Audite Fabulas

Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

22.03.2026 57 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 10
Reise zum Firmament

Besonders hörenswert:
amüsante Passage übers Schminken

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
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Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

10. KAPITEL Reise zum Firmament Bisher habe ich noch nichts von der erstaunlichen Verbannung nach dem fernen Firmament hin erzählt, weswegen ich sie hier, wo es sich am besten schickt, deutlich beschreiben will. Es lassen sich hier jährlich zweimal gewisse ungeheuer große Vögel sehen. Man nennt sie Cupac oder Postvögel, und sie kommen zu bestimmten Zeiten an, ziehen auch zu gewissen und gesetzten Zeiten wieder weg. Über diese ordentliche Zeit, die sie in ihrer Ankunft sowohl wie in ihrem Abzug einhalten, haben sich die unterirdischen Naturkundler schon lange die Köpfe zerbrochen. Einige halten dafür, sie würden durch eine gewisse Art sehr großer Fliegen, die zu der Zeit sehr häufig zu finden sind, und die ihre liebste Speise zu sein scheinen, angelockt, dass sie auf diesen Planeten herabkämen, und ich selbst trage keine Bedenken, dieser Meinung beizupflichten. Denn man sagt, die Sache sei ganz klar, weil die Vögel alsbald wieder Abschied nähmen, wenn gedachte Fliegen sich verlieren und wieder nach dem Firmament zurückkehren. Dass dies von einem gewissen natürlichen Trieb herrühren könne, kann man durch andere Vögel gar deutlich erweisen, die sich ebenfalls, einer gleichen Ursache wegen, zu gewissen Zeiten in unterschiedlichen Ländern sehen lassen. Andere glauben, sie würden von den Einwohnern des Firmaments so abgerichtet, dass sie wie Falken oder andere Raubvögel in andere Länder auf Raub ausgeschickt werden können. Diesen Satz wollen sie durch die besondere Sorgfalt und Geschicklichkeit beweisen, die gedachte Vögel anwenden, wenn sie nach verrichteter Reise ihren Raub niedersetzen. Ja, sie zeigen auch aus anderen Umständen, die Vögel seien entweder mit allem Fleiß abgerichtet oder sie müssten gar mit Vernunft begabt sein, denn wenn die Zeit herannaht, dass sie wieder wegziehen wollen, werden sie dermaßen kirre und zahm, dass sie Netz und Garn über sich werfen lassen, unter denen sie etliche Tage ganz ruhig und unbeweglich liegen bleiben und mit Ungeziefer gespeist werden, dessen man zu der Zeit eine große Menge auffängt und sammelt. Denn durch diese Speise lassen sie sich noch so lange aufhalten, bis man alles zubereitet hat, was diejenigen vonnöten haben, die verbannt werden sollen. Dies geschieht nun folgendermaßen. An die Netze, unter denen die Vögel verstrickt liegen, wird eine Kiste oder ein Kasten mit einem Strick fest angebunden. Ein jeder solcher Kasten ist nur auf einen Baum oder eine Person eingerichtet. Wenn nun die Zeit ihres Abzugs herankommt und die Fliegen abnehmen, die ihnen zur Speise dienten, so schwingen die Vögel sich in die Höhe und fliegen wieder auf und davon. Auf diese Weise war das wunderbare Fuhrwerk beschaffen, auf dem ich nebst anderen Gefangenen in eine neue Welt geführt werden sollte. Ich hatte damals zwei Bürger aus Potu zu Reisegefährten, die anderer Verbrechen wegen ins Elend wandern mussten. Der eine war ein Metaphysiker, der die Gesetze dadurch übertreten hatte, dass er von dem Wesen Gottes und der Natur der Geister disputiert hatte. Anfangs hatte man ihn zur Ader gelassen, als man ihn aber kurz darauf wieder ertappte, wurde ihm die Verbannung nach dem Firmament zuerkannt. Der andere war ein Schwärmer, der gegen die Religion und obrigkeitliche Gewalt allerhand Zweifelknoten geknüpft und auf diese Weise alle beide zu stürzen schien. Dieser wollte den Gesetzen des Landes nicht gehorchen, indem er vorgab, der bürgerliche Gehorsam sei gegen sein Gewissen. Seine Freunde hatten sich bemüht, mit den stärksten Beweisgründen seine Halsstarrigkeit zu unterbrechen, indem sie ihm zeigten, wie vielem Gelächter und Verspottungen dergleichen eingebildete Gewissensskrupel und sich selbst gemachte Eingebungen unterworfen seien. Sie sagten ihm ferner, es werde öfters eine Melancholie, die aus verderbten Säften im Körper entstehe, mit einem Eifer, einem guten Gewissen oder einer himmlischen Eingebung konfundiert; ja, sie wiesen ihm nach, wie töricht es sei, sich auf den Ausspruch seines Gewissens zu berufen und wie unbillig man verlange, dass andere die Bewegungen unseres Gemüts sich ebenfalls zur Regel und Richtschnur in Glaubenssachen setzen sollten, die doch auf diese Weise just das Gegenteil von uns verlangen könnten, dass wir uns nämlich nach ihren Gerichten richten sollten. Endlich zeigten sie ihm noch, dass niemand, der auf seinem Kopf so eigensinnig beharre und gedachten Grundsatz so hartnäckig verteidige, in der bürgerlichen Gesellschaft geduldet werden könne, indem ein rechtschaffener Bürger den öffentlichen Gesetzen einen blinden Gehorsam schuldig sei, ein Schwärmer aber, wie er einer sei, gäbe vor, er wolle und könne vermöge seines Gewissens solches nicht tun. Doch da alle Vorstellungen und Beweisgründe, wie es bei dergleichen Schwärmern in der Regel zu geschehen pflegt, bei diesem Fanatiker nichts fruchten wollten, wurde er als ein halsstarriger Kopf, von dem keine Besserung zu hoffen, in die Acht erklärt und nach dem Firmament verbannt. Es waren also damals unserer drei zu dieser wunderbaren Reise bestimmt, nämlich ein Projektemacher, ein Metaphysiker und ein Schwärmer. Zu Anfang des Birkenmonats wurden wir, ein jeder für sich, aus unseren Gefängnissen an bestimmte Orte geführt. Was aber mit meinen Mitgefangenen weiter vorgegangen, weiß ich nicht, denn ich kümmerte mich um fremde Dinge damals nicht, weil ich mit mir selber genug zu tun hatte. Als ich an den bestimmten Ort kam, wurde ich alsbald in den Kasten gesteckt und bekam so viel Speise mit auf den Weg, wie ich etwa zu etlichen Tagen nötig haben möchte. Kurz darauf, als die Vögel sahen, dass man ihnen kein Futter mehr gab, wurden sie gleichsam ihres Abzugs erinnert und flogen mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Luft davon. Die unterirdischen Einwohner glauben insgeheim, der Planet Nazar sei vom Firmament 100 Meilen entfernt. Wie lange ich aber auf dieser Reise zugebracht habe, kann ich nicht sagen, doch schien es mir, als wenn diese Schifffahrt durch die Luft ungefähr 24 Stunden gewährt hätte. Nachdem eine Zeit alles ganz still gewesen war, hörte ich endlich ein unverständliches Gemurmel, woraus ich schloss, dass ich nicht weit vom Land sein müsse. Und nun sah ich, wie die Vögel sorgfältig abgerichtet waren, denn sie setzten den Kasten mit solcher Behutsamkeit und Geschicklichkeit auf die Erde nieder, dass er nicht im Geringsten beschädigt wurde. Hier wurde ich alsbald von einer großen Menge Affen umgeben, deren Anblick mir nicht geringe Furcht verursachte, weil ich von dergleichen Tieren auf dem Planeten Nazar schon gewaltig war fixiert worden. Ja, meine Furcht vermehrte sich, als ich hörte, dass diese Affen miteinander schwatzten, und als ich sah, dass sie bunte Kleider anhatten und mit gemessenen Schritten aufrecht einhergingen. Hieraus schloss ich, dass diese Affen vielleicht Einwohner des Landes seien, doch weil mir bei so mancherlei wundersamen und ungewöhnlichen