Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
22.03.2026 57 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 10
Reise zum Firmament
Besonders hörenswert:
amüsante Passage übers Schminken
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Reise zum Firmament
Besonders hörenswert:
amüsante Passage übers Schminken
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
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Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
10. KAPITEL
Reise zum Firmament
Bisher habe ich noch nichts von der erstaunlichen
Verbannung nach dem fernen Firmament hin erzählt,
weswegen ich sie hier, wo es sich am besten
schickt, deutlich beschreiben will. Es lassen
sich hier jährlich zweimal gewisse ungeheuer große
Vögel sehen. Man nennt sie Cupac oder Postvögel,
und sie kommen zu bestimmten Zeiten an, ziehen
auch zu gewissen und gesetzten Zeiten wieder weg.
Über diese ordentliche Zeit, die sie in ihrer
Ankunft sowohl wie in ihrem Abzug einhalten,
haben sich die unterirdischen Naturkundler schon
lange die Köpfe zerbrochen. Einige halten dafür,
sie würden durch eine gewisse Art sehr großer
Fliegen, die zu der Zeit sehr häufig zu finden
sind, und die ihre liebste Speise zu sein
scheinen, angelockt, dass sie auf diesen
Planeten herabkämen, und ich selbst trage keine
Bedenken, dieser Meinung beizupflichten. Denn
man sagt, die Sache sei ganz klar, weil
die Vögel alsbald wieder Abschied nähmen,
wenn gedachte Fliegen sich verlieren und wieder
nach dem Firmament zurückkehren. Dass dies von
einem gewissen natürlichen Trieb herrühren könne,
kann man durch andere Vögel gar deutlich erweisen,
die sich ebenfalls, einer gleichen Ursache wegen,
zu gewissen Zeiten in unterschiedlichen Ländern
sehen lassen. Andere glauben, sie würden von
den Einwohnern des Firmaments so abgerichtet,
dass sie wie Falken oder andere Raubvögel
in andere Länder auf Raub ausgeschickt
werden können. Diesen Satz wollen sie durch die
besondere Sorgfalt und Geschicklichkeit beweisen,
die gedachte Vögel anwenden, wenn sie nach
verrichteter Reise ihren Raub niedersetzen. Ja,
sie zeigen auch aus anderen Umständen, die Vögel
seien entweder mit allem Fleiß abgerichtet oder
sie müssten gar mit Vernunft begabt sein, denn
wenn die Zeit herannaht, dass sie wieder wegziehen
wollen, werden sie dermaßen kirre und zahm, dass
sie Netz und Garn über sich werfen lassen, unter
denen sie etliche Tage ganz ruhig und unbeweglich
liegen bleiben und mit Ungeziefer gespeist werden,
dessen man zu der Zeit eine große Menge auffängt
und sammelt. Denn durch diese Speise lassen sie
sich noch so lange aufhalten, bis man alles
zubereitet hat, was diejenigen vonnöten haben,
die verbannt werden sollen. Dies geschieht nun
folgendermaßen. An die Netze, unter denen die
Vögel verstrickt liegen, wird eine Kiste oder
ein Kasten mit einem Strick fest angebunden.
Ein jeder solcher Kasten ist nur auf einen Baum
oder eine Person eingerichtet. Wenn nun die Zeit
ihres Abzugs herankommt und die Fliegen abnehmen,
die ihnen zur Speise dienten, so schwingen die
Vögel sich in die Höhe und fliegen wieder auf und
davon. Auf diese Weise war das wunderbare Fuhrwerk
beschaffen, auf dem ich nebst anderen Gefangenen
in eine neue Welt geführt werden sollte. Ich hatte
damals zwei Bürger aus Potu zu Reisegefährten,
die anderer Verbrechen wegen ins Elend wandern
mussten. Der eine war ein Metaphysiker, der die
Gesetze dadurch übertreten hatte, dass er von dem
Wesen Gottes und der Natur der Geister disputiert
hatte. Anfangs hatte man ihn zur Ader gelassen,
als man ihn aber kurz darauf wieder ertappte,
wurde ihm die Verbannung nach dem Firmament
zuerkannt. Der andere war ein Schwärmer,
der gegen die Religion und obrigkeitliche
Gewalt allerhand Zweifelknoten geknüpft und auf
diese Weise alle beide zu stürzen schien. Dieser
wollte den Gesetzen des Landes nicht gehorchen,
indem er vorgab, der bürgerliche Gehorsam sei
gegen sein Gewissen. Seine Freunde hatten sich
bemüht, mit den stärksten Beweisgründen seine
Halsstarrigkeit zu unterbrechen, indem sie ihm
zeigten, wie vielem Gelächter und Verspottungen
dergleichen eingebildete Gewissensskrupel und sich
selbst gemachte Eingebungen unterworfen seien.
Sie sagten ihm ferner, es werde öfters eine
Melancholie, die aus verderbten Säften im Körper
entstehe, mit einem Eifer, einem guten Gewissen
oder einer himmlischen Eingebung konfundiert; ja,
sie wiesen ihm nach, wie töricht es sei, sich
auf den Ausspruch seines Gewissens zu berufen
und wie unbillig man verlange, dass andere die
Bewegungen unseres Gemüts sich ebenfalls zur Regel
und Richtschnur in Glaubenssachen setzen sollten,
die doch auf diese Weise just das Gegenteil von
uns verlangen könnten, dass wir uns nämlich nach
ihren Gerichten richten sollten. Endlich zeigten
sie ihm noch, dass niemand, der auf seinem Kopf
so eigensinnig beharre und gedachten Grundsatz
so hartnäckig verteidige, in der bürgerlichen
Gesellschaft geduldet werden könne, indem ein
rechtschaffener Bürger den öffentlichen Gesetzen
einen blinden Gehorsam schuldig sei, ein Schwärmer
aber, wie er einer sei, gäbe vor, er wolle und
könne vermöge seines Gewissens solches nicht tun.
Doch da alle Vorstellungen und Beweisgründe,
wie es bei dergleichen Schwärmern in der Regel
zu geschehen pflegt, bei diesem Fanatiker
nichts fruchten wollten, wurde er als ein
halsstarriger Kopf, von dem keine Besserung
zu hoffen, in die Acht erklärt und nach dem
Firmament verbannt. Es waren also damals unserer
drei zu dieser wunderbaren Reise bestimmt,
nämlich ein Projektemacher, ein
Metaphysiker und ein Schwärmer.
Zu Anfang des Birkenmonats wurden wir, ein
jeder für sich, aus unseren Gefängnissen
an bestimmte Orte geführt. Was aber mit
meinen Mitgefangenen weiter vorgegangen,
weiß ich nicht, denn ich kümmerte mich um fremde
Dinge damals nicht, weil ich mit mir selber genug
zu tun hatte. Als ich an den bestimmten Ort
kam, wurde ich alsbald in den Kasten gesteckt
und bekam so viel Speise mit auf den Weg, wie
ich etwa zu etlichen Tagen nötig haben möchte.
Kurz darauf, als die Vögel sahen, dass man ihnen
kein Futter mehr gab, wurden sie gleichsam ihres
Abzugs erinnert und flogen mit unglaublicher
Geschwindigkeit durch die Luft davon.
Die unterirdischen Einwohner glauben insgeheim,
der Planet Nazar sei vom Firmament 100 Meilen
entfernt. Wie lange ich aber auf dieser
Reise zugebracht habe, kann ich nicht sagen,
doch schien es mir, als wenn diese Schifffahrt
durch die Luft ungefähr 24 Stunden gewährt hätte.
Nachdem eine Zeit alles ganz still gewesen war,
hörte ich endlich ein unverständliches Gemurmel,
woraus ich schloss, dass ich nicht weit
vom Land sein müsse. Und nun sah ich,
wie die Vögel sorgfältig abgerichtet waren, denn
sie setzten den Kasten mit solcher Behutsamkeit
und Geschicklichkeit auf die Erde nieder, dass
er nicht im Geringsten beschädigt wurde. Hier
wurde ich alsbald von einer großen Menge Affen
umgeben, deren Anblick mir nicht geringe Furcht
verursachte, weil ich von dergleichen Tieren auf
dem Planeten Nazar schon gewaltig war fixiert
worden. Ja, meine Furcht vermehrte sich, als ich
hörte, dass diese Affen miteinander schwatzten,
und als ich sah, dass sie bunte Kleider
anhatten und mit gemessenen Schritten
aufrecht einhergingen. Hieraus schloss ich, dass
diese Affen vielleicht Einwohner des Landes seien,
doch weil mir bei so mancherlei wundersamen
und ungewöhnlichen Dingen, an die ich mich
bisher hatte gewöhnen müssen, fast nichts mehr
als neu und ungewohnt hätte vorkommen sollen,
so erholte ich mich von meiner Furcht wieder,
zumal da ich sah, dass die Affen sehr leutselig
und höflich mit mir umgingen und mich mit aller
Sorgfalt aus meinem Kasten herauszogen. Ich glaube
fast nicht, dass auf unserem Erdboden königliche
und fürstliche Gesandte mit mehr Zeremonien und
Ehrenbezeugungen empfangen werden, als sie mir
diese Affen erwiesen. Es trat der Reihe nach
einer nach dem andern zu mir und komplimentierte
mich mit diesen Worten: Pul Asser. Nachdem sie
dieses Kompliment des Öfteren wiederholt hatten,
machte ich ihnen endlich mein Gegenkompliment
und sagte ebenfalls: Pul Asser, worüber sie ein
abscheuliches Gelächter aufschlugen, dabei aber
durch allerhand liebreiche Gebärden zu verstehen
gaben, dass ihnen die Wiederholung gedachter Worte
ungemein gut gefiele. Ich wurde hierauf bald
gewahr, dass die Einwohner dieses Landes sehr
leichtsinnig, neugierig und schwatzhaft waren.
