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Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

05.04.2026 27 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 14
Klim wird unterirdischer Kaiser

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
https://onsound.eu/
Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

14. KAPITEL Klim wird unterirdischer Kaiser Als ich aufgehört hatte zu reden, schrien sie alle aus vollem Hals: »Wir wollen den Gesandten der Sonne zu unserem Kaiser haben!« Als ich das hörte, erschrak ich über alle Maßen und bat sie alle und mit Tränen, sie möchten doch den der königlichen Familie gehörigen Respekt nicht außer Augen set zen und sollten doch an die Wohltaten denken, durch die sich der Kaiser sie insgesamt und einen jeden für sich so sehr verbunden hätte, denn sie würden dadurch ihrem Ansehen einen unauslöschlichen Schandfleck anhängen, wenn sie dies ins Vergessen stellen wollten. Endlich setzte ich noch hinzu, wenn ich ihnen ja einigen Nutzen schaffen könnte, so würde das ebenso gut geschehen können, wenngleich ich nur ein Privatmann sei. Aber meine Worte waren alle vergebens. Denn die Großen des Volks wurden durch meine Reden nur immer mehr und mehr eingenommen, und es entstand unter den Kriegsoffizieren ein starkes Gemurmel. Endlich stimmte der gemeine Soldat auch mit ein, und man hörte durch das ganze Lager oben gedachtes Geschrei ein übers andere Mal wiederholen. Ich begab mich daher mit verdecktem Haupt in das Generalszelt und befahl der Wache, man solle niemanden vor mich lassen: Denn ich hoffte, die Soldaten würden wieder anderen Sinnes werden, wenn sich die erste Hitze gelegt hätte. Aber die Generale und gemeinen Soldaten drangen mit Gewalt in das Zelt und taten mir die kaiserlichen Ehrenzeichen um, so sehr ich mich auch widersetzte. Dann führten sie mich vors Zelt und erklärten mich öffentlich unter Trompeten- und Paukenschall zum Kaiser in Quama, König von Tanachis, Arctonien und Alectorien und zum Großherzog von Kispucien. Da ich nun auf diese Weise sah, dass es nicht zu ändern sei, so widersetzte ich mich meinem Glück nicht mehr, sondern ließ mir gefallen, was der große Haufe haben wollte. Ich muss gestehen, dass mir diese hohe Würde nicht gerade sehr zuwider war, denn ein Kaisertum, drei Königreiche und ein Großherzogtum sind solche Dinge, die endlich noch einem jedweden Appetit machen können. Ich schickte zwar sogleich einige Abgeordnete an den Prinzen ab und ließ ihm zu wissen tun, was vorgegangen sei, ihn aber auch sogleich erinnern, er solle das Recht, das ihm seiner Geburt wegen zukäme, tapfer behaupten und solle diese neue Wahl, die den Gesetzen zuwiderliefe, für null und nichtig erklären. Ich hatte mir doch aber auch zugleich vorgenommen, das mir von freien Stücken angebotene Kaisertum nicht so schlechterdings wieder abzutreten, dermaßen, dass ich diese Abgeordneten nur deswegen an den Kronprinzen abschickte, weil ich erfahren wollte, wie er gesinnt sei. Dieser Prinz, der vortreffliche Gemütsgaben und vornehmlich eine sehr scharfe Urteilskraft besaß, wusste wohl, wie vielen Zufällen und Abwechslungen das menschliche Leben unterworfen sei, er merkte auch zugleich verstellte Bescheidenheit, machte aber gleichwohl sehr weislich aus der Not eine Tugend und folgte dem Beispiel der Armee nach und ließ mich in der kaiserlichen Residenz gleichfalls zum