Dingen, an die ich mich bisher hatte gewöhnen müssen, fast nichts mehr als neu und ungewohnt hätte vorkommen sollen, so erholte ich mich von meiner Furcht wieder, zumal da ich sah, dass die Affen sehr leutselig und höflich mit mir umgingen und mich mit aller Sorgfalt aus meinem Kasten herauszogen. Ich glaube fast nicht, dass auf unserem Erdboden königliche und fürstliche Gesandte mit mehr Zeremonien und Ehrenbezeugungen empfangen werden, als sie mir diese Affen erwiesen. Es trat der Reihe nach einer nach dem andern zu mir und komplimentierte mich mit diesen Worten: Pul Asser. Nachdem sie dieses Kompliment des Öfteren wiederholt hatten, machte ich ihnen endlich mein Gegenkompliment und sagte ebenfalls: Pul Asser, worüber sie ein abscheuliches Gelächter aufschlugen, dabei aber durch allerhand liebreiche Gebärden zu verstehen gaben, dass ihnen die Wiederholung gedachter Worte ungemein gut gefiele. Ich wurde hierauf bald gewahr, dass die Einwohner dieses Landes sehr leichtsinnig, neugierig und schwatzhaft waren. Wenn sie redeten so schien es, als wenn man auf Pauken schlüge, denn sie hatten eine unglaublich hurtige Aussprache und kollerten fast alles in einem Atem heraus, und damit ich es mit wenig Worten sage, sie waren an Aufführung, Sitten, Sprache und Leibesgestalt akkurat das Gegenteil von den Potuanern. Über meine Leibesgestalt schienen sie anfangs ganz erstaunt zu sein. Die Hauptsache ihrer Verwunderung aber war, dass ich keinen Schwanz hatte wie sie, denn da unter allen unvernünftigen Tieren keines an Gestalt dem Menschen so nah kommt wie die Affen, so hätten sie mich gewiss auch für einen Affen gehalten, wenn ich mit einem Schwanz versehen gewesen wäre, zumal da sie sahen, dass die übrigen Einwohner des Planeten Nazar, die die Vögel nach und nach zu ihnen gebracht hatten, ganz und gar nichts Ähnliches mit mir hatten. Zu der Zeit, als ich in diesem Land ankam, waren die Meere überall sehr aufgeschwollen, weil der Planet Nazar diesem Land jetzt sehr nahe stand: Denn ebenso wie bei uns die Ebbe und Flut des Meeres mit dem Lauf des Mondes übereinstimmt, so richtet sich auch dieses Meer im Firmament nach dem Lauf des Planeten Nazar, und seine Ebbe und Flut ist viel stärker, wenn er am nächsten dabei steht, und viel schwächer, wenn er am weitesten davon entfernt ist. Man führte mich alsbald in ein geräumiges Haus, das mit Steinen, Spiegeln, Marmor, kostbaren Gefäßen und Tapeten auf das Herrlichste ausmöbliert war. Am Eingang standen Torhüter, woraus ich leicht schließen konnte, dass hierin kein gewöhnlicher Affe wohnen könne. Kurz darauf hörte ich auch, dass der Herr dieses Hauses der Bürgermeister sei. Dieser war begierig, mit mir zu reden und bestellte daher einige Sprachmeister, die mich in der Landessprache unterrichten sollten. Man wandte hierzu beinah ein Vierteljahr an, binnen welcher Zeit ich diese Sprache hurtig genug reden gelernt hatte, und ich glaubte, man würde mich durchgängig wegen der Hurtigkeit meines Verstands und meines guten Gedächtnisses halber bewundern. Aber meinen Sprachmeistern kam ich so langsam und so dumm vor, dass sie mich aus Ungeduld oft verlassen wollten. Ich bekam hier also einen neuen Beinamen, denn wie man mich auf dem Planeten Nazar wegen meines hurtigen Verstands aus Verachtung nur Scabba oder den Frühklugen genannt hatte, so nannten mich im Gegenteil hier diese Affen, meiner Dummheit und Langsamkeit wegen, nur Kakidoran oder den Tölpel. Denn hier macht man nur aus denjenigen etwas, die eine Sache geschwind erfassen und ihre Meinung oder Gedanken mit vielen und prächtigen Worten vortragen können. Während ich in der Sprache der Affen unterrichtet wurde, ging mein Wirt öfters mit mir durch die Stadt spazieren, da sah ich denn, dass man hier herrlich lebte und an aller Pracht ein Überfluss zu finden war, denn wir konnten vor Menge der Wagen, Kutschen, Bedienten und anderem hin- und herlaufenden Pöbel fast nirgends durchkommen, sondern wir mussten uns jedesmal den Weg mit Gewalt öffnen. Dies aber war noch nichts gegen die Schwelgerei zu rechnen, die in der Hauptstadt des Landes getrieben wurde, wo man gleichsam wie in einem Mittelpunkt alles beisammen sehen konnte, was nur die Eitelkeit der Sterblichen entdecken kann. Nachdem ich nun die Landessprache völlig erlernt hatte, führte mich mein Wirt nach der Hauptstadt, wo er bei einem gewissen Ratsherrn sich ungemein zu rekommandieren gedachte, wenn er ihm mit mir, als etwas Neuem und Ungewöhnlichem, ein Präsent machte, denn die Regierungsform ist hier aristokratisch und die höchste Gewalt der Republik steht beim großen Rat, in dem alle Mitglieder aus vornehmen Geschlechtern entsprossen oder von Geburt Patrizier sind. Affen von einfachem Stand werden höchstens nur Hauptleute oder Statthalter in Provinzen und Stadtrichter in kleinen Städten. Es werden zwar bisweilen auch einige zu Bürgermeistern verordnet, doch das geschieht nicht eher, als bis sie sich vorher durch etwas ganz Besonderes verdient gemacht haben. Auf diese Weise war auch mein Wirt Bürgermeister geworden, denn er war so voller Einfälle, dass er innerhalb eines Monats 28 neue Gesetze und Projekte ersonnen hatte, und obschon seine Neuerungen, die er erdacht hatte, ohne Nachteil für das Gemeinwohl nicht bestehen konnten, so waren es doch Proben seines fruchtbaren Ingeniums, wodurch er sich ein Ansehen erworben hatte, denn in der ganzen unterirdischen Welt werden die Projektemacher nirgends höher geschätzt als in dieser Republik. Die Hauptstadt der Republik wird Martinia genannt, wovon auch das ganze Land seinen Namen hat. Diese Stadt ist wegen ihrer Situation, vortrefflicher Künstler, besonderer Geschicklichkeit in der Schifffahrt und wegen ihrer zahlreichen Schiffsflotte ungemein berühmt. An Größe und Zahl der Einwohner, glaube ich, wird sie Paris wenig nachgeben. Auf allen Gassen der Stadt wimmelte es dermaßen von Volk, dass wir uns mit den Händen und Prügeln den Weg öffnen mussten, als wir nach derjenigen Gegend der Stadt unseren Weg nahmen, wo der Syndikus des großen Rats logierte. Denn dieser war eben derjenige, dem der Bürgermeister mich zum Geschenk anbieten wollte. Als wir nah an das Haus des Syndikus gekommen waren, kehrte mein Wirt in einem Gasthof ein, um seine Kleider in Ordnung zu bringen, weil er recht geputzt und zierlich gekleidet bei dem Syndikus seine Aufwartung machen wollte. Hier fanden sich eine Menge Lehnlakaien ein, die alle Maskatti oder die Auszierer genannt werden, deren Handreichung sich alle diejenigen zu bedienen pflegen, die einem Ratsherrn die Aufwartung machen wollen, ehe sie in den Palast eintreten. Die Lehnlakaien kehren die Kleider aus, machen die Flecken heraus und bringen alles, was etwa unordentlich daran ist, mit wunderbarer Geschicklichkeit und Sorgfalt bis auf die kleinsten Fältchen wieder zurecht. Einer von diesen Maskattis nahm sich sogleich des Bürgermeisters Degen, rieb ihn ab und polierte ihn auf das Schönste, ein anderer band ihm verschiedene bunte Schleifen an seinen Schwanz, denn sie lassen sich auf der Welt nichts so sehr angelegen sein, wie ihre Schwänze zu zieren. Es gab hier Ratsherren und noch mehr Ratsherrenfrauen, denen ihre Schwänze an Festtagen beinah 1.000 Taler nach unserem Geld auszuzieren kosteten. Der dritte Maskatti oder Auszierer maß mit einem geometrischen Instrument die ganze Kleidung aus, um zu sehen, ob alles seine gehörige Proportion hätte und miteinander übereinstimme. Der vierte kam mit einer Flasche Schminkwasser herzugelaufen, womit er ihm das Gesicht verfälschte, der fünfte untersuchte die Füße und nahm die Nagelschwäre mit sonderbarer Geschicklichkeit weg, der sechste trug wohlriechendes Wasser hinzu, womit er Hände und Füße des Bürgermeisters besprengte, und das ich es kurz mache, einer brachte ein Tuch zum Abtrocknen, ein anderer einen Kamm zum Kämmen, wieder ein anderer einen Spiegel, sich darin zu besehen, und alles geschah mit solcher Sorgfalt und Emsigkeit, wie etwa bei uns die Feldmesser die Landkarten auszumessen und zu illuminieren pflegen, hierbei dachte ich nun bei mir selber: »Hilf Himmel, braucht es so viel Umstände und Mühe, einen Mann zu putzen und auszuzieren, was werden nicht erst für Mühe und Unkosten erfordert werden, wenn sich eine Frau schminken, anputzen und aufs Beste herausschniegeln lässt.