Wenn sie redeten so schien es, als wenn man auf
Pauken schlüge, denn sie hatten eine unglaublich
hurtige Aussprache und kollerten fast alles in
einem Atem heraus, und damit ich es mit wenig
Worten sage, sie waren an Aufführung, Sitten,
Sprache und Leibesgestalt akkurat das Gegenteil
von den Potuanern. Über meine Leibesgestalt
schienen sie anfangs ganz erstaunt zu sein. Die
Hauptsache ihrer Verwunderung aber war, dass
ich keinen Schwanz hatte wie sie, denn da unter
allen unvernünftigen Tieren keines an Gestalt dem
Menschen so nah kommt wie die Affen, so hätten
sie mich gewiss auch für einen Affen gehalten,
wenn ich mit einem Schwanz versehen gewesen wäre,
zumal da sie sahen, dass die übrigen Einwohner
des Planeten Nazar, die die Vögel nach und nach
zu ihnen gebracht hatten, ganz und gar nichts
Ähnliches mit mir hatten. Zu der Zeit, als ich in
diesem Land ankam, waren die Meere überall sehr
aufgeschwollen, weil der Planet Nazar diesem Land
jetzt sehr nahe stand: Denn ebenso wie bei uns die
Ebbe und Flut des Meeres mit dem Lauf des Mondes
übereinstimmt, so richtet sich auch dieses Meer
im Firmament nach dem Lauf des Planeten Nazar, und
seine Ebbe und Flut ist viel stärker, wenn er am
nächsten dabei steht, und viel schwächer,
wenn er am weitesten davon entfernt ist.
Man führte mich alsbald in ein geräumiges
Haus, das mit Steinen, Spiegeln, Marmor,
kostbaren Gefäßen und Tapeten auf das Herrlichste
ausmöbliert war. Am Eingang standen Torhüter,
woraus ich leicht schließen konnte, dass hierin
kein gewöhnlicher Affe wohnen könne. Kurz darauf
hörte ich auch, dass der Herr dieses Hauses der
Bürgermeister sei. Dieser war begierig, mit mir zu
reden und bestellte daher einige Sprachmeister,
die mich in der Landessprache unterrichten
sollten. Man wandte hierzu beinah ein Vierteljahr
an, binnen welcher Zeit ich diese Sprache hurtig
genug reden gelernt hatte, und ich glaubte, man
würde mich durchgängig wegen der Hurtigkeit meines
Verstands und meines guten Gedächtnisses halber
bewundern. Aber meinen Sprachmeistern kam ich
so langsam und so dumm vor, dass sie mich aus
Ungeduld oft verlassen wollten. Ich bekam hier
also einen neuen Beinamen, denn wie man mich
auf dem Planeten Nazar wegen meines hurtigen
Verstands aus Verachtung nur Scabba oder den
Frühklugen genannt hatte, so nannten mich im
Gegenteil hier diese Affen, meiner Dummheit und
Langsamkeit wegen, nur Kakidoran oder den Tölpel.
Denn hier macht man nur aus denjenigen etwas, die
eine Sache geschwind erfassen und ihre Meinung
oder Gedanken mit vielen und prächtigen Worten
vortragen können. Während ich in der Sprache der
Affen unterrichtet wurde, ging mein Wirt
öfters mit mir durch die Stadt spazieren,
da sah ich denn, dass man hier herrlich lebte
und an aller Pracht ein Überfluss zu finden war,
denn wir konnten vor Menge der Wagen, Kutschen,
Bedienten und anderem hin- und herlaufenden Pöbel
fast nirgends durchkommen, sondern wir mussten
uns jedesmal den Weg mit Gewalt öffnen. Dies aber
war noch nichts gegen die Schwelgerei zu rechnen,
die in der Hauptstadt des Landes getrieben wurde,
wo man gleichsam wie in einem Mittelpunkt alles
beisammen sehen konnte, was nur die Eitelkeit der
Sterblichen entdecken kann. Nachdem ich nun die
Landessprache völlig erlernt hatte, führte mich
mein Wirt nach der Hauptstadt, wo er bei einem
gewissen Ratsherrn sich ungemein zu rekommandieren
gedachte, wenn er ihm mit mir, als etwas Neuem
und Ungewöhnlichem, ein Präsent machte, denn
die Regierungsform ist hier aristokratisch und die
höchste Gewalt der Republik steht beim großen Rat,
in dem alle Mitglieder aus vornehmen Geschlechtern
entsprossen oder von Geburt Patrizier sind.
Affen von einfachem Stand werden höchstens nur
Hauptleute oder Statthalter in Provinzen und
Stadtrichter in kleinen Städten. Es werden zwar
bisweilen auch einige zu Bürgermeistern verordnet,
doch das geschieht nicht eher, als bis sie
sich vorher durch etwas ganz Besonderes
verdient gemacht haben. Auf diese Weise
war auch mein Wirt Bürgermeister geworden,
denn er war so voller Einfälle, dass er
innerhalb eines Monats 28 neue Gesetze
und Projekte ersonnen hatte, und obschon
seine Neuerungen, die er erdacht hatte,
ohne Nachteil für das Gemeinwohl nicht
bestehen konnten, so waren es doch Proben
seines fruchtbaren Ingeniums, wodurch er sich
ein Ansehen erworben hatte, denn in der ganzen
unterirdischen Welt werden die Projektemacher
nirgends höher geschätzt als in dieser Republik.
Die Hauptstadt der Republik wird Martinia genannt,
wovon auch das ganze Land seinen Namen hat.
Diese Stadt ist wegen ihrer Situation,
vortrefflicher Künstler, besonderer
Geschicklichkeit in der Schifffahrt und wegen
ihrer zahlreichen Schiffsflotte ungemein berühmt.
An Größe und Zahl der Einwohner, glaube ich, wird
sie Paris wenig nachgeben. Auf allen Gassen der
Stadt wimmelte es dermaßen von Volk, dass wir uns
mit den Händen und Prügeln den Weg öffnen mussten,
als wir nach derjenigen Gegend der Stadt unseren
Weg nahmen, wo der Syndikus des großen Rats
logierte. Denn dieser war eben derjenige, dem der
Bürgermeister mich zum Geschenk anbieten wollte.
Als wir nah an das Haus des Syndikus gekommen
waren, kehrte mein Wirt in einem Gasthof ein, um
seine Kleider in Ordnung zu bringen, weil er recht
geputzt und zierlich gekleidet bei dem Syndikus
seine Aufwartung machen wollte. Hier fanden sich
eine Menge Lehnlakaien ein, die alle Maskatti oder
die Auszierer genannt werden, deren Handreichung
sich alle diejenigen zu bedienen pflegen,
die einem Ratsherrn die Aufwartung machen wollen,
ehe sie in den Palast eintreten. Die Lehnlakaien
kehren die Kleider aus, machen die Flecken heraus
und bringen alles, was etwa unordentlich daran
ist, mit wunderbarer Geschicklichkeit und Sorgfalt
bis auf die kleinsten Fältchen wieder zurecht.
Einer von diesen Maskattis nahm sich
sogleich des Bürgermeisters Degen,
rieb ihn ab und polierte ihn auf das Schönste, ein
anderer band ihm verschiedene bunte Schleifen an
seinen Schwanz, denn sie lassen sich auf
der Welt nichts so sehr angelegen sein,
wie ihre Schwänze zu zieren. Es gab hier
Ratsherren und noch mehr Ratsherrenfrauen,
denen ihre Schwänze an Festtagen beinah 1.000
Taler nach unserem Geld auszuzieren kosteten.
