Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
15.03.2026 65 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 9 1/2
Klims Reise um den Planeten Nazar
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Klims Reise um den Planeten Nazar
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
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https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
9. KAPITEL
Klims Reise um den Planeten Nazar
Nachdem ich 2 Jahre lang das beschwerliche
Amt eines Läufers verwaltet und im ganzen Land
fürstliche Befehle und Gerichtsakten herumgetragen
hatte, wurde ich endlich dieses beschwerlichen
und mir so unanständigen Amts überdrüssig.
Ich hielt also ein übers andere Mal bei dem
durchlauchtigsten Fürsten um meine Demission
an und bat zugleich um ein anständigeres Amt.
Ich erhielt aber jedesmal abschlägige Antwort,
weil der Fürst glaubte, es wäre nicht in meinem
Vermögen, wichtigere Dinge zu verwalten. Er führte
auch die Gesetze und Gewohnheiten an, gegen die
mein Anhalten stritte, nach denen nämlich hohe
und wichtige Ämter nur an solche Personen vergeben
werden müssten, die dazu tüchtig befunden worden
wären. Er sagte also, ich müsste so lange in dem
einmal mir aufgetragenen Amt bleiben, bis ich
etwa durch ein besonderes Verdienst mir den Weg
zu einer höheren Ehrenstelle bahnen würde. Endlich
beschloss er seine Rede mit dieser Erinnerung:
Ein jeder müsse seine Kräfte selber aufs Genaueste
untersuchen, denn sich selbst zu erkennen,
sei etwas recht Himmlisches, darauf müsse man
beständig denken und es niemals außer Acht lassen.
Diese mir des Öfteren gegebene abschlägige
Antwort verleitete mich zu einem verwegenen
und recht desperaten Vorhaben. Ich bemühte mich
nämlich von der Zeit an, etwas Neues zu erdenken,
wodurch ich die Vortrefflichkeit meines
Verstands an den Tag legen und den Schandfleck,
den man mir angehängt hatte, wieder auslöschen
möchte. Ich brachte fast ein ganzes Jahr mit der
Untersuchung von Gesetzen und Gewohnheiten dieses
Fürstentums zu und wollte einen Versuch tun,
ob ich nicht doch einige Fehler entdecken könnte,
die eine Verbesserung nötig hätten. Ich eröffnete
meinen Gedanken einem gewissen Dornstrauch, mit
dem ich einige Vertraulichkeit aufgebaut hatte und
mit dem ich im Scherz und Ernst umzugehen gewohnt
war. Dieser hielt nun zwar meine Erfindungen für
nicht ganz ungereimt, er zweifelte aber doch sehr,
ob sie auch dem Gemeinwesen nützlich sein würden.
Denn er sagte, wer reformieren wolle, müsse sich
den Zustand und die natürliche Beschaffenheit
eines Landes, worin er eine Reformation
anzuraten gedächte, sehr genau vor Augen stellen,
denn dieselbe Sache könnte in verschiedenen
Ländern und Gemütsarten ganz unterschiedliche
und widrige Wirkungen verursachen, gleichwie
dasselbe Medikament diesem Körper nutzen,
einem anderen aber schaden könne. Er stellte mir
ferner vor, was für einer großen Gefahr ich mich
unterwürfe, wenn ich reformieren wolle, indem über
mich würde Gericht gehalten werden, ja dass es um
mein Leben geschehen wäre, wenn mein Vorschlag
bei der Untersuchung missbilligt werden sollte.
Er bat mich daher inständig, ich möchte ja vorher
alles recht wohl überlegen, doch riet er mir eben
nicht, gänzlich von meinem Vorhaben abzustehen,
indem es doch wohl geschehen könne, dass ich
durch fleißiges Untersuchen etwas entdeckte,
was dem Staat dienlich sein möchte. Ich folgte
auch dem Rat dieses guten Freundes, ließ noch
einige Zeit anstehen, verwaltete mein Läuferamt
noch weiter geduldig und streifte nach meiner
Gewohnheit in den Ländern und Städten umher.
Und damit ich nicht vergessen möchte, was ich auf
meinen Reisen hin und wieder Besonderes angemerkt,
so brachte ich alles so zierlich wie ich konnte zu
Papier, sodass ich endlich ein großes Buch davon
dem Fürsten übergeben konnte. Wie sehr dieses
Buch Seiner Durchlaucht gefallen haben müsse,
konnte ich daraus schließen, weil er meine Arbeit
in öffentlicher Ratsversammlung vor jedermann
lobte und nach wohlbedächtigem Durchlesen dieses
Buchs beschloss, durch mich den ganzen Planeten
Nazar zu entdecken. Ich hatte mir aber eine ganz
andere Belohnung für meine Arbeit eingebildet,
daher seufzte ich stillschweigend mit jenem
Schriftsteller: Die Tugend wird zwar gerühmt,
sie muss aber darben. Da ich ein
großer Liebhaber von Neuigkeiten
war und von diesem gütigen Fürsten nach meiner
Rückkehr eine anständige Belohnung erwartete,
so nahm ich dieses Werk ganz gelassen auf mich.
Obgleich der Planet Nazar kaum 200 deutsche
Meilen in seinem Umfang hat, so scheint er doch
seinen Einwohnern, die so langsam zu Fuß sind,
sehr groß zu sein. Es waren diesen unterirdischen
Einwohnern deshalb noch die meisten Landschaften,
besonders die weit entlegenen, gänzlich unbekannt.
Denn kein Potuaner, er hätte mögen sein, wer er
gewollt, würde diesen Planeten in 2 Jahren zu
Fuß haben durchwandern können, was ich hingegen,
wegen der Geschwindigkeit meiner Füße,
innerhalb Monatsfrist bewerkstelligen konnte.
Was mir aber die größte Sorge machte, war dies,
dass ich mir einbildete, es würde ein jedes Land
seine besondere Sprache haben. Doch machten mir
einige wieder Mut, die mir versicherten, dass
die Einwohner des ganzen Planeten, obgleich sie
an Sitten voneinander abgingen, doch durchgängig
dieselbe Sprache redeten; überdies sei das ganze
Geschlecht der Bäume verträglich, wohltätig und
tue niemandem etwas zu Leide, ja ich würde ohne
jede Gefahr diese ganze Weltkugel durchreisen
können. Hierdurch wurde ich, da ich ohnedem
schon Lust dazu hatte, noch mehr angefrischt und
trat meine Reise zu Anfang des Pappelmonats an.
Was nun folgt, ist dermaßen erstaunenswürdig, dass
man es fast für poetische Erfindungen oder für
Spielwerke eines aufgeweckten Kopfs halten möchte,
vornehmlich da der große Unterschied der Körper
und Gemüter, den ich auf dieser Reise bemerkte,
dermaßen groß ist, dass man ihn zwischen
den allerentlegensten Völkern, die in
einer anderen Welt leben, sich nicht größer
einbilden sollte. Es ist aber anzumerken,
dass die Völker dieser Erdkugel durch Meere
und Meerengen voneinander unterschieden werden
und dass dieser Planet einigermaßen die Gestalt
eines Archipels oder solcher Gegenden, wo viele
Inseln nah beisammen sind, ähnlich vorgestellt
werden kann. Es lässt sich selten jemand über die
Meerenge übersetzen und die Fährleute, so sich an
den Ufern befinden, sind bloß der Reisenden wegen
dahin gestellt. Denn die Eingeborenen des Landes
kommen wenig über die Grenzen ihres Vaterlands,
und wenn sie dazu genötigt werden, dass sie
sich über eine Meerenge setzen lassen müssen,
so pflegen sie doch bald wieder zurückzukehren,
weil sie fremder Länder bald überdrüssig werden.
So viele andere Völker es also gibt, so viel gibt
es gleichsam auch neue Welten. Die vornehmste
Ursache dieser Ungleichheit aber rührt wohl
von der unterschiedlichen Beschaffenheit des
Erdbodens her, was die mannigfaltigen Farben
der Äcker und Erdklöße anzeigen, daher auch die
vielerlei Farben der Blumen, Pflanzen, Gewächse
und der große Unterschied der Hülsenfrüchte.
