Audite Fabulas

Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

25.02.2026 27 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 4
Beschreibung der fürstlichen Residenz Potu

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
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Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

4. KAPITEL Beschreibung der fürstlichen Residenz Potu Endlich langten wir in der fürstlichen Residenz Potu an. Die Stadt ist groß und sehr prächtig anzusehen. Die Häuser sind hier viel höher als in Keba, und die Gassen sind viel geräumiger und wegen des Pflasters auch weit kommoder. Der erste Platz, auf den wir in Potu kamen, hatte ungemein viel Kaufmannsgewölbe und war um und um mit lauter Buden umgeben, in denen allerhand Künstler und Handwerker ihre Erzeugnisse feilboten. Mitten auf dem Markt sah ich mit Erstaunen einen Missetäter stehen, dem ein Strick um den Hals geschlungen war und den eine große Menge von Bäumen umgab, die ich für eine Ratsversammlung hielt. Als ich fragte, was dies zu bedeuten habe und warum er gehängt werden sollte, zumal ich doch wüsste, dass kein Verbrechen hier zu Lande mit dem Tod bestraft würde, so sagte man mir, er sei ein Projektemacher, der die Abschaffung einer alten Gewohnheit angeraten habe, die Umstehenden aber seien Rechtsgelehrte und Ratsherren, die seine neue Meinung wie gewöhnlich untersuchten. Fände sie Beifall und würde sie dem Gemeinwesen als nutzbringend erachtet, so würde der Beklagte nicht nur freigesprochen, sondern auch belohnt werden. Würde man aber befinden, sie sei dem Gemeinwohl nachteilig, oder stelle sich heraus, dass der Projektemacher seines Nutzens wegen dazu geraten hätte, ein altes Gesetz abzuschaffen, dann würde ihm, als einem Störer des Gemeinwohls, sogleich mit dem Strick die Kehle zugeschnürt werden. Und das ist auch die Ursache, warum es in diesem Land so wenig Leute gibt, die sich unterstehen, die Abschaffung des einen oder anderen alten Gesetzes anzuraten, und niemand unternimmt es, der nicht vollkommen überzeugt ist, dass es glücklich mit ihm ablaufen werde. Sie glauben also, man müsse streng und fest über den alten Gesetzen wachen und löbliche Verordnungen der Vorfahren gebührend respektieren, denn sie meinen, eine Republik könne unmöglich bestehen, wenn einem jeden erlaubt wäre, nach eigenem Gefallen die Gesetze zu ändern oder abzuschaffen. Ich dachte aber bei mir selber: »Ei, ei! Wie würde es den Projektemachern bei uns ergehen, die unter dem Schein des Gemeinwohls tagtäglich neue Gesetze erdenken und doch nichts anderes als ihren eigenen Profit und Nutzen im Kopf haben.« Wir wurden schließlich in ein sehr geräumiges Haus geführt, das dazu bestimmt war, alle diejenigen aufzunehmen, die aus dem ganzen Fürstentum von den Seminaren an den Hof geschickt wurden. Und wenn sie dem Fürsten vorgestellt werden sollen, werden sie aus diesem Haus abgeholt. Unser Anführer oder der Karatte, der uns hierher gebracht hatte, befahl uns, wir sollten hier Quartier nehmen und uns so lange still verhalten, bis er dem Fürsten unsere Ankunft gemeldet habe. Er war kaum fort, da hörten wir ein ungemein großes und jauchzendes Geschrei, wozu Pauken und Trompeten erschallten. Dies Getümmel lockte uns vor die Tür, und als wir hinauskamen, sahen wir einen Baum, der einen Blumenkranz auf dem Kopf hatte, mit herrlichem Gepränge daherkommen, und wir erkannten ihn alsbald als den Baum, den wir kurz zuvor auf dem Markt mit dem Strick um den Hals hatten stehen sehen. Die Ursache seines Triumphs war, dass der Vorschlag, den er unter Lebensgefahr gemacht hatte, gebilligt wurde. Aus