« Und gewiss, die Frauen in Martinia wissen hierin ganz und gar kein Maß zu halten, sondern verkleistern ihre Leibesgebrechen dermaßen mit Schminke, dass sie vor gar zu großer Zierlichkeit stinken. Denn wenn sich der Schweiß mit dergleichen Salben und Schmieralien vermischt, so riechen sie von Stund an nicht anders, als wenn ein Koch vielerlei Brühen untereinander schüttet, da man nicht weiß, wonach es riecht und nur so viel unterscheiden kann, dass es übel riecht. Als mein Wirt auf diese Weise ausgekehrt, abgeschminkt, geziert und abgerieben war, ging er, nur von drei Lakaien begleitet zum Palast des Syndikus. Als wir in den Vorhof kamen, zog er die Schuhe aus, damit er den marmornen Fußboden nicht mit Schlamm oder Staub besudeln möchte. Hier musste er fast eine Stunde lang warten, ehe dem Syndikus seine Ankunft gemeldet wurde, und er wurde nicht eher vor ihn gelassen, bis er die Bedienten beschenkt hatte, was hier zu Lande höchst nötig ist, wenn einer Audienz haben will. Der Syndikus saß auf einem vergoldeten Stuhl etwas erhoben, und da er mich nebst meinem Wirt in das Zimmer hineintreten sah, schlug er ein unmäßiges Gelächter auf und stellte alsbald so viele närrische und abgeschmackte Fragen an mich, dass mir der Angstschweiß über das Gesicht herunterlief. Zu jedweder Antwort, die ich ihm erteilte, fitzte er die Nase und verdoppelte sein Gelächter. Ich dachte, Komödie zu spielen, würde hier als eine große und löbliche Tugend angesehen, weil die Republik einen so komödiantenmäßigen Mann zum Syndikus gewählt und ihm die andere Stelle im Rat verliehen hätte. Ich entdeckte auch kurz darauf meinem Wirt diese Gedanken, der mir aber versicherte, dass er ein Mann von ganz vortrefflichen Gemütsgaben sei. Denn was er für einen besonderen Verstand besäße, könnte man aus der Menge so mannigfaltiger Geschäfte abnehmen, die er schon in seiner Jugend verrichte. Denn er habe einen dermaßen fähigen Kopf, dass er auch beim Trunk die wichtigsten Sachen erledigen könne, ja, er wäre fähig, während der Mittags- oder Abendmahlzeit, zwischen jedwedem Gericht ein Gesetz oder Projekt zu entwerfen. Hierauf fragte ich, von was für Dauer dergleichen geschwind abgefasste Gesetze und Projekte zu sein pflegten, worauf er zur Antwort gab, sie gelten alle so lange, bis es dem Rat gefällt, sie wieder aufzuheben und ungültig zu machen. Nachdem der Syndikus eine halbe Stunde mit mir geschwatzt hatte und mit fast ebensolcher Fertigkeit seine Worte hervorgebracht hatte, wie unsere europäischen Bartputzer zu tun pflegen, kehrt er sich zu meinem Wirt und sagte, er wolle mich doch unter seine Bedienten aufnehmen, obgleich er aus der Unfähigkeit meines Verstands wahrnähme, dass in meinem Vaterland sehr dicke Luft sein müsse und ich ganz wahrscheinlich da geboren wäre, wo andere Schöpse mehr jung würden, und ich mich folglich kaum zu einem ansehnlichen Amt eignen würde. Hierauf gab mein Wirt zur Antwort: »Ich habe selber schon angemerkt, dass er von Natur aus etwas träge ist, wenn man ihm aber eine Weile Zeit lässt, etwas zu überlegen, urteilt er eben so gar ungereimt nicht.« Hiergegen erwiderte der Syndikus: »Hier braucht man hurtige und geschwinde Bediente, weil die Menge der Geschäfte keinen Verzug leidet.« Und als er dies gesagt, fing er an, meine Leibeskräfte sorgfältig zu untersuchen, und ließ mich eine schwere Last von der Erde aufheben. Als ich dies ohne Beschwerlichkeit getan, fuhr er fort: »Obgleich er von Natur mit schlechten Gemütsgaben versehen ist, so hat sie doch diesen Mangel durch die Leibesstärke einigermaßen bei ihm ersetzt.« Hierauf hieß er mich ein wenig einen Abtritt nehmen, da mich denn die Bedienten und Knechte sehr leutselig empfingen, aber auch zugleich mit ihrer Schwatzhaftigkeit und Narrenpossen sehr beschwerlich fielen. Sie fragten mich von unserer Welt so vielerlei, dass ich schließlich nicht mehr wusste, was ich ihnen antworten sollte, und obgleich ich ihnen endlich noch vieles über die Wahrheit aufheftete, konnte ich doch ihren Vorwitz nicht befriedigen. Endlich kam mein Wirt zurück und brachte mir die tröstliche Botschaft, Ihro Exzellenz hätten mich unter Dero Hofbediente aufgenommen. Aus den vorigen Reden des Syndikus konnte ich leicht schließen, dass die Bedienung, zu der er mich bestimmt, nicht sonderlich sein würde, und ich mutmaßte, er würde mich entweder unter die Torhüter stecken oder mir eine Verwalterstelle auftragen. Als ich aber meinen Wirt fragte, zu was für einem Amt ich denn bestimmt sei, gab er mir zur Antwort: »Ihro Exzellenz haben die Gnade für dich gehabt und dich zu ihrem Sänftenträger ernannt, wofür du jährlich 25 Stercolaten (eine jede martinianische Sterkolate gilt nach unserer Münze 2 Taler) zu genießen haben sollst, außerdem hat er versprochen, dass er dich sonst niemanden als ihn selber und seine Gemahlin will tragen lassen. Diese Antwort war ein Donnerschlag in meinen Ohren, und ich stellte ihm ganz beweglich vor, wie unanständig dies einem freien und von honetten Eltern geborenen Menschen sei. Aber die anderen Hofbedienten unterbrachen meine Reden, indem sie haufenweise herzuliefen und mich, da ich ohnehin schon halb tot war, mit läppischen Glückwünschen vollends fast gar zu Tode ärgerten. Denn die Martinianer sind alle leichtsinnige, liederliche und ungestüme Wäscher, die niemals auf den Wert einer Sache sehen, sondern nur an platten und schlüpfrigen Worten ihr Wohlgefallen haben. Endlich wurde ich in mein Schlafzimmer geführt, wo meine Abendmahlzeit bereitstand, und nachdem ich nur ein wenig Speise zu mir genommen, wurde mir das Bett gezeigt, in dem ich ruhen sollte. Ich legte mich auch alsbald nieder, konnte aber vor großem Gemütskummer nicht einschlafen. Der Hochmut, mit dem mich diese Affen empfangen, hatte mich fast aller Sinne beraubt, und ich hatte in der Tat Zentner Geduld vonnöten, eine so unerträgliche Schmach zu verschmerzen. Ich beweinte daher meinen Zustand, der mir in diesem Land noch viel härter schien als der, in dem ich mich auf dem Planeten Nazar befunden und brach bei mir selber in diese Worte aus: »Wenn der Großkanzler in Potu hierher versetzt werden sollte, der so ein artiger und wohlverdienter Mann ist und der einen ganzen Monat Zeit haben muss, wenn er nur einen einzigen Befehl ausführen soll, hier würde man gewiss wenig aus ihm machen. Was würde wohl die Palmka sich hier alles Gute versprochen haben, wo die Ratsherrn über der Tafel Gesetze erdenken und Befehle ausfertigen.