Audite Fabulas

Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

04.03.2026 12 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 6
Vom Gottesdienst der Potuaner

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
https://onsound.eu/
Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

6. KAPITEL Vom Gottesdienst der Potuaner Die Religion der Potuaner besteht in wenigen Sätzen und ist in einem kurzen Glaubensbekenntnis enthalten, das etwas länger ist als unser apostolisches Glaubensbekenntnis. Es ist hier bei Strafe der Verbannung nach dem Firmament verboten, die Glaubensartikel auszulegen oder zu erklären. Und wenn jemand wagt, vom Wesen und von den Eigenschaften Gottes zu disputieren, so wird er zum Aderlass verdammt und ins Lazarett gesteckt, denn man sagt hier, diejenigen seien Narren, die das bestimmen wollten, was unser Verstand so wenig begreifen, wie eine Nachteule der Sonne Licht vertragen kann. In einem sind sie sich einig, dass man nämlich ein bestimmtes göttliches Wesen verehren müsse, durch dessen Allmacht alles erschaffen worden sei und durch dessen Willen alles erhalten wird. Im Übrigen, wenn er nur in diesem Stück mit den andern übereinstimmt, wird niemandem etwas in den Weg gelegt, wenngleich er in der Art und Weise, dieses göttliche Wesen zu verehren, von den anderen abweicht. Nur diejenigen, die den Gottesdienst, der einmal durch Gesetze festgesetzt ist, öffentlich anfechten, werden als Störer der allgemeinen Ruhe bestraft. Auf diese Weise hatte auch ich das Recht einer freien Religionsausübung und wurde in diesem Stück von niemandem angefeindet. Die Potuaner beten sehr selten, aber dafür desto eifriger, so, dass wenn sie beten, sie gleichsam entzückt zu sein scheinen. Als ich ihnen daher einmal erzählte, wir pflegten sehr oft, auch sogar bei unserer Arbeit und bei häuslichen Geschäften zu beten und geistliche Lieder zu singen, da legten es uns die Potuaner sehr übel aus, indem sie sagten: Es würde ja schon ein weltlicher Fürst übel nehmen, wenn er jemand mit einer Supplikation zu sich nahen sähe, der sich dabei zugleich in seiner Gegenwart das Kleid auskehrte oder die Haare aufkräuselte, wie viel mehr Gott? Nicht weniger hielten sie sich über unser Singen auf, denn sie meinen, es sei lächerlich, seine Reue und Buße mit musikalischen Trillern auszudrücken, da der Zorn Gottes durch Tränen und Seufzer, nicht aber durch Gesang und Pfeifen abgewendet werde. Dies und andere Dinge hörte ich nicht ohne Verdruss an, zumal da mein seliger Vater weiland auch einige Kirchengesänge, die heutzutage noch üblich sind, komponiert hatte, weil er ein Kantor war und ich selber auch vielleicht einmal um einen ledigen Kantordienst anhalten wollte. Ich durfte mir aber meinen Zorn nicht anmerken lassen, denn diese unterirdischen Leute verteidigen ihre Meinungen dermaßen geschickt und wissen alles so einleuchtend zu machen, dass man auch ihre offenbaren Fehler zu widerlegen oft nicht im Stande ist. So haben auch einige andere ganz besondere Meinungen in geistlichen Sachen, die sie mit ebenso viel Kunst und Schein der Wahrheit verfechten. Als ich einige, mit denen ich recht vertraut lebte, einige Male darauf hinwies, sie hätten ja nach dem Tod keine Seligkeit zu erhoffen, weil sie in großer Finsternis lebten, so antworteten sie mir, wer andere im Ernst verdamme, der liefe die größte Gefahr, selber verdammt zu werden. Denn wenn man andere verdamme, so geschehe das meist aus Hochmut, den doch Gott an den Geschöpfen missbillige, weil er nur ein Liebhaber der Demut ist: Andere Urteile verdammen und diejenigen, die in der Religion nicht gleicher Meinung hegten, mit Gewalt dazu zwingen zu wollen, das sei ebenso viel, wie sich allein allen Verstand und alle Klugheit zuzuschreiben. Solche Leute aber seien Narren, da sie sich allein weise dünkten. Als ich