Daher ist es denn gar kein Wunder, dass bei
unterschiedlicher Beschaffenheit des Erdbodens
und der Früchte auch viele besondere Gemütsarten
der Einwohner und so mancherlei einander
entgegengesetzte natürliche Neigungen anzutreffen
sind. Auf unserem Erdboden unterscheiden sich auch
die allerentlegensten Völker von den andern an
Gemütsbeschaffenheit, Sitten, Gelehrsamkeit,
Farbe und Leibesgestalt nur wenig. Denn da die
Beschaffenheit des Erdbodens überall fast gleich
ist, außer dass ein Land fruchtbarer ist als
das andere, ja weil die Früchte, Kräuter und
Wasser dieselbe Natur haben, so werden auch nicht
so viele ungleiche Tiere hervorgebracht wie auf
diesem Planeten gezeugt werden, wo ein jedes Land
seine besondere natürliche Beschaffenheit hat.
Die Fremdlinge mögen überall frei handeln
und wandeln, aber häuslich dürfen sie sich
nirgends niederlassen, ja es kann ihnen auch
nicht wegen der so sehr unterschiedlichen und
einander entgegengesetzten Landesbeschaffenheit
zugelassen werden. Es sind daher alle Fremdlinge,
die einem auf der Straße begegnen, entweder
Wandersleute oder Kaufleute. Die benachbarten
Länder um das Fürstentum Potu herum haben fast
dieselbe Beschaffenheit. Die Einwohner haben vor
Zeiten schwere Kriege mit den Potuanern geführt,
jetzt aber stehen sie entweder mit ihnen im
Bündnis, und die, so von ihnen überwunden worden
sind, sind mit ihrer leutseligen Regierung ganz
wohl zufrieden. Wenn man hingegen über die große
Meerenge gesetzt, die den ganzen Planeten teilt,
so sieht man ganz neue Welten, auch andere
und den Potuanern ganz unbekannte Tiere.
Dieses Einzige haben sie mit ihnen gemein,
dass alle Einwohner dieses ganzen Erdkreises
vernünftige Bäume sind und fast durchgängig
dieselbe Mundart haben. Daher ist die Reise
auch gar nicht beschwerlich und vor allem wegen
der vielen Kauf- und Wandersleute, die durch die
Provinzen reisen. Die Einwohner eines jeden
Landes sind durch sie schon daran gewöhnt,
allerhand ungestalte und von ihnen aufs Äußerste
unterschiedliche Kreaturen zu sehen. Daran habe
ich deswegen erinnern wollen, damit durch meine
folgende Erzählung die Ohren nicht beleidigt
werden und man mich nicht beschuldigen möchte,
dass ich mit dem großen Messer aufschnitte.
In der Provinz Quamso, die am nächsten über der
Meerenge liegt, sind die Einwohner niemals einiger
Leibesschwachheit oder Krankheit unterworfen,
sondern werden alle bei gesunden Tagen alt und
grau. Sie schienen mir daher unter allen
Kreaturen die glückseligsten zu sein:
Als ich aber nur ein klein wenig mit ihnen Umgang
gepflogen, merkte ich gar bald, dass ich mich in
meiner Meinung gewaltig betrogen. Denn da ich
keinen einzigen Einwohner in dieser Provinz
traurig sah, so fand ich im Gegenteil auch keinen
einzigen, der vergnügt, viel weniger fröhlich
gewesen wäre. Denn so wie wir durch einen heiteren
Himmel und gemäßigte Luft nicht gerührt werden,
wenn wir nicht vorher stürmisches und garstiges
Wetter ausgestanden haben, so empfinden auch diese
Bäume nicht einmal ihre Glückseligkeit, weil sie
immerwährend und ununterbrochen fortdauert, ja
sie werden es nicht einmal gewahr, dass sie gesund
sind, weil sie von Krankheiten gar nichts wissen.
Sie leben also zwar in beständiger Gesundheit,
sie ästimieren sie aber nicht: Denn ein Gut,
das man beständig genießt, wird man endlich
überdrüssig. Daher leben nur diejenigen vergnügt,
denen ihre Ergötzlichkeiten zuweilen vergällt
werden. Ich kann es mit Wahrheit bezeugen,
dass ich bei keinem Volk weniger angenehme Sitten
und verdrießlicheren Umgang gefunden als hier.
Es ist zwar ein unschuldiges Volk, es verdient
aber weder Liebe noch Hass, man hat von niemandem
eine Beleidigung zu gewärtigen, aber auch keine
Gunst und Gewogenheit zu erhoffen. Ja, dass ich’s
kurz sage, man findet hier nichts, was einem
missfällt, aber auch nichts, was einen vergnügt.
Und da ferner diese beständige Leibesgesundheit
die Leute niemals an den Tod erinnert,
auch keine Erbarmung gegen Betrübte und Kranke
erweckt, so bringen sie ihre ganze Lebenszeit
in aller Sicherheit und ohne Vergnügen und auch
ohne Eifer und Mitleid zu. Daher findet man bei
diesem Volk keine Spur von Gottesfurcht, Liebe und
Barmherzigkeit. Denn da uns die Krankheiten den
Tod vor Augen stellen und uns zugleich erinnern,
dass es nötig sei, uns auf ihn gut vorzubereiten,
ja, wenn sie uns gleichsam befehlen, uns allezeit
zu dieser Reise gefasst zu halten, so lehren sie
uns zugleich, wenn wir die Schmerzen von ihnen
empfinden, dass wir uns der Bedrängten erbarmen
sollen. Hieraus erkannte ich leicht, wie viel die
Krankheiten und Todesgefahr zur Gottseligkeit und
geselligem Leben beitragen. Ja, wie unrecht wir
dem Schöpfer tun, wenn wir ungehalten werden,
dass wir gleichsam zu gewissen Bedrängnissen
geboren zu sein scheinen, die uns doch heilsam und
nützlich sind. Doch ist dies zu merken, dass diese
Eichbäume, sooft sie an andere Orte reisen, eben
wie andere Bäume den Schwachheiten unterworfen
und krank sein werden. Ich halte also dafür,
dass diese Wohltat, wo es anders eine genannt
zu werden verdient, bloß von der Luft dieses
Landes und den Lebensmitteln dort herrührt.
Die Provinz Lalac, die auch Mascatta oder die
Glückselige genannt wird, schien mir diesen Namen
mit allem Recht zu verdienen, denn sie bringt
alles ohne Mühe und Arbeit hervor. Es fließen dort
ganze Ströme von Milch und Nektar, der helle Honig
trieft von den grünen Steineichen, und die Erde
darf weder mit Pflug noch Egge zubereitet werden,
sondern sie bringt alles freiwillig hervor.
Allein diese große Wohltat macht deswegen die
Einwohner dieser Provinz doch nichts glücklicher
als diejenigen, die sich in andern Ländern
befinden. Denn da sie gar keine Mühe und Arbeit
anwenden müssen, ihren Unterhalt zu erwerben,
so werden sie von Ruhe und Mäßigkeit ganz träge
und sind fast beständig krank. Man findet daher
wenig Einwohner, die nicht eines frühzeitigen
Todes sterben und entweder von Würmern gefressen
werden oder bei lebendigem Leib verfaulen. Die
Beschaffenheit dieses Landes gab mir nicht weniger
zu weitläufigen philosophischen Betrachtungen
Anlass, und ich erkannte aus der Beschaffenheit
und den Umständen dieses Volks, dass die Knechte
und Tagelöhner nach ihrer Art einigermaßen noch
glückseliger als diese Bäume seien, weil
sie vor Faulheit und Wollust in allen Dingen
schläfrig sind, da sie sich um keinen Unterhalt
kümmern brauchen. Man kann es an niedlichen und
delikaten Speisen sehen. Wenn man sie beständig
genießt, so bekommt man endlich einen Ekel davor,
und die Füße wollen einen verderbten Körper nicht
länger tragen. Hieraus aber entstehen so viel üble
Ratschläge, verzweifelte Unternehmungen und
gewaltsame Todesfälle. Denn der Überfluss,
in dem sie leben, verdirbt allen Geschmack
und nimmt alle Empfindungen des Vergnügens,
erweckt aber im Gegenteil Ekel und macht das
Leben verdrießlich. Ich sah daher wohl, dass
das Land, so ich anfangs für einen Wohnplatz der
Glückseligen gehalten, ein trauriger Aufenthalt
müßiger Einwohner sei, die mehr zu beklagen als
zu beneiden waren. Und ich war nur darauf bedacht,
wie ich fein bald wieder aus diesem Land
herauskommen möchte. Das nächste Land nach diesen
hieß Mardak. Die Einwohner sind alle Zypressen,
haben alle dieselbe Leibesgestalt und sind bloß
durch mancherlei Art der Augen voneinander zu
unterscheiden. Denn einige haben längliche,
andere viereckige, wieder andere sehr kleine
und noch andere sehr weite und große Augen,
die fast die ganze Stirn einnehmen: Überdies
werden einige mit zwei, andere aber mit drei
Augen, auch wohl mit vier Augen geboren; es
gibt sogar einige, die nur ein Auge haben,
man könnte sie Kinder des Polyphem nennen, nur
dass diese ihr Auge am Hinterteil des Kopfs
tragen. Es werden daher die Einwohner hier in
so viel Klassen oder Zünfte eingeteilt, so viel
es unterschiedliche Arten von Augen gibt. Die
Namen dieser Klassen oder Zünfte sind folgende:
Die Nagiri sind diejenigen, die längliche
Augen haben, denen deswegen auch alle Dinge,
die sie ansehen, länglich vorkommen.