« Endlich wurde ich nach reiflicher Überlegung gewahr, dass ich aus dem Land der Weisen in die Wohnung der Gaukler oder Komödianten versetzt worden sei. Daraufhin, nachdem mich diese Sorgen sattsam ermüdet, verfiel ich in einen Schlaf. Wie lange dieser aber gewährt, kann ich nicht sagen, weil hier zwischen Tag und Nacht kein Unterschied ist, denn es ist hier niemals finster, außer, wenn zu gewissen und bestimmten Zeiten der Planet Nazar zwischen dieses Land und die unterirdische Sonne tritt und dadurch eine Sonnenfinsternis verursacht. Diese Sonnenfinsternisse sind auch sehr merkwürdig, weil der Planet Nazar, der nicht allzu weit vom Firmament entfernt ist, die Sonne ganz und gar verfinstert oder totale Sonnenfinsternisse verursacht. Es ist auch wegen der beständigen Gegenwart der Sonne hier immer dieselbe Jahreszeit, daher versuchen die Einwohner durch verschiedene Erfindungen, wie durch den Schatten der Haine, durch erfrischende Spaziergänge oder durch tief gegrabene Keller, die Beschwerlichkeiten der Hitze von sich abzuwenden. Ich war kaum erwacht, als ein gewisser Affe in mein Schlafgemach eintrat, der sich meinen Kollegen nannte und mir mit Stricken einen falschen Schwanz an meinem Gesäß festmachte, damit ich auch wie andere Affen aussehen möchte. Hierauf befahl er mir, ich möge mich bereithalten, denn der Syndikus würde sich innerhalb einer Stunde nach dem Gymnasium tragen lassen, wohin er nebst anderen Ratsherren durch eine öffentliche Schrift eingeladen worden sei. Dort solle, um Glock 14 vor Mittag, eine Doktorpromotion vor sich gehen. Hier ist zu vermerken, obschon wegen des beständigen Sonnenscheins die Tage von den Nächten nicht zu unterscheiden sind, gleichwohl die Tage in gewisse Stunden, halbe und viertel Stunden, abgeteilt werden, was vermittels gewisser Uhren oder Sandzeiger geschieht, sodass Tag und Nacht in Martinia zusammen 22 Stunden in sich fassten. Wenn nun ungefähr alle Uhren auf einmal stehen blieben, so wäre es den Bürgern nicht eher möglich, sie wieder richtig in Gang zu bringen, bis sie die Uhren anderer Orte in Richtigkeit gebracht hätten. Denn Sonnenuhren gibt es hier nicht und es können auch keine angebracht werden, weil die Sonne beständig vertikal oder über ihnen steht und ihre Strahlen immer in gerader Linie runterschießen lässt, sodass nichts einen Schatten von sich wirft. Wenn man also irgendwo einen Brunnen gräbt, so wird er über und über von der Sonne bestrahlt. Was aber das Jahr anlangt, so wird dies nach dem Lauf des Planeten Nazar eingeteilt, der noch einmal so geschwind wie das unterirdische Firmament seinen Lauf um die Sonne vollbringt. Um 14 Uhr nahmen wir einen vergoldeten Wagen auf unsere Achseln und trugen Ihro Exzellenz ins Gymnasium. Als wir in den Hörsaal eintraten, sahen wir die Doktoren und Magister in ihrer Ordnung sitzen, die alle vor dem Syndikus aufstanden und ihm im Vorbeigehen die Schwänze zukehrten. Dies ist ein Zeichen der Ehrerbietigkeit, um dieser Ursache willen putzen und zieren sie auch ihre Schwänze so sorgfältig. Mir aber kam diese Ehrenbezeugung närrisch und lächerlich vor. Denn bei uns ist das Zukehren des Rückens ein Zeichen der Kaltsinnigkeit oder des Widerwillens, doch einem jeden Narren gefällt seine Kappe. Die Doktoren und Magister saßen zu beiden Seiten des Hörsaals und an seinem Ende war ein Katheder gesetzt, auf dem derjenige stand, der jetzt Doktor werden sollte. Vor der Promotion wurde eine Disputation gehalten, die den Titel führte: »Eine physikalische Inaugural-Dissertation, in der die schwere Frage untersucht und erörtert wird, ob der Schall, den die Fliegen und die anderen Insekten von sich hören lassen, aus ihrem Maul oder ihrem Hintersten hervorgehe.« Der Präses verteidigte die erstere Meinung, die von den Opponenten mit solcher Heftigkeit angefochten wurde, dass man befürchten musste, es würde gar darüber zu Schlägen kommen und sie wären in der Tat handgemein geworden, wenn nicht der Senat aufgestanden und durch sein Ansehen diese Hitze gemäßigt hätte. Während der Disputation spielte man auf Flöten und es war ein Flötist zugegen, der den Streit mäßigen musste, denn wenn es zu hitzig wurde, blies er ganz piano, um die Hitze zu dämpfen, ging es aber zu schläfrig zu, so blies er allegro, dass sie dadurch wieder aufgemuntert werden möchten. Aber es wurde des Öfteren weder durch dieses noch andere Mittel wenig ausgerichtet, denn es ist schwer, sich in gebührenden Schranken zu halten, wenn man über so wichtige Dinge erst disputiert; wie es denn auf unserer oberen Welt ebenfalls zu geschehen pflegt, wenn über wichtige und schwere Fragen disputiert wird, dass die Gemüter nicht wenig aufgebracht werden. Allein der Zank, von dem ich dachte, er würde mit Mord und Totschlag enden, legte sich unvermutet, und sie gratulierten einander aufs Freundlichste, eben wie auf unseren Hohen Schulen, wo nach der eingeführten Gewohnheit insgemein der Präses als Sieger vom Katheder steigt. Nach beendeter Disputation ging die Doktorpromotion selbst mit folgenden Zeremonien vor sich: Als der Kandidat mitten in den Hörsaal getreten, nahten sich drei Pedelle oder Universitätsbediente mit ordentlichen Schritten zu ihm und gossen ihm ein ganzes Fass voll kaltes Wasser über den Kopf. Hierauf beräucherten sie ihn mit Weihrauch und endlich gaben sie ihm ein Brechpulver ein. Als sie dies mit größter Ehrerbietigkeit und vielen Komplimenten verrichtet hatten, meldeten sie endlich der ganzen Versammlung, nun sei er rechtmäßigerweise zum Doktor kreiert worden. Über so viele wunderliche und mir ganz unbekannte Zeremonien staunte ich nicht wenig und fragte einen gelehrten Affen, der neben mir stand, was das alles vorstellen solle. Der hatte Mitleid mit meiner Unwissenheit und sagte: »Durch das Wasser, den Weihrauch und das Brechpulver wurde dies angedeutet: Der neue Doktor solle die Schandflecken der alten Laster abwaschen und hingegen neue und dergleichen Sitten annehmen, die ihn vom gemeinen Pöbel unterscheiden.« Als ich dies hörte, war ich selber über meine Dummheit ungehalten und nachdem ich mich sattsam darüber gewundert, fragte ich weiter um nichts, damit es nicht das Ansehen haben möchte, als wenn ich niemals mit hübschen und verständigen Leuten umgegangen sei. Endlich ließen sich Pauken und Trompeten nebst anderer Instrumentalmusik tapfer hören, und als der neue Doktor, nachdem man ihm einen grasgrünen Mantel und einen kostbaren Gürtel umgetan, aus dem Hörsaal wieder hinausging, begleitete ihn die ganze gelehrte Versammlung bis zu seinem Haus. Weil er aber nur von geringem Stand war, wurde er nicht in einer Sänfte getragen, wie sonst gewöhnlich, sondern er wurde nur auf einem Schubkarren gefahren, vor dem einige Läufer in langen Röcken herliefen. Diese Solennität endete wie gewöhnlich mit einem herrlichen Schmaus, auf dem sich die Eingeladenen toll- und vollsoffen. Es wurde so viel Wein verschwendet, dass sich die meisten vor Trunkenheit nach Hause tragen lassen mussten, auch erst nach etlichen Tagen wieder ausgehen konnten, binnen welcher Zeit sie sich den Tummel durch Arzneimittel wieder aus dem Kopf bringen ließen, dass also diese