Der dritte Maskatti oder Auszierer maß mit einem
geometrischen Instrument die ganze Kleidung aus,
um zu sehen, ob alles seine gehörige Proportion
hätte und miteinander übereinstimme. Der vierte
kam mit einer Flasche Schminkwasser herzugelaufen,
womit er ihm das Gesicht verfälschte, der fünfte
untersuchte die Füße und nahm die Nagelschwäre mit
sonderbarer Geschicklichkeit weg, der sechste trug
wohlriechendes Wasser hinzu, womit er Hände und
Füße des Bürgermeisters besprengte, und das ich es
kurz mache, einer brachte ein Tuch zum Abtrocknen,
ein anderer einen Kamm zum Kämmen, wieder ein
anderer einen Spiegel, sich darin zu besehen, und
alles geschah mit solcher Sorgfalt und Emsigkeit,
wie etwa bei uns die Feldmesser die Landkarten
auszumessen und zu illuminieren pflegen,
hierbei dachte ich nun bei mir selber: »Hilf
Himmel, braucht es so viel Umstände und Mühe,
einen Mann zu putzen und auszuzieren, was werden
nicht erst für Mühe und Unkosten erfordert werden,
wenn sich eine Frau schminken, anputzen
und aufs Beste herausschniegeln lässt.«
Und gewiss, die Frauen in Martinia wissen
hierin ganz und gar kein Maß zu halten,
sondern verkleistern ihre Leibesgebrechen
dermaßen mit Schminke, dass sie vor gar zu großer
Zierlichkeit stinken. Denn wenn sich der Schweiß
mit dergleichen Salben und Schmieralien vermischt,
so riechen sie von Stund an nicht anders, als wenn
ein Koch vielerlei Brühen untereinander schüttet,
da man nicht weiß, wonach es riecht und nur so
viel unterscheiden kann, dass es übel riecht.
Als mein Wirt auf diese Weise ausgekehrt,
abgeschminkt, geziert und abgerieben war,
ging er, nur von drei Lakaien begleitet zum Palast
des Syndikus. Als wir in den Vorhof kamen, zog er
die Schuhe aus, damit er den marmornen Fußboden
nicht mit Schlamm oder Staub besudeln möchte.
Hier musste er fast eine Stunde lang warten,
ehe dem Syndikus seine Ankunft gemeldet wurde,
und er wurde nicht eher vor ihn gelassen,
bis er die Bedienten beschenkt hatte,
was hier zu Lande höchst nötig ist, wenn einer
Audienz haben will. Der Syndikus saß auf einem
vergoldeten Stuhl etwas erhoben, und da er mich
nebst meinem Wirt in das Zimmer hineintreten sah,
schlug er ein unmäßiges Gelächter auf und stellte
alsbald so viele närrische und abgeschmackte
Fragen an mich, dass mir der Angstschweiß über
das Gesicht herunterlief. Zu jedweder Antwort,
die ich ihm erteilte, fitzte er die Nase
und verdoppelte sein Gelächter. Ich dachte,
Komödie zu spielen, würde hier als eine
große und löbliche Tugend angesehen,
weil die Republik einen so komödiantenmäßigen
Mann zum Syndikus gewählt und ihm die andere
Stelle im Rat verliehen hätte. Ich entdeckte
auch kurz darauf meinem Wirt diese Gedanken, der
mir aber versicherte, dass er ein Mann von ganz
vortrefflichen Gemütsgaben sei. Denn was er für
einen besonderen Verstand besäße, könnte man aus
der Menge so mannigfaltiger Geschäfte abnehmen,
die er schon in seiner Jugend verrichte.
Denn er habe einen dermaßen fähigen Kopf,
dass er auch beim Trunk die wichtigsten Sachen
erledigen könne, ja, er wäre fähig, während der
Mittags- oder Abendmahlzeit, zwischen jedwedem
Gericht ein Gesetz oder Projekt zu entwerfen.
Hierauf fragte ich, von was für Dauer dergleichen
geschwind abgefasste Gesetze und Projekte zu sein
pflegten, worauf er zur Antwort gab, sie gelten
alle so lange, bis es dem Rat gefällt, sie wieder
aufzuheben und ungültig zu machen. Nachdem der
Syndikus eine halbe Stunde mit mir geschwatzt
hatte und mit fast ebensolcher Fertigkeit
seine Worte hervorgebracht hatte, wie unsere
europäischen Bartputzer zu tun pflegen, kehrt
er sich zu meinem Wirt und sagte, er wolle mich
doch unter seine Bedienten aufnehmen, obgleich er
aus der Unfähigkeit meines Verstands wahrnähme,
dass in meinem Vaterland sehr dicke Luft sein
müsse und ich ganz wahrscheinlich da geboren wäre,
wo andere Schöpse mehr jung würden, und ich mich
folglich kaum zu einem ansehnlichen Amt eignen
würde. Hierauf gab mein Wirt zur Antwort:
»Ich habe selber schon angemerkt, dass er
von Natur aus etwas träge ist, wenn man ihm
aber eine Weile Zeit lässt, etwas zu überlegen,
urteilt er eben so gar ungereimt nicht.«
Hiergegen erwiderte der Syndikus: »Hier
braucht man hurtige und geschwinde Bediente, weil
die Menge der Geschäfte keinen Verzug leidet.«
Und als er dies gesagt, fing er an, meine
Leibeskräfte sorgfältig zu untersuchen, und
ließ mich eine schwere Last von der Erde aufheben.
Als ich dies ohne Beschwerlichkeit getan, fuhr
er fort: »Obgleich er von Natur mit schlechten
Gemütsgaben versehen ist, so hat sie doch diesen
Mangel durch die Leibesstärke einigermaßen
bei ihm ersetzt.« Hierauf hieß er mich ein
wenig einen Abtritt nehmen, da mich denn die
Bedienten und Knechte sehr leutselig empfingen,
aber auch zugleich mit ihrer Schwatzhaftigkeit
und Narrenpossen sehr beschwerlich fielen. Sie
fragten mich von unserer Welt so vielerlei,
dass ich schließlich nicht mehr wusste, was
ich ihnen antworten sollte, und obgleich ich ihnen
endlich noch vieles über die Wahrheit aufheftete,
konnte ich doch ihren Vorwitz nicht befriedigen.
Endlich kam mein Wirt zurück und brachte mir die
tröstliche Botschaft, Ihro Exzellenz hätten
mich unter Dero Hofbediente aufgenommen.
Aus den vorigen Reden des Syndikus konnte ich
leicht schließen, dass die Bedienung, zu der er
mich bestimmt, nicht sonderlich sein würde, und
ich mutmaßte, er würde mich entweder unter die
Torhüter stecken oder mir eine Verwalterstelle
auftragen. Als ich aber meinen Wirt fragte,
zu was für einem Amt ich denn bestimmt sei, gab er
mir zur Antwort: »Ihro Exzellenz haben die Gnade
für dich gehabt und dich zu ihrem Sänftenträger
ernannt, wofür du jährlich 25 Stercolaten
(eine jede martinianische Sterkolate gilt nach
unserer Münze 2 Taler) zu genießen haben sollst,
außerdem hat er versprochen, dass er dich sonst
niemanden als ihn selber und seine Gemahlin will
tragen lassen. Diese Antwort war ein Donnerschlag
in meinen Ohren, und ich stellte ihm ganz
beweglich vor, wie unanständig dies einem freien
und von honetten Eltern geborenen Menschen sei.
Aber die anderen Hofbedienten unterbrachen meine
Reden, indem sie haufenweise herzuliefen und mich,
da ich ohnehin schon halb tot war, mit läppischen
Glückwünschen vollends fast gar zu Tode ärgerten.
Denn die Martinianer sind alle leichtsinnige,
liederliche und ungestüme Wäscher, die niemals auf
den Wert einer Sache sehen, sondern nur an platten
und schlüpfrigen Worten ihr Wohlgefallen haben.
Endlich wurde ich in mein Schlafzimmer geführt,
wo meine Abendmahlzeit bereitstand, und nachdem
ich nur ein wenig Speise zu mir genommen, wurde
mir das Bett gezeigt, in dem ich ruhen sollte.
Ich legte mich auch alsbald nieder, konnte aber
vor großem Gemütskummer nicht einschlafen. Der
Hochmut, mit dem mich diese Affen empfangen,
hatte mich fast aller Sinne beraubt,
und ich hatte in der Tat Zentner Geduld vonnöten,
eine so unerträgliche Schmach zu verschmerzen.
Ich beweinte daher meinen Zustand, der mir in
diesem Land noch viel härter schien als der,
in dem ich mich auf dem Planeten Nazar befunden
und brach bei mir selber in diese Worte aus: »Wenn
der Großkanzler in Potu hierher versetzt werden
sollte, der so ein artiger und wohlverdienter Mann
ist und der einen ganzen Monat Zeit haben muss,
wenn er nur einen einzigen Befehl ausführen soll,
hier würde man gewiss wenig aus ihm machen.