Kaiser ausrufen. Hierauf wurde ich von der ganzen Generalität zur kaiserlichen Residenz begleitet und hielt dort im Triumph und unter freudigem Zurufen des Volks meinen Einzug. Auf diese Weise wurde ich nun aus einem elenden schiffbrüchigen Menschen zu einem großen Monarchen. Und damit ich mir die Quamiten desto verbindlicher machte, weil ich sah, dass sie doch alle Ehrfurcht für die kaiserliche Familie bezeugten, vermählte ich mich mit des verstorbenen Kaisers Prinzessin. Diese hieß Ralac und war bereits mannbar. Nachdem ich nun so viel große und wichtige Dinge zu Stande gebracht hatte, so sann ich auf neue Mittel, wie ich dieses Kaisertum vollends recht groß machen und es in einen solchen Stand setzen möchte, dass sich die ganze unterirdische Welt davor fürchten müsse. Doch war ich vor allen Dingen darauf bedacht, dass ich die nur kürzlich überwundenen Völker in Gehorsam erhalten möchte. Zu diesem Zweck ließ ich hier und da feste Schlösser bauen und legte starke Besatzungen hinein; die Überwundenen aber behandelte ich sehr gnädig und erhob sogar einige von ihnen in der kaiserlichen Residenz zu ansehnlichen Ehrenstellen. Ja, ich war mit meiner Gewogenheit vornehmlich gegen die beiden gefangenen Feldherrn, den Tomopoloko und Monsonium, anfangs so verschwenderisch, dass einige Quamiten neidisch darüber zu werden begannen, obgleich sie ihr Missvergnügen zu der Zeit noch nicht an den Tag gaben, denn die Funken lagen lange unter der Asche verborgen, bis sie endlich in volle Flammen ausbrachen, wie ich bald erzählen werde. Was aber die Privatangelegenheiten anlangt, so suchte ich die freien Künste und Wissenschaften, zugleich die Kriegsdisziplin zu höchster Vollkommenheit zu bringen. Und weil dieses Land voller dicker Wälder war, die viel Holz zum Schiffbau hergeben konnten, so wendete ich fast alle meine Kräfte daran, dass ich in kurzem eine Flotte, besonders eine gute Anzahl Kriegsschiffe, die auf europäische Art gebaut waren, zu Stande bringen möchte und, obwohl ich mit anderen Geschäften ebenfalls überhäuft war, so schien es doch, als wenn ich nur einzig und allein alle meine Gedanken darauf gerichtet hätte. Zur Verfertigung und Ausrüstung dieser Flotte bediente ich mich vor allen Dingen der Kispucianer, die das Seewesen ziemlich gut verstanden, und den Feldherrn Monsonium machte ich zum Admiral darüber. Ich ließ daher sogleich Bauholz fällen und allerhand Instrumente verfertigen, die zum Schiffbau nötig waren, ja, ich betrieb das Werk so eifrig, dass ich innerhalb von 60 Tagen, von der Zeit an, da ich angefangen hatte, Holz fällen zu lassen, eine Schiffsflotte von 20 Schiffen vor Anker hatte. Nachdem mir nun das alles nach Wunsch vonstatten gegangen war, so betrachtete ich mich als einen zweiten Alexander, denn ich machte hier ebenso viel Lärm, wie jener auf unserer oberen Erde gemacht hatte. Und ich fühlte bei mir eine so unsinnige Begierde zu herrschen, dass ich sie gar nicht stillen konnte. Einige Jahre zuvor hatte ich mir nur ein geringes Ämtchen gewünscht, und wenn ich nur etwa Kaplan, Sekretär oder Kirchendiener hätte werden können, ich wäre vollkommen zufrieden gewesen und hätte nicht nach höheren Ehren gestrebt. Jetzt aber schienen mir vier oder fünf Königreiche zu wenig zu sein, dermaßen, dass ich wegen meiner Begierde, die mit meinem Vermögen und meiner Macht immer mehr zunahm, niemals ärmer und bedürftiger