Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
22.02.2026 25 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 3
Beschreibung der Stadt Keba
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Beschreibung der Stadt Keba
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
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Musik:
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Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
3. KAPITEL
Beschreibung der Stadt Keba
Während der Zeit, in der ich mich im
Seminar unterrichten lassen musste,
führte mich mein Wirt bei gelegenen Stunden durch
die Stadt und zeigte mir, was am meisten sehens-
und merkwürdig war. Wir spazierten miteinander
frei herum, und was mich am meisten wunderte:
Es gab gar keine Neugierigen, die zusammenliefen;
denn es ist hier nicht so, wie bei uns, wo das
Volk haufenweise herzugelaufen kommt, wenn etwas
Ungewöhnliches passiert. Denn die Einwohner dieses
Planeten machen sich aus Neuigkeiten nicht viel,
sondern befleißigen sich nur der echten Dinge. Die
Stadt, worin ich mich befand, hieß Keba und war
die vornehmste nach der Hauptstadt des Fürstentums
Potu. Die Einwohner sind alle so ernsthaft und
verständig, dass man meinen sollte, man sähe
so viele Ratsherren, wie man Bürger sieht. Das
Alter ist hier im größten Ansehen und nirgends
anders wird es so hoch geschätzt und in Ehren
gehalten wie hier, denn was ein Alter spricht,
das wird für genehm gehalten; ja, wenn er nur
winkt, so gehorcht man ihm auch. Freilich wunderte
ich mich darüber, dass sich ein so ehrbares
und nüchternes Volk an lustigen Zweikämpfen,
Komödien und Schauspielen belustigte; denn mich
deuchte, dass dies einem so ernsthaften Volk
unanständig vorkommen müsste. Als mein Wirt
das merkte, sagte er, im ganzen Fürstentum
gingen Ernst und scherzhafte Dinge abwechselnd
Hand in Hand. Denn unter andern vortrefflichen
Verordnungen gab es auch eine, die den Einwohnern
die unschuldigen Vergnügen erlaubte, weil man
der Ansicht war, das Gemüt werde dadurch
gestärkt und zugleich geschickt gemacht,
wichtige und beschwerliche Geschäfte später um
so fleißiger auszurichten; zugleich glaubte man,
dass dadurch die schwarzen Wolken oder die
traurigen oder melancholischen Gedanken vertrieben
würden, aus denen so viel Aufruhr und üble
Ratschläge entstünden. Dies ist der Beweggrund,
warum sie nach wichtigen Geschäften sich zu
erlustigen und zu spielen pflegen und ihre
Ernsthaftigkeit mit der Leutseligkeit derart
vermischen, dass jene nicht in Traurigkeit und
diese nicht in Mutwillen verkehrt werden kann.
Doch eines konnte ich nicht ohne Ärger ansehen,
dass sie nämlich das Diskutieren unter ihre
Schauspiele und Ergötzlichkeiten rechneten. Denn
zu gewissen bestimmten Jahreszeiten, nachdem sie
zuvor Wetten aufgeschlagen, und den Überwindern
gewisse Preise ausgesetzt, ließen sich je zwei
und zwei Disputanten gleichsam wie zwei Kämpfer
zusammen nieder, fast auf dieselbe Art, wie man
sie bei uns beim Kampf der bösen Hähne sehen kann,
oder wie wilde Tiere miteinander streiten.
Die Reichen hatten daher die Gewohnheit,
dass sie eigene Disputanten unterhielten und
ernährten, wie etwa unsere vornehmen Herren
die Jagdhunde, und sie in der Kunst zu disputieren
unterrichten ließen, damit sie zu bestimmter Zeit,
wie alle Jahre gewöhnlich, fein geschickt
und plauderhaft sein möchten. Auf diese Weise
hatte ein reicher Bürger mit Namen Henoch
innerhalb von 3 Jahren große Reichtümer,
nämlich 4.000 Ricatu, durch die Siege seines
Disputanten, den er zu diesem Zweck ernährte,
erworben, und es waren ihm oft von anderen, die
auch von solchen Übungen ihren Profit machten,
sehr hohe Geldsummen geboten worden, damit er
ihnen doch seinen Disputanten verkaufen möchte.