Was würde wohl die Palmka sich hier alles
Gute versprochen haben, wo die Ratsherrn über der
Tafel Gesetze erdenken und Befehle ausfertigen.«
Endlich wurde ich nach reiflicher Überlegung
gewahr, dass ich aus dem Land der Weisen in
die Wohnung der Gaukler oder Komödianten versetzt
worden sei. Daraufhin, nachdem mich diese Sorgen
sattsam ermüdet, verfiel ich in einen Schlaf. Wie
lange dieser aber gewährt, kann ich nicht sagen,
weil hier zwischen Tag und Nacht kein Unterschied
ist, denn es ist hier niemals finster, außer,
wenn zu gewissen und bestimmten Zeiten der Planet
Nazar zwischen dieses Land und die unterirdische
Sonne tritt und dadurch eine Sonnenfinsternis
verursacht. Diese Sonnenfinsternisse sind auch
sehr merkwürdig, weil der Planet Nazar, der
nicht allzu weit vom Firmament entfernt ist,
die Sonne ganz und gar verfinstert oder
totale Sonnenfinsternisse verursacht.
Es ist auch wegen der beständigen Gegenwart
der Sonne hier immer dieselbe Jahreszeit,
daher versuchen die Einwohner durch verschiedene
Erfindungen, wie durch den Schatten der Haine,
durch erfrischende Spaziergänge oder
durch tief gegrabene Keller, die
Beschwerlichkeiten der Hitze von sich abzuwenden.
Ich war kaum erwacht, als ein gewisser Affe in
mein Schlafgemach eintrat, der sich meinen
Kollegen nannte und mir mit Stricken einen
falschen Schwanz an meinem Gesäß festmachte,
damit ich auch wie andere Affen aussehen möchte.
Hierauf befahl er mir, ich möge mich bereithalten,
denn der Syndikus würde sich innerhalb einer
Stunde nach dem Gymnasium tragen lassen, wohin er
nebst anderen Ratsherren durch eine öffentliche
Schrift eingeladen worden sei. Dort solle, um
Glock 14 vor Mittag, eine Doktorpromotion vor sich
gehen. Hier ist zu vermerken, obschon wegen des
beständigen Sonnenscheins die Tage von den Nächten
nicht zu unterscheiden sind, gleichwohl die Tage
in gewisse Stunden, halbe und viertel Stunden,
abgeteilt werden, was vermittels gewisser Uhren
oder Sandzeiger geschieht, sodass Tag und Nacht in
Martinia zusammen 22 Stunden in sich fassten. Wenn
nun ungefähr alle Uhren auf einmal stehen blieben,
so wäre es den Bürgern nicht eher möglich, sie
wieder richtig in Gang zu bringen, bis sie die
Uhren anderer Orte in Richtigkeit gebracht hätten.
Denn Sonnenuhren gibt es hier nicht und es können
auch keine angebracht werden, weil die Sonne
beständig vertikal oder über ihnen steht und ihre
Strahlen immer in gerader Linie runterschießen
lässt, sodass nichts einen Schatten von sich
wirft. Wenn man also irgendwo einen Brunnen
gräbt, so wird er über und über von der Sonne
bestrahlt. Was aber das Jahr anlangt, so wird
dies nach dem Lauf des Planeten Nazar eingeteilt,
der noch einmal so geschwind wie das unterirdische
Firmament seinen Lauf um die Sonne vollbringt.
Um 14 Uhr nahmen wir einen vergoldeten Wagen
auf unsere Achseln und trugen Ihro Exzellenz ins
Gymnasium. Als wir in den Hörsaal eintraten, sahen
wir die Doktoren und Magister in ihrer Ordnung
sitzen, die alle vor dem Syndikus aufstanden
und ihm im Vorbeigehen die Schwänze zukehrten.
Dies ist ein Zeichen der Ehrerbietigkeit, um
dieser Ursache willen putzen und zieren sie
auch ihre Schwänze so sorgfältig. Mir aber kam
diese Ehrenbezeugung närrisch und lächerlich
vor. Denn bei uns ist das Zukehren des Rückens ein
Zeichen der Kaltsinnigkeit oder des Widerwillens,
doch einem jeden Narren gefällt seine Kappe. Die
Doktoren und Magister saßen zu beiden Seiten des
Hörsaals und an seinem Ende war ein Katheder
gesetzt, auf dem derjenige stand, der jetzt
Doktor werden sollte. Vor der Promotion wurde
eine Disputation gehalten, die den Titel führte:
»Eine physikalische Inaugural-Dissertation, in der
die schwere Frage untersucht und erörtert wird,
ob der Schall, den die Fliegen und die
anderen Insekten von sich hören lassen,
aus ihrem Maul oder ihrem Hintersten hervorgehe.«
Der Präses verteidigte die erstere Meinung,
die von den Opponenten mit solcher Heftigkeit
angefochten wurde, dass man befürchten musste,
es würde gar darüber zu Schlägen kommen und
sie wären in der Tat handgemein geworden,
wenn nicht der Senat aufgestanden und durch sein
Ansehen diese Hitze gemäßigt hätte. Während der
Disputation spielte man auf Flöten und es war ein
Flötist zugegen, der den Streit mäßigen musste,
denn wenn es zu hitzig wurde, blies er ganz piano,
um die Hitze zu dämpfen, ging es aber zu schläfrig
zu, so blies er allegro, dass sie dadurch wieder
aufgemuntert werden möchten. Aber es wurde des
Öfteren weder durch dieses noch andere Mittel
wenig ausgerichtet, denn es ist schwer, sich in
gebührenden Schranken zu halten, wenn man über so
wichtige Dinge erst disputiert; wie es denn auf
unserer oberen Welt ebenfalls zu geschehen pflegt,
wenn über wichtige und schwere Fragen disputiert
wird, dass die Gemüter nicht wenig aufgebracht
werden. Allein der Zank, von dem ich dachte,
er würde mit Mord und Totschlag enden, legte sich
unvermutet, und sie gratulierten einander aufs
Freundlichste, eben wie auf unseren Hohen Schulen,
wo nach der eingeführten Gewohnheit insgemein der
Präses als Sieger vom Katheder steigt.
Nach beendeter Disputation ging die
Doktorpromotion selbst mit folgenden Zeremonien
vor sich: Als der Kandidat mitten in den
Hörsaal getreten, nahten sich drei Pedelle oder
Universitätsbediente mit ordentlichen Schritten
zu ihm und gossen ihm ein ganzes Fass voll kaltes
Wasser über den Kopf. Hierauf beräucherten sie
ihn mit Weihrauch und endlich gaben sie
ihm ein Brechpulver ein. Als sie dies mit
größter Ehrerbietigkeit und vielen Komplimenten
verrichtet hatten, meldeten sie endlich der ganzen
Versammlung, nun sei er rechtmäßigerweise zum
Doktor kreiert worden. Über so viele wunderliche
und mir ganz unbekannte Zeremonien staunte ich
nicht wenig und fragte einen gelehrten Affen,
der neben mir stand, was das alles vorstellen
solle. Der hatte Mitleid mit meiner Unwissenheit
und sagte: »Durch das Wasser, den Weihrauch
und das Brechpulver wurde dies angedeutet:
Der neue Doktor solle die Schandflecken
der alten Laster abwaschen und hingegen
neue und dergleichen Sitten annehmen, die ihn vom
gemeinen Pöbel unterscheiden.« Als ich dies hörte,
war ich selber über meine Dummheit ungehalten
und nachdem ich mich sattsam darüber gewundert,
fragte ich weiter um nichts, damit es nicht das
Ansehen haben möchte, als wenn ich niemals mit
hübschen und verständigen Leuten umgegangen sei.
Endlich ließen sich Pauken und Trompeten nebst
anderer Instrumentalmusik tapfer hören, und
als der neue Doktor, nachdem man ihm einen
grasgrünen Mantel und einen kostbaren Gürtel
umgetan, aus dem Hörsaal wieder hinausging,
begleitete ihn die ganze gelehrte Versammlung
bis zu seinem Haus. Weil er aber nur von geringem
Stand war, wurde er nicht in einer Sänfte
getragen, wie sonst gewöhnlich, sondern er
wurde nur auf einem Schubkarren gefahren, vor
dem einige Läufer in langen Röcken herliefen.
Diese Solennität endete wie gewöhnlich mit
einem herrlichen Schmaus, auf dem sich die
Eingeladenen toll- und vollsoffen. Es wurde so
viel Wein verschwendet, dass sich die meisten vor
Trunkenheit nach Hause tragen lassen mussten, auch
erst nach etlichen Tagen wieder ausgehen konnten,
binnen welcher Zeit sie sich den Tummel durch
Arzneimittel wieder aus dem Kopf bringen ließen,
dass also diese Doktorpromotion von Anfang bis
Ende vollkommen prächtig gewesen, und ich muss
bekennen, dass ich niemals auf unserer Erde eine
Promotion gesehen, die mehr akademisch gewesen,
oder irgendeinen Doktor gekannt, der mit
mehr Solennitäten kreiert worden wäre.