welchen Beweggründen er aber das alte Gesetz angefochten, habe ich auf keine Weise erfahren können, weil die Leute hier allzu verschwiegen sind und es daher geschieht, dass das einfache Volk nicht das Allergeringste von dem erfährt, was als öffentliche Angelegenheit vor dem Rat abgehandelt wird. Darin ist es anders als bei uns, wo die Ratschlüsse und Urteile in den Schänken und Bierhäusern kaum ein Tag, nachdem sie abgefasst worden sind, schon erzählt, beurteilt und wohl auch durchgehechelt werden. Nach Verlauf einer Stunde kam unser Karatte wieder und befahl uns allen, ihm zu folgen, was wir auch willig taten. Unterwegs begegneten uns hin und wieder kleine Bäumchen, die allerhand gedruckte Scharteken von merkwürdigen und sonderbaren Dingen zum Verkauf vor sich hertrugen. Unter anderem erblickte ich zufällig ein Werkchen mit dem Titel: Von dem neuen und ungewöhnlichen Luftzeichen oder fliegenden Drachen, der im verwichenen Jahr gesehen worden. Und hier sah ich mich selber in der Gestalt, wie ich um den Planeten mit der Hacke in der Hand in der Luft herumgedreht worden war und das Stück Seil hinter mir herzog, in Kupfer gestochen. Ich konnte mich bei diesem Anblick des Lachens kaum enthalten und dachte bei mir selber: »Ei, ist das nicht ein schöner Anblick und ein vortreffliches Kupfer.« Ich erhandelte mir dieses Buch für drei Kilak, was nach unserer Münze etwa 4 gute Groschen ausgemacht hätte, verbiss mir das Lachen und setzte meinen Weg zur fürstlichen Residenz fort. Sie war eher durch ihre Architektur ansehnlich und stolz als etwa durch königlich austapezierte Zimmer oder prächtig gemalte und mit kostbarem Marmor gepflasterte Säle. Es gab auch sehr wenig Hofleute oder Aufwärter, denn die Mäßigkeit des Fürsten hatte einen Abscheu gegen allen Überfluss. Es sind hier in der Tat auch nicht so viele Minister nötig, wie sie etwa unsere Höfe erfordern, denn so viele Zweige ein Baum hat, so viele Arme hat er auch, dass also die Dienste, die er mit der Hand verrichten muss, oder die häuslichen Geschäfte, drei- oder viermal zügiger als bei uns verbracht werden können. Es war gegen Mittag, als wir an den Hof kamen, und da Ihre Durchlaucht gern im Geheimen mit mir sprechen wollte, ehe Sie sich noch zur Tafel setzte, wurde ich ganz allein in das Audienzzimmer geführt. Der Fürst bewies ein besonders gnädiges und ernsthaftes Wesen. Und er war so beständig und herzhaft, dass kein Kummer vermochte, seine Stimme oder auch nur eine Miene seines Gesichts zu verändern. Als ich des Fürsten ansichtig wurde, fiel ich ihm zu Füßen. Hierüber staunten die Umstehenden sehr, und als mich Seine Durchlaucht fragten, warum ich vor Ihr auf die Knie niederfiele und ich darauf geantwortet hatte, so hießen sie mich aufzustehen und sagten: Diese Ehre müsse man Gott allein erweisen, sie setzten auch noch hinzu, dass man hier zu Lande durch Gehorsam, Arbeit und Fleiß die Gewogenheit des Fürsten erlangen müsse. Nachdem ich aufgestanden war, legte mir der Fürst verschiedene Fragen vor. Vor allen Dingen aber fragte er mich nach meinem Vaterland, wo ich herkäme und was mich bewogen habe, diese Reise anzutreten. Ich antwortete hierauf: »Mein Vaterland ist eine größere Welt als diese gegenwärtige. Mein Name ist Klim, und ich bin weder zu Schiff auf dem Wasser noch zu Fuß auf dem Land, sondern durch die freie Luft hierher gekommen.