Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
25.02.2026 27 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 4
Beschreibung der fürstlichen Residenz Potu
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Beschreibung der fürstlichen Residenz Potu
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Musik:
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Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
4. KAPITEL
Beschreibung der fürstlichen Residenz Potu
Endlich langten wir in der fürstlichen Residenz
Potu an. Die Stadt ist groß und sehr prächtig
anzusehen. Die Häuser sind hier viel höher als
in Keba, und die Gassen sind viel geräumiger
und wegen des Pflasters auch weit kommoder.
Der erste Platz, auf den wir in Potu kamen,
hatte ungemein viel Kaufmannsgewölbe und
war um und um mit lauter Buden umgeben,
in denen allerhand Künstler und Handwerker ihre
Erzeugnisse feilboten. Mitten auf dem Markt sah
ich mit Erstaunen einen Missetäter stehen, dem
ein Strick um den Hals geschlungen war und den
eine große Menge von Bäumen umgab, die ich für
eine Ratsversammlung hielt. Als ich fragte,
was dies zu bedeuten habe und warum er
gehängt werden sollte, zumal ich doch wüsste,
dass kein Verbrechen hier zu Lande mit
dem Tod bestraft würde, so sagte man mir,
er sei ein Projektemacher, der die Abschaffung
einer alten Gewohnheit angeraten habe,
die Umstehenden aber seien Rechtsgelehrte und
Ratsherren, die seine neue Meinung wie gewöhnlich
untersuchten. Fände sie Beifall und würde sie dem
Gemeinwesen als nutzbringend erachtet, so würde
der Beklagte nicht nur freigesprochen, sondern
auch belohnt werden. Würde man aber befinden,
sie sei dem Gemeinwohl nachteilig, oder stelle
sich heraus, dass der Projektemacher seines
Nutzens wegen dazu geraten hätte, ein altes Gesetz
abzuschaffen, dann würde ihm, als einem Störer des
Gemeinwohls, sogleich mit dem Strick die Kehle
zugeschnürt werden. Und das ist auch die Ursache,
warum es in diesem Land so wenig Leute gibt,
die sich unterstehen, die Abschaffung des einen
oder anderen alten Gesetzes anzuraten, und niemand
unternimmt es, der nicht vollkommen überzeugt ist,
dass es glücklich mit ihm ablaufen werde. Sie
glauben also, man müsse streng und fest über den
alten Gesetzen wachen und löbliche Verordnungen
der Vorfahren gebührend respektieren, denn sie
meinen, eine Republik könne unmöglich bestehen,
wenn einem jeden erlaubt wäre, nach eigenem
Gefallen die Gesetze zu ändern oder abzuschaffen.
Ich dachte aber bei mir selber: »Ei, ei! Wie würde
es den Projektemachern bei uns ergehen, die
unter dem Schein des Gemeinwohls tagtäglich
neue Gesetze erdenken und doch nichts anderes als
ihren eigenen Profit und Nutzen im Kopf haben.«
Wir wurden schließlich in ein sehr geräumiges Haus
geführt, das dazu bestimmt war, alle diejenigen
aufzunehmen, die aus dem ganzen Fürstentum von den
Seminaren an den Hof geschickt wurden. Und wenn
sie dem Fürsten vorgestellt werden sollen, werden
sie aus diesem Haus abgeholt. Unser Anführer oder
der Karatte, der uns hierher gebracht hatte,
befahl uns, wir sollten hier Quartier nehmen und
uns so lange still verhalten, bis er dem Fürsten
unsere Ankunft gemeldet habe. Er war kaum fort,
da hörten wir ein ungemein großes und jauchzendes
Geschrei, wozu Pauken und Trompeten erschallten.