Er wollte aber diesen Schatz, der ihm jährlich
so viel einbrachte, noch nicht weglassen. Denn
es war ein erzgeschickter Disputant.
Er hatte eine ungemein geläufige Zunge,
bald verteidigte, bald bestritt er eine Sache,
bald mischte er das Hundertste ins Tausendste,
bald aber machte er einen gewaltigen Lärm mit
seinen Vernunftschlüssen, mit Wortverdrehen
und anderen Disputierkünsten, und es war ihm ein
Leichtes, jedweden Gegner durch Distinguieren,
Subsumieren und Limitieren in die Enge zu
treiben und nach eigenem Belieben zum Schweigen
zu bringen. Ich habe selber ein oder etliche
Mal solchen Schauspielen zugesehen, wenn auch
mit der größten Gemütskränkung; denn ich hielt
es für höchst ungerecht und sogar unanständig,
dass eine so vortreffliche Übung, aus der man
auf unseren Hohen Schulen eine große Ehre macht,
hier unter die ergötzlichen Schauspiele gezählt
wird. Und, wenn ich vollends daran dachte,
dass ich selber dreimal mit größtem Beifall
disputiert und viel Ehre dadurch erworben hatte,
so konnte ich mich kaum der Tränen enthalten.
Doch hatte ich nicht nur dem Disputieren selbst
gegenüber, sondern auch gegen die Art und
Weise, wie es gehandhabt wurde, einen Abscheu.
Es waren nämlich eigens bestellte Anstifter
gedingt, die hier Cabalcos genannt werden,
die die Disputierenden mit spitzen Instrumenten
in die Seiten stechen mussten, wenn sie sahen,
dass sich deren Hitze gegeneinander verminderte
und, damit sie dadurch wieder aufgefrischt, ihre
Kräfte verdoppeln sollten; von anderen Dingen ganz
zu schweigen, die ich aus Scham nicht erwähnen
kann, und die ich bei einem so verständigen Volk
aufs Höchste missbilligte. Außer dem Disputieren,
dessen Teilnehmer die unterirdischen Einwohner
spöttisch Masbakos oder Zänker nennen, gab es
noch andere Kämpfe, zwischen vierfüßigen wilden
oder zahmen Tieren, zwischen grausamen Vögeln,
die den Zuschauern gegen Geld geboten wurden. Als
ich meinen Wirt fragte, wie es käme, dass ein mit
so vielem Verstand begabtes Volk eine so edle
Übung, wie das Disputieren unter die Schauspiele
gesetzt hätte, da es doch die Geschicklichkeit im
Reden zuwege gebracht, die Wahrheit entdeckt und
den Verstand schärfe, so antwortete er, dass das
Disputieren in den früheren und rauen Zeiten sehr
hoch geschätzt worden sei, nachher habe man aber
aus der Erfahrung gelernt, dass die Wahrheit durch
das Disputieren viel mehr unterdrückt als entdeckt
würde, die Jugend dadurch frech und unverschämt
gemacht, ferner daraus viel Unordnungen entstünden
und den echten Studien gleichsam Fesseln angelegt
würden. Deshalb habe man die Übung bei den
Akademien abgeschafft und sie unter die
ergötzenden Schauspiele versetzt: Ja, der Ausgang
habe erwiesen, dass die Studierenden sich durch
Schweigen, fleißiges Lesen und Nachdenken weit
eher als durch Diskutieren würdig gemacht hätten,
die Magisterwürde zu erhalten. Aber ich war mit
dieser Antwort, obgleich sie ziemlich begründet zu
sein schien, dennoch nicht zufrieden.
Es gab in
dieser Stadt eine Akademie oder ein Gymnasium,
an dem die freien Künste auf das Anständigste und
mit der größten Ernsthaftigkeit gelehrt wurden.
Mein Wirt nahm mich an einem schönen Tag in das
Auditorium dieser Hohen Schule mit, an der ein
Madik, oder Doktor der Philosophie, eingeführt
wurde. Das geschah ohne alle Zeremonie außer,
dass der Kandidat, gelehrt und schön, über eine
bestimmte philosophische Aufgabe referierte.