Doktorpromotion von Anfang bis Ende vollkommen prächtig gewesen, und ich muss bekennen, dass ich niemals auf unserer Erde eine Promotion gesehen, die mehr akademisch gewesen, oder irgendeinen Doktor gekannt, der mit mehr Solennitäten kreiert worden wäre. Die Gesellschaftshändel werden hier mit wunderbarer Geschwindigkeit entschieden, sodass ich die Hurtigkeit des Verstands und die geschwinde Einsicht in dergleichen Dingen, die bei diesem Volk ganz ausnehmend sind, nicht sattsam bewundern konnte. Denn ehe die Advokaten noch ausgeredet haben, stehen die Richter zuweilen schon auf und fällen das Urteil so hurtig wie zierlich. Ich ging hier öfter aufs Rathaus, damit ich die Art und Weise, wie die Rechtssachen in Martinia entschieden werden, hören und sehen möchte. Die Urteile schienen mir anfangs sehr gründlich und der natürlichen Billigkeit gemäß zu sein, als ich sie aber genauer untersuchte, kamen sie mir höchst ungerecht, töricht und einander widersprechend vor, sodass ich lieber eine Rechtssache dem Ausschlagen der Würfel, als dem Gutachten der Richter in Martinia hätte unterwerfen wollen. Von den Gesetzen dieses Volks kann ich nichts sagen, weil sie einer allzu großen Veränderung unterworfen sind, denn die Gesetze werden hier alle Jahre, wie die Moden in den Kleidern, verändert, es werden ihrer daher viele um solcher Verbrechen willen gestraft, die zu der Zeit nicht strafbar waren, als sie ausgeübt wurden, viele werden bloß deswegen zur Strafe gezogen, weil ihre Taten, die nach den Gesetzen erlaubt waren, etwa nach der Zeit durch ein neues Gesetz verboten wurden. Um dieser Ursache wird allezeit von den Untergerichten an die Obergerichte appelliert, weil sich ein jeder die Hoffnung macht, dass während des Prozesses das Gesetz, wonach er straffällig ist, für ungültig erklärt werden könnte. Dieser Fehler rührt nur von der allzu fertigen Entwerfung der Gesetze her. Hierzu kommt noch, dass dieses Volk so gar neugierig ist und vor den heilsamsten Gesetzen und Gewohnheiten bloß deswegen einen Ekel bekommt, weil sie alt sind. In der Auszierung des Leibs und den Kleidertrachten sind sie nicht weniger veränderlich. Die Advokaten werden hier hoch geschätzt, weil sie sehr spitzfindig disputieren können, ja, es sind einige unter ihnen, die, wie man sagt, beweglicher als die Drehscheibe eines Töpfers sind, und auch keine anderen als zweifelhafte und ungerechte Sachen annehmen, um zu zeigen, was sie für Geschicklichkeit im Disputieren besitzen und wie künstlich sie das Schwarze in Weiß verwandeln können. Dieser Ursache wegen gewinnt zuweilen ein so listiger Causenmacher eine höchst ungerechte Sache, und die Richter sind zufrieden, wenn der Prozess nur durch Vernunftschlüsse und nach den Regeln der Kunst geführt worden ist. Sie pflegen wohl zu sagen: »Wir sehen die Unbilligkeit dieser Sache wohl ein, weil aber der Prozess mit so viel Geschicklichkeit und Kunst geführt worden ist, so können wir nicht anders, als dass wir, wegen der Geschicklichkeit des Advokaten, ein wenig von der Billigkeit abweichen müssen.« Die Rechtslehrer unterweisen hier ihre Untergebenen um ein gewisses Geld, das nach der Beschaffenheit der Rechtshändel fällt und steigt. Zum Beispiel diejenigen, die ihre Untergebenen lehren, wie sie eine ungerechte und böse Sache führen und gewinnen sollen, fordern 20 Stercolaten, die aber lehren, wie man eine billige Rechtssache führen und gewinnen solle, begehren nur 10 Stercolaten für ihre Unterweisung. Die Gerichtsformeln und andere Umstände, die bei einem Prozess zu beachten sind, waren so unterschiedlich, dass man wegen der überhäuften und unzähligen Gesetze kein Ende davon absehen kann. Denn da die Martinianer einen sehr subtilen Verstand besitzen und eine Sache auf das Allergeschwindeste fassen, so haben sie vor allem, was schlecht und recht ist, einen Ekel und vergnügen sich nur an hohen oder subtilen, verworrenen und schweren Dingen. Ebenso sieht es mit der Religion aus, die nicht in der Ausübung der Gottesfurcht sondern in eitlem Nachgrübeln besteht. Von der Gestalt, die man Gott zuschreiben könne, sind allein 250 verschiedene Meinungen und von der Naturbeschaffenheit der Seele zählt man 596. Die Kirchen und die Hörsäle, in denen die Gottesgelahrtheit gelehrt wird, werden von den Martinianern nicht deswegen besucht, weil sie hören wollen, was ihnen nützlich und gut ist, oder wie sie ein tugendhaftes Leben führen und sterben sollen, sondern bloß darum, dass sie hören, was für Kunst und Geschicklichkeit die heiligen Redner in ihren Ausdrücken beweisen. Je dunkler und undeutlicher nun einer seine Sachen vorträgt, desto mehr findet er Beifall, so sehr, dass die Martinianer nichts lieber hören, als was sie nicht verstehen. Man hält hier mehr auf Worte als auf Sachen, weil die Redner selbst mehr auf eine zierliche Redensart und fließenden Vortrag, als auf die Gründlichkeit und Wichtigkeit der Sachen sehen, die Zuhörer hingegen haben nur an liebkosenden und die Ohren kitzelnden Worten ihr Wohlgefallen. Nirgendwo sind die Projektemacher beliebter als in dieser Republik, denn je schwerer und ungereimter ein Projekt ist, desto größeren Beifall findet es. Als ich einstmals einer gewissen Meerkatze die Art und Beschaffenheit unserer oberen Welt erzählte und ihr zeigte, dass deren Oberfläche bewohnt sei, hatte sie alsbald den Einfall, sie wolle die obere Rinde der Erde durchgraben und einen Weg zu den Einwohnern auf der oberen Erdfläche machen. Dieses Projekt fand alsbald durchgängig Beifall und es wurde eine Gesellschaft oder Handelskompanie nach der oberen Welt errichtet, zu der die Einwohner haufenweise herzugelaufen kamen und nach geschehener Einrichtung sich Aktien, wie die Kaufleute reden, erhandelten. Als aber hierüber das ganze Land aufrührerisch wurde und viele Familien durch diese Aktien an den Bettelstab gerieten, sahen sie endlich die Torheit des Projekts ein und standen von ihrem Vorhaben wieder ab. Der Projektemacher aber wurde wegen dieser Narrheit und des Schadens halber, den die Republik dadurch erlitten, keineswegs zur Strafe gezogen, man legte ihm vielmehr, einer so edlen Erfindung wegen, allerhand Lobsprüche bei, derartig, dass die Martinianer zu sagen pflegten: »Obgleich dieses Vorhaben nicht gelungen, so wäre es doch an sich selber etwas Großes und sehr vortrefflich gewesen.« Nachdem ich nun die Gemütsart dieses Volks kennen gelernt hatte, so bemühte ich mich durch eben dergleichen Mittel, mir einige Hochachtung bei den Martinianern zuwege zu bringen und etwa auch durch ein neues Projekt meine Umstände zu verbessern. Als ich die Staatsverfassung dieser Republik untersuchte, fand ich nicht wenig Fehler darin. Ich sah, dass hier alles mit scharfsinnigen Künstlern erfüllt war, hingegen fehlte es an Handwerksleuten in diesem Land. Ich brachte daher in Vorschlag, etliche Handwerker möchten aufgerichtet werden, da diese dem Gemeinwesen sehr dienlich sein müssten. Aber durch diese und andere Vorschläge dergleichen, zog ich mir nichts als Verachtung zu und machte mich lächerlich, da dieses Volk gar zu eitel ist und sich nur an Spielwerken belustigt. Ich war daher über meine Dummheit selber böse und gab mir folgenden nachdrücklichen Verweis: »Bist Du nicht ein dummer und ungeschickter Kerl, es geschieht dir gar recht, dass du hier als ein nichtswürdiger Lastenträger grau werden sollst.