Die Gesellschaftshändel werden hier mit
wunderbarer Geschwindigkeit entschieden,
sodass ich die Hurtigkeit des Verstands und
die geschwinde Einsicht in dergleichen Dingen,
die bei diesem Volk ganz ausnehmend sind, nicht
sattsam bewundern konnte. Denn ehe die Advokaten
noch ausgeredet haben, stehen die Richter zuweilen
schon auf und fällen das Urteil so hurtig wie
zierlich. Ich ging hier öfter aufs Rathaus, damit
ich die Art und Weise, wie die Rechtssachen in
Martinia entschieden werden, hören und sehen
möchte. Die Urteile schienen mir anfangs sehr
gründlich und der natürlichen Billigkeit gemäß
zu sein, als ich sie aber genauer untersuchte,
kamen sie mir höchst ungerecht, töricht
und einander widersprechend vor, sodass
ich lieber eine Rechtssache dem Ausschlagen der
Würfel, als dem Gutachten der Richter in Martinia
hätte unterwerfen wollen. Von den Gesetzen
dieses Volks kann ich nichts sagen, weil sie
einer allzu großen Veränderung unterworfen sind,
denn die Gesetze werden hier alle Jahre, wie die
Moden in den Kleidern, verändert, es werden ihrer
daher viele um solcher Verbrechen willen gestraft,
die zu der Zeit nicht strafbar waren, als sie
ausgeübt wurden, viele werden bloß deswegen
zur Strafe gezogen, weil ihre Taten, die nach
den Gesetzen erlaubt waren, etwa nach der Zeit
durch ein neues Gesetz verboten wurden. Um dieser
Ursache wird allezeit von den Untergerichten an
die Obergerichte appelliert, weil sich ein
jeder die Hoffnung macht, dass während des
Prozesses das Gesetz, wonach er straffällig
ist, für ungültig erklärt werden könnte.
Dieser Fehler rührt nur von der allzu fertigen
Entwerfung der Gesetze her. Hierzu kommt noch,
dass dieses Volk so gar neugierig ist und vor
den heilsamsten Gesetzen und Gewohnheiten bloß
deswegen einen Ekel bekommt, weil sie alt sind. In
der Auszierung des Leibs und den Kleidertrachten
sind sie nicht weniger veränderlich. Die
Advokaten werden hier hoch geschätzt,
weil sie sehr spitzfindig disputieren können, ja,
es sind einige unter ihnen, die, wie man sagt,
beweglicher als die Drehscheibe eines Töpfers
sind, und auch keine anderen als zweifelhafte
und ungerechte Sachen annehmen, um zu zeigen, was
sie für Geschicklichkeit im Disputieren besitzen
und wie künstlich sie das Schwarze in Weiß
verwandeln können. Dieser Ursache wegen gewinnt
zuweilen ein so listiger Causenmacher eine höchst
ungerechte Sache, und die Richter sind zufrieden,
wenn der Prozess nur durch Vernunftschlüsse und
nach den Regeln der Kunst geführt worden ist. Sie
pflegen wohl zu sagen: »Wir sehen die Unbilligkeit
dieser Sache wohl ein, weil aber der Prozess mit
so viel Geschicklichkeit und Kunst geführt worden
ist, so können wir nicht anders, als dass wir,
wegen der Geschicklichkeit des Advokaten, ein
wenig von der Billigkeit abweichen müssen.« Die
Rechtslehrer unterweisen hier ihre Untergebenen
um ein gewisses Geld, das nach der Beschaffenheit
der Rechtshändel fällt und steigt. Zum Beispiel
diejenigen, die ihre Untergebenen lehren, wie sie
eine ungerechte und böse Sache führen und gewinnen
sollen, fordern 20 Stercolaten, die aber lehren,
wie man eine billige Rechtssache führen und
gewinnen solle, begehren nur 10 Stercolaten für
ihre Unterweisung. Die Gerichtsformeln und andere
Umstände, die bei einem Prozess zu beachten sind,
waren so unterschiedlich, dass man wegen der
überhäuften und unzähligen Gesetze kein Ende
davon absehen kann. Denn da die Martinianer
einen sehr subtilen Verstand besitzen und
eine Sache auf das Allergeschwindeste fassen, so
haben sie vor allem, was schlecht und recht ist,
einen Ekel und vergnügen sich nur an hohen
oder subtilen, verworrenen und schweren Dingen.
Ebenso sieht es mit der Religion aus, die
nicht in der Ausübung der Gottesfurcht
sondern in eitlem Nachgrübeln besteht.
Von der Gestalt, die man Gott zuschreiben könne,
sind allein 250 verschiedene Meinungen und von
der Naturbeschaffenheit der Seele zählt man 596.
Die Kirchen und die Hörsäle, in denen die
Gottesgelahrtheit gelehrt wird, werden von den
Martinianern nicht deswegen besucht, weil sie
hören wollen, was ihnen nützlich und gut ist,
oder wie sie ein tugendhaftes Leben führen
und sterben sollen, sondern bloß darum,
dass sie hören, was für Kunst und Geschicklichkeit
die heiligen Redner in ihren Ausdrücken beweisen.
Je dunkler und undeutlicher nun einer seine
Sachen vorträgt, desto mehr findet er Beifall,
so sehr, dass die Martinianer nichts lieber
hören, als was sie nicht verstehen. Man hält
hier mehr auf Worte als auf Sachen, weil
die Redner selbst mehr auf eine zierliche
Redensart und fließenden Vortrag, als auf die
Gründlichkeit und Wichtigkeit der Sachen sehen,
die Zuhörer hingegen haben nur an liebkosenden
und die Ohren kitzelnden Worten ihr Wohlgefallen.
Nirgendwo sind die Projektemacher beliebter als in
dieser Republik, denn je schwerer und ungereimter
ein Projekt ist, desto größeren Beifall findet es.
Als ich einstmals einer gewissen Meerkatze die Art
und Beschaffenheit unserer oberen Welt erzählte
und ihr zeigte, dass deren Oberfläche bewohnt sei,
hatte sie alsbald den Einfall, sie wolle die
obere Rinde der Erde durchgraben und einen
Weg zu den Einwohnern auf der oberen Erdfläche
machen. Dieses Projekt fand alsbald durchgängig
Beifall und es wurde eine Gesellschaft oder
Handelskompanie nach der oberen Welt errichtet,
zu der die Einwohner haufenweise herzugelaufen
kamen und nach geschehener Einrichtung sich
Aktien, wie die Kaufleute reden, erhandelten.
Als aber hierüber das ganze Land aufrührerisch
wurde und viele Familien durch diese Aktien an den
Bettelstab gerieten, sahen sie endlich die Torheit
des Projekts ein und standen von ihrem Vorhaben
wieder ab. Der Projektemacher aber wurde wegen
dieser Narrheit und des Schadens halber, den
die Republik dadurch erlitten, keineswegs zur
Strafe gezogen, man legte ihm vielmehr, einer so
edlen Erfindung wegen, allerhand Lobsprüche bei,
derartig, dass die Martinianer zu sagen pflegten:
»Obgleich dieses Vorhaben nicht gelungen,
so wäre es doch an sich selber etwas
Großes und sehr vortrefflich gewesen.«
Nachdem ich nun die Gemütsart dieses Volks
kennen gelernt hatte, so bemühte ich mich
durch eben dergleichen Mittel, mir einige
Hochachtung bei den Martinianern zuwege zu
bringen und etwa auch durch ein neues Projekt
meine Umstände zu verbessern. Als ich die
Staatsverfassung dieser Republik untersuchte,
fand ich nicht wenig Fehler darin. Ich sah,
dass hier alles mit scharfsinnigen Künstlern
erfüllt war, hingegen fehlte es an Handwerksleuten
in diesem Land. Ich brachte daher in Vorschlag,
etliche Handwerker möchten aufgerichtet werden,
da diese dem Gemeinwesen sehr dienlich sein
müssten. Aber durch diese und andere Vorschläge
dergleichen, zog ich mir nichts als Verachtung zu
und machte mich lächerlich, da dieses Volk gar zu
eitel ist und sich nur an Spielwerken belustigt.