Als das vorbei war, wurde er vom Präsidenten des
Gymnasiums in die Liste derjenigen eingeschrieben,
die das Recht oder die Erlaubnis haben,
öffentlich zu lehren. Als mich mein Wirt fragte,
wie mir das gefallen hätte, gab ich zur Antwort,
es schiene mir gegen unsere Promotionen allzu
kahl und schmucklos. Ich erzählte ihm zugleich,
dass bei uns die Magister und Doktoren vorher
disputierten, ehe sie ihren Grad erlangten.
Hierzu runzelte er seine Stirn und fragte,
auf welche Weise das geschähe und worüber denn
die Disputationen gehalten würden, auch worin
sie sich von den bei ihnen üblichen unterschieden.
Ich erwiderte hierauf, die Disputationen würden
insgeheim über sehr gelehrte und kuriose Dinge
angestellt, insbesondere über solche Themen,
die die Sittenlehre, die Sprachen, die Kleidung
der beiden ältesten Völker, die ehemals in Europa
am meisten floriert, und dergleichen be- träfen.
Bei der Gelegenheit versicherte ich ihm, dass
ich selbst drei Disputationen über die Pantoffeln
beider Völker gehalten habe. Hierüber aber schlug
er ein dermaßen großes Gelächter auf, dass es im
ganzen Haus erschallte. Seine Frau kam eilends
herzugelaufen und fragte auf das Sorgfältigste
nach der Ursache dieses abscheulichen Gelächters.
Ich aber war dermaßen böse darüber, dass
ich sie nicht einmal einer Antwort würdigte;
denn ich hielt es für höchst unbillig, über so
wichtige und ernsthafte Sachen ein so unmäßiges
Gelächter aufzuschlagen und sie so zu verspotten.
Als sie aber endlich von ihrem Mann die Ursache
erfahren hatte, lachte sie selbst fast ebenso
sehr darüber wie er. Es kam auch bald in der
ganzen Stadt heraus und gab zu beständigem
Gespött Anlass. Ja, eine gewisse Ratsherrnfrau,
die sonst über alle Kleinigkeiten gewaltig lachen
konnte, lachte darüber so unmäßig, als sie es
erzählen hörte, dass ihr alle Gedärme im Leib
hätten zerspringen mögen. Und als sie nicht lange
darauf an einem Fieber starb, glaubte man, sie
hätte sich durch das so heftige Lachen die Lunge
allzu weit ausgedehnt und sich diese tödliche
Krankheit dadurch zugezogen. Doch die wahre
Ursache ihres Todes wusste gleichwohl niemand;
obgleich man sie hin und wider dem besagten Lachen
zuschreiben wollte. Sie war übrigens eine Frau
von vortrefflichem Verstand und eine fleißige
Hausmutter; denn sie hatte sieben Zweige, was
etwas Seltenes bei ihrem Geschlecht war. Daher
betrübten sich auch alle ansehnlichen und honetten
Bäume über ihren Todesfall. Sie wurde bei stiller
Nacht außerhalb der Stadt in eben den Kleidern
beerdigt, in denen sie gestorben war : Weil sie
vermöge eines Gesetzes niemanden innerhalb der
Stadt begraben durften, da sie glaubten, die
Luft würde durch die Dünste von den toten Körpern
vergiftet. In erwähntem Gesetz war verordnet, dass
niemand mit vielem Geleit oder großem Gepränge
begraben werden sollte, weil doch in kurzem der
tote Leichnam weiter nichts als eine Speise der
Würmer sein würde. Und das alles schien mir ganz
weise angeordnet zu sein. Einige Leichenpredigten
werden zwar gehalten, sie bestehen aber nur darin,
dass in ihnen die Leidtragenden ermahnt werden,
ihr Leben gut auszurichten, und dass den Zuhörern
das Bild ihrer Sterblichkeit aufs Lebhafteste
ausgemalt wird. Bei einer solchen Leichenpredigt
müssen bestimmte Zensoren zugegen sein, deren
Amt es ist, darauf zu achten, ob die Redner den
Verstorbenen nicht etwa allzu sehr preisen oder
ihn im Gegenteil gar zu arg heruntermachen. Die
Redner nehmen sich daher mit den Lobeserhebungen
sehr in Acht; denn sie verfallen einer Strafe,
wenn sie jemand über Gebühr und Verdienst