« Doch ließ ich den Mut noch nicht völlig sinken, und weil ich sah, dass ich mit heilsamen Ratschlägen nichts ausrichtete, so wollte ich versuchen, ob ich nicht etwa durch einen närrischen und ungereimten Vorschlag meinen Beschwerlichkeiten abhelfen könnte. Ich eröffnete daher meine Meinung einem verständigen Affen, der mich in meinem Vorhaben bestärkte und sagte: Wenn ich berühmt und angesehen werden wolle, so müsse ich freilich etwas wagen, wenn ich auch allenfalls anfangs etwas zu kurz dabei kommen sollte. Und als er mir ferner erzählte, dass ihrer schon viele allhier durch bloße Narrenpossen und nichtswürdige Dinge, besonders aber durch neue Kleidermoden ihr Glück gemacht, so nahm ich mir vor, mit anderen Narren auch einmal närrisch zu tun. Ich ging daher alle Künste durch, untersuchte alle Torheiten der Europäer auf das Sorgfältigste, und als ich endlich eine Wahl unter ihnen angestellt, beschloss ich, Perücken einzuführen. Denn ich sah, dass dieses Land an Ziegen sehr fruchtbar war, aus deren Haaren zur Not Perücken hätten gemacht werden können. Weil nun mein seliger Vormund dieses Handwerk lange Zeit betrieben hatte, so verstand ich es selbst auch einigermaßen. Ich schaffte mir daher Ziegenhaare an und machte eine Perücke, die ich auf meinen Kopf anpasste, setzte sie auf und zeigte mich in diesem Aufzug dem Syndikus. Dieser staunte über diesen neuen und ungewöhnlichen Anblick, fragte, was das wäre, nahm sie mir sogleich vom Kopf und setzte sie sich selber auf und lief vor den Spiegel, damit er sehen möchte, wie ihn der neue Zierrat putzte. Er gefiel sich auch mit diesem neuen Kopfschmuck dermaßen gut, dass er vor großer Freude überlaut schrie: »Nun bin ich fast den Göttern gleich.« Hierauf rief er alsbald seine Gemahlin herbei, damit sie an seiner Freude teilnehmen möchte. Diese sprang nicht weniger vor Freude, nahm ihren Mann liebreich in die Arme und beteuerte aufs Höchste, sie hatte auf der Welt noch nichts so Anmutiges und Angenehmes gesehen, welcher Meinung auch das ganze Hausgesinde beipflichtete. Hierauf kehrte sich der Syndikus zu mir und sagte: »Wenn dies deine eigene Erfindung ist, mein lieber Kakidoran, so wird sie dem ganzen Rat so wohl gefallen wie uns, und du kannst dir die größte Hochachtung und Ehre in unserer Republik versprechen.« Ich aber stattete ihm hierüber meinen ergebensten Dank ab und bat, Ihro Exzellenz möchten geruhen, diese Bittschrift, die ich ihm zugleich übergab, dem Rat von meinetwegen zu übergeben, darin strich ich die Vortrefflichkeit meiner Erfindung aufs Beste heraus und hatte sie mit folgenden Worten abgefasst: Hochedelgeborene, hochedle, feste, hochgelahrte und erfahrene Ratsherren. Die natürliche Neigung, die ich bei mir hege, das Gemeinwohl immer zu fördern, hat mich veranlasst, diesen neuen und bisher ganz unbekannten Kopfschmuck erdacht und verfertigt zu haben, die ich hiermit in Untertänigkeit zu Dero erlauchten Beurteilung darlege, in der festen Hoffnung, sie werden dies im Besten vermerken, zumal da die Erfindung zur Ehre des Volks und zu einem Zierrat dient und auch dadurch in der ganzen Welt behauptet werden kann, gleichwie die berühmte Republik Martinia alle anderen Sterblichen an Tugenden und Gemütsgaben weit übertreffe, so sei sie auch an äußerlichem Zierrat und Kleiderschmuck, der dem Leib eine Ehre und majestätisches Ansehen geben kann, von allen anderen zu unterscheiden und ihnen weit vorzuziehen. Ich versichere anbei aufs Feierlichste, dass ich hierunter keinen Eigennutz suche und folglich keine Belohnung für meine Arbeit begehre, sondern ich werde damit zufrieden sein, wenn nur der Gemeinnutzen und die Ehre des Volks nach meinem wenigen Vermögen dadurch befördert werden kann. Sofern aber ja ein hoher edler Rat meine wenige Bemühung einiger Belohnung würdig schätzen sollte, so würde ich diese mir erwiesene Gewogenheit mit allem erdenklichen Dank annehmen, damit Dero Freigebigkeit der ganzen Welt bekannt gemacht und andere zu dergleichen und noch herrlicheren Erfindungen angefrischt werden mögen. Und bloß in dieser Absicht will ich mich der Freigebigkeit des Rats und der ganzen Republik Martinia nicht widersetzen. Übrigens aber empfehle ich mich Euer Herrlichkeiten bestermaßen und verharre eines hochedlen Rats Martinia, am 7. des Monats Astral Untertänigster Diener Kakidoran Als hierauf der Syndikus in den Rat ging, nahm er beides, die Perücke und meine Bittschrift mit, und ich hörte, dass an diesem Tag alle Gerichtshändel aufgeschoben und beiseite gesetzt worden seien, und dass sie alle miteinander bloß mit der Untersuchung der neuen Erfindung beschäftigt gewesen waren. Als man die Stimmen gesammelt, wurde das zierliche Ansehen meines Meisterstücks gelobt, meine künstliche Hand gerühmt, meine Demut gebilligt und mir zugleich eine Belohnung zu geben in Vorschlag gebracht worden. Im ganzen Rat waren nicht mehr als drei Ratsherren gewesen, die diesem Ratschluss widersprochen hatten. Aber sie waren deswegen sehr übel angesehen und für ungelehrte, unhöfliche und unwürdige Ratsmitglieder gescholten worden. Nachdem nun der Ratschluss gefasst worden war, wurde ich aufs Rathaus gerufen, und da stand bei meiner Ankunft der oberste Affe auf, und nachdem er mir im Namen der ganzen Republik Dank abgestattet und zugleich angezeigt hatte, man werde meine Erfindung und Bemühung nach Verdienst belohnen, so fragte er mich, wie lange ich wohl Zeit brauchte, noch eine Perücke anzufertigen. Hierauf antwortete ich ihm, es würde mir dies statt einer ansehnlichen Belohnung dienen, dass mein Kunststück den Beifall so großer und vornehmer Männer verdiene und von einem ganzen edlen Rat gütigst aufgenommen worden wäre. Im Übrigen machte ich mich verbindlich, innerhalb von 2 Tagen noch eine Perücke zu verfertigen und ich versicherte, wenn sonst noch andere zur Handarbeit geschickte Affen, denen ich diese Kunst lernen wollte, mir zugleich zu Werke gingen, dass wir innerhalb Monatsfrist so viele Perücken machen wollten, dass die ganze Stadt damit versehen werden könnte. Durch diese Antwort wurde der Syndikus bewegt, dass er in folgende Worte ausbrach: »Das sei fern, mein lieber Kakidoran, dass dieser Kopfschmuck in der ganzen Stadt gemein werde und wegen allzu freien Gebrauchs etwas von ihrem Wert verlieren sollte, denn es ist allerdings nötig, dass der Adel vom gemeinen Pöbel unterschieden bleibe.