Die Naquiri sind diejenigen,
die viereckige Augenhaben.
Talampi haben ganz kleine Augen.
Die Jaraku haben zwei Augen, deren eines
etwas schiefer steht als das andere.
Die Mehanki sind mit drei;
Die Tarrasuki hingegen mit vier Augen versehen.
Harramba werden diejenigen genannt, deren
Augen die ganze Stirn einnehmen; und die
Skadolki sind endlich diejenigen, die nur
ein Auge am Hinterteil des Kopfs haben.
Unter all diesen machen die Nagiri den
größten und mächtigsten Haufen aus,
und weil sie längliche Augen haben, so scheinen
ihnen auch alle Dinge länglich zu sein. Aus diesen
allein werden die Regenten, Ratsherrn und Priester
gewählt, sie führen allein die Regierung und
lassen niemanden aus einer anderen Zunft zu einem
öffentlichen Amt gelangen, wenn er nicht bekennt,
dass eine gewisse Tafel, die der Sonne gewidmet
und an dem erhabensten Ort des Tempels aufgestellt
ist, ihm auch länglich vorkomme. Ja er muss sogar
dieses Bekenntnis mit einem Eid bekräftigen. Diese
heilige Tafel ist der vornehmste Gegenstand
des mardakanischen Gottesdienstes. Es sind
daher die ansehnlichsten Bürger, die keinen
Meineid begehen wollen, von allen öffentlichen
Ämtern ausgeschlossen, sie dienen den anderen zum
beständigen Spott und werden jedesmal verfolgt,
und ob sie schon bezeugen, dass sie ihre Augen
im Geringsten nicht betrögen, so werden doch
beständige Klagen darüber geführt, und dieser
Fehler der Natur wird bloß ihrer Bosheit und
Halsstarrigkeit zugeschrieben. Die Eidesformel,
die alle diejenigen unterschreiben müssen,
die zu einem öffentlichen Amt erhoben
werden wollen, ist ungefähr diese:
Kaki manasca quihombu miriac Jacku mesimbrii
Cavhani Crukkia Manaskar Quebriac Krusundora.
Das heißt: Ich schwöre, dass mir die heilige
Tafel der Sonne länglich vorkommt und verspreche,
dass ich in dieser Meinung bis an den letzten
Hauch meines Lebens beständig verharren will.
Wenn sie diesen Eid abgelegt haben, so
werden sie Kandidaten der Ehrenstellen
und in die Zunft der Nagiri aufgenommen.
Als ich den anderen Tag nach meiner Ankunft,
um mir die Zeit zu verkürzen, auf dem Markt
herumspazierte, sah ich einen gewissen Alten
geführt bringen, der gegeißelt werden sollte und
der von einer sehr großen Menge Zypressenbäume
begleitet wurde, die die heftigsten Schmähreden
gegen ihn ausstießen. Als ich mich erkundigte,
was dieser getan hätte, wurde mir gesagt, er
sei ein Ketzer, der öffentlich gelehrt habe,
die Tafel der Sonne schiene ihm viereckig, und
auf dieser höchst schädlichen Meinung sei er auch,
aller getanen Ermahnungen ungeachtet,
auf das Hartnäckigste bestehen geblieben.
Ich ging daher auch in den Sonnentempel, um
zu erfahren, ob ich rechtgläubige Augen hätte,
und als ich sah, dass jene Tafel wirklich
viereckig war, so sagte ich das meinem Wirt,
der erst kürzlich Baumeister in der
Stadt geworden war, frei heraus.
Als ich ihm meine Meinung so treuherzig entdeckte,
seufze er tief und gestand mir, dass sie ihm
freilich auch so vorkomme, er unterstehe sich aber
nicht, das jemandem zu entdecken, aus Besorgnis,
er möchte die herrschende Partei vor den Kopf
stoßen und seines Amts wieder entsetzt werden.
Ich verließ also stillschweigend und voller
Zittern diese Stadt, indem ich befürchtete,
ich möchte etwa den Fehler meiner Augen
auf dem Buckel büßen müssen; man möchte
mir sonst vielleicht auch den verhassten
Titel eines Ketzers beilegen und mich mit
Schimpf und Schande aus der Stadt jagen. Ja es
hat mir nirgends eine Verordnung schrecklicher,
grausamer und ungerechter erschienen als
hier, da ich sah, dass man sich durch Meineid
und Verstellung den Weg zu Ehrenstellen bahnen
musste. Ich habe auch deswegen, nachdem ich in
das Fürstentum Potu wieder zurückgekehrt war,
sooft ich nur Gelegenheit gehabt, gegen diese
barbarische Republik Gift und Galle ausgespien.
Als ich aber einem gewissen Wacholderbaum,
mit dem ich sehr vertraut umging, mit gewöhnlichem
Unwillen meinen Abscheu hierüber offenbarte,
so fing er folgendermaßen an zu reden:
»Es scheint uns zwar sehr närrisch und unbillig,
was die Nagiri in diesem Stück verordnet; ich
meine aber, du solltest dich darüber nicht
gar so sehr wundern, wenn sie gleich wegen der
Mannigfaltigkeit der Augen so scharf miteinander
verfahren, denn ich besinne mich, dass du mir
erzählt hast, wie es in den meisten europäischen
Republiken eben auch solche herrschenden Parteien
gäbe, die wegen eines natürlichen Fehlers der
Augen oder der Vernunft gegen die übrigen mit
Feuer und Schwert wüteten, und solchen Zwang hast
du ja als etwas Gottseliges und den Republiken
Nutzbringendes höchstens gelobt und gebilligt.«
Ich merkte gar bald, wo dieser listige Mann mit
diesen Reden hinzielte und machte mich voller
Scham aus seinem Gesicht. Von der Zeit an habe
ich auch beständig ein gelinderes Urteil von den
Irrenden gefällt, und habe beständig angeraten,
dass eines mit dem andern Geduld haben solle.
Das Fürstentum Kimal wird wegen der überflüssigen
Reichtümer, die darin anzutreffen sind,
für das allermächtigste gehalten. Denn außer den
Silberbergwerken, deren es eine große Menge gibt,
wird auch jährlich eine sehr große Menge
Goldes aus dem Sand der Flüsse gesammelt,
und die Meere um diese Gegend sind an Perlen
ungemein fruchtbar. Dass aber der Reichtum
allein nicht glücklich mache, habe ich nach
genauerer Untersuchung und Betrachtung dieses
Volks mehr als zu deutlich gemerkt. Denn so viel
Einwohner es hier gibt, so viel sind sozusagen
auch Bergleute und Perlenfischer, und weil sie
beständig nach einer reichen Ausbeute schnappen,
scheinen sie zu einer immerwährenden Knechtschaft
und höchst unanständiger Arbeit verdammt zu sein.