Dies Getümmel lockte uns vor die Tür, und
als wir hinauskamen, sahen wir einen Baum,
der einen Blumenkranz auf dem Kopf hatte, mit
herrlichem Gepränge daherkommen, und wir erkannten
ihn alsbald als den Baum, den wir kurz zuvor auf
dem Markt mit dem Strick um den Hals hatten stehen
sehen. Die Ursache seines Triumphs war, dass
der Vorschlag, den er unter Lebensgefahr gemacht
hatte, gebilligt wurde. Aus welchen Beweggründen
er aber das alte Gesetz angefochten, habe ich auf
keine Weise erfahren können, weil die Leute hier
allzu verschwiegen sind und es daher geschieht,
dass das einfache Volk nicht das Allergeringste
von dem erfährt, was als öffentliche Angelegenheit
vor dem Rat abgehandelt wird. Darin ist es anders
als bei uns, wo die Ratschlüsse und Urteile in den
Schänken und Bierhäusern kaum ein Tag, nachdem
sie abgefasst worden sind, schon erzählt,
beurteilt und wohl auch durchgehechelt werden.
Nach Verlauf einer Stunde kam unser Karatte wieder
und befahl uns allen, ihm zu folgen, was wir auch
willig taten. Unterwegs begegneten uns hin und
wieder kleine Bäumchen, die allerhand gedruckte
Scharteken von merkwürdigen und sonderbaren Dingen
zum Verkauf vor sich hertrugen. Unter anderem
erblickte ich zufällig ein Werkchen mit dem Titel:
Von dem neuen und ungewöhnlichen Luftzeichen
oder fliegenden Drachen, der im verwichenen Jahr
gesehen worden. Und hier sah ich mich selber
in der Gestalt, wie ich um den Planeten mit
der Hacke in der Hand in der Luft herumgedreht
worden war und das Stück Seil hinter mir herzog,
in Kupfer gestochen. Ich konnte mich bei diesem
Anblick des Lachens kaum enthalten und dachte bei
mir selber: »Ei, ist das nicht ein schöner Anblick
und ein vortreffliches Kupfer.« Ich erhandelte mir
dieses Buch für drei Kilak, was nach unserer Münze
etwa 4 gute Groschen ausgemacht hätte, verbiss mir
das Lachen und setzte meinen Weg zur fürstlichen
Residenz fort. Sie war eher durch ihre Architektur
ansehnlich und stolz als etwa durch königlich
austapezierte Zimmer oder prächtig gemalte und
mit kostbarem Marmor gepflasterte Säle. Es
gab auch sehr wenig Hofleute oder Aufwärter,
denn die Mäßigkeit des Fürsten hatte einen Abscheu
gegen allen Überfluss. Es sind hier in der Tat
auch nicht so viele Minister nötig, wie sie etwa
unsere Höfe erfordern, denn so viele Zweige ein
Baum hat, so viele Arme hat er auch, dass also
die Dienste, die er mit der Hand verrichten muss,
oder die häuslichen Geschäfte, drei- oder viermal
zügiger als bei uns verbracht werden können.