« Hierauf fuhr er fort, mich nach anderen Dingen zu fragen, nämlich danach, was mir auf meiner Reise begegnet sei und was wir auf unserer Erde für Sitten und Gewohnheiten hätten. Ich gab ihm auf alles richtigen Bescheid und zählte ihm vie- les von den Tugenden der Menschen auf, von ihrem Verstand, ihrer Höflichkeit, ihren Sitten und von anderen Dingen mehr, mit denen die Menschen am meisten zu prahlen pflegen. Aber all das hörte er sich ganz kaltsinnig an, und zu einigen Dingen, von denen ich dachte, sie würden ihn in die größte Verwunderung setzen, gähnte er. Da dachte ich bei mir selber: »Ach, wie unterschiedlich ist doch der Sterblichen Neigung; was uns am allermeisten gefällt, verursacht diesen Leuten hier nur Ekel und Abscheu.« Was seine Ohren am meisten beleidigte, war meine Erzählung von der Art und Weise, wie man bei uns rechtlich zu verfahren pflegt, die Beredsamkeit unserer Advokaten und die Schnelligkeit unserer Richter in der Abfassung von Urteilen schienen ihm entsetzlich. Ich wollte ihm daher etwas deutlicher erklären, wie es zugeht bei uns, aber er fiel mir ins Wort und fragte mich nun nach unserer Religion und unserem Gottesdienst. Ich sagte ihm darauf alle Artikel unseres Glaubens auf, wobei sich die Runzeln in seinem Gesicht wieder etwas verloren. Ja, er sagte, er könne einen jeden Artikel davon ohne Zwang gut- heißen und sie verdienten völligen Beifall. Darüber aber müsse er sich wundern, dass ein Volk, dem es so sehr an Urteilskraft fehle, so vernünftige Gründe für Gott und für dessen Verehrung anzugeben wüsste. Und als er ferner hörte, dass sich die Christen in unzählige Sekten teilten und wegen des Unterschieds in der Religion gegeneinander stritten, sagte er: »Bei uns gibt es zwar auch unterschiedliche Meinungen in Sachen, die den Gottesdienst betreffen: Deshalb verfolgt aber keiner den anderen. Denn alle Verfolgung über theoretische Dinge oder über Irrtümer, die von bloßem Missverstand herrühren, entsteht aus Hochmut, indem der eine töricht meint, er sähe die Sache besser ein als ein anderer, und eine solche Hoffart kann Gott keineswegs gefallen, der ein Freund der Demut ist. Wir feinden niemanden deswegen an, wenn er in theoretischen Dingen von der einmal angenommenen Meinung abgeht, wenn er nur in den Dingen, die die Ausübung des Gottesdienstes betreffen, mit den anderen einig ist. Wir halten es da wie unsere Vorfahren, die es für unbillig erachteten, dem Urteil eines Geschöpfs Fesseln anzulegen oder über sein Gewissen zu herrschen. Ja, wir preisen diese Regel auch sorgfältig in politischen Dingen an, denn obgleich meine Untertanen, von meiner Leibesgestalt, von meiner Lebensart, Hauswesen und anderen ähnlichen Dingen, nicht dieselbe Meinung hegen, halte ich sie doch alle für gute Bürger und Untertanen, solange sie mich für ihren rechtmäßigen Fürsten und Herrn halten, dem sie allen Gehorsam schuldig sind.« Hierauf antwortete ich: »Durchlauchtigster Fürst, bei uns wird es nicht gern gesehen, wenn ein Teil dem andern in der Religion allzu viel nachgibt, und vor allen Dingen unsere Gelehrten missbilligen es aufs Höchste.« Er ließ mir aber gar keine Zeit weiterzureden, sondern befahl mir voller Unwillen, so lange hier zu bleiben, bis er das Mittagsmahl eingenommen hätte. An der Tafel befanden sich nicht mehr als vier Personen: Ihre Durchlaucht nebst Dero Gemahlin und ein Prinz nebst dem Großkanzler oder dem Kadoki. Dieser Kadoki hatte sich durch Leutseligkeit und hohen Verstand den größten Ruhm unter den Potuanern erworben, denn er hatte 20 volle Jahre hindurch nicht einen einzigen Rechtsspruch getan, den die übrigen Ratsherrn nicht einmütig gebilligt hätten, und er hatte in öffentlichen Angelegenheiten nichts beschlossen, was nicht unverbrüchlich gehalten worden wäre, ja, seine Urteilssprüche wurden alle als Grundsätze angesehen. Er fasste aber eine Sache so langsam und schwer, dass er sich