gewesen zu sein schien, als jetzt. Nachdem ich mich bei den Kispucianern um die Art und Beschaffenheit der See und zugleich nach den umliegenden Ländern erkundigt und erfahren hatte, dass man innerhalb von 8 Tagen die Ufer des mezendorischen Kaisertums erreichen könne, wenn die Schifffahrt glücklich vonstatten ging, und ich von da aus durch mir schon bekannte und durch reiche Gewässer gar leicht in Martinia übersetzen könnte, so beschloss ich, man sollte mit der Fahrt eilen. Denn auf Martinia hatte ich eigentlich meine Absicht gerichtet. Hierzu trieb mich teils die Begierde nach ihrem unermesslichen Reichtum, teils aber auch der Umstand, dass sie das Schiffswesen ungemein gut verstanden, und ich solche Leute bei meinem großen Vorhaben unbedingt brauchte. Darüber hinaus war es auch sonst noch etwas, was mich antrieb, mir dieses Volk zu unterwerfen, ich wollte mich nämlich, mit einem Wort, an ihnen rächen. Unter den beiden kaiserlichen Prinzen wählte ich mir den ältesten zu meinem Reisegefährten, indem ich ihm vorschwatzte, seine Hoheit würde hier die schönste Gelegenheit haben, ihre Tapferkeit und Verstand sehen zu lassen. Die wahre Ursache aber war, dass ich an ihm ein Unterpfand oder eine Geisel wegen der Treue der Quamiten haben wollte. Der jüngere Prinz blieb zwar zurück, die Regierung aber trug ich zeit meiner Abwesenheit der Kaiserin, meiner Gemahlin, auf, die sich gerade gesegneten Leibes befand. Die ganze Kriegsflotte bestand aus 20 sowohl großen als kleinen Schiffen, die alle nach der Art der martinianischen Schiffe gebaut waren. Denn die Martinianer waren bei den unterirdischen Völkern etwa so anzusehen, wie auf unserer oberen Erde die Engländer und Holländer, die die Oberherrschaft auf dem Meer behaupten wollen. Als ich aber in Martinia ankam, wurde ich zuallererst gewahr, wie sehr wir in der Erbauung unserer Schiffe die martinianische Manier verfehlt hatten. Wir gingen zu der Zeit unter Segel, als der Planet Nazar in seiner mittleren Größe zu sehen war. Nachdem wir 3 Tage zur See gewesen, wurden wir einer großen Insel ansichtig, deren Einwohner gar leicht zu bezwingen waren, weil sie nicht miteinander einig, sondern in verschiedene Parteien zerteilt waren. Auch hatten sie keine Waffen, wussten auch nicht das Geringste darüber, sondern stritten mit bloßen Schelt- und Schmähworten gegeneinander. Hierin besteht all ihre Strafe und ihr ganzer Krieg. Die Übertreter der Gesetze werden bei ihnen ins Gefängnis gelegt, von dort werden sie, wenn sie des Lasters völlig überzeugt sind, auf den öffentlichen Markt geführt und auf das Allerärgste ausgeschmäht. Hierzu hat man gewisse und besondere Bediente bestimmt, die sie Sabutos oder Lästerer und Flucher nennen, und von denen gibt es ebenso viele wie bei uns Scharfrichter und Stadtknechte. Ihrer Leibesgestalt nach unterscheiden sie sich nur dadurch von anderen Menschen, dass die Frauen Bärte haben und die Männer glatt sind. Überdies sind ihre Füße nicht, wie bei den übrigen Menschen, vorwärts sondern rückwärts gekehrt. Als wir hier an Land gestiegen waren, kamen uns ungefähr 300 Canalisken, denn so werden die Einwohner dieses Landes genannt, entgegen. Sie griffen uns mit ihrer gewöhnlichen Waffe feindselig an und spieen alle Lästerungen und Schmachreden gegen uns aus. Diese Schmachreden, derer sie sich gegen uns bedienten, waren dermaßen weit abgefasst, dass sie dadurch