Es war gegen Mittag, als wir an den Hof kamen,
und da Ihre Durchlaucht gern im Geheimen mit
mir sprechen wollte, ehe Sie sich noch zur
Tafel setzte, wurde ich ganz allein in das
Audienzzimmer geführt. Der Fürst bewies ein
besonders gnädiges und ernsthaftes Wesen. Und
er war so beständig und herzhaft, dass kein
Kummer vermochte, seine Stimme oder auch nur
eine Miene seines Gesichts zu verändern. Als
ich des Fürsten ansichtig wurde, fiel ich ihm
zu Füßen. Hierüber staunten die Umstehenden
sehr, und als mich Seine Durchlaucht fragten,
warum ich vor Ihr auf die Knie niederfiele und
ich darauf geantwortet hatte, so hießen sie mich
aufzustehen und sagten: Diese Ehre müsse man Gott
allein erweisen, sie setzten auch noch hinzu,
dass man hier zu Lande durch Gehorsam, Arbeit
und Fleiß die Gewogenheit des Fürsten erlangen
müsse. Nachdem ich aufgestanden war, legte mir der
Fürst verschiedene Fragen vor. Vor allen Dingen
aber fragte er mich nach meinem Vaterland,
wo ich herkäme und was mich bewogen habe,
diese Reise anzutreten. Ich antwortete hierauf:
»Mein Vaterland ist eine größere Welt als diese
gegenwärtige. Mein Name ist Klim,
und ich bin weder zu Schiff auf dem
Wasser noch zu Fuß auf dem Land, sondern
durch die freie Luft hierher gekommen.«
Hierauf fuhr er fort, mich nach anderen Dingen
zu fragen, nämlich danach, was mir auf meiner
Reise begegnet sei und was wir auf unserer Erde
für Sitten und Gewohnheiten hätten. Ich gab ihm
auf alles richtigen Bescheid und zählte ihm
vie- les von den Tugenden der Menschen auf,
von ihrem Verstand, ihrer Höflichkeit, ihren
Sitten und von anderen Dingen mehr, mit denen
die Menschen am meisten zu prahlen pflegen.
Aber all das hörte er sich ganz kaltsinnig an,
und zu einigen Dingen, von denen ich dachte, sie
würden ihn in die größte Verwunderung setzen,
gähnte er. Da dachte ich bei mir selber: »Ach, wie
unterschiedlich ist doch der Sterblichen Neigung;
was uns am allermeisten gefällt, verursacht
diesen Leuten hier nur Ekel und Abscheu.«
Was seine Ohren am meisten beleidigte, war meine
Erzählung von der Art und Weise, wie man bei uns
rechtlich zu verfahren pflegt, die Beredsamkeit
unserer Advokaten und die Schnelligkeit unserer
Richter in der Abfassung von Urteilen schienen ihm
entsetzlich. Ich wollte ihm daher etwas deutlicher
erklären, wie es zugeht bei uns, aber er fiel
mir ins Wort und fragte mich nun nach unserer
Religion und unserem Gottesdienst. Ich sagte
ihm darauf alle Artikel unseres Glaubens auf,
wobei sich die Runzeln in seinem Gesicht
wieder etwas verloren. Ja, er sagte,
er könne einen jeden Artikel davon ohne Zwang
gut- heißen und sie verdienten völligen Beifall.
Darüber aber müsse er sich wundern, dass ein
Volk, dem es so sehr an Urteilskraft fehle,
so vernünftige Gründe für Gott und für dessen
Verehrung anzugeben wüsste. Und als er ferner
hörte, dass sich die Christen in unzählige Sekten
teilten und wegen des Unterschieds in der Religion
gegeneinander stritten, sagte er: »Bei uns gibt
es zwar auch unterschiedliche Meinungen in Sachen,
die den Gottesdienst betreffen: Deshalb
verfolgt aber keiner den anderen. Denn
alle Verfolgung über theoretische Dinge oder über
Irrtümer, die von bloßem Missverstand herrühren,
entsteht aus Hochmut, indem der eine töricht
meint, er sähe die Sache besser ein als
ein anderer, und eine solche Hoffart kann Gott
keineswegs gefallen, der ein Freund der Demut
ist. Wir feinden niemanden deswegen an, wenn er in
theoretischen Dingen von der einmal angenommenen
Meinung abgeht, wenn er nur in den Dingen,
die die Ausübung des Gottesdienstes betreffen,
mit den anderen einig ist. Wir halten es da wie
unsere Vorfahren, die es für unbillig erachteten,
dem Urteil eines Geschöpfs Fesseln anzulegen
oder über sein Gewissen zu herrschen. Ja,
wir preisen diese Regel auch sorgfältig in
politischen Dingen an, denn obgleich meine
Untertanen, von meiner Leibesgestalt, von meiner
Lebensart, Hauswesen und anderen ähnlichen Dingen,
nicht dieselbe Meinung hegen, halte ich sie
doch alle für gute Bürger und Untertanen,
solange sie mich für ihren rechtmäßigen Fürsten
und Herrn halten, dem sie allen Gehorsam schuldig
sind.« Hierauf antwortete ich: »Durchlauchtigster
Fürst, bei uns wird es nicht gern gesehen, wenn
ein Teil dem andern in der Religion allzu viel
nachgibt, und vor allen Dingen unsere Gelehrten
missbilligen es aufs Höchste.« Er ließ mir aber
gar keine Zeit weiterzureden, sondern befahl mir
voller Unwillen, so lange hier zu bleiben,
bis er das Mittagsmahl eingenommen hätte.