« Diesem Ausspruch eines so ansehnlichen Mannes stimmten sie alle einmütig bei und es wurde den Zensoren der Stadt befohlen, sie sollten ja genau Acht darauf haben, dass dieser Ratschluss nicht übertreten oder dass durch allzu gemeinen Gebrauch der Perücken der Adel an seinem Ansehen leiden und so eine unvergleichliche Zierde durch den Pöbel verunehrt werden möchte. Aber dieser Befehl hatte eben die Wirkung, die insgemein alle Gesetze haben, die den übrigen Aufwand verbieten und die zum Nachteil der Bürgerschaft gegeben werden, denn es macht das gemeine Volk nur noch hitziger und begieriger, solche zu übertreten. Und da dieser Kopfschmuck einem jeden über die Maßen gut gefiel, so erkauften sich die reichsten Bürger der Stadt vom Rat entweder hohe Titel oder ließen sich für Geld adeln, andere aber sahen, wie sie ein Gleiches durch gute Freunde zuwege bringen konnten, dermaßen, dass innerhalb kurzer Zeit der halbe Teil der Stadt geadelt war. Als aber endlich aus den Provinzen, die unter Martinia standen, häufig Bittschriften einliefen, dass man ihnen auch erlauben möchte, Perücken zu tragen, so hielt es der Rat für dienlich, das Gesetz wieder aufzuheben und solches einem jeden freizustellen, dass ich also mit Vergnügen alles Volk in Perücken gehen sah, ehe ich aus Martinia wieder wegging. Es war in der Tat lustig anzusehen, wenn sich die Affen so mit Perücken geputzt hatten. Die Erfindung hatte dem ganzen Volk so gut gefallen, dass sie eine ganz neue Jahrrechnung von der Erfindung der Perücken angefangen haben und davon schreibt sich das Haarige Alter in den martinianischen Jahrbüchern her. Doch dass ich wieder auf mich selbst zurückkomme: Ich wurde mit Lobeserhebungen ganz überhäuft und nachdem man mir einen Purpurmantel umgetan, wurde ich auf dem Tragsessel des Syndikus nach Hause getragen, dass also der Sänftenträger, der kürzlich noch mein Kollege gewesen war, mir jetzt, statt eines Pferdes, dienen musste. Von dieser Zeit an speiste ich auch mit dem Syndikus am Tisch. Nach diesem angenehmen Vorspiel meines Glücks setzte ich das angefangene Werk fleißig fort und mithilfe derjenigen, die mir zugegeben wurden, verfertigte ich in kurzer Zeit so viele Perücken, wie für den gesamten Rat nötig waren, und nachdem ich einen ganzen Monat über solche Arbeit zugebracht hatte, überreichte man mir einen Adelsbrief, der folgendermaßen abgefasst war : »Wegen einer vortrefflichen und dem Gemeinwesen sehr heilsamen Erfindung, womit sich Kakidoran, der aus der Stadt Europa gebürtig ist, das ganze Martinianische Volk ungemein verbindlich gemacht hat, haben wir beschlossen, ihn hiermit in den Adelsstand zu erheben, dermaßen, dass er und seine Nachkommen von jetzt an als wahre und rechte Edelleute geachtet werden, auch sich aller Privilegien, Rechte und Freiheiten, so dem martinianischen Adel eigen sind, zu erfreuen haben sollen. Wir verordnen ferner, dass er auch einen neuen Namen führen und statt Kakidoran, künftig Kikidoran genannt werden soll, ja, weil auch dieser neue Ehrenstand mehrere Unkosten erfordert, dass er sich seinem Stand gemäß halten könne, so billigen wir ihm hiermit zum jährlichen Einkommen 200 Pataren. Gegeben auf dem Rathaus in Martinia am 4. Tag des Monats Merian und mit des Rats größerem Insiegel bekräftigt.« Auf diese Weise war ich aus einem niederträchtigen Sänftenträger nun zu einem Edelmann geworden und lebte eine Zeit lang in der größten Ehre und Glückseligkeit. Und als die Martinianer sahen, dass ich bei dem Syndikus sehr wohl angeschrieben stünde, so bewarben sie sich alle miteinander um meine Gunst und Gewogenheit. Viele, die etwas zu erhalten suchten, gingen in ihrer Schmeichelei so weit, dass sie mir um die Wette Lobschriften überreichten und mir ganz unbekannte Tugenden andichteten. Einige trugen sogar kein Bedenken, mein Geschlechtsregister sehr weitläufig und von vielen hundert Jahren her auszuführen oder zu beschreiben, obgleich sie wussten, dass ich ein Bürger einer ganz unbekannten Welt war. Aber dergleichen Geschlechtsregister waren mir eben so angenehm nicht, indem ich es für keine Ehre schätzte, von den Affen herzustammen. Und da es ferner in Martinia gebräuchlich ist, die Schwänze der Vornehmsten mit vielen Lobeserhebungen herauszustreichen, fast auf eben die Art, wie etwa unsere Poeten ein schönes Frauenzimmer zu preisen pflegen, so rühmten auch einige Poeten, die meine Gunst gern erlangen wollten, die Vortrefflichkeit meines Schwanzes auf das Höchste, da ich doch gar keinen Schwanz hatte. Mit einem Wort, die Fuchsschwänzerei nahm dermaßen überhand, dass mir ein ansehnlicher Mann, den ich aber aus Hochachtung für seine Familie nicht nennen will, seine Frau zu meinem Vergnügen anbot und sich für solche Freiwilligkeit weiter nichts ausbat, als dass ich nur eine Fürbitte für ihn beim Syndikus einlegen möchte. Dergleichen unflätiges Schmeicheln macht, dass die martinianischen Jahrbücher wegen der Materie kaum gelesen zu werden verdienen, weil nichts als ein schwülstiger Mischmasch von Lobeserhebungen darin enthalten ist, obschon die Schreibart durchgängig zierlich und nett ist. Es gibt daher in diesem Land bessere Dichter als Geschichtsschreiber, ja, es ist ausgemacht, dass nirgends sinnreichere Poeten zu finden sind als hier, die man der vortrefflichen Einbildungskraft und hurtigen Einfällen der Martinianer zuschreibt. Ich hatte mich lange Zeit in diesem Land einer guten Gesundheit zu erfreuen, obgleich mir die Hitze, welche die beständige Gegenwart der Sonne verursachte, sehr beschwerlich fiel. Einmal lag ich zwar am Durchfall, wozu noch ein verzehrendes Fieber kam, danieder, aber das Fieber hielt nicht lange an und ich kann versichern, dass mir der Arzt, der mich damals kurierte, wegen seines plauderhaften Mauls, so diesem Volk ganz eigen ist, weit beschwerlicher war als die Krankheit selber. Da ich aber bei dergleichen Umständen einen Arzt nötig hatte, bot sich ein gewisser Doktor der Arzneikunst von sich selbst aus bei mir an, über dessen Anblick ich mich des Lachens nicht enthalten konnte, weil es eben derjenige war, der mir noch vor kurzem den Bart geputzt hatte, dass es klang. Als ich ihn fragte, wie es zuginge, dass er aus einem Barbier so geschwind ein Doktor geworden sei, gab er mir zur Antwort, er nähre sich von beidem. Als ich nun hierüber stutzig war und überlegte, ob ich einem so vielwissenden Affen mein Wohl sicher anvertrauen könnte und sagte, ich wolle lieber einen Arzt haben, der die Arztkunst allein studiert habe, so schwor er aufs Höchste, ich würde dergleichen Ärzte in der ganzen Stadt nicht finden. Und also war ich gezwungen, mich unter seine Kur zu geben. Hatte ich mich vorher gewundert, so wunderte ich mich über die Eilfertigkeit dieses Arztes noch mehr, denn nachdem er mir ein Tränkchen verschrieben, das ich einnehmen sollte, lief er geschwind einmal fort und sagte, er könne unmöglich bei mir bleiben, weil ihn andere Geschäfte, die er jetzt auch erledigen müsse, eilen hießen. Da ich nun fragte, was es denn für notwendige Verrichtungen seien, gab er zur Antwort, die Stunde rücke nun heran, da er in einer gewissen kleinen Stadt sein gewöhnliches Amt verwalten müsse, wo er Notar und Gerichtsschreiber sei, und ich hörte, dass es hier zu Lande etwas ganz Gewöhnliches ist, dass sich eine Person in vielerlei Händel mischt, weil niemand Bedenken trägt, mancherlei, sich ganz zuwiderlaufende Ämter, auf sich zu nehmen. Denn sie verlassen sich hierbei auf die Hurtigkeit ihres Verstands, kraft derer sie ihre Geschäfte ebenfalls sehr hurtig verrichten. Doch nahm ich aus den verschiedenen Fehlern und Schnitzern, die sie begehen, gar leicht ab, dass diese feurigen Köpfe der Republik mehr zur Zierde dienten, als dass sie großen Nutzen von ihnen haben sollte. Nachdem ich 2 Jahre in diesem Land, teils als Sänftenträger, teils als Edelmann, zugebracht hatte, begegnete mir ein unvermuteter Zufall, der mich beinah das Leben gekostet hätte. Ich hatte bisher im Palast Ihrer Exzellenz mehr Gunst, als ich vermuten konnte, genossen, und die Gemahlin des Syndikus hatte mich ihrer ganz besonderen Gewogenheit gewürdigt, sodass ich unter allen ihren Freunden den obersten Platz zu haben schien. Sie