Stück, was ehemals mit uns beiden vorgegangen war. Als er dies hörte, wurden ihm die Augen gleichfalls aufgetan, daher er mich denn mit Tränen umarmte und in die Worte ausbrach: »Nun sehe ich wirklich denjenigen Menschen, dessen Geist mich nur zu betören schien. Aber erzähl mir doch, wo Du Dich so lange Zeit verborgen gehalten, und woher Du diese wunderliche und unbekannte Kleidung bekommen hast?« Hierauf fing ich an, ihm alles der Reihe nach herzuerzählen, was mir nach meiner Hinabstürzung in die Höhle begegnet war, und er hörte mir sehr aufmerksam zu, bis ich auf den Planeten Nazar und mit Vernunft begabte und redende Bäume zu sprechen kam. Hier wurde er aber ungeduldig und sagte: »Was einem nur Närrisches träumen, was ein Unsinniger nur vorbringen, was ein Versoffener nur Törichtes beginnen kann, das alles sehe ich an Dir vermischt beieinander. Ich wollte vielmehr mit unserem Pöbel glauben, Du wärst unter die Poltergeister geraten: Denn alle Märchen davon, mit denen sich die einfachen Leute herumtragen, kommen mir noch viel wahrscheinlicher vor, als was Du mir von Deiner unterirdischen Reise erzählst.« Ich bat ihn aber inständigst, er möchte doch nur Geduld haben und mich meine Erzählung vollends zu Ende bringen lassen. Er schwieg daher auch wieder, und ich erzählte ihm weiter, was mir bei den unterirdischen Einwohnern begegnet sei, und was ich für wunderlichen Glücksfällen unterworfen gewesen und endlich, dass ich die größte Monarchie, so jemals auf der Welt gewesen, gestiftet habe. Das alles vermehrte seinen Verdacht noch mehr, dass ich unter die Wald- und Feldteufel geraten sein müsste, die meiner mit ihren Gaukeleien nur gespottet und ich also den Schatten für den Körper ergriffen hätte. Und damit er die Wirkung dieser Bezauberung desto genauer erforschen und eigentlich sehen möchte, wie weit mein Aberwitz ginge, so fing er an, vom Zustand der Seligen und Verdammten, hingleichen von den elysischen Gefilden und anderen solchen Dingen zu reden. Als ich aber merkte, worauf er mit seinen Reden hinauswollte, sagte ich: »Ich nehme es Dir gar nicht übel, dass Du meinen Erzählungen keinen Glauben beimisst, denn sie müssen einem jeden Menschen fabelhaft und erdichtet vorkommen, denn dasjenige, was mir begegnet ist, kommt dermaßen unerhört heraus, dass es allen menschlichen Glauben überwiegt. Indessen beteure ich mit einem Eidschwur auf das Heiligste, dass ich nichts Erdichtetes vorgebracht, sondern nur alles aufrichtig und schlechterdings so erzählt habe, wie es mir begegnet ist.« Er blieb aber bei seinen ungläubigen Gedanken und bat mich, dass ich etliche Tage ausruhen möchte, weil er hoffte, dass sich binnen der Zeit die Verwirrung in meinem Gemüt vielleicht legen möchte. Nachdem ich mich aber 8 Tage lang bei ihm verborgen aufgehalten hatte, glaubte mein Wirt, ich hätte nun lange genug ausgeruht, und fing wieder an, von meiner unterirdischen Reise zu reden, da er mir die ganzen 8 Tage über nicht ein Wort davon zu erwähnen erlaubt hatte. Nun, hoffte er, würde mir doch die Fünfte Monarchie und die bezwungenen 20 Königreiche wieder aus den Gedanken verschwunden sein, und vielleicht dermaßen, dass ich mich auch weder einer einzigen Stadt noch des geringsten Dorfs mehr würde zu erinnern wissen. Aber als er hörte, dass ich alles wieder, sowohl stückweise, als auch ein jedes in seiner Ordnung, von Anfang bis Ende, mit eben den Umständen wie vorhin, wieder haarklein