Und welche etwa von dieser Arbeit frei sind,
die tragen nur Sorge, wie sie ihre erworbenen
Schätze erhalten mögen, denn das ganze Land ist
dermaßen mit Mördern und Spitzbuben angefüllt,
dass sich niemand alleine zu reisen trauen darf.
Auch an den heiligsten Festtagen wird Dieberei,
Hinterlist, Betrug und Übervorteilung
ausgeübt. Die meisten nähren sich vom Raub,
und hier ist kein Mensch vor dem andern sicher,
auch die Eltern nicht vor ihren Kindern,
so sehr ist alle Treu und aller Glaube
verschwunden. Es verdient daher dieses Volk,
das die Nachbarn so beneiden, vielmehr beklagt
als beneidet zu werden. Denn Furcht, Argwohn,
Misstrauen und Neid herrscht hier beständig in
allen Gemütern, und stets sieht einer den andern
als seinen Feind an, der ihm nach seinem Vermögen
trachtet, so sehr, dass aller Nutzen und Vorteil,
den dieses Fürstentum Kimal von seinen Reichtümern
zieht, auf die es sich doch so viel einbildet,
in nichts als Furcht, Bekümmernis, Wachen, übler
Gestalt des Gesichts und so weiter besteht.
Ich reiste daher nicht ohne Beschwerlichkeit
und Furcht durch dieses Land, denn auf allen
Wegen und Stegen, an allen Grenzorten musste
ich die Ursache meiner Reise, meinen Namen,
Vaterland und andere Dinge mehr denen, die über
die Wege bestellt waren, anzeigen, und ich sah
mich hier allen den Beschwerlichkeiten ausgesetzt,
denen Wandersleute in argwöhnischen Ländern
unterworfen zu sein pflegen. Dieses Land hat einen
feuerspeienden Berg, aus dem das unterirdische
Feuer gleichsam wie große Fluten herausströmt.
Nachdem ich dieses Fürstentum, das auf meiner
ganzen Reise das allerbeschwerlichste
war, zurückgelegt, setzte ich meinen Lauf
beständig gegen Morgen fort. Ich traf überall
gesellige und ganz wohlgesittete Völker an,
die mir aber doch höchst wunderlich vorkamen. Am
allermeisten wunderte ich mich über die Einwohner
des ganz kleinen Königreichs Quamboja, deren Natur
ganz und gar umgekehrt war, so, dass je älter
einer an Jahren wurde, desto mehr nahm auch die
Leichtfertigkeit und die Wollust bei ihm überhand,
sodass Mutwillen, Geilheit und andere Laster,
die sonst der Jugend anhaften, hier mit den
Jahren wachsen und zunehmen. Es wird demnach hier
niemand zu einem öffentlichen Ehrenamt erhoben,
der das 40. Jahr allbereits erreicht, denn wenn
einer dies erlangt, so ist er nichts anderes
als ein mutwilliger Knabe, den die Mutter noch
züchtigen muss. Hier sah ich eisgraue Leute auf
den Gassen miteinander kälbern und mit kindischen
Spielen sich die Zeit vertreiben. Sie bauten zum
Beispiel kleine Häuschen, banden Mäuse vor kleine
Puppenwagen, spielten Grad und Ungrade, ritten auf
Stecken und so weiter. Dieser Narrenpossen wegen
wurden sie öfters von den Knaben gescholten,
auch gar wohl zuweilen mit Karbatschen nach Hause
gejagt. Einen alten Mann sah ich auf öffentlichem
Markt den Kreisel mit einer Peitsche treiben.
Eben dieser Mann hatte vor Zeiten in großem
Ansehen gestanden und war Präsident im großen
Rat gewesen. Ich habe auch die verkehrte Ordnung
an beiderlei Geschlechtern bemerkt. Wenn daher
ein Jüngling eine alte Frau heiratet, so sagen
alle Leute von ihm, dass er bald in die Zunft der
Hörnerträger würde eingeschrieben werden, was also
dem schnurstracks entgegen ist, was man bei uns zu
schreien pflegt, wenn nämlich ein alter Mann eine
junge Dirne heiratet, so besorgt er sich dieses
Unfalls. Einstmals traf ich auf dem Markt zwei
alte, abgemergelte Männer an, die sich miteinander
herumbalgten. Ich wunderte mich über die
ungewöhnliche Wut dieser Leute von so hohem Alter
und als ich mich erkundigte, worüber sie denn in
Zweikampf miteinander geraten, erfuhr ich, dass es
einer Hure wegen geschehen, mit der sie alle beide
in einem Hurenhaus hätten löffeln wollen. Der mir
dies erzählte fügte noch hinzu, wenn der Mutwillen
dieser beiden alten Gecken ihren Vormündern zu
Ohren gebracht werden sollte, dürften sie für
dichte, derbe Schillinge nicht sorgen. Eben
an diesem Abend erzählte man mir noch, dass
eine betagte Frau sich selber erhängt habe, weil
ihr eine junge Buche, dem sie einen verliebten
Antrag getan, abschlägige Antwort erteilt habe.
Bei dieser verkehrten Ordnung sind auch verkehrte
Gesetze nötig. Es wird daher vermöge des Gesetzes,
das von den Vormundschaften handelt, niemand die
Verwaltung einiger Güter anvertraut, der nicht
unter 40 Jahre ist. Ferner werden die Verträge
für ungültig erklärt, die von Personen geschlossen
werden, die das 40. Jahr schon zurückgelegt haben.
Es müssten denn ihre Vormünder oder ihre eigenen
Kinder solche genehm gehalten und besiegelt haben.
Im Gleichen, in dem Titel von der Subordination,
stehen folgende Worte: Die alten Männer und
Frauen sollen ihren Kindern gehorsam sein. Wenn
daher einer in einem öffentlichen Amt steht,
wird er kurz vor seinem 40. Lebensjahr daraus
entlassen und unter die Vormundschaft seiner
jüngeren und nächsten Verwandten getan. Bei so
gestalten Sachen hielt ich es nicht für ratsam,
mich lange in diesem Eiland aufzuhalten, denn
wenn ich noch 10 Jahre hier hätte leben sollen,
würde ich vermöge der Gesetze gezwungen
worden sein, wieder zum Kind zu werden.
In der Landschaft Cocklecu herrschte nicht weniger
eine verkehrte Gewohnheit, die von den Europäern
aufs Allerhöchste missbilligt werden würde. Diese
verkehrte Gewohnheit hatte nicht in der Natur,
sondern bloß in Gesetzen ihren Ursprung. Die
Einwohner dieses Landes beiderlei Geschlechts sind
durchgängig Wacholderbäume. Allein nur die Männer
müssen die Arbeit in der Küche und andere auch die
verächtlichsten Verrichtungen auf sich nehmen.
Zu Kriegszeiten nehmen sie zwar Dienste an,
steigen aber selten über die Charge eines gemeinen
Soldaten, indem es sehr wenigen glückt, dass sie
etwa eine Fähnrichsstelle erlangen, was auch die
höchste Militärcharge ist, die ein männlicher
Wacholderbaum erlangen kann. Den Frauen hingegen
werden die wichtigsten weltlichen, geistlichen und
kriegerischen Ämter anvertraut. Vor kurzem
hatte ich mich über die Potuaner mokiert,
dass sie bei der Vergabe der öffentlichen Ämter
keinen Unterschied des Geschlechts beobachten:
Dieses Volk schien mir vollends gar rasend
zu sein und gegen alle Vernunft zu handeln.
Überhaupt aber konnte ich mir gar keinen Begriff
von der Unempfindlichkeit dieser Männer machen,
dass sie sich so ein unanständiges Joch aufbürden
lassen und diese Schande so viele Jahrhunderte
durch ertragen haben, da sie doch an Leibeskräften
die Frauen weit übertreffen. Denn es wäre ihnen
gar leicht, dieses Joch wieder abzuschütteln,
wenn sie nur wollten oder sich unterstünden,
dieser weiblichen Tyrannei den Garaus zu machen.
Aber die eingewurzelte Gewohnheit hat sie alle
dermaßen verblendet, dass es keinem in den Sinn
kommt, etwas zu unternehmen, sich von dieser
Schande loszureißen, ja sie glauben vielmehr,
die Ordnung der Natur bringe es also mit sich,
dass die Frauen die Regierung führen, die
Männer hingegen weben, stricken, malen, backen,
die Stuben auskehren und Schläge leiden sollen.