hatte sich des Öfteren auch ganz allein mit mir unterredet und, obgleich es schien, dass sie ein besonderes Wohlgefallen an meiner Gegenwart hätte, so redete sie mich doch alle Zeit mit einiger Schamhaftigkeit an, sodass ich ihre Gunstbezeugung nicht anders als wohl auslegen konnte und nicht im Geringsten mutmaßte, dass unter dieser Gewogenheit eine unreine Liebe verborgen läge, zumal bei so einer Frau, die unter den übrigen Affen sowohl ihrer Tugenden, als vortrefflichen Ahnen wegen berühmt war. Mit der Zeit aber erweckten mir ihre zweideutigen Reden gleichwohl einigen Argwohn, der durch ihre Farbe, Abnehmen des Leibs, blasses Angesicht, niedergeschlagene Augen und durch einige, zuweilen tief geholte Seufzer vermehrt wurde. Endlich aber wurden mir die Augen vollkommen aufgetan, als mir eine Jungfer ein Handbriefchen folgenden Inhalts überbrachte: Allerliebster Kikidoran! Die vortreffliche Geburt und die unserem Geschlecht angeborene Schamhaftigkeit haben die Funken der Liebe, die schon lange in meinem Herzen verborgen gelegen, bisher noch immer gedämpft, bis sie nun endlich voll in Brand geraten. Ich bin daher gänzlich überwunden und kann der Heftigkeit meiner Liebe nicht länger widerstehen. Hab deshalb Mitleid mit derjenigen, die ihre Liebe frei bekennt und die sie nimmermehr an den Tag würde gegeben haben, wenn sie deren allzu große Heftigkeit nicht dazu gezwungen hätte. Ptarnusa Wie sehr ich über diese unvermutete Liebeserklärung erschrak, ist mit Worten gar nicht auszudrücken. Doch da ich es für rühmlicher hielt, mich der Rache einer wütenden Frau auszusetzen, als die Gesetze der Natur durch eine unerlaubte und schändliche Vermischung mit einer nicht menschlichen Kreatur zu übertreten, so setzte ich folgende Antwort auf: Gnädige Frau! Die beständige Gewogenheit, die Ihre Exzellenz, der Herr Syndikus, mir bisher geschenkt, die Wohltaten, mit denen er mich wider Verdienst überhäuft, die Unmöglichkeit, Sie in Dero Verlangen zu befriedigen, und unzählige andere Ursachen, die ich hier nicht einmal erwähnen will, fordern von mir, dass ich mich vielmehr dem Zorn und Widerwillen meiner gnädigen Frau unterwerfen muss, als dass ich in eine Sache willigen sollte, die mich zu dem Allerleichtfertigsten und Ungerechtesten unter allen Menschen machen würde, wenn ich es täte. Es wird mir etwas zugemutet, das mir herber als der Tod ist. Mir wird etwas aufgetragen, das ich ohne die größte Schande einer so hoch ansehnlichen Familie nicht zu Werke bringen kann, denn es ist so beschaffen, dass es dem Herren selbst den größten Nachteil verursacht. Ich beteure hiermit aufs Heiligste, dass ich hierin den Wunsch meiner gnädigen Frau unmöglich erfüllen kann, obgleich ich sonst in allen Dingen einen blinden Gehorsam verspreche. Kikidoran Unten an den Brief hängte ich noch folgende Erinnerung an: Bedenke, was Du tust, das Laster ist zwar groß, Doch gib ihm nur alsbald im Anfang einen Stoß, Und führe weiterhin ein tugendhaftes Leben, So wird das Übrige sich von sich selber geben. Diese Antwort versiegelte ich mit meinem Ring und gab sie eben derselben Jungfer, die mir den Brief der Frau gebracht hatte. Und was ich vermutet hatte, geschah auch, denn die heftige Liebe wurde in den tödlichsten Hass verwandelt. Der Schmerz verschloss ihr den Mund, dass sie vor Wut kein Wort herausbringen konnte, ja, sie war nicht vermögend vor allzu großer Bestürzung, eine Träne aus ihren Augen rinnen zu lassen, und sie dachte auf nichts weiter, als wie sie nur ihre Rache an mir ausüben wolle. Doch schob sie ihre Rache eine Zeit lang auf, bis sie das Liebesbriefchen, das sie mir geschrieben, wieder von mir zurückhatte. Nachdem ich es ihr aber wieder zugestellt, erkaufte sie einige, die mit einem Eidschwur beteuern mussten, ich hätte in Abwesenheit des Syndikus sein Ehebett beflecken wollen. Diese Unwahrheit wurde mit solcher Kunst und Wahrscheinlichkeit vorgetragen, dass der Syndikus alles völlig glaubte und mich ins Gefängnis legen ließ. Unter diesen Umständen war nun kein anderer Rat für mich übrig, als dass ich mich zu dem mir fälschlich angedichteten Laster freiwillig bekannte und den Syndikus um Gnade und Barmherzigkeit anflehte, wodurch ich entweder seinen Zorn zu lindern, oder doch wenigstens mit einer leidlichen Strafe wegzukommen hoffte. Denn sich mit einem so mächtigen Haus in einen Prozess einzulassen und zumal in so einem Land, wo man nicht auf die Richtigkeit der Sachen, sondern bloß auf die Umstände der Personen sieht, schiene mir höchst töricht gehandelt zu sein. Ich setzte daher alle Verteidigung beiseite und wandte mich nur zum Bitten und Flehen, doch bat ich nicht sowohl um Abwendung als nur um einige Linderung der Strafe. Da ich mich nun auf diese Weise freiwillig eines Lasters schuldig bekannt hatte, an das ich niemals gedacht hatte, wurde ich doch wenigstens von der Todesstrafe befreit und nur zu ewigem Gefängnis verdammt. Mein Adelsbrief wurde mir wieder abgenommen und durch den Scharfrichter zerrissen, ich selber aber wurde auf eine Galeere gebracht und sollte da Ruder ziehen. Das Schiff war auf Rechnung der Republik zur Fahrt nach Mezendore oder in die wunderbaren Länder bestimmt, die zu bestimmten Jahreszeiten, nämlich im Monat Radir, angestellt zu werden pflegt. Aus diesen Ländern werden allerhand Waren eingeführt, die in Martinia nicht zu haben sind, sodass die mezendorischen Gegenden gleichsam das Indien der Martinianer sind. Die mezendorische Handelskompanie besteht aus Kaufleuten, sowohl adeligen als bürgerlichen Stands, unter denen die Waren, wenn das Schiff zurückkommt, nach eines jeden Anteil oder nach der Zahl der Aktien eingeteilt werden. Hier werden die Schiffe durch Segel und Ruder regiert und an jedes Ruder zwei Sklaven gestellt. Und zu so einer Arbeit wurde ich bei dieser Reise auch verdammt. Wie mir damals zu Mute gewesen sein muss, kann jeder leicht erachten, zumal, da ich nichts verschuldet hatte, weswegen ich unter dergleichen liederliches Gesindel gesteckt zu werden verdiente oder das so einer knechtischen Arbeit und der Karbatsche wert gewesen wäre. In Martinia wurde über meinen Unfall, nach dem die Gemüter gesinnt waren, verschiedentlich gesprochen. Einige meinten, ich hätte dergleichen Strafe zwar verdient, doch hätten sie dieses Verbrechens, oder vielmehr der darauf erfolgten Strafe wegen, einiges Mitleid mit mir. Andere hielten dafür, man hätte doch meine Verdienste einigermaßen in Betracht ziehen und die Strafe deswegen lindern sollen. Die Affen aber, die am redlichsten gesinnt waren, murmelten miteinander, ich sei ganz und gar fälschlich angeklagt worden, doch unterstand sich aus Furcht vor so mächtigen Anklägern niemand, sich meiner öffentlich anzunehmen. Ich entschloss mich daher, mein Unglück geduldig zu ertragen und mein vornehmster Trost war die künftige Schifffahrt, weil ich sehr neugierig war und auf dieser Reise wunderbare und unerhörte Dinge zu sehen hoffte, obgleich ich nicht alles glaubte, was mir die Schiffsleute erzählten, mir auch nimmermehr einbilden konnte, dass es noch so viele und so große Wunder der Natur geben könne. Auf unserem Schiff waren unterschiedliche Dolmetscher, deren sich die mezendorische Handelskompanie bei diesen Schifffahrten bediente, denn durch deren Vermittlung musste aller Kauf und Verkauf geschehen.