erzählte, und ihm zum Beschluss einen Verweis gab, dass er meinen Worten nicht im geringsten Glauben beimessen wolle und ihm überdies auch noch das eine und andere vorhielt, das er mir auf jeden Fall zugestehen musste, nämlich dass ich vor 12 Jahren in die Höhle gestürzt sei, und dass ich endlich in einer fremden und unbekannten Kleidung wieder in mein Vaterland zurückgekommen wäre, so wusste er nicht, was er mir weiter antworten sollte. Als er aber voller Bestürzung von mir gehen wollte, lag ich ihm hart an, er solle sich doch besinnen und wies ihm, dass die angenommene Meinung von den Wald- und Feldteufeln, von den Geistern, die sich in den Höhlen und Klüften der Berge aufhalten sollten, viel abgeschmackter herauskäme, als meine unterirdische Reise: Denn das seien nur bloße Träume und alte Ammenmärchen, hingegen hätten schon verschiedene große Gelehrte behauptet, dass die Erde hohl und mitten darin noch eine andere kleine Welt enthalten sei. Und von der Wahrheit dieser Meinung sei ich nun durch die Erfahrung dermaßen überzeugt, dass ich meinen eigenen Sinnen unmöglich widersprechen könne. Durch diese Beweisgründe wurde er endlich überwunden und sagte: »Weil Du so beständig auf Deinem Vorgeben beharrst, und ich nicht absehen kann, was Du für einen Nutzen davon hättest, wenn Du solche Dinge nur erdichten würdest, so hast Du mein ungläubiges Gemüt nun gänzlich überwunden.« Und da er auf diese Weise an der Wahrheit meiner Erzählung nicht mehr zweifelte, so hieß er mich sie von neuem und recht ausführlich wieder anfangen. Er zeigte ein sonderbares Wohlgefallen an dem, was ich ihm vom Planeten Nazar, insbesondere aber vom Fürstentum Potu erzählte, von dessen Gesetzen und Gewohnheiten er versicherte, dass sie eine Richtschnur abgeben könnten, nach der alle Republiken eingerichtet werden sollten. Und weil er wohl sah, dass die Beschreibung von einem so wohl eingerichteten Fürstentum nimmermehr aus dem Gehirn eines verwirrten Menschen herrühren könne, da solche Gesetze beinah mehr göttlich als menschlich schienen, so schrieb er alles auf, was ich erzählte, damit er nichts davon vergessen möchte. Nachdem ich nun sah, dass er mir in allem vollen Beifall gab, so war ich nun auch auf mich selber bedacht und fragte ihn, was er denn wohl dächte, was unter solchen Umständen weiter für mich zu tun sein möchte, oder was er wohl meinte, was ich für ein Glück in meinem Vaterland nach so großen, in der unterirdischen Welt verrichteten Dingen zu hoffen hätte. Auf diese Frage antwortete er mir : »Ich rate Dir, dass du Deine Begebenheiten keinem Menschen offenbarst, weil Du Dich dadurch nur zum Gespött der Leute machen würdest. Du weißt wohl, wie eifrig unsere Geistlichen sind, und da sie diejenigen in den Bann tun, die nur vorgeben, die Erde bewege sich und die Sonne stehe still, so würden sie Dich gewiss, wenn sie Dich von einer unterirdischen Sonne und von unterirdischen Planeten reden hörten, für höchst gottlos erklären und ganz und gar aus der christlichen Gemeinde stoßen. Was würde nicht der einzige Magister Hubertus für einen Lärm machen, wie würde er nicht auf Dich losdonnern? Da er vor einem Jahr bloß deswegen einen hübschen Mann zur öffentlichen Kirchenbuße verdammte, weil er glaubte, dass es Gegenfüßer oder solche gäbe, die mit ihren Füßen gegen uns stehen oder die gegen uns wohnen. Ganz gewiss würde er Dich wegen Deiner Lehre von einer neuen Welt zum Feuer verdammen. Ich rate Dir daher und bitte Dich darum, entdecke ja zeitlebens keinem Menschen etwas davon, sondern halte Dich noch eine Zeit lang ruhig bei mir auf.