An der Tafel befanden sich nicht mehr als vier
Personen: Ihre Durchlaucht nebst Dero Gemahlin
und ein Prinz nebst dem Großkanzler oder
dem Kadoki. Dieser Kadoki hatte sich durch
Leutseligkeit und hohen Verstand den größten
Ruhm unter den Potuanern erworben, denn er hatte
20 volle Jahre hindurch nicht einen einzigen
Rechtsspruch getan, den die übrigen Ratsherrn
nicht einmütig gebilligt hätten, und er hatte in
öffentlichen Angelegenheiten nichts beschlossen,
was nicht unverbrüchlich gehalten worden wäre, ja,
seine Urteilssprüche wurden alle als Grundsätze
angesehen. Er fasste aber eine Sache so langsam
und schwer, dass er sich zum allerwenigsten eine
Zeit von 14 Tagen dafür ausbat, auch nur
das einfachste Urteil abzufassen. Wäre er
in unsere Welt gekommen, wo alles Zaudern
den Namen Trägheit und Faulheit bekommt,
er wäre in Dingen von einiger Wichtigkeit
schwerlich zurate gezogen worden. Doch da er
dasjenige, was er einmal abgefasst hatte, auf das
Allergenaueste untersuchte und über nichts eher
beschloss, als bis er es auf das Reichlichste
erwogen hatte, konnte man wohl von ihm sagen,
er habe mehr getan als zehn andere, die ihre Sache
flott und schleunig verrichten und insgeheim große
Geister genannt werden, deren Handlungen oder
Taten aber oft korrigiert, geändert und durch
die Hechel gezogen werden müssen. So gibt
es an diesem Hof den bedenkenswerten Spruch,
der besagt: Diejenigen, die ein Geschäft
allzu hurtig unternehmen, sind mit den
müßigen Pflastertretern zu vergleichen, die
durch Hin- und Herspazieren immer denselben
Weg gehen und durch all ihre Bewegungen
doch nichts ausrichteten oder weiterkämen.
Nachdem sich die Durchlauchtige Familie
niedergelassen hatte, trat eine Jungfrau
mit acht Zweigen ins Zimmer, die ebenso viele
Schüsseln und Teller trug, wie sie Zweige hatte,
und so war im selben Augenblick die ganze
Tafel mit Speisen besetzt. Gleich nach ihr
kam ein anderer Baum mit acht Flaschen, die mit
verschiedenem Most und anderen Getränken gefüllt
waren. Dieser Baum hatte neun Zweige und war daher
zu häuslichen Geschäften am allergeschicktesten.
Hier war also durch zwei dienstbare Geister alles
verrichtet worden, was an unseren Höfen kaum durch
eine ganze Schar von Bedienten bewerkstelligt
werden kann. Als das Mittagsmahl vorüber war,
wurde die Tafel mit derselben Geschwindigkeit
wieder aufgehoben, wie sie vorher besetzt worden
war. Das Mittagsmahl war zwar recht spar- sam,
aber doch sehr niedlich. Von den aufgetragenen
Speisen genoss der Fürst nicht mehr als von einer,
zu der er den meisten Appetit hatte, und er machte
es damit ganz anders als unsere Reichen, die ein
Gastmahl nicht für herrlich halten können, bei dem
nicht, statt einer abgenommenen Schüssel, immer
wieder eine andere größere mit noch herrlicheren
Speisen wie die vorigen aufgetragen wird.