zeigten, sie wären in dieser Art zu streiten vollkommene Meister. Da ich sattsam überzeugt war, dass uns der Zorn dieser Leute nichts schaden konnte, so verbot ich, gegen dieses Volk irgendwelche Gewalttätigkeit auszuüben, damit ich ihnen aber doch Furcht einjagen möchte, befahl ich, ein Geschoss loszubrennen, worüber sie dermaßen erschraken, dass sie auf die Knie niederfielen und um Barmherzigkeit baten. Hierauf stellen sich alsbald die vornehmsten kleinen Könige dieser Insel bei mir ein, taten mir einen Fußfall, ergaben sich mir samt ihren Untertanen und machten mir die ganze Insel dienstbar, indem sie sagten, sie hielten es für keine Schande, von demjenigen überwunden zu werden, der niemals überwunden zu werden verdiente, und es sei billig, dass man sich demjenigen unterwürfe, den das Glück über alle Menschen erhoben habe. Nachdem wir nun solchermaßen die Insel zinsbar gemacht und durch deren Zuwachs meine Macht war vermehrt worden, ich aber doch wegen des weibischen Wesens dieser Leute wenig Ehre erlangt hatte, so lichteten wir die Anker wieder und langten endlich nach einer glücklichen Fahrt von etlichen Tagen an den mezendorischen Ufern an. Hier hielt ich alsbald Kriegsrat und beratschlagte mit meinen Generalen, ob es besser sei, sich sogleich feindlich zu zeigen, oder man erst Gesandte an den Kaiser schicken und hören sollte, ob er lieber Frieden haben und sich ergeben, oder sich durch Gewalt der Waffen unter das Joch bringen lassen wollte. Die meisten hielten es für sicherer und anständiger, dass man einen Gesandten abschickte. Es wurden daher fünf von ihnen ausgewählt, denen diese Gesandtschaft aufgetragen wurde, nämlich ein Quamite, ein Arctonier, ein Alectorianer, ein Tanachite und ein Kispucianer. Als diese in die kaiserliche Hauptstadt eingelassen wurden, fragte sie alsbald der Statthalter im Namen des Kaisers: »Was verlangt ihr, was hat euch für eine Ursache bewegt, so einen weiten Weg bis nach Mezendore zu segeln, und wessen seid ihr bedürftig ?« Diesem antworteten die Gesandten: »Wir sind weder durch die Gewalt der Wellen hierher geworfen worden, es hat uns auch nicht etwa ein harter Winter genötigt, unser Land zu verlassen, es hat uns auch nicht die Gegend des Ortes und ein unrechtes Ufer getrogen, sondern wir haben unseren Weg mit gutem Bedacht und allem Fleiß hierher genommen.« Und hiermit überreichten sie ihm ein kaiserliches Schreiben folgenden Inhalts: »Niels Klim, ein Gesandter der Sonne, Kaiser in Quama, König in Tanachis, Arctonien und Alectorien, Großherzog in Kispucien und Herr über Canalisca entbietet dem mezendorischen Kaiser Miklopolatu seinen Gruß! Es wird Dir nicht bewusst sein, dass nach dem unbeweglichen Ratschluss Gottes festgesetzt ist, dass alle Kaisertümer und Königreiche in der ganzen Welt unter der Herrschaft der Quamiten stehen sollen: Und da dieser Ratschluss Gottes unwiderruflich ist, wird es nötig sein, dass Du Dich, nebst Deinem Reich, nun dazu bequemst. Wir raten Dir demnach hiermit zur freiwilligen Unterwerfung und warnen Dich, dass Du Deine Reiche nicht dem Ausschlag des Kriegs unterwerfen mögest und Dich verwegenerweise unseren siegreichen Waffen widersetzt. Schone durch eine freiwillige und rasche Ergebung das Blut der Unschuldigen und setze Dich dadurch selbst in bessere Umstände. Gegeben auf unserer Kriegsflotte am 3. Tag des Monats Rimat.