Ich war daher über meine Dummheit selber böse
und gab mir folgenden nachdrücklichen Verweis:
»Bist Du nicht ein dummer und ungeschickter Kerl,
es geschieht dir gar recht, dass du hier
als ein nichtswürdiger Lastenträger grau
werden sollst.« Doch ließ ich den Mut noch
nicht völlig sinken, und weil ich sah, dass
ich mit heilsamen Ratschlägen nichts ausrichtete,
so wollte ich versuchen, ob ich nicht etwa durch
einen närrischen und ungereimten Vorschlag meinen
Beschwerlichkeiten abhelfen könnte. Ich eröffnete
daher meine Meinung einem verständigen Affen, der
mich in meinem Vorhaben bestärkte und sagte: Wenn
ich berühmt und angesehen werden wolle, so müsse
ich freilich etwas wagen, wenn ich auch allenfalls
anfangs etwas zu kurz dabei kommen sollte. Und
als er mir ferner erzählte, dass ihrer schon viele
allhier durch bloße Narrenpossen und nichtswürdige
Dinge, besonders aber durch neue Kleidermoden
ihr Glück gemacht, so nahm ich mir vor, mit
anderen Narren auch einmal närrisch zu tun.
Ich ging daher alle Künste durch, untersuchte alle
Torheiten der Europäer auf das Sorgfältigste, und
als ich endlich eine Wahl unter ihnen angestellt,
beschloss ich, Perücken einzuführen. Denn ich sah,
dass dieses Land an Ziegen sehr fruchtbar war,
aus deren Haaren zur Not Perücken hätten gemacht
werden können. Weil nun mein seliger Vormund
dieses Handwerk lange Zeit betrieben hatte,
so verstand ich es selbst auch einigermaßen.
Ich schaffte mir daher Ziegenhaare an und machte
eine Perücke, die ich auf meinen Kopf anpasste,
setzte sie auf und zeigte mich in diesem Aufzug
dem Syndikus. Dieser staunte über diesen neuen
und ungewöhnlichen Anblick, fragte, was das wäre,
nahm sie mir sogleich vom Kopf und setzte sie
sich selber auf und lief vor den Spiegel, damit
er sehen möchte, wie ihn der neue Zierrat putzte.
Er gefiel sich auch mit diesem neuen Kopfschmuck
dermaßen gut, dass er vor großer Freude überlaut
schrie: »Nun bin ich fast den Göttern gleich.«
Hierauf rief er alsbald seine Gemahlin herbei,
damit sie an seiner Freude teilnehmen möchte.
Diese sprang nicht weniger vor Freude, nahm
ihren Mann liebreich in die Arme und beteuerte
aufs Höchste, sie hatte auf der Welt noch
nichts so Anmutiges und Angenehmes gesehen,
welcher Meinung auch das ganze Hausgesinde
beipflichtete. Hierauf kehrte sich der
Syndikus zu mir und sagte: »Wenn dies deine
eigene Erfindung ist, mein lieber Kakidoran,
so wird sie dem ganzen Rat so wohl gefallen wie
uns, und du kannst dir die größte Hochachtung
und Ehre in unserer Republik versprechen.«
Ich aber stattete ihm hierüber meinen ergebensten
Dank ab und bat, Ihro Exzellenz möchten geruhen,
diese Bittschrift, die ich ihm zugleich übergab,
dem Rat von meinetwegen zu übergeben,
darin strich ich die Vortrefflichkeit
meiner Erfindung aufs Beste heraus und
hatte sie mit folgenden Worten abgefasst:
Hochedelgeborene, hochedle, feste, hochgelahrte
und erfahrene Ratsherren.
Die natürliche Neigung,
die ich bei mir hege, das Gemeinwohl immer zu
fördern, hat mich veranlasst, diesen neuen und
bisher ganz unbekannten Kopfschmuck erdacht
und verfertigt zu haben, die ich hiermit in
Untertänigkeit zu Dero erlauchten Beurteilung
darlege, in der festen Hoffnung, sie werden
dies im Besten vermerken, zumal da die Erfindung
zur Ehre des Volks und zu einem Zierrat dient
und auch dadurch in der ganzen Welt behauptet
werden kann, gleichwie die berühmte Republik
Martinia alle anderen Sterblichen an Tugenden und
Gemütsgaben weit übertreffe, so sei sie auch an
äußerlichem Zierrat und Kleiderschmuck, der dem
Leib eine Ehre und majestätisches Ansehen geben
kann, von allen anderen zu unterscheiden
und ihnen weit vorzuziehen. Ich versichere
anbei aufs Feierlichste, dass ich hierunter
keinen Eigennutz suche und folglich keine
Belohnung für meine Arbeit begehre, sondern
ich werde damit zufrieden sein, wenn nur der
Gemeinnutzen und die Ehre des Volks nach meinem
wenigen Vermögen dadurch befördert werden kann.
Sofern aber ja ein hoher edler Rat meine wenige
Bemühung einiger Belohnung würdig schätzen sollte,
so würde ich diese mir erwiesene Gewogenheit
mit allem erdenklichen Dank annehmen, damit
Dero Freigebigkeit der ganzen Welt bekannt gemacht
und andere zu dergleichen und noch herrlicheren
Erfindungen angefrischt werden mögen. Und bloß in
dieser Absicht will ich mich der Freigebigkeit des
Rats und der ganzen Republik Martinia nicht
widersetzen. Übrigens aber empfehle ich mich
Euer Herrlichkeiten bestermaßen und verharre
eines hochedlen Rats Martinia, am 7. des Monats
Astral Untertänigster Diener Kakidoran
Als hierauf der Syndikus in den Rat ging,
nahm er beides, die Perücke und meine
Bittschrift mit, und ich hörte, dass an
diesem Tag alle Gerichtshändel aufgeschoben
und beiseite gesetzt worden seien, und dass
sie alle miteinander bloß mit der Untersuchung
der neuen Erfindung beschäftigt gewesen waren.
Als man die Stimmen gesammelt, wurde das zierliche
Ansehen meines Meisterstücks gelobt, meine
künstliche Hand gerühmt, meine Demut gebilligt und
mir zugleich eine Belohnung zu geben in Vorschlag
gebracht worden. Im ganzen Rat waren nicht mehr
als drei Ratsherren gewesen, die diesem Ratschluss
widersprochen hatten. Aber sie waren deswegen sehr
übel angesehen und für ungelehrte, unhöfliche und
unwürdige Ratsmitglieder gescholten worden.
Nachdem nun der Ratschluss gefasst worden war,
wurde ich aufs Rathaus gerufen, und da stand
bei meiner Ankunft der oberste Affe auf,
und nachdem er mir im Namen der ganzen Republik
Dank abgestattet und zugleich angezeigt hatte,
man werde meine Erfindung und Bemühung nach
Verdienst belohnen, so fragte er mich, wie
lange ich wohl Zeit brauchte, noch eine Perücke
anzufertigen. Hierauf antwortete ich ihm, es würde
mir dies statt einer ansehnlichen Belohnung
dienen, dass mein Kunststück den Beifall so
großer und vornehmer Männer verdiene und von einem
ganzen edlen Rat gütigst aufgenommen worden wäre.
Im Übrigen machte ich mich verbindlich,
innerhalb von 2 Tagen noch eine Perücke
zu verfertigen und ich versicherte, wenn sonst
noch andere zur Handarbeit geschickte Affen,
denen ich diese Kunst lernen wollte, mir
zugleich zu Werke gingen, dass wir innerhalb
Monatsfrist so viele Perücken machen wollten,
dass die ganze Stadt damit versehen werden
könnte. Durch diese Antwort wurde der Syndikus
bewegt, dass er in folgende Worte ausbrach:
»Das sei fern, mein lieber Kakidoran, dass dieser
Kopfschmuck in der ganzen Stadt gemein werde und
wegen allzu freien Gebrauchs etwas von ihrem Wert
verlieren sollte, denn es ist allerdings nötig,
dass der Adel vom gemeinen Pöbel unterschieden
bleibe.« Diesem Ausspruch eines so ansehnlichen
Mannes stimmten sie alle einmütig bei und es wurde
den Zensoren der Stadt befohlen, sie sollten ja
genau Acht darauf haben, dass dieser Ratschluss
nicht übertreten oder dass durch allzu gemeinen
Gebrauch der Perücken der Adel an seinem Ansehen
leiden und so eine unvergleichliche Zierde durch
den Pöbel verunehrt werden möchte. Aber dieser
Befehl hatte eben die Wirkung, die insgemein alle
Gesetze haben, die den übrigen Aufwand verbieten
und die zum Nachteil der Bürgerschaft gegeben
werden, denn es macht das gemeine Volk nur noch
hitziger und begieriger, solche zu übertreten.