preisen. Als ich einige Zeit darauf wieder
einem Leichenbegängnis beiwohnte, fragte ich
meinen Wirt, wer denn der Herr gewesen sei,
dessen man jetzt so rühmlich gedachte. Hierauf
gab er mir zur Antwort, es sei ein Bauer gewesen,
der in die Stadt habe gehen wollen und unterwegs
vom Tod ereilt worden sei. Da ich nun neulich
von ihm so schrecklich ausgelacht worden war,
tat ich nun ein Ganzes und lachte, was ich aus
vollem Hals schreien konnte und bezahlte ihn
also mit gleicher Münze. Ja, ich sagte zu ihm:
»Warum werden denn die Ochsen als Genossen und
Mitgehilfen der Bauern nicht auch mit solchen
Lobreden bedacht? Sie durcharbeiten ja beide die
Erde mit Pflügen, also könnte ihnen auch dieselbe
Lobrede gehalten werden.« Aber mein Wirt befahl
mir, ich solle mich in meinem Lachen mäßigen und
müsse wissen, dass in diesem Land die Bauern sehr
hoch gehalten werden, weil sie ein höchst edles
Handwerk betrieben und es gäbe beileibe keine
höhere Lebensart als den Ackerbau. Daher werde bei
ihnen jeder ehrbare Bauer und fleißige Hausvater
ein Ernährer und Patron der Stadtleute genannt. Um
dieser Ursache willen geschähe es auch, dass
den Bauern, wenn sie zu Herbstanfang oder im
Palmmonat mit getreidebeladenen Wagen in die Stadt
kämen, der gesamte Magistrat mit Klang und Gesang
bis vor die Stadt entgegenkäme und sie voller
Fröhlichkeit in die Stadt hinein begleite. Ich
staunte über diese Erzählung und dachte zugleich
an unsere Bauern, wie sie so elend dran wären,
da sie unter einer schändlichen Knechtschaft
seufzen müssen und wir ihre Lebensart unter
die allerverächtlichste zählen, weil sie nur
der leiblichen Nahrung dient. Denn wir schätzen
sie ja noch geringer ein als etwa einen Koch,
einen Wurstmacher, Quacksalber, Seiltänzer oder
dergleichen. Ich sprach darüber auch mit meinem
Wirt, bat ihn aber, er möge es für sich behalten;
denn ich fürchtete, die unterirdischen Einwohner
möchten von unserem menschlichen Geschlecht danach
noch viel schlimmer denken als zuvor. Nachdem er
mir auch Verschwiegenheit gelobt hatte, führte
er mich in das Zimmer, wo die Leichenrede gehalten
werden sollte: Und ich muss gestehen, dass ich nie
etwas Besseres, Wahrhaftigeres und Aufrichtigeres
von dieser Art gehört habe; denn in der ganzen
Rede war keine Schmeichelei enthalten: Ja, es
schien mir, dass die Leichenrede ein rechtes
Muster abgeben könnte, nach der alle ähnlichen
Reden eingerichtet werden sollen. Anfangs gab
der Redner eine kurze Übersicht über die Tugenden
des Verstorbenen und darauf zählte er auch seine
Fehler und Gebrechen auf und ermahnte die Zuhörer
dabei, dass sie sich vor ihnen hüten sollten. Als
wir aus dem Auditorium zurückkamen, begegnete uns
unterwegs ein Missetäter, der drei Mann Wache bei
sich hatte. Der Missetäter war kürzlich auf
rechtlichen Anspruch zum Aderlass verurteilt
worden und jetzt wurde er ins Krankenhaus oder
Lazarett der Gemeinde gebracht. Als ich nach
der Ursache seines Verbrechens fragte, wurde mir
gesagt, er habe öffentlich von dem Wesen Gottes
und dessen Eigenschaften geredet, was hier zu
Lande strengstens verboten war; denn solche
vorwitzige Disputationen wurden als Verwegenheit
und närrische Fantasien angesehen, die die
Vernunft der körperlichen oder zusammengesetzten
Geschöpfe nicht begreifen könne. Man pflegte daher
dergleichen spitzfindige Disputanten als
Unsinnige, nachdem man sie vorher zur Ader
gelassen, in öffentliche Zuchthäuser einzusperren,
bis sie wieder klug würden. Als ich das hörte,
dachte ich bei mir selber: »Ei! Was würden sie mit
unseren Theologen hier anfangen, die täglich vom