zum allerwenigsten eine Zeit von 14 Tagen dafür ausbat, auch nur das einfachste Urteil abzufassen. Wäre er in unsere Welt gekommen, wo alles Zaudern den Namen Trägheit und Faulheit bekommt, er wäre in Dingen von einiger Wichtigkeit schwerlich zurate gezogen worden. Doch da er dasjenige, was er einmal abgefasst hatte, auf das Allergenaueste untersuchte und über nichts eher beschloss, als bis er es auf das Reichlichste erwogen hatte, konnte man wohl von ihm sagen, er habe mehr getan als zehn andere, die ihre Sache flott und schleunig verrichten und insgeheim große Geister genannt werden, deren Handlungen oder Taten aber oft korrigiert, geändert und durch die Hechel gezogen werden müssen. So gibt es an diesem Hof den bedenkenswerten Spruch, der besagt: Diejenigen, die ein Geschäft allzu hurtig unternehmen, sind mit den müßigen Pflastertretern zu vergleichen, die durch Hin- und Herspazieren immer denselben Weg gehen und durch all ihre Bewegungen doch nichts ausrichteten oder weiterkämen. Nachdem sich die Durchlauchtige Familie niedergelassen hatte, trat eine Jungfrau mit acht Zweigen ins Zimmer, die ebenso viele Schüsseln und Teller trug, wie sie Zweige hatte, und so war im selben Augenblick die ganze Tafel mit Speisen besetzt. Gleich nach ihr kam ein anderer Baum mit acht Flaschen, die mit verschiedenem Most und anderen Getränken gefüllt waren. Dieser Baum hatte neun Zweige und war daher zu häuslichen Geschäften am allergeschicktesten. Hier war also durch zwei dienstbare Geister alles verrichtet worden, was an unseren Höfen kaum durch eine ganze Schar von Bedienten bewerkstelligt werden kann. Als das Mittagsmahl vorüber war, wurde die Tafel mit derselben Geschwindigkeit wieder aufgehoben, wie sie vorher besetzt worden war. Das Mittagsmahl war zwar recht spar- sam, aber doch sehr niedlich. Von den aufgetragenen Speisen genoss der Fürst nicht mehr als von einer, zu der er den meisten Appetit hatte, und er machte es damit ganz anders als unsere Reichen, die ein Gastmahl nicht für herrlich halten können, bei dem nicht, statt einer abgenommenen Schüssel, immer wieder eine andere größere mit noch herrlicheren Speisen wie die vorigen aufgetragen wird. Solange sie bei der Tafel waren, wurden unterschiedliche Diskurse von Tugenden und von Lastern, auch von politischen Sachen geführt, sodass die Speisen mit Weisheit gewürzt wurden. Auch meiner wurde zuweil bei der Tafel gedacht, doch eben nicht zum Rühmlichsten; denn sie meinten, weil ich eine Sache so gar leicht auffasste, müsse ich wohl ein Holz sein, aus dem man schwerlich ein schönes Bild würde schnitzen können. Nachdem man nun den Hunger gestillt und die Tafel aufgehoben hatte, verlangte der Fürst mein Zeugnis, und als er es durchgelesen hatte, sah er mir auf meine Füße und sagte: »Die Karatti haben recht geurteilt, es soll so geschehen.« Durch diese Antwort wurde ich gleichsam wie vom Blitz gerührt und bat mit Tränen in den Augen um die Revision der Akten, weil ich wegen meiner Tugenden und Gemütsgaben, wenn sie nur genauer untersucht worden wären, einen weit gütigeren Ausspruch zu erhoffen gehabt hätte. Der Fürst wurde, weil er von Natur aus gnädig und gerecht war, über mein ungewöhnliches und verdrießliches Begehren nicht unwillig und befahl dem anwesenden Karatto, er solle ein neues und recht genaues Examen mit mir anstellen. Während dieser Prüfung begab sich der Fürst ein wenig hinweg, um die übrigen Zeugnisse durchzulesen. Als der Fürst fortgegangen war, legte mir der Karatto aufs Neue unterschiedliche Fragen vor, und ich beantwortete sie ihm nach meiner gewöhnlichen Geschwindigkeit. Darüber aber war er sehr erstaunt, und er sagte: »Du fasst eine Sache zwar leicht, du siehst sie aber nicht recht ein, denn deine Antworten zeigen, dass du die Fragen zwar verstehst, aber nicht recht überlegst, ehe du sie beantwortest.