« Hierauf hieß er mich alsbald, die unterirdischen Kleider ablegen und sie mit anderen wechseln; überdies wies er alle diejenigen sorgfältig ab, die aus Neugierde kamen, den Schuster von Jerusalem zu sehen, und sagte, er sei plötzlich wieder verschwunden. Dennoch breitete sich der Ruf von diesem Schuster in kurzem durch das ganz Land aus, und man hörte von allen Kanzeln und Lehrstühlen Vorherverkündigungen und Weissagungen von bevorstehendem Unglück, das auf diese Erscheinung folgen würde, erschallen. Denn man sagte, der Schuster von Jerusalem sei nach Sandwik gekommen, um den Einwohnern den Zorn Gottes anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen. Und da ein Gerücht immer mehr vergrößert wird, je weiter es sich ausbreitet, so wurde auch dieses Märchen durch viele Zusätze vergrößert. So sagten zum Beispiel einige, gedachter Schuster habe den Untergang der Welt verkündet und gesagt, wenn sie zwischen hier und dem Fest des Heiligen Johannes nicht Buße täten, so sollte alles in Feuer untergehen und andere ähnliche Dinge mehr. In einem gewissen Kirchspiel erzeugten die Prophezeiungen einen solchen Aufruhr, dass die Bauern alle ihre Äcker unbestellt ließen, weil sie wegen des bevorstehenden Weltuntergangs keine Ernte zu erwarten hätten. Weil nun der Pfarrer dieses Kirchspiels, Magister Nikolaus, befürchtete, er möchte an seinem Zehnten und anderen Einkünften Schaden leiden, so zeigte er seinen Bauern an, der jüngste Tag sei um ein Jahr verschoben worden, daher standen sie nicht länger an, wieder an ihre gewöhnliche Arbeit zu gehen. Und weil niemand als mein Wirt und ich die wahre Beschaffenheit aller dieser Märchen wussten, so hatten wir beständig Gelegenheit zum Lachen. Da ich aber schließlich nicht länger in einem fremden Haus verborgen bleiben konnte, und es nötig war, mich öffentlich sehen zu lassen, so gab ich mich für einen Studiosus von Drontheim aus, der ihm verwandt und der nur kürzlich in diese Gegend ihn zu besuchen gekommen sei. Er rekommandierte mich auch sogleich sowohl in eigener Person, als durch Briefe, dermaßen nachdrücklich an den Bischof zu Bergen, dass mir dieser ehrwürdige Mann endlich das erste Schulrektorat versprach, das offen werden würde. Ein solches Amt war auch recht nach meinem Sinn, weil es einigermaßen eine Gleichheit mit dem Stand zu haben schien, in dem ich mich kurz zuvor befunden hatte. Denn ein Schulrektor ist ein Ebenbild einer königlichen Regierung. Da aber lange Zeit kein Schulrektor sterben wollte, und ich eine baldige Beförderung benötigte, damit ich mich nur des Hungers erwehren möchte, so beschloss ich, das erste Ämtchen anzunehmen, was mir aufgetragen werden würde. Zu meinem Glück starb kurz darauf der Küster an der Kreuzkirche zu Bergen, da mich denn der Bischof zu dessen Nachfolger erklärte. Dies schien eine lächerliche Beförderung für einen Menschen zu sein, der vor weniger Zeit so viele Länder beherrscht hatte. Aber da die Menschen nichts lächerlicher macht als die Armut, und es eine Narrheit wäre, wenn man bei schmachtendem Durst trübes Wasser verachten wollte, so nahm ich dieses mir aufgetragene Amt mit allem Dank an und werde nun darin bei guter Ruhe, und ganz auf eine philosophische Art nach und nach alt. Kurz nach dieser Veränderung wurde mir eine anständige