Solange sie bei der Tafel waren, wurden
unterschiedliche Diskurse von Tugenden und von
Lastern, auch von politischen Sachen geführt,
sodass die Speisen mit Weisheit gewürzt wurden.
Auch meiner wurde zuweil bei der Tafel gedacht,
doch eben nicht zum Rühmlichsten;
denn sie meinten, weil ich eine
Sache so gar leicht auffasste, müsse ich
wohl ein Holz sein, aus dem man schwerlich
ein schönes Bild würde schnitzen können.
Nachdem man nun den Hunger gestillt und
die Tafel aufgehoben hatte, verlangte der Fürst
mein Zeugnis, und als er es durchgelesen hatte,
sah er mir auf meine Füße und sagte:
»Die Karatti haben recht geurteilt,
es soll so geschehen.« Durch diese Antwort wurde
ich gleichsam wie vom Blitz gerührt und bat mit
Tränen in den Augen um die Revision der Akten,
weil ich wegen meiner Tugenden und Gemütsgaben,
wenn sie nur genauer untersucht worden wären,
einen weit gütigeren Ausspruch zu erhoffen gehabt
hätte. Der Fürst wurde, weil er von Natur aus
gnädig und gerecht war, über mein ungewöhnliches
und verdrießliches Begehren nicht unwillig und
befahl dem anwesenden Karatto, er solle ein neues
und recht genaues Examen mit mir anstellen.
Während dieser Prüfung begab sich der Fürst
ein wenig hinweg, um die übrigen Zeugnisse
durchzulesen. Als der Fürst fortgegangen war,
legte mir der Karatto aufs Neue unterschiedliche
Fragen vor, und ich beantwortete sie ihm nach
meiner gewöhnlichen Geschwindigkeit. Darüber aber
war er sehr erstaunt, und er sagte: »Du fasst eine
Sache zwar leicht, du siehst sie aber nicht recht
ein, denn deine Antworten zeigen, dass du die
Fragen zwar verstehst, aber nicht recht überlegst,
ehe du sie beantwortest.« Nach beendetem Examen
ging er zum Fürsten ins Audienzzimmer und kam
kurz darauf mit folgendem Rechtsspruch zurück:
Ich habe unweise gehandelt, indem ich das
Urteil der Karatten in Zweifel gezogen und
sei daher der Strafe verfallen, die den boshaften
Verleumdern im Gesetzbuch, im vierten großen Raum
und dessen dritten kleineren Raum bestimmt
sei (denn sie teilen ihr Gesetzbuch in große
und kleine Räume oder in Skibal und Kibal, und
sie verstehen unter einem großen Raum ein Buch,
unter einem kleinen aber ein Kapitel).
Ich sollte nämlich nach alter Gewohnheit
an beiden Armen zur Ader gelassen werden, und
danach würde man mich ins Zuchthaus stecken.
Die Worte des Gesetzes über die Verleumder
lauteten im 4. Buch, 3. Kapitel also: Spik.
antri. Flak. Skak. mak. Tabu Mihalatti Silac.
Doch obgleich die Worte des Gesetzes klar und
deutlich seien und es keine Ausnahme geben könne,
so hätten Ihre Durchlaucht doch beschlossen,
mir aus besonderer Gnade dieses Verbrechen für
dieses Mal noch zu verzeihen, teils weil ich einen
gar so fähigen Kopf hätte, teils aber auch, weil
ich das Gesetz nicht gekannt und darüber hinaus
ein fremder oder neuer Gast sei, dem die Strafe
dieses Verbrechens ohne Verletzung des Gesetzes
einigermaßen geschenkt werden könnte. Und damit
er mich noch ferner seiner besonderen Gnade und
Wohlgewogenheit versichern könnte, so ließe
er mich auch wissen, dass er mich unter die
ordentlichen Läufer bei Hof aufgenommen hätte, und
ich möge mir an dieser Gnade genüge sein lassen.