« Nach beendetem Examen ging er zum Fürsten ins Audienzzimmer und kam kurz darauf mit folgendem Rechtsspruch zurück: Ich habe unweise gehandelt, indem ich das Urteil der Karatten in Zweifel gezogen und sei daher der Strafe verfallen, die den boshaften Verleumdern im Gesetzbuch, im vierten großen Raum und dessen dritten kleineren Raum bestimmt sei (denn sie teilen ihr Gesetzbuch in große und kleine Räume oder in Skibal und Kibal, und sie verstehen unter einem großen Raum ein Buch, unter einem kleinen aber ein Kapitel). Ich sollte nämlich nach alter Gewohnheit an beiden Armen zur Ader gelassen werden, und danach würde man mich ins Zuchthaus stecken. Die Worte des Gesetzes über die Verleumder lauteten im 4. Buch, 3. Kapitel also: Spik. antri. Flak. Skak. mak. Tabu Mihalatti Silac. Doch obgleich die Worte des Gesetzes klar und deutlich seien und es keine Ausnahme geben könne, so hätten Ihre Durchlaucht doch beschlossen, mir aus besonderer Gnade dieses Verbrechen für dieses Mal noch zu verzeihen, teils weil ich einen gar so fähigen Kopf hätte, teils aber auch, weil ich das Gesetz nicht gekannt und darüber hinaus ein fremder oder neuer Gast sei, dem die Strafe dieses Verbrechens ohne Verletzung des Gesetzes einigermaßen geschenkt werden könnte. Und damit er mich noch ferner seiner besonderen Gnade und Wohlgewogenheit versichern könnte, so ließe er mich auch wissen, dass er mich unter die ordentlichen Läufer bei Hof aufgenommen hätte, und ich möge mir an dieser Gnade genüge sein lassen. Nachdem ich nun das alles gehört, wurde ein Kiva oder Sekretär herbeigerufen, der mich nebst den übrigen kürzlich angekommenen Kandidaten in das Buch einschreiben musste, worin die Personen, die befördert zu werden verdienten, verzeichnet standen. Dieser Sekretär war ein Mann von ganz vortrefflichem Ansehen, denn er hatte elf Zweige und konnte daher elf Briefe mit ebensolcher Fertigkeit schreiben, wie wir einen einzigen. Doch besaß er nur eine mittelmäßige Urteilskraft, daher war er auch zu keinem höheren Rang gelangt, sondern genötigt, in diesem Amt, dem er schon beinah 30 Jahre vorgestanden, grau zu werden. Das war der Mann, in dessen Nähe ich in Zukunft leben sollte und den ich hauptsächlich ehren musste, weil er alle Befehle und Briefe abkopierte, die ich als Hofläufer durch alle Provinzen herumtragen musste. Ich staunte häufig, wenn ich sah, wie hurtig er sein Amt verrichtete, indem er zuweilen elf Briefe gleichzeitig schrieb und sie auch alle elf auf einmal siegelte. Es wird hier also als höchstes Glück einer Familie gewertet, wenn ihnen Kinder mit vielen Zweigen geboren werden. Wöchnerinnen lassen es ihre Nachbarinnen auch fleißig wissen, wenn sie eine Frucht zur Welt gebracht haben, mit wie vielen Zweigen ihre Kinder ans Licht getreten sind. Der Vater unseres Sekretärs hatte zwölf Zweige gehabt, und seine ganze Familie war wegen der Vielzahl der Zweige vor allen anderen berühmt gewesen. Nachdem ich nun mein Diplom erhalten und unter die ordentlichen Hofläufer aufgenommen worden war, begab ich mich zu Bett, und obgleich meine Glieder rechtschaffen müde waren, brachte ich doch den größten Teil der Nacht schlaflos zu. Ich konnte das niedrige Amt, das mir aufgetragen worden war, gar nicht aus meinen Gedanken vertreiben, und es kam mir höchst unanständig und unerträglich vor, dass ein Kandidat und Bakkalaureus der großen Welt hier bei den unterirdischen Einwohnern