Und da dieser Kopfschmuck einem jeden über
die Maßen gut gefiel, so erkauften sich die
reichsten Bürger der Stadt vom Rat entweder
hohe Titel oder ließen sich für Geld adeln,
andere aber sahen, wie sie ein Gleiches durch gute
Freunde zuwege bringen konnten, dermaßen, dass
innerhalb kurzer Zeit der halbe Teil der Stadt
geadelt war. Als aber endlich aus den Provinzen,
die unter Martinia standen, häufig Bittschriften
einliefen, dass man ihnen auch erlauben möchte,
Perücken zu tragen, so hielt es der Rat für
dienlich, das Gesetz wieder aufzuheben und
solches einem jeden freizustellen, dass ich also
mit Vergnügen alles Volk in Perücken gehen sah,
ehe ich aus Martinia wieder wegging. Es war in der
Tat lustig anzusehen, wenn sich die Affen so mit
Perücken geputzt hatten. Die Erfindung
hatte dem ganzen Volk so gut gefallen,
dass sie eine ganz neue Jahrrechnung von der
Erfindung der Perücken angefangen haben und
davon schreibt sich das Haarige Alter
in den martinianischen Jahrbüchern her.
Doch dass ich wieder auf mich selbst zurückkomme:
Ich wurde mit Lobeserhebungen ganz überhäuft und
nachdem man mir einen Purpurmantel umgetan,
wurde ich auf dem Tragsessel des Syndikus nach
Hause getragen, dass also der Sänftenträger, der
kürzlich noch mein Kollege gewesen war, mir jetzt,
statt eines Pferdes, dienen musste. Von dieser
Zeit an speiste ich auch mit dem Syndikus am
Tisch. Nach diesem angenehmen Vorspiel meines
Glücks setzte ich das angefangene Werk fleißig
fort und mithilfe derjenigen, die mir zugegeben
wurden, verfertigte ich in kurzer Zeit so viele
Perücken, wie für den gesamten Rat nötig waren,
und nachdem ich einen ganzen Monat über solche
Arbeit zugebracht hatte, überreichte man mir einen
Adelsbrief, der folgendermaßen abgefasst war :
»Wegen einer vortrefflichen und dem Gemeinwesen
sehr heilsamen Erfindung, womit sich Kakidoran,
der aus der Stadt Europa gebürtig ist, das ganze
Martinianische Volk ungemein verbindlich gemacht
hat, haben wir beschlossen, ihn hiermit
in den Adelsstand zu erheben, dermaßen,
dass er und seine Nachkommen von jetzt an als
wahre und rechte Edelleute geachtet werden, auch
sich aller Privilegien, Rechte und Freiheiten, so
dem martinianischen Adel eigen sind, zu erfreuen
haben sollen. Wir verordnen ferner, dass er auch
einen neuen Namen führen und statt Kakidoran,
künftig Kikidoran genannt werden soll, ja, weil
auch dieser neue Ehrenstand mehrere Unkosten
erfordert, dass er sich seinem Stand gemäß
halten könne, so billigen wir ihm hiermit zum
jährlichen Einkommen 200 Pataren. Gegeben auf dem
Rathaus in Martinia am 4. Tag des Monats Merian
und mit des Rats größerem Insiegel bekräftigt.«
Auf diese Weise war ich aus einem niederträchtigen
Sänftenträger nun zu einem Edelmann geworden
und lebte eine Zeit lang in der größten Ehre
und Glückseligkeit. Und als die Martinianer sahen,
dass ich bei dem Syndikus sehr wohl angeschrieben
stünde, so bewarben sie sich alle miteinander um
meine Gunst und Gewogenheit. Viele, die etwas zu
erhalten suchten, gingen in ihrer Schmeichelei
so weit, dass sie mir um die Wette Lobschriften
überreichten und mir ganz unbekannte Tugenden
andichteten. Einige trugen sogar kein Bedenken,
mein Geschlechtsregister sehr weitläufig und
von vielen hundert Jahren her auszuführen
oder zu beschreiben, obgleich sie wussten, dass
ich ein Bürger einer ganz unbekannten Welt war.
Aber dergleichen Geschlechtsregister waren
mir eben so angenehm nicht, indem ich es für
keine Ehre schätzte, von den Affen herzustammen.
Und da es ferner in Martinia gebräuchlich ist,
die Schwänze der Vornehmsten mit vielen
Lobeserhebungen herauszustreichen, fast auf
eben die Art, wie etwa unsere Poeten ein schönes
Frauenzimmer zu preisen pflegen, so rühmten auch
einige Poeten, die meine Gunst gern erlangen
wollten, die Vortrefflichkeit meines Schwanzes
auf das Höchste, da ich doch gar keinen Schwanz
hatte. Mit einem Wort, die Fuchsschwänzerei nahm
dermaßen überhand, dass mir ein ansehnlicher
Mann, den ich aber aus Hochachtung für seine
Familie nicht nennen will, seine Frau zu meinem
Vergnügen anbot und sich für solche Freiwilligkeit
weiter nichts ausbat, als dass ich nur eine
Fürbitte für ihn beim Syndikus einlegen möchte.
Dergleichen unflätiges Schmeicheln macht,
dass die martinianischen Jahrbücher wegen
der Materie kaum gelesen zu werden verdienen,
weil nichts als ein schwülstiger Mischmasch
von Lobeserhebungen darin enthalten ist, obschon
die Schreibart durchgängig zierlich und nett ist.
Es gibt daher in diesem Land bessere Dichter als
Geschichtsschreiber, ja, es ist ausgemacht, dass
nirgends sinnreichere Poeten zu finden sind als
hier, die man der vortrefflichen Einbildungskraft
und hurtigen Einfällen der Martinianer zuschreibt.
Ich hatte mich lange Zeit in diesem Land einer
guten Gesundheit zu erfreuen, obgleich mir
die Hitze, welche die beständige Gegenwart
der Sonne verursachte, sehr beschwerlich
fiel. Einmal lag ich zwar am Durchfall,
wozu noch ein verzehrendes Fieber kam, danieder,
aber das Fieber hielt nicht lange an und ich kann
versichern, dass mir der Arzt, der mich damals
kurierte, wegen seines plauderhaften Mauls,
so diesem Volk ganz eigen ist, weit beschwerlicher
war als die Krankheit selber. Da ich aber bei
dergleichen Umständen einen Arzt nötig hatte, bot
sich ein gewisser Doktor der Arzneikunst von sich
selbst aus bei mir an, über dessen Anblick
ich mich des Lachens nicht enthalten konnte,
weil es eben derjenige war, der mir noch vor
kurzem den Bart geputzt hatte, dass es klang. Als
ich ihn fragte, wie es zuginge, dass er aus einem
Barbier so geschwind ein Doktor geworden sei,
gab er mir zur Antwort, er nähre sich von beidem.
Als ich nun hierüber stutzig war und überlegte,
ob ich einem so vielwissenden Affen mein
Wohl sicher anvertrauen könnte und sagte, ich
wolle lieber einen Arzt haben, der die Arztkunst
allein studiert habe, so schwor er aufs Höchste,
ich würde dergleichen Ärzte in der ganzen
Stadt nicht finden. Und also war ich gezwungen,
mich unter seine Kur zu geben. Hatte ich mich
vorher gewundert, so wunderte ich mich über
die Eilfertigkeit dieses Arztes noch mehr, denn
nachdem er mir ein Tränkchen verschrieben, das ich
einnehmen sollte, lief er geschwind einmal fort
und sagte, er könne unmöglich bei mir bleiben,
weil ihn andere Geschäfte, die er jetzt auch
erledigen müsse, eilen hießen. Da ich nun fragte,
was es denn für notwendige Verrichtungen seien,
gab er zur Antwort, die Stunde rücke nun heran,
da er in einer gewissen kleinen Stadt sein
gewöhnliches Amt verwalten müsse, wo er Notar
und Gerichtsschreiber sei, und ich hörte, dass
es hier zu Lande etwas ganz Gewöhnliches ist,
dass sich eine Person in vielerlei Händel mischt,
weil niemand Bedenken trägt, mancherlei, sich ganz
zuwiderlaufende Ämter, auf sich zu nehmen. Denn
sie verlassen sich hierbei auf die Hurtigkeit
ihres Verstands, kraft derer sie ihre Geschäfte
ebenfalls sehr hurtig verrichten. Doch nahm ich
aus den verschiedenen Fehlern und Schnitzern, die
sie begehen, gar leicht ab, dass diese feurigen
Köpfe der Republik mehr zur Zierde dienten, als
dass sie großen Nutzen von ihnen haben sollte.
Nachdem ich 2 Jahre in diesem Land, teils
als Sänftenträger, teils als Edelmann,
zugebracht hatte, begegnete mir ein unvermuteter
Zufall, der mich beinah das Leben gekostet hätte.