Heirat vorgeschlagen mit einer gewissen Kaufmannstochter aus Bergen, die Magdalena hieß. Die Jungfer gefiel mir. Weil es aber wahrscheinlich war, dass die Kaiserin in Quama noch am Leben sein möchte, so befürchtete ich, wenn ich die Magdalena heiratete, würde ich mich des Lasters der Vielweiberei schuldig machen. Aber Herr Abelin, dem ich alles anvertraute, was ich auf dem Herzen hatte, verwarf diesen Skrupel und überwand die Torheit meines Anstands mit so viel Beweisgründen, dass ich endlich nicht länger anstand, mir gedachte Jungfrau ehelich beilegen zu lassen. Mit dieser Magdalena lebe ich nun schon 6 Jahre in einem vergnügten und einigen Ehestand. Doch habe ich ihr meine Abenteuer in der unteren Welt niemals entdeckt. Da ich aber den Glanz von meiner vorigen Hoheit, die ich verloren, nicht völlig aus den Gedanken bringen kann, so äußert sich das allerdings noch zuweilen durch einige Zeichen und Unternehmungen, die sich mit meinen gegenwärtigen Umständen schlecht zusammenreimen. Aus dieser Ehe habe ich drei Söhne bekommen, die ich Christiemus, Janus und Caspar genannt habe, dass ich also zusammen vier Söhne habe, sofern der quamitische Prinz noch am Leben ist. So weit geht das Manuskript Niels Klims. Nun folgt noch ein Zusatz, den Abelin hinzugefügt hat. Niels Klim lebte bis ins Jahr 1695. Die ganze Zeit hindurch führte er einen unsträflichen Lebenswandel und machte sich allen Menschen durch die Anständigkeit seiner Sitten verbindlich. Bloß der Pastor an der Kreuzkirche war zuweilen etwas ungehalten auf ihn, weil er gar so ernsthaft war, indem er in den Gedanken stand, es geschehe aus Hochmut. Ich hingegen wunderte mich vielmals über seine Bescheidenheit, Demut und Geduld, die er, als ein ehemals großer Monarch, bei einem so niederträchtigen Amt erwies, weil mir alle seine Begebenheiten aufs Genaueste bekannt waren. Bei den anderen hingegen, die von der erstaunlichen Veränderung nichts wussten, die mit diesem Mann vorgegangen war, konnte er es nicht gänzlich vermeiden, dass er nicht für hoffärtig angesehen worden wäre. So lang es seine Kräfte zuließen, pflegte er zu gewissen Jahreszeiten auf den Berg zu steigen und die Höhle, aus der er wieder zurückgekommen war, voller Bewegung anzuschauen. Und seine Freunde haben angemerkt, dass er ordentlich mit Tränen und aufgelaufenen Augen von dort zurückgekommen sei, und dass er sich dann den ganzen Tag in seiner Stube allein verborgen gehalten und keinen Menschen vor sich gelassen habe. Seine Frau versicherte auch, dass sie ihn oft im Schlaf von Armeen zu Lande und Kriegsflotten zur See reden höre. Einmal ging seine Gemütsverwirrung so weit, dass er befahl, der Statthalter von Bergen solle sogleich zu ihm kommen. Diese Verwirrung aber schrieb seine Frau der allzu großen Begierde zu studieren zu und war wegen seiner Gesundheit sehr bekümmert, weil sie glaubte, dass diese dabei gefährdet sei. Seine Bibliothek bestand größtenteils aus politischen Büchern, und weil man glaubte, dass sich so etwas für einen Küster schlecht schickte, so wurde ihm auch dies von einigen für übel gehalten. Von dieser Reisebeschreibung ist nicht mehr als ein einziges Exemplar zu finden, das der Verfasser selber mit eigener Hand geschrieben und das ich in meiner Verwahrung habe. Ich habe dieses Werk zwar schon öfter durch den Druck veröffentlichen wollen, es haben mich aber noch jedesmal wichtige Gründe von diesem Vorhaben zurückgehalten.