« Nach Verlauf einiger Tage kamen unsere Gesandten mit einer frechen und stolzen Antwort zurück. Wir setzten daher die friedlichen Vorhaben beiseite und stiegen ans Land. Nachdem wir unsere Völker ausgebreitet und in Schlachtordnung gestellt hatten, schickten wir Kundschafter aus, die die Beschaffenheit der Feinde erkundigen sollten. Diese kamen alsbald wieder zurück und berichteten, dass eine feindliche Armee von 60.000 Löwen, Tigern, Elefanten, Bären und abscheulich anzusehenden und räuberischen Vögeln im Anmarsch gegen uns sei. Wir setzten uns daher an einen geeigneten Ort und warteten dort auf die Ankunft unserer Feinde. Da nun alles bereit und das Zeichen zum Angriff bereits gegeben war, wurden vier Füchse oder Gesandte vom Feind an uns abgeschickt, die über den Frieden mit uns verhandeln sollten. Aber nachdem sie etliche Stunden lang mit unseren Heerführern unterhandelt hatten, gingen sie unverrichteter Dinge wieder zurück. Wir erfuhren bald, dass es vielmehr Spione als Gesandte gewesen und bloß zu dem Zweck abgeschickt worden waren, damit sie die Beschaffenheit unserer Armee auskundschaften sollten. Sie stellten sich zwar, als ob sie bald mit neuer Vollmacht versehen wiederkommen wollten, da wir aber bald darauf die ganze feindliche Armee in vollem Marsch direkt auf unser Lager anrücken sahen, so konnten wir leicht darauf schließen, dass hier an keinen Frieden zu denken war. Daher brachen wir auf und gingen hurtig auf den Feind zu. Der Kampf war heftig und es wurde beiderseits lange Zeit mit großer Heftigkeit gekämpft. Denn obschon unsere Schützen anfangs sehr viele Feinde erlegten, so blieben doch ihre Elefanten in Ordnung, weil ihnen die kleinen Kugeln, wegen Hartnäckigkeit ihres Leibs, nichts taten. Nachdem wir aber anfingen, mit den Stücken zu feuern, und die Elefanten die traurige Wirkung davon sahen, so befiel sie eine entsetzliche Furcht, und sie ergriffen doch wieder die Flucht. Wir aber wollten unseren Sieg fortsetzen und kamen mit drei Lagern vor der Hauptstadt an, die wir zugleich zu Wasser und zu Lande belagerten. Bei unserem Anmarsch kam uns eine neue Gesandtschaft entgegen, die uns weit billigere Friedensvorschläge machte, als die vorigen waren. Der Kaiser bat, ich möge mir seine Prinzessin, die eine von den allerschönsten Löwinnen sei, zur Gemahlin nehmen, er wolle ihr das halbe Kaisertum zur Morgengabe mitgeben. Diese Bedingung aber missfiel mir vornehmlich deswegen, weil er mir die Vermählung mit seiner Prinzessin antrug, denn es schien mir nicht nur unsicher, sondern auch ein Laster zu sein, wenn ich eine schwangere Gemahlin verstoßen und mich mit einer Löwin verheiraten sollte. Daher schickte ich die Gesandten ohne Antwort zurück. Das schwere Geschütz wurde alsbald gegen die Stadtmauern gerichtet, und obgleich sie steinern war, riss sie doch hier und da und fiel schließlich über den Haufen. Und da es in der Stadt von so mancherlei Arten Tieren wimmelte, so hörten wir ein wunderliches Getöse, das sie machten, denn sie brüllten, heulten, blökten, schrien und zischten untereinander. Die Schlangen verkrochen sich in die Ritzen der Erde und blieben lange Zeit in den Höhlen verborgen, die Vögel schwangen sich in die Luft, verließen die belagerte Stadt und nahmen ihre Zuflucht zu den Felsen und hohen Bergen. Die Bäume zitterten und ließen das Laub fallen, dass alle Gassen davon voll lagen. Ja, wir hörten, dass zwölf Kammerfräulein, die