einen gering geschätzten Läufer abgeben sollte. Unter diesen traurigen und betrübten Vorstellungen konnte ich fast die ganze Nacht hindurch keine Ruhe finden, und in dieser Bekümmernis las ich ein übers andere Mal mein akademisches Zeugnis durch, das ich mit hierher gebracht hatte. Da mich nun schließlich die Sorgen und Gedanken sehr müde gemacht hatten, überfiel mich doch noch ein tiefer Schlaf. Ich träumte mancherlei, solange ich schlief. Bald war ich wieder in meinem Vaterland bei meinen Landsleuten und erzählte ihnen alles haarklein, was mir auf meiner unterirdischen Reise begegnet war, bald schwebte ich wieder in der Luft und hatte mit dem abscheulichen Greifen zu tun, der mir dermaßen viel zu schaffen machte, dass ich über diesem Streit endlich erwachte. Aber wie erschrak ich, als ich die Augen aufschlug und einen von den allergrößten Affen vor meinem Bett stehen sah, der die Tür, die ich nicht fest zugemacht hatte, aufgestoßen und in mein Schlafgemach gekommen war. Ich fing bei diesem überraschenden Anblick aus vollem Hals an zu schreien und um Hilfe zu rufen. Durch dieses Geschrei wurden auch einige Bäume, die in den Nebenzimmern schliefen, aufgeweckt, kamen zu mir und jagten das hässliche Tier, mit dem ich mich schon herumbalgte, zur Tür hinaus. Als man diese Geschichte dem Fürsten erzählte, lachte er rechtschaffen darüber. Damit mir aber dergleichen Unbill nicht öfter begegnen möchte, hatte er alsbald befohlen, man solle mich nach ihrer Landesart kleiden und mich mit Zweigen versehen. Meine europäischen Kleider, die ich bisher noch immer getragen hatte, wurden mir daher abgenommen und wegen ihrer Seltenheit in der fürstlichen Raritätenkammer mit folgender Beischrift aufgehängt: »Dies ist die Kleidung eines Tieres aus der oberen Welt.« Darüber hatte ich nun selber folgende Gedanken: »Wenn das Meister Johann Andreas, der Schneider in Bergen, der mir diese Kleider gemacht hat, wüsste, dass seinem Machwerk die Ehre widerfährt, in einem unterirdischen fürstlichen Raritätenkabinett aufgehängt zu werden, er ließe sich gewiss vor lauter Hochmut nicht mehr darauf ein, dass ein Bürgermeister oder Stadtamtmann im Rang über ihm stehe.« Nach dieser Begebenheit brachte ich die übrige Nacht bis zum Sonnenaufgang vollends schlaflos zu. Als ich aufstand, wurde mir mein Diplom überreicht, mit dem ich zum Hofläufer erklärt wurde. Ich bekam alsbald unzählig viele Geschäfte auszurichten, und ich war beständig auf der Straße, indem ich bald in kleine, bald in große Städte fürstliche Befehle und andere Dinge, die die öffentlichen Angelegenheiten betrafen, zu überbringen hatte. Bei diesen meinen Ausflügen erforschte ich die Gemütsbeschaffenheit dieses Volks immer sorgfältiger, und ich bemerkte bei den meisten eine bewundernswürdige Leutseligkeit und merkwürdige Weisheit. Die Einwohner der Stadt Maholki, die alle Dornsträuche waren, schienen mir freilich wenig gesittet und höflich zu sein. Denn jede Provinz hat ihre besonderen Bäume oder Einwohner, die man am besten beim Landvolk oder bei den Bauern sehen kann, die alle in der Provinz geboren sind, in der sie das Feld bauen. Denn in den großen Städten und besonders in der Hauptstadt findet man eine Menge von verschiedenen Bäumen aus allen Provinzen. In der guten Meinung, die ich von der Klugheit der Einwohner dieses Fürstentums hegte, wurde ich noch mehr bestärkt, da ich Gelegenheit hatte, ihre Tugenden immer mehr und mehr wahrzunehmen. Ihren Gesetzen und Gewohnheiten, die ich vorher missbilligt hatte, konnte ich nun wegen ihrer Gerechtigkeit und Billigkeit nicht anders als Beifall zollen, und meine Verachtung verwandelte