Die Beweggründe, so die Frauen sich bei ihren
Posten zu erhalten anführen, sind diese: Da die
Natur dem männlichen Geschlecht mehr Leibeskräfte
und stärkere Gliedmaßen verliehen habe, sodass sie
allerhand starke Arbeit viel gemächlicher als die
Frauen verrichten könnten, so wäre es gar leicht
abzuleiten, dass auch das männliche Geschlecht
allein zu den unanständigen und schweren
Verrichtungen bestimmt sei. Die Fremden und
Ausländer erstaunten immer, wenn sie hier zu Lande
in ein Haus kamen und sahen die Frau im Kabinett
oder in der Schreibstube sitzen und die Feder
führen, den Mann hingegen in der Küche antrafen,
wo er sich allerhand zu schaffen machte und Töpfe
und Schüsseln aufwusch. Ja, sooft ich selber in
ein Haus kam, es mochte auch sein, wo es wollte,
und mit dem Hausvater zu sprechen verlangte,
wurde ich nach der Küche gewiesen, wo er entweder
das Silbergeschirr abputzte oder sonst eine
dergleichen unanständige Arbeit verrichtete. Die
Frauen hingegen gingen herum und befahlen wie sie
es gehalten haben wollten und drohten wohl gar
denjenigen, die ihren Befehlen nicht nachkommen
wollten, mit Schlägen. Die traurigen Wirkungen
von dieser verkehrten Gewohnheit konnte ich leicht
wahrnehmen. Denn so wie es an anderen Orten freche
und unzüchtige Weibsbilder gibt, die sich um ein
schlechtes Geld einem jeden überlassen und alle
Scham beiseite setzen, so trifft man im Gegenteil
hier Jünglinge und Männer an, die sich auf gewisse
Nächte verdingen, ja sie mieten zu dem Zweck ganz
besondere Hurenhäuser, die an den Türen durch
gewisse Zeichen, an denen man sie erkennen kann,
von anderen unterschieden werden. Treiben sie
es aber zu arg und wuchern gar zu öffentlich
mit ihrem Leib, so werden sie eingesteckt und
ihnen später vor allem Volk, eben wie bei uns,
öffentlich der Kitzel mit Ruten vertrieben. Die
Frauen und Jungfern hingegen laufen hier, ohne
dass sich jemand darüber aufhält, auf den Gassen
umher, sehen den Mannspersonen munter ins Gesicht,
nicken mit dem Kopf, liebäugeln mit ihnen, necken
sich mit ihnen, rufen sie, sind ihnen beschwerlich
und machen sich nichts daraus, wenn sie hie und da
blind kommen oder für unzüchtig gehalten werden,
sondern sie rühmen sich noch wohl ungescheut und
ungeahndet ihrer Liebesbegebenheiten und tun sich
was Rechtes darauf zugute, als wenn sie ebenso
viel Siegeszeichen erlangt hätten, eben wie bei
uns freche Jünglinge sich viel damit wissen, wenn
sie hie und da eine Jungfer oder wohl gar eine
verheiratete Weibsperson missbraucht haen und das
mit großsprecherischen Worten erzählen. Es wird
hier ferner den Frauen und Jungfern nicht für übel
gehalten, wenn sie wie die Junggesellen Präsente
machen und Buhlenlieder auf sie verfertigen.
Die Junggesellen hingegen stellen sich ganz
kaltsinnig und ehrbar, weil es gegen den Anstand
läuft, wenn sich eine junge Mannsperson gleich
auf den ersten Antrag einer Jungfer ergibt.
Es gab damals gleich einen heftigen Streit
wegen eines jungen Ratsherrnsohns, den
eine Jungfer zur Unzucht verleitet hatte.
Man war deswegen sehr übel auf sie zu sprechen,
ja ich hörte, dass die Verwandten dieses Jünglings
sich heimlich miteinander beredeten. Sie wollten
gedachte Weibsperson demnächst verklagen, und es
würde in der künftigen ersten Sitzung des Gerichts
das Urteil dahin ausfallen, dass sie den Jüngling
heiraten und ihn wieder zu Ehren bringen solle,
zumal da man unwidersprechlich dartun könne, dass
er noch ein unbefleckter Jüngling gewesen, eh ihn
dieses Weibsbild zu unzüchtiger Liebe verleitet.
Solange ich mich unter diesen Wacholderbäumen
aufhielt, unterstand ich mich nicht, diese
verkehrte Gewohnheit öffentlich zu missbilligen.
Als ich aber die Hauptstadt dieses Landes
verlassen, eröffnete ich einigen meine Gedanken,
dass man nämlich hier zu Lande ganz und gar wider
die Natur handle, da nach den allgemeinen Rechten
und aus dem Beifall aller anderen Völker erhelle,
dass das männliche Geschlecht zu schweren und
wichtigen Geschäften geboren sei. Allein sie
antworteten mir, ich verwechsele Gewohnheit
und Gesetze der Natur, weil die Schwachheiten,
die wir im weiblichen Geschlecht wahrnehmen, bloß
von der Erziehung herrührten, was man deutlich und
vornehmlich an der Einrichtung der Regierungsform
und Beschaffenheit dieser Republik sehen könne,
allwo die Frauen eben die Tugenden und die
herrlichen Gemütsgaben von sich blicken ließen,
die anderwärts sich die Männer
einzig und allein zuschrieben.
Denn die cocklecuanischen Frauen sind sittsam,
ernsthaft, klug, beständig und verschwiegen,
die Männer hingegen sind leichtsinnig, frühklug
und können nicht leicht etwas verschweigen. Wenn
daher etwas Abgeschmacktes erzählt wird, so sagen
sie hier im Sprichwort: Es sind Männermärchen;
ist aber etwas aus Übereilung versehen worden oder
unbedachtsam unternommen, so heißt es, man muss
der männlichen Schwachheit etwas zugute halten.
Allein diese Beweggründe waren für mich nicht
hinreichend genug, sondern ich bleibe dabei, dass
dieser Zustand verkehrt, hässlich und der Natur
ganz zuwider ist. Der Unwillen, den ich in meinem
Gemüt wegen dieses Hochmuts der Frauen gefasst,
war nach diesem, als ich wieder nach Hause
gekommen, an meinem unglücklichen Unternehmen
schuld, das mir so viel Verdruss verursachte,
wie ich an einem anderen Ort berichten werde.
Unter allen prächtigen Gebäuden dieser Stadt
verdient besonders der königliche Palast den
Vorzug, in dem 300 der schönsten Mannsbilder,
sowohl Männer als Jünglinge, untergebracht sind.
Diese alle werden auf Kosten der Königin
unterhalten und dienen zu ihrem Vergnügen.
Als ich hörte, dass meine Leibesgestalt
von einigen gerühmt wurde, befürchtete ich,
man möchte mich auch in diesen Palast bringen,
so beschleunigte ich meine Reise und die
Furcht machte meinen Füßen sozusagen Flügel.
Das nächste nach diesem Fürstentum ist das
Land der Weltweisen, das von seinen Einwohnern
den Namen hat, die der Weltweisheit und den
höheren Wissenschaften ganz und gar ergeben
sind. Ich prangte daher recht vor Begierde,
dieses Land je eher je lieber zu sehen, weil ich
mir einbildete, hier würde ich den Mittelpunkt
der Wissenschaften und den wahren Sitz der
Musen antreffen. Ich stellte mir vor, hier
würde ich nicht Äcker und Wiesen wie anderwärts
sondern den allerschönsten Blumengarten finden.