Nachdem ich nun das alles gehört, wurde ein Kiva
oder Sekretär herbeigerufen, der mich nebst den
übrigen kürzlich angekommenen Kandidaten in das
Buch einschreiben musste, worin die Personen,
die befördert zu werden verdienten, verzeichnet
standen. Dieser Sekretär war ein Mann von ganz
vortrefflichem Ansehen, denn er hatte elf
Zweige und konnte daher elf Briefe mit
ebensolcher Fertigkeit schreiben, wie wir einen
einzigen. Doch besaß er nur eine mittelmäßige
Urteilskraft, daher war er auch zu keinem höheren
Rang gelangt, sondern genötigt, in diesem Amt,
dem er schon beinah 30 Jahre vorgestanden, grau
zu werden. Das war der Mann, in dessen Nähe ich
in Zukunft leben sollte und den ich hauptsächlich
ehren musste, weil er alle Befehle und Briefe
abkopierte, die ich als Hofläufer durch alle
Provinzen herumtragen musste. Ich staunte häufig,
wenn ich sah, wie hurtig er sein Amt verrichtete,
indem er zuweilen elf Briefe gleichzeitig schrieb
und sie auch alle elf auf einmal siegelte. Es
wird hier also als höchstes Glück einer Familie
gewertet, wenn ihnen Kinder mit vielen Zweigen
geboren werden. Wöchnerinnen lassen es ihre
Nachbarinnen auch fleißig wissen, wenn sie eine
Frucht zur Welt gebracht haben, mit wie vielen
Zweigen ihre Kinder ans Licht getreten sind. Der
Vater unseres Sekretärs hatte zwölf Zweige gehabt,
und seine ganze Familie war wegen der Vielzahl
der Zweige vor allen anderen berühmt gewesen.
Nachdem ich nun mein Diplom erhalten und unter
die ordentlichen Hofläufer aufgenommen worden war,
begab ich mich zu Bett, und obgleich meine Glieder
rechtschaffen müde waren, brachte ich doch den
größten Teil der Nacht schlaflos zu. Ich konnte
das niedrige Amt, das mir aufgetragen worden war,
gar nicht aus meinen Gedanken vertreiben, und es
kam mir höchst unanständig und unerträglich vor,
dass ein Kandidat und Bakkalaureus der großen
Welt hier bei den unterirdischen Einwohnern
einen gering geschätzten Läufer abgeben sollte.
Unter diesen traurigen und betrübten Vorstellungen
konnte ich fast die ganze Nacht hindurch keine
Ruhe finden, und in dieser Bekümmernis las ich
ein übers andere Mal mein akademisches Zeugnis
durch, das ich mit hierher gebracht hatte. Da
mich nun schließlich die Sorgen und Gedanken sehr
müde gemacht hatten, überfiel mich doch noch ein
tiefer Schlaf. Ich träumte mancherlei, solange ich
schlief. Bald war ich wieder in meinem Vaterland
bei meinen Landsleuten und erzählte ihnen alles
haarklein, was mir auf meiner unterirdischen Reise
begegnet war, bald schwebte ich wieder in der Luft
und hatte mit dem abscheulichen Greifen zu tun,
der mir dermaßen viel zu schaffen machte, dass
ich über diesem Streit endlich erwachte. Aber wie
erschrak ich, als ich die Augen aufschlug
und einen von den allergrößten Affen vor
meinem Bett stehen sah, der die Tür,
die ich nicht fest zugemacht hatte,
aufgestoßen und in mein Schlafgemach gekommen war.
Ich fing bei diesem überraschenden Anblick aus
vollem Hals an zu schreien und um Hilfe zu rufen.