Wesen Gottes und seinen Eigenschaften, von der
Natur der Geister und anderen geheimnisvollen
Dingen miteinander streiten? Was würden
unsere Metaphysiker hier zu erwarten haben,
die sich auf ihre subtilen und spitzfindigen
Studien so schrecklich viel einbilden und denken,
sie wissen alles, und sich fast den Göttern gleich
schätzen? Sie würden sich hier allesamt statt der
Lorbeerkränze und Doktorhüte, mit denen sie bei
uns beehrt werden, mit all ihrer Weisheit nur
den Weg ins Zuchthaus bahnen oder ins Lazarett
eingesperrt werden.« Das und andere Dinge mehr,
die mir höchst ungereimt schienen, beobachtete
ich während meiner Zeit als Schüler des Seminars.
Endlich kam die vom Fürsten festgelegte Zeit,
zu der ich aus dem Gymnasium mit einem Zeugnis
entlassen werden sollte. Hier hoffte ich nun
auf die herrlichsten Lobsprüche und kräftigsten
Empfehlungen, weil ich mir teils auf meine eigene
Geschicklichkeit, da ich die unterirdische Sprache
entgegen aller Voraussicht so geschwind erlernt,
teils aber auch auf die Gewogenheit meines Wirts
und die so hochgerühmte Aufrichtigkeit und
Billigkeit der Richter viel einbildete.
Endlich bekam ich mein Zeugnis, das ich ganz außer
mir vor Freude aufriss, weil ich begierig war,
meine Lobeserhebungen zu lesen und daraus zu
ersehen, was für ein Glück mir bevorstehe. Aber
als ich es durchgelesen hatte, kannte ich mich vor
Zorn und Verzweiflung fast selber nicht mehr. Mein
Empfehlungsbrief bestand aus folgenden Worten:
Zufolge Eurer Durchlaucht gnädigstem Befehl
entlassen wir das in unserem Gymnasium sorgfältig
unterwiesene und aus einer anderen Welt neulich
zu uns gebrachte Tier, das sich einen Menschen
nennt. Nachdem wir dessen Verstand und Sitten aufs
Genaueste untersucht und erkundet, haben wir
befunden, dass er ziemlich gelehrig ist und
eine Sache aufs Hurtigste fasst; hingegen ist
seine Urteilskraft so schlecht beschaffen,
dass es wegen seines allzu frühreifen Verstands
kaum unter die vernünftigen Kreaturen zu rechnen,
viel weniger zu etwa einem wichtigen Amt
zugelassen werden kann. Doch da es uns
allen an Geschwindigkeit der Füße weit über-
legen ist, wird es das Amt eines Läufers bei
Hof sehr gut verrichten können. Gegeben auf
dem Seminario zu Keba im Dornheckenmonat
von Euer Durchlaucht untertänigsten
Knechten Nehek, Jochtan, Rapasi, Chilak.
Ich ging mit Tränen in den Augen zu
meinem Wirt und bat ihn aufs Demütigste,
er möge durch sein Ansehen mir ein gütigeres oder
besseres Zeugnis erwirken und er solle den Herren
doch mein akademisches Zeugnis zeigen, in dem
ich weise und verständig und ein Student von
der besten Art genannt werde. Aber er antwortete
mir, dass mein Zeugnis wohl in unserer oberen Welt
seinen Wert haben möchte, wo man vielleicht mehr
auf den Schatten als auf den Körper und mehr auf
die Schale als auf den Kern sehe. Aber bei ihnen
gelte es nichts, da sie auf den innersten Grund
einer Sache gingen. Er redete mir ferner zu, ich
solle mein Schicksal nur immer geduldig tragen,
zumal mein Zeugnis unmöglich umgestoßen
oder geändert werden könne; denn es gäbe
bei ihnen kein größeres Laster, als jemanden mit
unverdienten Lobsprüchen zu versorgen. Doch da er
meinen Schmerz ein wenig lindern wollte, redete er
mir aufs Freundlichste zu und sagte unter anderem
zu mir, ich solle mir doch nicht so sehr zu Herzen
gehen lassen, was ich mir in ganz törichter Weise
wünschte. Ich sollte nur bedenken, wie der Neid
insgeheim diejenigen wieder stürze, die vom Glück
auf den höchsten Gipfel der Ehre erhoben worden
waren, dass alle Ehre eitel und vergänglich sei.