In diesen Gedanken eilte ich, was ich konnte und
zählte Stunden und Augenblicke an den Fingern ab,
bis ich dahin käme. Die Straßen, die ich passieren
musste, lagen voller Steine und waren wegen vieler
Gräben und Höhlen dermaßen beschwerlich, dass ich
bald über eingefallene Stückchen Erde marschieren,
bald durch Schlammlöcher, und zwar öfters bis
an den Nabel durchwaten und meine verwundeten
und besudelten Füße nachschleppen musste, weil ich
nirgends eine Brücke vor mir sah. Ich ertrug alles
mit Geduld, weil ich wohl wusste, wenn man Rosen
pflücken will, muss man sich durch Dornen stechen
lassen. Nachdem ich nun eine gute Stunde lang in
dieser Beschwerlichkeit zugebracht, begegnete mir
ein Bauer, den ich ganz freundlich anredete und
ihn fragte, wie weit ich noch bis nach Maskattia
oder in das Land der Philosophen hätte. Er gab
mir aber zur Antwort: Ich solle vielmehr fragen
wie weit ich noch zu reisen hätte, bis ich wieder
hinauskäme; denn ich befände mich schon mitten
darin. Über diese Antwort erschrak ich und sagte:
»Ja wie kommt es denn, dass dieses Land von großen
Philosophen bewohnt wird, dass es mehr einem
schrecklichen Aufenthalt wilder Tiere als einem
angebauten Land ähnlich sieht?« Hierauf erwiderte
er: Das Land würde in kurzem ein besseres Ansehen
bekommen, sobald nur seine Einwohner ein wenig
Zeit gewinnen würden, an solche Kleinigkeiten zu
denken: »Denn jetzt sind alle mit himmlischen
Dingen beschäftigt, sie denken nur daran, wie
sie einen Weg zur Sonne finden wollen. Man muss
sie daher entschuldigt halten, wenn sie das Feld
einige Zeit unbebaut liegen lassen, denn es geht
nicht leicht an, dass man bläst und auch zugleich
hinunterschluckt.« Hieraus merkte ich nun gar
bald, wo der listige Bauersmann mit seinem Diskurs
hinzielte; ich setzte aber meine Reise fort und
kam endlich vor die Hauptstadt Caskam. Unter den
Stadttoren sah ich anstatt der Wächter nichts
als Gänse, Hühner, Vogelnester und Spinnweben.
Auf den Gassen der Stadt liefen hin und wieder
Schweine und Philosophen herum und Letztere waren
nur durch die Leibesgestalt von den Ersteren
unterschieden, an Unflat und Unsauberkeit
aber waren sie einander vollkommen gleich. Die
Philosophen trugen alle Mäntel von derselben Art,
was sie aber für Farbe hatten, konnte ich vor
Staub und Unflat nicht erkennen. Unter anderem
redete ich einen, der in tiefen Gedanken ging
und geradewegs auf mich zukam, folgendermaßen an:
»Mein lieber Herr Magister, sagen Sie
mir doch, wie diese Stadt genannt wird.«
Er aber blieb eine lange Weile ganz unbeweglich
stehen, zwinkerte nicht einmal mit den Augen und
schien als wenn seine fünf Sinne nicht zu Hause
wären, endlich aber erhob er die Augen gen Himmel
und antwortete mir: »Es wird bald Mittag sein.«
Diese abgeschmackte Antwort, die von einer großen
Verwirrung des Gemüts zeugte, lehrte mich so viel,
es sei besser wenig zu studieren, als vor allzu
großer Gelehrsamkeit närrisch zu werden. Ich ging
daher ohne Verweilen weiter in die Stadt hinein um
zu sehen, ob ich außer den Philosophen vielleicht
auch Menschen oder andere vernünftige Kreaturen
antreffen könnte. Auf dem Markt der Stadt, der
ziemlich groß war, standen verschiedene Statuen
und Säulen, die alle mit besonderen Aufschriften
geziert sind. Ich ging zu ihnen hin und wollte
versuchen, ob ich etwa so eine Aufschrift lesen
könnte. Wie ich aber damit beschäftigt war,
wurde ich gewarnt, dass mein Rücken warm und dabei
zugleich nass wurde. Als ich mich daher umwandte
und die Quelle dieses warmen Flusses entdecken
wollte, sah ich einen Philosophen stehen,
der mich von hinten anpisste. Dieser hatte sich
dermaßen in seine Gedanken vertieft, dass er mich
für diejenige Statue gehalten, bei der er sonst
seine Blase zu erleichtern gewohnt gewesen. Diese
Schmach konnt’ ich unmöglich ertragen, zumal da
gedachter Philosoph noch dazu die Zähne auf mich
bleckte und recht herzlich lachte, sondern ich
gab ihm eine dichte, derbe Maulschelle. Hierüber
wurde er ganz rasend, fiel mir in die Haare und
schleppte mich bei ihnen über den ganzen Markt,
obgleich ich erbärmlich schrie. Als ich aber sah,
dass er in seiner Rachbegierde nicht gesättigt
werden konnte, so setzte ich mich zur Wehr und
vergalt ihm Gleiches mit Gleichem dermaßen,
dass wir einander nichts schuldig blieben,
sondern einer beinah so viel bekam wie der andere.
Nachdem wir uns lange genug herumgebalgt, fielen
wir beiden Kämpfer endlich miteinander zu Boden.
Hierüber kamen unzählig viele Philosophen
angelaufen und fielen wie rasend über mich her,
schlugen mit Fäusten und Prügeln auf mich ein und
schleppten mich halb tot bei den Haaren auf dem
Markt herum. Endlich, da sie zwar gern noch weiter
zugeschlagen hätten, vor Müdigkeit aber nicht
mehr konnten, führten sie mich zu einem großen
Haus, und als ich mich mit den Füßen anstemmte
und durchaus nicht hinein wollte, ergriffen sie
mich beim Hals und rissen mich wie ein grunzendes
Schwein mit Gewalt hinein und legten mich in dem
anderen Stockwerk mit dem Rücken auf den Boden
nieder. Hier lag alles verwirrt und unordentlich
durcheinander, und es sah in diesem Haus nicht
anders aus, als wie bei uns etwa gegen Ostern oder
Michaelis, wenn Leute ausziehen wollen und ihren
Hausrat und die Möbeln unordentlich untereinander
hinzuwerfen gewohnt sind. Ich fing schließlich an,
diese Weltweisen fußfällig zu bitten, sie
möchten sich doch in ihrem Zorn mäßigen
und zur Barmherzigkeit bewegen lassen, indem ich
ihnen vorstellte, dass es einem Weltweisen oder
Philosophen höchst unanständig sei, wenn er wie
eine wilde Bestie rase und von Affekten, die er
doch anderen zu unterdrücken anriete, sich selber
so gar sehr einnehmen ließe. Allein ich predigte
tauben Ohren, denn derjenige Philosoph, der mir
meinen Rücken eingeweicht hatte, fing den Streit
wieder von neuem an und schlug auf mich Elenden
gleichsam wie auf einen Amboss dermaßen wieder
los, dass es schien, als wenn er nicht anders
als durch meinen Tod versöhnt werden könnte.