Durch dieses Geschrei wurden auch einige Bäume,
die in den Nebenzimmern schliefen, aufgeweckt,
kamen zu mir und jagten das hässliche Tier, mit
dem ich mich schon herumbalgte, zur Tür hinaus.
Als man diese Geschichte dem Fürsten erzählte,
lachte er rechtschaffen darüber. Damit mir aber
dergleichen Unbill nicht öfter begegnen möchte,
hatte er alsbald befohlen, man solle mich
nach ihrer Landesart kleiden und mich mit
Zweigen versehen. Meine europäischen Kleider,
die ich bisher noch immer getragen hatte,
wurden mir daher abgenommen und wegen ihrer
Seltenheit in der fürstlichen Raritätenkammer
mit folgender Beischrift aufgehängt: »Dies
ist die Kleidung eines Tieres aus der oberen
Welt.« Darüber hatte ich nun selber folgende
Gedanken: »Wenn das Meister Johann Andreas,
der Schneider in Bergen, der mir diese Kleider
gemacht hat, wüsste, dass seinem Machwerk die Ehre
widerfährt, in einem unterirdischen fürstlichen
Raritätenkabinett aufgehängt zu werden, er ließe
sich gewiss vor lauter Hochmut nicht mehr darauf
ein, dass ein Bürgermeister oder Stadtamtmann
im Rang über ihm stehe.« Nach dieser Begebenheit
brachte ich die übrige Nacht bis zum Sonnenaufgang
vollends schlaflos zu. Als ich aufstand, wurde mir
mein Diplom überreicht, mit dem ich zum Hofläufer
erklärt wurde. Ich bekam alsbald unzählig viele
Geschäfte auszurichten, und ich war beständig
auf der Straße, indem ich bald in kleine, bald in
große Städte fürstliche Befehle und andere Dinge,
die die öffentlichen Angelegenheiten betrafen,
zu überbringen hatte. Bei diesen meinen Ausflügen
erforschte ich die Gemütsbeschaffenheit dieses
Volks immer sorgfältiger, und ich bemerkte bei
den meisten eine bewundernswürdige Leutseligkeit
und merkwürdige Weisheit. Die Einwohner der Stadt
Maholki, die alle Dornsträuche waren, schienen
mir freilich wenig gesittet und höflich zu sein.
Denn jede Provinz hat ihre besonderen Bäume oder
Einwohner, die man am besten beim Landvolk oder
bei den Bauern sehen kann, die alle in der Provinz
geboren sind, in der sie das Feld bauen. Denn in
den großen Städten und besonders in der Hauptstadt
findet man eine Menge von verschiedenen Bäumen aus
allen Provinzen. In der guten Meinung, die
ich von der Klugheit der Einwohner dieses
Fürstentums hegte, wurde ich noch mehr bestärkt,
da ich Gelegenheit hatte, ihre Tugenden immer
mehr und mehr wahrzunehmen. Ihren Gesetzen und
Gewohnheiten, die ich vorher missbilligt hatte,
konnte ich nun wegen ihrer Gerechtigkeit und
Billigkeit nicht anders als Beifall zollen,
und meine Verachtung verwandelte sich in
Bewunderung. Es sollte mir nicht schwer fallen,
ein langes Verzeichnis von Dingen und
Gewohnheiten zu machen, die mir anfangs,
da ich sie nur oberflächlich betrachtete,
recht töricht vorkamen, die mir nun aber,
nachdem ich sie sorgfältig untersuchte und nach
dem Grund durchforschte, völlig vernünftig und
löblich erschienen. Aus unzähligen anderen will
ich nur ein einziges Beispiel anführen, das die
Gemütsart dieses Volks recht lebendig schildert.