Rosen und Lilien waren, sogleich verdorrt seien, als wir das Geschütz gegen die Stadt losgebrannt hatten. Eine große Menge von allerhand Tieren, die sich zusammengerottet hatten, ängstigte Tag und Nacht sowohl die Einwohner der Stadt, als auch das Landvolk, das sich in enge Häuser zusammengezogen hatte, und eines steckte das andere mit seiner Angst an. Die Elefanten hatten zwar mehr Herz, als die andern, als wir aber das grobe Geschütz wacker donnern ließen, wurden sie ebenfalls niedergeschlagen und verließen ihre traurigen Wohnungen. Der mezendorische Kaiser hielt sich demnach für verloren, ließ seine Räte zusammenrufen und redete sie folgendermaßen an: »Ihr seht, liebe Getreue, dass wir mit einem Volk der Götter und mit unüberwindlichen Männern einen unglücklichen Krieg führen, die keine Schlacht ermüden kann, und wenn sie auch schon überwunden wären, doch das Schwert nicht würden sinken lassen. Ratet an, was bei solchen Umständen zu tun ist.« Hierauf schrien sie alle einmütig und mit einem Mund: »Friede ernährt, Unfriede verzehrt, oh Du lieber Friede, Dich wünschen wir alle!« Hierauf ergab sich mir der Kaiser samt allen Ländern, die er bisher beherrscht hatte, sodass ich in einem Tag nicht nur ein weitläufiges Kaisertum, sondern auch fast zehn Königreiche und so viel Fürstentümer in meine Gewalt brachte. Denn da sich der Kaiser ergeben hatte, folgten ihm die kleinen Könige und die Statthalter in den Provinzen alle nach, und es wollte sich uns gern ein jeder zuerst ergeben. Nachdem ich so erstaunlich glücklich gewesen war, legte ich 600 Musketiere in die kaiserliche Hauptstadt zur Besatzung und befahl, den gefangenen Kaiser auf eines unserer Schiffe zu bringen. Auf unserer ganzen Reise ging ich sehr leutselig mit ihm um, und nachdem wir wieder zurück nach Quama gekommen, schenkte ich ihm eine ganze Provinz, die so viel eintrug, dass dieser gefangene König einigermaßen nach seinem Stand leben konnte. Als wir die Anker gelichtet hatten, stießen wir von den mezendorischen Ufern wieder ab und forderten unterwegs von den meisten Völkern, die dem Kaiser Miklopulato untertänig gewesen waren, Geiseln, die ich auch erhielt, denn ich drohte allen Städten mit Feuer und Schwert, dass ich mir auf diese Weise in kurzer Zeit alles, was mezendorisch hieß, unterwürfig gemacht hatte. Diese Völker waren größtenteils diejenigen, die ich auf meiner martinianischen Reise beschrieben habe. Als wir die mezendorischen Grenzen verlassen hatten, richteten wir unsere Fahrt nach Martinia zu, dessen Ufer wir endlich, nach einer langen, doch glücklichen Fahrt, ansichtig wurden. Niemals ist mir der Anblick eines Landes angenehmer gewesen als dieser, denn ich dachte bei mir selber : »Du kommst nun als ein Kaiser und Überwinder so vieler Völker wieder in das Land zurück, wo du zur Sklaverei auf den Galeeren verdammt wurdest.« Und ich hatte ein unbeschreibliches Vergnügen darüber. Bald war ich willens, mich zu erkennen zu geben, damit ich den Martinianern desto größere Furcht einjagen möchte. Aber ich änderte diese Gedanken wieder, da ich es für ratsamer hielt, den einmal eingewurzelten Irrtum von meiner Herkunft bei den überwundenen Völkern zu erhalten und mich ferner für einen Gesandten der Sonne auszugeben. Nun hoffte ich zwar, die Martinianer in kurzer Zeit und ohne sonderliche Mühe zu bezwingen, weil mir ihr weibisches Wesen vollkommen bekannt