ferner einmal, um eine Meinung zu vertreten, mich auf mein Gewissen berief, da lobte mein Widerpart diesen Beweisgrund und meinte, ich solle fortfahren, dem Zeugnis meines Gewissens zu folgen, und er versprach mir, auch er wolle es niemals unterlassen, und auf diese Weise, wenn ein jeder in Streitsachen auf seinem Wissen und Gewissen verharre, werde aller Zank vermieden und die Gelegenheit zu diskutieren beseitigt. Was unsere Werke anlangt, so leugneten sie zwar nicht, dass Gott die Guten belohne und die Bösen bestrafe, sie meinten aber, diese Gerechtigkeit werde erst in jenem Leben ausgeübt werden. Ich führte hier wieder einige Beispiele für Leute an, die ihrer Laster und Bosheiten wegen in diesem Leben gestraft worden waren, allein sie zeigten mir dagegen ebenso viele Beispiele von lasterhaften Bäumen, die beständig gottlos gelebt und doch bis an ihr Ende höchst glückselig gewesen seien und sagten dazu: »Sooft wir mit unseren Widersachern streiten, nehmen wir aus dem Köcher des Gemeinlebens nur diejenigen Pfeile und achten nur auf solche Beispiele, die für uns sind und unsere Meinung bestärken, die anderen aber, die ihr zuwider sind, lassen wir unberührt.« Ich führte darauf mich selber als Beispiel an und wies darauf hin, dass ihrer viele, die mir Gewalt oder Unrecht angetan, ein trauriges Ende gehabt hätten. Allein sie antworteten mir, dies rühre bloß von meiner Eigenliebe her. Wenn ich glaubte, ich sei in Gottes Augen besser angesehen als andere, die ebenfalls das höchste Unrecht erdulden müssen, die aber gleichwohl zusehen mussten, wie ihre Verfolger in beständiger Glückseligkeit alt geworden. Als ich ferner einmal sagte, es sei besser, wenn man täglich zu Gott bete, antworteten sie, sie leugneten zwar auch nicht die Notwendigkeit des Gebets, aber in einem seien sie doch sicher, dass die Frömmigkeit und der wahre Gottesdienst hauptsächlich in Beobachtung des göttlichen Gesetzes bestehe. Und sie erklärten es mir so: »Ein Fürst hat zweierlei Untertanen, einige sündigen täglich und übertreten seine Befehle entweder aus Schwachheit oder aus Bosheit und Hartnäckigkeit, und diese kommen täglich zum Fürsten mit Suppliken und Bittschriften, worin sie um Verzeihung der Laster bitten, die sie bald wieder begehen wollen. Andere hingegen kommen selten und nicht eher, als bis sie gefordert werden an den fürstlichen Hof, sie bleiben beständig zu Hause und beobachten die Befehle des Fürsten getreulich und mit allem Ernst, und dies überzeugt den Fürsten von ihrem beständigen Gehorsam, den sie ihm schuldig sind. Wer wollte nun zweifeln, dass der Fürst diese nicht seiner Gnade würdig schätze, jene hingegen als nachlässige und zugleich höchst beschwerliche Untertanen ansehe, und zwar teils wegen ihrer Übertretungen, teils aber auch wegen ihrer oftmals wiederholten Bitte.« Mit solchen Disputationen war ich des Öfteren, doch ohne etwas damit auszurichten, beschäftigt, denn ich konnte niemanden auf meine Seite bringen. Ich will also die übrigen Religionsstreitigkeiten nicht erwähnen, sondern nur ihre vornehmsten und merkwürdigsten Lehrsätze aufzählen, dem Hörer aber das Urteil selbst überlassen, ob sie zu loben oder zu verwerfen sind. Die Potuaner glauben an einen einigen und allmächtigen Gott, der alles erschaffen und erhält, und beweisen seine Allmacht und Einheit aus der Größe und Übereinstimmung der geschaffenen Dinge. Weil sie in der Sternkunst und Naturlehre überaus wohl erfahren sind, so haben sie von dem göttlichen Wesen und dessen Eigenschaften dermaßen hohe Vorstellungen, dass sie diejenigen für Narren halten, die das bestimmen wollen, was wir noch nicht begreifen können. Jedes Jahr feiern sie fünf Festtage, von denen der erste mit größter Andacht an dunklen Orten, wo die Sonne nicht hinscheinen kann, gefeiert wird, wodurch sie zeigen wollen, dass die Gottheit, die