Als sich ein Philologiestudiosus um das Rektorat
einer gewissen Schule bewarb, gaben ihm die Bürger
der Stadt Nahami folgendes tröstliche Zeugnis:
Der Kandidat habe schon ganze 4 Jahre lang mit
seiner geilen und untreuen Frau ganz ruhig und
still gelebt und seine Hörner mit Geduld ertragen.
Das Ganze war ungefähr so in Worte gefasst:
»Da der gelehrte und ehrwürdige Herr Jocthan
Hu bei den Zunftmeistern um ein Zeugnis seines
Lebens und Verhaltens wegen angehalten, so
bezeugen wir Bürger und Einwohner des Fleckens
oder der Landschaft Posko, dass er ganze
4 Jahre lang mit seiner untreuen Frau ohne
allen Zank und Streit gelebt und seine Hörner
geduldig ertragen hat; ja, dass er mit solcher
Gemütsgelassenheit sein Unglück ertragen,
dass wir gänzlich dafürhalten, wenn seine
Gelehrsamkeit mit seinen Sitten übereinstimmt,
dass er vollkommen würdig sei, das verwaiste
Schulrektorat zu besetzen. Gegeben im Palmmonat,
im 3.000. Jahr nach der großen Sintflut.«
Diesem Empfehlungsschreiben der Zunftmeister
war noch ein anderes von den Karattis
des Seminars wegen seiner Gelehrsamkeit
beigegeben, das mir vernünftiger schien,
denn was hatte das Bürgerzeugnis mit
der Zukunft eines Rektors zu tun.
Allein mit dem besagten Zeugnis hatte es
Folgendes auf sich: Unter die Tugenden,
die einen Schullehrer am meisten beliebt machen,
gehört vornehmlich Geduld. Denn wenn er nicht
mit eiserner Geduld begabt ist, wird er mit aller
Gelehrsamkeit wenig in seinem Schulamt ausrichten,
das ohne Strenge und Rachgier geführt werden
muss, damit er nicht durch ungestümes Zuschlagen
die Gemüter der Schüler erbittere. Da nun die
Nachbarn dieses Kandidaten kein größeres und
besseres Beispiel der Geduld, als dieses, dass er
ein so ausnehmendes Hauskreuz mit großer Geduld
ertragen habe, anzuführen wussten, so trugen sie
gar kein Bedenken, bei diesem Punkt stehen zu
bleiben und daraus zu erweisen, was sie für einen
guten und gelinden Schulmonarchen an ihm fänden,
da er die Tugend besäße, dass er in höchstem Grad
geduldig sei. Man sagt, der Fürst habe über dieses
Empfehlungsschreiben herzlich gelacht, und da er
gefunden, dass es nicht ganz und gar absurd wäre,
habe er dem Kandidaten das verwaiste Rektorat
zugeteilt. Ja der Ausgang hat gelehrt,
dass er sein Amt mit solcher Geschicklichkeit
verwaltet und sich durch Geduld und Sanftmut die
Knaben so verbunden habe, dass sie ihn mehr für
ihren Vater als für ihren Schulrektor ansahen.
Ja sie haben unter seiner milden und sanftmütigen
Aufsicht so sehr in der Gelehrsamkeit zugenommen,
dass es heutzutage im ganzen Fürstentum wenige
Schulen gibt, aus denen so vortrefflich gelehrte
und wohlerzogene Bäume jährlich entlassen werden
wie aus dieser. Während der 4 Jahre, in denen
ich das Amt eines Läufers verwaltete, hatte ich
Gelegenheit, die Beschaffenheit dieses Landes,
die Gemütsart und Sitten des Volks, zugleich
ihre politische Verfassung, ihren Gottesdienst,
ihre Gesetze und ihre Gelehrsamkeit aufs
Genaueste zu untersuchen. Es wird daher
meinen Lesern hoffentlich nicht unangenehm
sein, wenn ich dasjenige, was hin und wieder
in diesem Werkchen verstreut vorkommt, in
einem kurzen Kapitel hier zusammenfasse.