war. Denn es war ein Volk, das beständig in Wollüsten lebte und seinen Gemütsneigungen vollkommen die Zügel schießen ließ, und bei seinen vielen Reichtümern alle Arten der Lustbarkeiten, sowohl zu Wasser als auch zu Lande, genießen konnte, darin auch bei ihrem beständigen Glück ganz und gar ersoffen war. Aber ich erfuhr gar bald, dass es mir ziemlich sauer gemacht werden dürfte, denn durch ihren Handel, den sie weit und breit in der unterirdischen Welt trieben, hatten sie ganz unsägliche Geschäfte zusammengebracht, und vermittels derer konnten sie die streitbarsten Völker alsbald zu ihren Diensten bereit haben. Hierzu kam noch, dass die Martinianer damals im Seewesen erfahrener und geübter waren, als alle unterirdischen Völker, und unsere Schiffe waren lange nicht so künstlich gebaut wie die feindlichen, daher konnten wir sie auch nicht so leicht wenden. Diesen Mangel ersetzten unsere Stücke zur Genüge, die den Martinianern noch unbekannt waren. Ehe ich etwas Feindliches vornahm, schickte ich vorher einen Gesandten an den Rat und ließ ihnen fast genau die Friedensvorschläge machen, die ich dem mezendorischen Kaiser hatte machen lassen. Als wir aber noch auf die Antwort warteten, sahen wir eine unvergleichliche Flotte, die mit allen Notwendigkeiten versehen, und dergleichen wir uns nimmermehr eingebildet hätten, mit vollen Segeln gegen uns ankommen. Ich stellte daher meine Flotte so gut ich damals in der größten Eilfertigkeit konnte in Schlachtordnung und ließ das Signal zum Angriff geben. Wir stritten darauf lange Zeit mit gleicher Hitze und Standhaftigkeit. Die Martinianer hatten statt der Stücke gewisse Maschinen, mit denen sie ganz abscheulich große Steine auf unsere Schiffe warfen, wodurch ihnen nicht geringer Schaden zugefügt wurde. Überdies hatten sie auch Brander, die mit Pech, Harz, Schwefel und anderen leicht brennenden Dingen angefüllt waren, durch deren Hilfe sie das größte von unseren Schiffen ansteckten und verbrannten. Der Sieg war daher lange Zeit ungewiss, und die Unsrigen zitterten bereits vor Furcht und wollten die Flucht ergreifen. Endlich aber unterbrach dennoch das schreckliche Donnern aus unserem Geschütz den Mut der Martinianer dermaßen, dass sie sich wieder in den Hafen zurückzogen. Doch wir konnten kein feindliches Schiff in unsere Gewalt bekommen, da sie viel schneller als unsere waren, und wir verloren sie in kurzem aus dem Gesicht. Als wir nun dermaßen mit dem Seetreffen fertig waren, setzten wir die Feldsoldaten ans Land und marschierten eilfertig, so eilfertig wie möglich, auf die Hauptstadt Martinia zu. Auf dem Marsch trafen wir unsere Gesandten wieder an, die der Rat sehr hochmütig angesehen und mit folgenden Worten empfangen hatte: »Beschleunigt eure Flucht und sagt eurem König, dass nicht ihm, sondern uns die Oberherrschaft auf dem Meer zukommt, und dass die See unsägliche Steine bei sich führe.