sie verehren, unbegreiflich ist. Wenn sie an diesem finstern Orten beten, so scheinen sie ganz außer sich selbst zu sein und bleiben dort von Aufgang der Sonne an, bis sie wieder untergegangen, ganz unbeweglich. Dieses Fest nennen sie den Tag des unbegreiflichen Gottes, und er fällt auf den ersten Tag des Eichenmonats. Die anderen vier Feste werden zu Anfang der vier Jahreszeiten gefeiert und sind deswegen eingesetzt, um Gott daran für die empfangenen Wohltaten zu danken. Es sind ihrer wenige im ganzen Fürstentum zu finden, die diesen Gottesdiensten nicht beiwohnen sollten. Diejenigen, die wegbleiben und nicht erhebliche Ursachen ihrer Abwesenheit anzugeben wissen, werden als böse Untertanen angesehen und leben in beständiger Verachtung. Die öffentlichen Gebete sind so abgefasst, dass sie nicht sowohl diejenigen, die sie verrichten, als vielmehr den Fürsten und das Gemeinwohl betreffen. Daher betet niemand öffentlich für sich selber. Und zwar geschieht das deswegen, weil die Potuaner dafürhalten, das Wohl eines jeden einzelnen sei mit dem Gemeinwohl derart genau verknüpft, dass sie nicht voneinander getrennt werden können. Zum öffentlichen Gottesdienst wird niemand mit Gewalt oder durch Geldbuße angehalten: Denn da sie glauben, dass die Gottesfurcht hauptsächlich in der Liebe bestehe und die Erfahrung zeige, dass die Liebe durch Gewalt mehr vermindert als befördert würde, so sind sie der Meinung, es sei nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich, die Nachlässigen im Gottesdienst mit Gewalt zur Frömmigkeit zu zwingen. Diesen Satz erläutern sie mit folgendem Beispiel: Wenn ein Mann von seiner Ehefrau Gegenliebe fordert, ihre Kaltsinnigkeit aber mit Prügeln und Ohrfeigen vertreiben und sich dadurch Gegenliebe erwecken wollte, so würde er es gewiss nicht treffen, denn dadurch würde die Liebe nicht angezündet, sondern die Kaltsinnigkeit vielmehr vermehrt und endlich gar in Abscheu und unversöhnlichen Hass verwandelt werden. Dies aber sind die vornehmsten Punkte der potuanischen Gottesgelehrtheit, die vielen nicht anders als eine bloße natürliche Religion vorkommen wird, wie sie mir denn selber anfangs auch schien. Allein die Potuaner behaupten, es sei ihnen dies alles von Gott offenbart worden, und es sei ihnen vor etlichen hundert Jahren ein Buch gegeben worden, das beides in sich enthielte, nämlich was sie glauben und auch was sie tun sollen. Ihre Vorfahren hatten damals freilich sich bloß an der natürlichen Religion begnügen lassen, da aber die Erfahrung gelehrt, dass das Licht der Natur allein nicht hinlänglich sei, weil wegen Nachlässigkeit und Unachtsamkeit der meisten die natürlichen Gesetze endlich ganz und gar würden vergessen werden, andere hingegen gar zu subtil würden philosophieren wollen, wenn nichts vorhanden wäre, das die Freiheit zu denken hemmen und im Zaum halten könnte und dadurch alles verderben würde; so sei ihnen von Gott ein geschriebenes Gesetz gegeben worden. Und hieraus erhellt, wie sehr diejenigen irren, die die Notwendigkeit der Offenbarung so hartnäckig leugnen. Ich gestehe zwar ganz gern, obschon einige theologische Sätze der Potuaner eben nicht zu billigen sind, so scheinen sie mir doch eben auch nicht ganz und gar verwerflich zu sein; einigen aber kann ich ganz und gar nicht beipflichten. Doch dies kam mir nicht allein löblich, sondern auch bewundernswürdig vor, dass sie in Kriegszeiten, wenn sie einen Sieg über ihre Feinde errungen, anstatt der Freude, die wir bei uns darüber zeigen und das ›Herr Gott, dich loben wir‹ anstimmen, einige Tage ganz traurig und still zubringen, als wenn sie sich gleichsam des blutigen Sieges schämten. Deswegen findet man auch selten in ihren Jahrbüchern etwas von Kriegssachen angemerkt, sondern sie enthalten nur bürgerliche Dinge, Verordnungen, Gesetze, Stiftungen und dergleichen.