Denn je höher man steige, desto tiefer wäre
der Fall, und je mehr man Schätze gesammelt
und Reichtümer erworben, umso empfindlicher sei
später ihr Verlust, zumal, wenn es sich plötzlich
und unvermutet zutrüge. Dies alles aber hätte ich
in meinem geringen oder mittelmäßigen Stand nicht
zu befürchten und was das Zeugnis angehe, das mir
die Karatti erteilt, so bestätigte dies, dass sie
die scharfsichtigsten und aufrichtigsten Richter
seien, die weder durch Geschenke bestochen,
noch durch Drohungen erschreckt werden könnten und
daher auch nur einen Finger breit von der Wahrheit
abwichen, und so sei es auch in diesem Fall
der Wahrheit gemäß eingerichtet worden. Endlich
gestand er mir recht offenherzig, dass er selber
die Blödigkeit meines Verstands schon längst
eingesehen, und dass er schon anfangs aus meinem
hurtigen Gedächtnis und der Geschwindigkeit,
mit der ich eine Sache erfasste, beschlossen habe,
dass aus mir nicht viel Besonderes werden würde,
weil ich mich wegen mangelnder Urteilskraft
schwerlich zu einem wichtigen Amt eignen würde. Er
habe aus meinen Erzählungen und die Übersicht, die
ich ihm von den Europäern gemacht, beschlossen,
dass ich in dem Land der Narren und in einer bösen
Luft geboren sein müsse. Im Übrigen versicherte er
mich seiner Freundschaft aufs Nachdrücklichste
und gab mir den Rat, ich solle mich ohne Verzug
zu meiner Reise rüsten. Ich folgte dem Rat dieses
verständigen Mannes, zumal es die Notwendigkeit
erforderte und es mir allzu verwegen schien,
dem Befehl eines Fürsten ungehorsam zu sein.
Ich begab mich also auf den Weg und hatte einige
junge Bäume, die zusammen mit mir aus dem Seminar
entlassen worden waren, zu Reisegefährten. Auch
sie wurden zum Hof geschickt. Unser Anführer war
ein alter Karatte, ein Oberaufseher aus dem
Seminar, der, da er sich wegen seines Alters
nicht zu Fuß fortbewegen konnte, auf einem Ochsen
ritt. Man fährt hier nämlich nicht mit Wagen, ja,
es darf nicht einmal jeder ei- nen Ochsen als
Reittier benutzen, obwohl die Einwohner dieses
Planeten, weil sie so schlecht zu Fuß sind, in
diesem Punkt zu entschuldigen wären. Doch nur
die alten und kranken Personen haben sich eines
solchen Vorzugs zu erfreuen. Ich erinnere nämlich,
dass die unterirdischen Einwohner herzlich darüber
lachten, als ich ihnen unsere Fuhrwerke beschrieb,
wie wir mit Pferden und in Kutschen durch
die Stadt oder sonst hin- und herführen,
in die wir gleichsam wie Bündel in eine
Büchse oder Schachtel eingepackt würden.