Damals empfand ich, dass kein Zorn heftiger
sei, als der philosophische und dass diejenigen,
so den anderen die Tugenden am meisten anpreisen,
sie für ihre Person am wenigsten ausübten. Endlich
kamen vier andere Philosophen in das Haus, an
deren Mänteln ich sehen konnte, dass sie von einer
anderen Sekte waren. Sie taten mit Hand und Mund
den Drohungen der Rasenden Einhalt und schienen
Mitleid mit meinem Unglück zu haben, ja, nachdem
sie sich mit den anderen besprochen hatten,
brachten sie mich in ein anderes Haus. Wer
war froher als ich, als ich sah, dass ich aus
den Händen dieser Mörder gerissen wurde und nun
unter ehrliche Leute geraten war, denen ich alles
ausführlich erzählte, da sie mich nach der Ursache
dieses Lärmens befragten. Über so eine lächerliche
Begebenheit mussten sie lachen und sagten, wenn
die Philosophen auf dem Markt herumspazierten,
so sei es etwas ganz Gewöhnliches, dass
sie an eine Statue hinträten und ihre Blase
erleichterten und es sei wahrscheinlich, dass mein
Widersacher, da er sich in seine philosophischen
Betrachtungen vertieft habe, mich für eine Statue
gehalten. Sie berichteten mir ferner, dass er ein
berühmter Astronom sei, die anderen aber, die so
unbarmherzig auf mich losgeschlagen hätten, seien
lauter Moralisten. Jetzt, dachte ich, wäre ich in
einem sicheren Hafen und hätte nichts Böses mehr
zu befürchten. Daher hörte ich ihnen mit großem
Vergnügen zu, wie sie mir dies und noch andere
Dinge erzählten. Aber als sie meine Leibesgestalt
so gar genau und vorwitzig untersuchten,
begann ich wieder einigen Argwohn zu schöpfen,
der sich vermehrte, da sie sehr sorgfältig nach
meiner Lebensart, der Ursache meiner Reise, nach
meinem Vaterland und dergleichen fragten, auch
ihre Fragen öfter wiederholten. Ingleichen wollte
mir das Gemurmel, so sie untereinander anfingen,
nichts Gutes prophezeien und als ich vollends
ungefähr in eine anatomische Kammer geriet,
wo schrecklich viel Beine und tote Körper lagen,
die einen abscheulichen Geruch verursachten,
kam ich vor Furcht vollends ganz und gar aus mir
selber. Anfangs glaubte ich fest, ich sei in eine
Mördergrube geraten, doch legte sich meine Furcht
wieder etwas, als ich an den Wänden verschiedene
anatomische Instrumente hängen sah, weil ich
daraus schloss, dass mein Wirt entweder ein
Arzt oder ein Chirurg sein müsse. Nachdem ich
eine halbe Stunde in diesem Zuchthaus allein
zugebracht und vor Furcht fast erstarrt war, trat
die Frau des Hauses mit einer Mittagsmahlzeit zu
mir hinein, die sie für mich zugerichtet
hatte. Sie kam mir sehr leutselig vor, als
sie mich aber aufmerksam ansah, holte sie einen
tiefen Seufzer nach dem andern. Als ich fragte,
warum sie so seufze, gab sie mir zur Antwort, mein
bevorstehendes Unglück presse sie ihr aus, und sie
sagte ferner: »Du bist zwar in ein ehrliches und
vornehmes Haus gekommen, denn mein Mann, der Herr
über diese Insel ist, ist zugleich Stadtphysikus
und Doktor der Arzneikunst, und die Übrigen, die
du gesehen hast, sind seine Kollegen. Aber eben
diese sind es, die sich über deine ganz besondere
Leibesgestalt höchlich gewundert und beschlossen
haben, die innerliche Beschaffenheit deines Leibs
und deine Eingeweide genauer zu untersuchen. Sie
wollen dich daher anatomieren und sehen, ob sie
was Neues entdecken könnten, wodurch die Anatomie
erläutert werden kann.« Diese Worte schlugen
mein erschrockenes Gemüt vollends zu Boden. Ich
fing daher erbärmlich an zu schreien und sagte:
»Ach meine liebste Frau, wie können diese
ehrliche Leute heißen, die kein Bedenken tragen,
einem ehrlichen und unschuldigen Menschen seinen
Leib aufzuschneiden.« Sie gab aber zur Antwort:
»Trage an der Ehrlichkeit dieser Männer, unter
denen du dich befindest, keinen Zweifel. Du bist
in der Tat bei ehrlichen und netten Leuten, die
nichts aus bösem Vorsatz unternehmen, sondern
sie haben bloß diese Operation untereinander
beschlossen, um das Studium Anatomicum in ein
besseres Licht zu setzen.« Ich aber erwiderte:
»Ich wollte lieber von Mördern freigelassen,
als von ehrlichen Leuten zergliedert werden«,
fiel hierauf der Frau zu Füßen und bat mit den
bittersten Tränen, sie möchte doch eine Fürbitte
für mich einlegen. Sie gab mir aber zur Antwort:
»Meine Fürbitte wird dir wenig helfen, da es die
Fakultät einmal beschlossen, denn ihr Schluss
pflegt unabänderlich zu sein, doch will ich mich
bemühen, dich durch einen anderen Weg vom Tod zu
erretten.« Bei diesen Worten nahm sie mich bei der
Hand und führte mich durch eine heimliche Tür aus
dem Haus, begleitete mich auch, der ich vor Furcht
zitterte, bis an das Stadttor. Hier wollte ich nun
von meiner Erhalterin Abschied nehmen und stattete
ihr mit den verbindlichsten Worten wie billig
meinen Dank ab. Sie fiel mir aber in die Rede
und sagte, sie würde mich nicht eher verlassen,
bis sie sähe, dass ich außer aller Gefahr
sei, und begleitete mich gegen meinen Willen
noch weiter. Unterwegs fielen unterschiedliche
Reden von der Beschaffenheit dieses Landes vor,
und ich hörte aufmerksam zu. Endlich aber
fiel sie auf eine Erzählung, die mir nicht
allzu angenehm war, weil ich aus ihrem Reden
schloss, dass sie zur Belohnung für ihren mir
erwiesenen Dienst etwas von mir verlange,
was mir nach der Sittenlehre unmöglich war.
Sie erzählte mir mit herzzerbrechenden Worten,
wie schlimm die Frauen in diesem Land dran seien,
dass nämlich die philosophischen Schulmeister,
weil sie alle ihre Gedanken nur auf das Studieren
richteten, die eheliche Pflicht bei ihnen ganz
und gar hintan setzten. »Ich kann es mit einem
Eid bestätigen«, fuhr sie fort, »es wäre ganz und
gar um uns Frauen geschehen, wenn sich nicht etwa
zuweilen ein ehrbarer und barmherziger Fremdling
unser Elend ließe zu Herzen gehen und dem Übel,
womit wir geplagt werden, abzuhelfen suchte.« Ich
stellte mich bei diesem Diskurs, als ob ich nicht
verstünde, wo sie hinzielte und verdoppelte
meine Schritte. Allein meine Kaltsinnigkeit
vermehrte ihre Brunst nur immer mehr, und als sie
sah, dass all ihr Bitten nichts helfen wollte,
wurde sie endlich böse, streckte ihre Hände
aus, fiel mir ganz rasend in die Haare und warf
mir mein undankbares Gemüt vor. Als ich aber
demungeachtet meine Reise immer fortsetzte,
kriegte sie mich beim Rock zu halten und wollte
mich durchaus nicht fortgehen lassen. Ich wandte
hingegen alle Macht an und riss mich aus den
Händen dieser Frau los, kam ihr auch in kurzem
aus dem Gesicht, weil ich hurtiger auf meinen
Beinen war als sie. Wie ergrimmt sie damals auf
mich muss gewesen sein, kann ich leicht aus den
Worten Rakispalaki oder »Du undankbarer Hund«
schließen, die sie mir ein über das andere
Mal nachschickte. Allein ich verdaute die
Schmachreden ganz großmütig und war nur froh, dass
ich aus dem Land der Weltweisen, an das ich ohne
Entsetzen niemals zurückdenken kann, nur gerade
mit einigermaßen glatter Haut entkommen war.
Zunächst diesem Land liegt die Provinz Nakir,
in der die Hauptstadt den gleichen Namen führt.
Diese Hauptstadt ist eigentlich nur ein großes
Dorf, und ich kann nicht viel davon sagen,
weil ich die Provinzen, die an das Land der
Philosophen grenzten mit größter Eilfertigkeit
durchreiste und vielmehr zu solchen Völkern eilte,
die sich aus der Weltweisheit und besonders der
Zergliederungskunst nicht viel machten. Denn
es hatte mich die Furcht dermaßen eingenommen,
dass ich einen jeden, der mir begegnete, fragte,
ob er ein Philosoph sei. Die Körper aber und die
anatomischen Instrumente kamen mir lange Zeit im
Schlaf vor. Die Einwohner in Nakir schienen mir
sehr gesprächig zu sein, denn wer mir auch nur
begegnete bot mir seine Dienste an und beteuerte
auf das Weitläufigste, dass er ein ehrlicher Mann
sei. Dieses Rühmen kam mir sehr lächerlich vor,
weil ich mich gegen niemanden so aufgeführt
hatte, als ob ich an seiner Aufrichtigkeit und
Ehrlichkeit einigen Zweifel trüge. Ich entdeckte
daher einigen, ich könne gar nicht begreifen,
warum man so viel Versicherungen und Beteuerungen
von seiner Ehrlichkeit mache. Als ich aus dieser
Stadt wieder hinauskam, begegnete mir ein
Wandersmann, der sehr langsam reiste und
unter der Last seiner Bürde seufzte. Als er meiner
ansichtig wurde, blieb er stehen und fragte, wo
ich herkäme. Ich erzählte ihm daher, dass ich nur
durch Nakir gereist sei, wozu er mir gratulierte,
dass ich nämlich glücklich durchgekommen, weil
die Einwohner dort alle die listigsten Betrüger
seien und die Wandersleute nicht leicht ungerupft
von sich ließen. Ich antwortete ihm dagegen, wenn
aber ihre Taten mit ihren Worten übereinstimmen,
so müssten dies die ehrlichsten Leute von der Welt
sein, denn ein jeder verwünschte und verschwöre
sich ja, ohne dass es jemand verlangt habe, dass
er ehrlich und aufrichtig sei. Hierüber lachte
der Wandersmann und sagte: »Hüte dich, dass du
denjenigen Leuten nicht zu viel glaubst, die ihre
eigene Ehrlichkeit sogar mehr herausstreichen,
insbesondere aber nimm dich vor denen in Acht, die
bei dem Teufel beschwören, dass sie es ehrlich und
aufrichtig meinen.« Diese Ermahnung habe ich lange
Zeit treulich beobachtet und habe befunden, dass
dieser unterirdische Mann vollkommen recht gehabt.