« Denn da sich die Martinianer die Oberherrschaft zur See zuschrieben, hatten sie die Anforderungen eines Fürsten, der in den Gebirgen herrschte, ganz verächtlich aufgenommen. Doch warben sie auf das Schärfste, denn ohne die Soldaten, die sie von anderen Völkern im Sold hatten, wurde alles in Martinia aufgeboten, was nur die Waffen führen konnte. Wir hatten kaum etliche Feldwege zurückgelegt, so sahen wir schon eine sehr zahlreiche Armee, die aus vielerlei Völkern bestand, direkt auf uns zu marschieren. Diese Dreistigkeit der Feinde, die sie dennoch bewiesen, obgleich sie zur See unglücklich gewesen waren, machte uns nicht geringe Sorge. Aber diese Truppen waren sozusagen nur Luftzeichen, die sogleich wieder verschwanden, wie sie sich haben sehen lassen, und sie zitterten und bebten schon, ehe noch das Zeichen zum Angriff gegeben wurde. Und sobald wir nur das erste Mal das Geschütz losgebrannt hatten, begaben sich die Martinianer in vollen Haufen in die Flucht. Wir setzten ihnen aber zügig nach und erlegten eine große Menge. Wie viele von ihnen auf feindlicher Seite gefallen sein mussten, konnten wir aus der Menge der Perücken leicht schließen, die wir nach beendetem Treffen sammelten. Denn da wir sie anfänglich zählten, schlossen wir, dass beinah 5.000 Martinianer gefallen sein müssten. Nach meiner Abreise aus Martinia hatten sich die Perücken vielfältig geändert, und ich habe mehr als 20 Sorten bemerkt, denn dieses Volk ist sehr sinnreich und treibt eine Erfindung auf das Höchste. Nach dieser glücklichen Schlacht, oder vielmehr nach der Niederlage der Feinde, belagerten wir die Hauptstadt Martinia, ohne dass sich uns jemand widersetzt hätte. Als wir aber alles Nötige zur Belagerung veranstaltet und die Stücke gegen die Stadt gerichtet hatten, kamen die Ratsherren selber ganz demütig in unser Lager, ergaben sich samt der Stadt und der ganzen Republik. Hierauf wurde alsbald Friede gemacht, und wir zogen triumphierend in die prächtige Stadt ein. Als wir durch die Stadttore unseren Einzug hielten, beobachteten wir zwar kein solches Getümmel oder Schrecken, wie sonst in überwundenen Städten zu sein pflegt, sondern es war alles traurig und still, und diese stille Traurigkeit hatte die Gemüter dermaßen eingenommen, dass sie vor Furcht vergaßen, was sie zurückließen, oder was sie mit sich nahmen, denn es fragte einer immer den andern, und bald standen sie an der Tür, bald gingen sie in die Häuser zurück und liefen darin herum, als wenn sie solche zu guter Letzt nur noch einmal sehen sollten. Mit einem Wort, sie wussten nicht, was sie taten. Aber wir schonten die überwundene Stadt, wodurch denn alle Traurigkeit wieder in Freude verkehrt wurde. Als ich in die Schatzkammer der Republik kam, staunte ich über die unsäglichen Schätze, die ich dort fand: Einen guten Teil davon teilte ich unter meine Soldaten aus, das Übrige befahl ich in meine Schatzkammer zu bringen. Hierauf legte ich Besatzung in Martinia und ließ mehrere aus dem Rat als Geiseln auf meine Schiffe bringen. Unter diesen war auch der Syndikus mit seiner Frau, die mir das Laster fälschlich angedichtet hatte, weswegen ich auf die Galeeren verdammt worden war. Doch rächte ich diese Schmach nicht, da ich es für unanständig hielt, dass ich, als ein großer Monarch, die Schmach, die mir als Lastträger zugefügt worden war, ahnden sollte. Da ich nun mit den Martinianern fertig war, nahm ich mir vor, auch die benachbarten Völker von dieser Republik unter das Joch zu bringen. Aber als ich mich allbereits dazu gefasst gemacht hatte, kamen Gesandte aus vier Königreichen an, die sich mir freiwillig ergaben. Und nun herrschte ich über so viele Länder, dass ich mir nicht einmal die Mühe weiter nahm, nach den Namen der unterworfenen Königreiche zu fragen, sondern ich war damit zufrieden, dass ich alle unter dem Haupttitel der Martinianischen Königreiche zusammenfasste.