sich in Bewunderung. Es sollte mir nicht schwer fallen, ein langes Verzeichnis von Dingen und Gewohnheiten zu machen, die mir anfangs, da ich sie nur oberflächlich betrachtete, recht töricht vorkamen, die mir nun aber, nachdem ich sie sorgfältig untersuchte und nach dem Grund durchforschte, völlig vernünftig und löblich erschienen. Aus unzähligen anderen will ich nur ein einziges Beispiel anführen, das die Gemütsart dieses Volks recht lebendig schildert. Als sich ein Philologiestudiosus um das Rektorat einer gewissen Schule bewarb, gaben ihm die Bürger der Stadt Nahami folgendes tröstliche Zeugnis: Der Kandidat habe schon ganze 4 Jahre lang mit seiner geilen und untreuen Frau ganz ruhig und still gelebt und seine Hörner mit Geduld ertragen. Das Ganze war ungefähr so in Worte gefasst: »Da der gelehrte und ehrwürdige Herr Jocthan Hu bei den Zunftmeistern um ein Zeugnis seines Lebens und Verhaltens wegen angehalten, so bezeugen wir Bürger und Einwohner des Fleckens oder der Landschaft Posko, dass er ganze 4 Jahre lang mit seiner untreuen Frau ohne allen Zank und Streit gelebt und seine Hörner geduldig ertragen hat; ja, dass er mit solcher Gemütsgelassenheit sein Unglück ertragen, dass wir gänzlich dafürhalten, wenn seine Gelehrsamkeit mit seinen Sitten übereinstimmt, dass er vollkommen würdig sei, das verwaiste Schulrektorat zu besetzen. Gegeben im Palmmonat, im 3.000. Jahr nach der großen Sintflut.« Diesem Empfehlungsschreiben der Zunftmeister war noch ein anderes von den Karattis des Seminars wegen seiner Gelehrsamkeit beigegeben, das mir vernünftiger schien, denn was hatte das Bürgerzeugnis mit der Zukunft eines Rektors zu tun. Allein mit dem besagten Zeugnis hatte es Folgendes auf sich: Unter die Tugenden, die einen Schullehrer am meisten beliebt machen, gehört vornehmlich Geduld. Denn wenn er nicht mit eiserner Geduld begabt ist, wird er mit aller Gelehrsamkeit wenig in seinem Schulamt ausrichten, das ohne Strenge und Rachgier geführt werden muss, damit er nicht durch ungestümes Zuschlagen die Gemüter der Schüler erbittere. Da nun die Nachbarn dieses Kandidaten kein größeres und besseres Beispiel der Geduld, als dieses, dass er ein so ausnehmendes Hauskreuz mit großer Geduld ertragen habe, anzuführen wussten, so trugen sie gar kein Bedenken, bei diesem Punkt stehen zu bleiben und daraus zu erweisen, was sie für einen guten und gelinden Schulmonarchen an ihm fänden, da er die Tugend besäße, dass er in höchstem Grad geduldig sei. Man sagt, der Fürst habe über dieses Empfehlungsschreiben herzlich gelacht, und da er gefunden, dass es nicht ganz und gar absurd wäre, habe er dem Kandidaten das verwaiste Rektorat zugeteilt. Ja der Ausgang hat gelehrt, dass er sein Amt mit solcher Geschicklichkeit verwaltet und sich durch Geduld und Sanftmut die Knaben so verbunden habe, dass sie ihn mehr für ihren Vater als für ihren Schulrektor ansahen. Ja sie haben unter seiner milden und sanftmütigen Aufsicht so sehr in der Gelehrsamkeit zugenommen, dass es heutzutage im ganzen Fürstentum wenige Schulen gibt, aus denen so vortrefflich gelehrte und wohlerzogene Bäume jährlich entlassen werden wie aus dieser. Während der 4 Jahre, in denen ich das Amt eines Läufers verwaltete, hatte ich Gelegenheit, die Beschaffenheit dieses Landes, die Gemütsart und Sitten des Volks, zugleich ihre politische Verfassung, ihren Gottesdienst, ihre Gesetze und ihre Gelehrsamkeit aufs Genaueste zu untersuchen. Es wird daher meinen Lesern hoffentlich nicht unangenehm sein, wenn ich dasjenige, was hin und wieder in diesem Werkchen verstreut vorkommt, in einem kurzen Kapitel hier zusammenfasse.