Ich hatte bisher im Palast Ihrer Exzellenz
mehr Gunst, als ich vermuten konnte, genossen,
und die Gemahlin des Syndikus hatte mich
ihrer ganz besonderen Gewogenheit gewürdigt,
sodass ich unter allen ihren Freunden den obersten
Platz zu haben schien. Sie hatte sich des Öfteren
auch ganz allein mit mir unterredet und, obgleich
es schien, dass sie ein besonderes Wohlgefallen an
meiner Gegenwart hätte, so redete sie mich doch
alle Zeit mit einiger Schamhaftigkeit an, sodass
ich ihre Gunstbezeugung nicht anders als wohl
auslegen konnte und nicht im Geringsten mutmaßte,
dass unter dieser Gewogenheit eine unreine
Liebe verborgen läge, zumal bei so einer Frau,
die unter den übrigen Affen sowohl ihrer Tugenden,
als vortrefflichen Ahnen wegen berühmt war.
Mit der Zeit aber erweckten mir ihre zweideutigen
Reden gleichwohl einigen Argwohn, der durch ihre
Farbe, Abnehmen des Leibs, blasses Angesicht,
niedergeschlagene Augen und durch einige,
zuweilen tief geholte Seufzer vermehrt
wurde. Endlich aber wurden mir die Augen
vollkommen aufgetan, als mir eine Jungfer ein
Handbriefchen folgenden Inhalts überbrachte:
Allerliebster Kikidoran!
Die vortreffliche Geburt und die
unserem Geschlecht angeborene Schamhaftigkeit
haben die Funken der Liebe, die schon lange in
meinem Herzen verborgen gelegen, bisher noch
immer gedämpft, bis sie nun endlich voll in
Brand geraten. Ich bin daher gänzlich überwunden
und kann der Heftigkeit meiner Liebe nicht länger
widerstehen. Hab deshalb Mitleid mit derjenigen,
die ihre Liebe frei bekennt und die sie nimmermehr
an den Tag würde gegeben haben, wenn sie deren
allzu große Heftigkeit nicht dazu gezwungen hätte.
Ptarnusa
Wie sehr ich über diese
unvermutete Liebeserklärung erschrak, ist mit
Worten gar nicht auszudrücken. Doch da ich es für
rühmlicher hielt, mich der Rache einer wütenden
Frau auszusetzen, als die Gesetze der Natur durch
eine unerlaubte und schändliche Vermischung mit
einer nicht menschlichen Kreatur zu übertreten,
so setzte ich folgende Antwort auf:
Gnädige Frau!
Die beständige Gewogenheit, die Ihre Exzellenz,
der Herr Syndikus, mir bisher geschenkt,
die Wohltaten, mit denen er mich wider Verdienst
überhäuft, die Unmöglichkeit, Sie in Dero
Verlangen zu befriedigen, und unzählige andere
Ursachen, die ich hier nicht einmal erwähnen will,
fordern von mir, dass ich mich vielmehr dem Zorn
und Widerwillen meiner gnädigen Frau unterwerfen
muss, als dass ich in eine Sache willigen
sollte, die mich zu dem Allerleichtfertigsten und
Ungerechtesten unter allen Menschen machen würde,
wenn ich es täte. Es wird mir etwas zugemutet,
das mir herber als der Tod ist. Mir wird etwas
aufgetragen, das ich ohne die größte Schande
einer so hoch ansehnlichen Familie nicht zu
Werke bringen kann, denn es ist so beschaffen,
dass es dem Herren selbst den größten Nachteil
verursacht. Ich beteure hiermit aufs Heiligste,
dass ich hierin den Wunsch meiner gnädigen Frau
unmöglich erfüllen kann, obgleich ich sonst in
allen Dingen einen blinden Gehorsam verspreche.
Kikidoran
Unten an den Brief hängte ich
noch folgende Erinnerung an:
Bedenke, was Du tust, das Laster ist zwar groß,
Doch gib ihm nur alsbald im Anfang einen Stoß,
Und führe weiterhin ein tugendhaftes Leben,
So
wird das Übrige sich von sich selber geben.
Diese Antwort versiegelte ich mit meinem
Ring und gab sie eben derselben Jungfer,
die mir den Brief der Frau gebracht hatte.
Und was ich vermutet hatte, geschah auch, denn
die heftige Liebe wurde in den tödlichsten Hass
verwandelt. Der Schmerz verschloss ihr den Mund,
dass sie vor Wut kein Wort herausbringen konnte,
ja, sie war nicht vermögend vor allzu großer
Bestürzung, eine Träne aus ihren Augen rinnen
zu lassen, und sie dachte auf nichts weiter,
als wie sie nur ihre Rache an mir ausüben wolle.
Doch schob sie ihre Rache eine Zeit lang auf, bis
sie das Liebesbriefchen, das sie mir geschrieben,
wieder von mir zurückhatte. Nachdem ich es ihr
aber wieder zugestellt, erkaufte sie einige, die
mit einem Eidschwur beteuern mussten, ich hätte
in Abwesenheit des Syndikus sein Ehebett beflecken
wollen. Diese Unwahrheit wurde mit solcher Kunst
und Wahrscheinlichkeit vorgetragen, dass der
Syndikus alles völlig glaubte und mich ins
Gefängnis legen ließ. Unter diesen Umständen war
nun kein anderer Rat für mich übrig, als dass ich
mich zu dem mir fälschlich angedichteten Laster
freiwillig bekannte und den Syndikus um Gnade
und Barmherzigkeit anflehte, wodurch ich entweder
seinen Zorn zu lindern, oder doch wenigstens mit
einer leidlichen Strafe wegzukommen hoffte. Denn
sich mit einem so mächtigen Haus in einen Prozess
einzulassen und zumal in so einem Land, wo man
nicht auf die Richtigkeit der Sachen, sondern bloß
auf die Umstände der Personen sieht, schiene mir
höchst töricht gehandelt zu sein. Ich setzte daher
alle Verteidigung beiseite und wandte mich nur zum
Bitten und Flehen, doch bat ich nicht sowohl um
Abwendung als nur um einige Linderung der Strafe.
Da ich mich nun auf diese Weise freiwillig eines
Lasters schuldig bekannt hatte, an das ich niemals
gedacht hatte, wurde ich doch wenigstens von der
Todesstrafe befreit und nur zu ewigem Gefängnis
verdammt. Mein Adelsbrief wurde mir wieder
abgenommen und durch den Scharfrichter zerrissen,
ich selber aber wurde auf eine Galeere gebracht
und sollte da Ruder ziehen. Das Schiff war auf
Rechnung der Republik zur Fahrt nach Mezendore
oder in die wunderbaren Länder bestimmt, die zu
bestimmten Jahreszeiten, nämlich im Monat Radir,
angestellt zu werden pflegt. Aus diesen Ländern
werden allerhand Waren eingeführt, die in Martinia
nicht zu haben sind, sodass die mezendorischen
Gegenden gleichsam das Indien der Martinianer
sind. Die mezendorische Handelskompanie besteht
aus Kaufleuten, sowohl adeligen als bürgerlichen
Stands, unter denen die Waren, wenn das Schiff
zurückkommt, nach eines jeden Anteil oder nach
der Zahl der Aktien eingeteilt werden. Hier werden
die Schiffe durch Segel und Ruder regiert und an
jedes Ruder zwei Sklaven gestellt. Und zu so
einer Arbeit wurde ich bei dieser Reise auch
verdammt. Wie mir damals zu Mute gewesen sein
muss, kann jeder leicht erachten, zumal, da ich
nichts verschuldet hatte, weswegen ich unter
dergleichen liederliches Gesindel gesteckt zu
werden verdiente oder das so einer knechtischen
Arbeit und der Karbatsche wert gewesen wäre.
In Martinia wurde über meinen Unfall,
nach dem die Gemüter gesinnt waren,
verschiedentlich gesprochen. Einige meinten,
ich hätte dergleichen Strafe zwar verdient,
doch hätten sie dieses Verbrechens, oder vielmehr
der darauf erfolgten Strafe wegen, einiges Mitleid
mit mir. Andere hielten dafür, man hätte doch
meine Verdienste einigermaßen in Betracht ziehen
und die Strafe deswegen lindern sollen. Die Affen
aber, die am redlichsten gesinnt waren, murmelten
miteinander, ich sei ganz und gar fälschlich
angeklagt worden, doch unterstand sich aus Furcht
vor so mächtigen Anklägern niemand, sich meiner
öffentlich anzunehmen. Ich entschloss mich daher,
mein Unglück geduldig zu ertragen und mein
vornehmster Trost war die künftige Schifffahrt,
weil ich sehr neugierig war und auf dieser Reise
wunderbare und unerhörte Dinge zu sehen hoffte,
obgleich ich nicht alles glaubte,
was mir die Schiffsleute erzählten,
mir auch nimmermehr einbilden konnte, dass
es noch so viele und so große Wunder der
Natur geben könne. Auf unserem Schiff
waren unterschiedliche Dolmetscher,
deren sich die mezendorische Handelskompanie
bei diesen Schifffahrten bediente,
denn durch deren Vermittlung musste
aller Kauf und Verkauf geschehen.