Sie lachten vor allem darüber, dass auch Leute,
die nicht weit voneinander wohnen, sich dennoch
der Kutschen bedienten und sich von zwei so wilden
Bestien durch Stadt und Gassen schleppen ließen,
wenn sie einander nur besuchen wollten. Unsere
Reise ging ziemlich langsam voran, weil diese
vernünftigen Bäume so schlecht zu Fuß sind, und
wir brauchten 3 Tage, obgleich die Stadt Keba von
der fürstlichen Residenz kaum 4 Meilen entfernt
war. Wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich die
Strecke gar leicht in einem Tag zurückgelegt. Ich
hatte auch ein besonderes Vergnügen daran, dass
ich so viel hurtiger auf den Beinen war als sie,
doch beklagte ich mich auch zugleich darüber, dass
ich wegen dieses Vorzugs zu einem so unanständigen
und verächtlichen Amt bestimmt werden sollte. Ja,
ich sagte: »Ich wollte, dass ich ebenso langsam
zu Fuß wäre wie diese unterirdischen Leute, weil
ich schon deswegen von einem so knechtischen und
unanständigen Amt verschont geblieben wäre.« Als
das aber unser Anführer hörte, sagte er zu mir:
»Wenn die Natur Deine Blödigkeit des Verstands
nicht dadurch einigermaßen wettgemacht hätte, so
sähen wir Dich alle miteinander als eine unnütze
Last der Erde an; denn wegen der Hurtigkeit Deines
Verstands siehst Du bloß auf die Schalen und nicht
auf den Kern, und da Du nur zwei Zweige hast, ist
Dir jeder von uns in aller Handarbeit überlegen.«
Hierauf dankte ich Gott, dass er mir diesen
Vorzug verliehen, weil ich sah, dass ich ohne ihn
wohl schwerlich unter die vernünftigen Kreaturen
gerechnet werden würde. Während der Reise sah ich,
dass die Einwohner dieser Gegend dermaßen
auf ihre Arbeit erpicht waren, dass niemand
der Vorübergehenden wegen, obgleich es etwas
Ungewöhnliches war, einen Menschen zu sehen,
von ihr abließ und aufschaute. Bei Sonnenuntergang
aber, wenn sie das Ihrige verrichtet,
belustigten sie sich mit Spielen und allerhand
unschuldigen Ergötzlichkeiten, und die Obrigkeit
erlaubte ihnen das auch, weil man glaubte, diese
Vergnügungen stärkten das Gemüt und den Leib. Ja,
die Geschöpfe erhielten dadurch sowohl Speis
als auch Trank. Dieser und anderer Ursachen
wegen setzte ich meine Reise mit dem größten
Gemütsvergnügen fort. Die Gegend dieses Landes ist
ganz unvergleichlich anzusehen. Man kann sie sich
als ein Amphitheater vorstellen, das ganz allein
von der Natur verfertigt worden ist. Wo aber
die Natur nicht gar so verschwenderisch gewesen,
da hatte die Kunst und der Fleiß der Einwohner
alles reichlich ersetzt; denn die Obrigkeit
spornte die Bewohner durch Belohnungen zur Arbeit
an und so wurden die Felder aufs Sorgfältigste
bebaut. Wer aber sein Feld unbebaut liegen ließ,
wurde zur Arbeit in die Bergwerke geschickt. Wir
kamen durch viele ansehnliche Flecken, die so
nah aneinander lagen, dass es schien, als sei es
nur eine einzige Stadt, die man weit und breit zu
sehen bekam. Doch wurden wir einigermaßen von den
wilden Affen gestört, die uns hin und wieder in
den Weg liefen, insbesondere aber mich, weil ich
ihnen einigermaßen an Gestalt ähnlich war, sehr
oft schabernackten. Ich konnte daher meinen Zorn
kaum verbergen, zumal ich sah, dass dies Foppen
den Bäumen Anlass zu ziemlichem Gelächter gab;
denn ich wurde überdies in eben der Kleidung,
mit der ich auf den Planeten gekommen war und
mit meiner Hacke in der Hand an den Hof geschickt,
weil es der Fürst also befohlen, damit er sehen
möchte, in was für einem Aufzug ich auf dem
Planeten angekommen war. Die Hacke leistete mir
auch auf dieser Reise vortreffliche Dienste, weil
ich die haufenweise auf mich loskommenden Affen
damit fortjagen konnte; denn hatte ich eine Schar
fortgejagt, setzten mir bald wieder andere nach,
sodass ich mich also fast den ganzen Weg Schritt
für Schritt durch die Affen durchschlagen musste.