Sooft meine Schuldner beschworen, dass sie ehrlich
bezahlen wollten, habe ich den Kontrakt mit ihnen
aufgehoben und mein Geliehenes zurückgefordert.
Als ich jenes Land zurückgelegt hatte, erblickte
ich einen See, dessen Wasser ganz rot war.
An dessen Ufer befand sich eine Mietgaleere, auf
der sich die Wandersleute um ein weniges in das
Land der Vernünftigen übersetzen lassen.
Als ich mit dem Schiffer einig geworden,
stieg ich in das Schiff und ließ mich mit
dem größten Vergnügen hinüberfahren: Denn
die unterirdischen Schiffe werden ohne Beihilfe
der Ruder durch gewisse künstliche und verborgene
Maschinen getrieben und sie durchschneiden
die Wasser mit unglaublicher Geschwindigkeit.
Als ich ans Land kam, sah ich mich nach einem
Wegweiser um, den ich auch gar bald fand und
nach seiner Anführung eilte ich nach der Stadt
der Vernünftigen weiter. Unterwegs beschrieb
mir mein Gefährte den Zustand dieser Stadt und
die Gemütsart der Einwohner. Ich hörte von ihm,
dass die Einwohner alle Logiker oder solche Leute
seien, die sich auf die Vernunftlehre legten,
und diese Stadt sei der wahrhafte Sitz der
Vernunft, deshalb habe sie auch diesen Namen
erhalten. Als ich meinen Fuß in die Stadt setzte,
wurde ich alsbald gewahr, dass es sich in der Tat
so befände, wie mir erzählt worden war, denn ein
jeder Bürger schien mir wegen der Schärfe seines
Verstands, Ernsthaftigkeit und anständigen Sitten
eher ein Ratsherr als ein Bürger zu sein. Ich hob
daher meine Hände gen Himmel und sagte: »Oh
glücklich und aberglücklich ist dieses Land,
das lauter Catones hervorbringt.« Doch da ich die
wahre Beschaffenheit dieser Stadt etwas genauer
kennen lernte, merkte ich wohl, dass hier das eine
und andere verabsäumt und nachlässig behandelt
werde und dass das Gemeinwesen einigermaßen
wankte, weil hier gar keine Narren anzutreffen
waren. Denn da die Einwohner hier alle nach
den Regeln der gesunden Vernunft überlegen und
niemand weder durch scheinbare Verheißung noch
durch gekünstelte Reden noch auch durch anderes
Spielwerk bewegt werden kann, so fehlen auch
hier die Mittel, durch welche die Gemüter der
Untertanen zu vortrefflichen und dem Gemeinwesen
höchst nützlichen Unternehmungen angefrischt
werden könnten, ohne dass das Gemeinwesen
etwas aus seiner Kasse dazu hergeben müsste.
Die Mängel dieser Stadt, die aus der gar zu
akkuraten Überlegung aller Dinge entstehen,
erzählte mir ein gewisser Bedienter des
Schatzmeisters mit recht herzzerbrechenden
Worten folgendermaßen: »Es ist hier ein Baum vom
andern bloß durch den Namen und die Leibesgestalt
unterschieden, es sucht sich hier kein Bürger vor
dem anderen hervorzutun, weil man hier keinen für
höher hält als den anderen, und niemand scheint
hier weise zu sein, weil sie alle weise sind.
Ich gestehe es, die Torheit ist ein Laster, aber
es ist nicht zu wünschen, dass sie ganz und gar
aus einem Staat verbannt werde. Es ist für eine
Stadt genug, wenn nur so viel weise Leute darin
anzutreffen sind, wie es öffentliche Ämter gibt.
Es muss Leute geben, die regieren und auch Leute,
die regiert werden. Was die Regenten in anderen
Gesellschaften sozusagen mit bloßen Narrenpossen
und Spielwerken ausrichten können, das kann unsere
Obrigkeit nicht anders als durch große Belohnungen
ausrichten, die den Schatz öfters erschöpfen.
Denn ein Weiser fordert für seine Dienste,
die er dem Vaterland erwiesen, den Kern, da
sich Narren mit den Schalen abspeisen lassen.
Zum Beispiel die Vergabe der Ehrenämter und die
Verleihung von Ehrentiteln, wodurch törichte Leute
gleichsam wie mit einem Amen gefangen und zu den
beschwerlichsten Verrichtungen angefrischt werden,
hat bei unseren Bürgern wenig Eindruck, weil
sie meinen, dass durch die bloße Tugend und
den innerlichen Wert die wahre Hochachtung und
eine beständige Ehre erworben werden müsse,
daher lassen sie sich durch prächtige Verheißungen
niemals verblenden. Es werden ferner Eure Soldaten
aller Gefahr für ihr Vaterland sich zu unterwerfen
aufgemuntert, weil sie versichert sind, dass ihrer
auch nach dem Tod in den Geschichtsbüchern gedacht
und ihre Namen in beständigem Andenken erhalten
werden. Unsere Soldaten hingegen halten dies für
ein bloßes Gespött der Ohren und verstehen die
Redensarten »in der Tat leben« oder »in
den Geschichtsbüchern leben« keineswegs,
denn sie meinen, dies sei eine große Eitelkeit,
wenn man diejenigen lobte, die es nicht hören.
Von anderen unzähligen Beschwerlichkeiten ganz zu
schweigen, die aus der gar zu genauen Überlegung
aller Dinge entstehen und die sattsam zeigen,
dass es nötig ist, dass in jeder wohlbestellten
Republik wenigstens der halbe Teil Narren sein
sollte. Denn in einer Gesellschaft hat die Torheit
eben die Wirkung, wie die Fermentation oder die
Säure im Magen, denn wenn sich zu viel Säure
darin befindet, so sind wir krank und wenn gar
keine darin anzutreffen, sind wir nicht gesund.«
Ich hörte ihm mit wachsendem Staunen zu. Als er
mir aber im Namen des Rats die Bürgerrechte anbot
und mir durch oftmals wiederholtes Bitten anlag,
ich solle mich doch hier häuslich niederlassen,
so wurde ich schamrot darüber und argwöhnte, die
Bitte rührte von einer vorgefassten Meinung meiner
Torheit her und dass ich gleichsam die Säure im
politischen Magen dieser Stadt vorstellen solle,
der sich aus Mangel daran und vor allzu großer
Weisheit ganz schwach befände. Ich wurde auch
in diesem Argwohn noch mehr bestärkt, als ich
hörte, dass die Obrigkeit beschlossen hatte,
sie wolle eine große Menge Bürger als Pflanzvölker
in gewisse Pflanzorte schicken und die Stellen
wieder mit so vielen törichten Einwohnern von den
benachbarten Völkern ersetzen. Ich wanderte daher
voller Unwillen aus dieser Stadt wieder fort.
Doch konnte ich diesen unterirdischen Lehrsatz,
der unseren Politikern bis dato ganz
unbekannt geblieben, lange Zeit nicht
aus den Gedanken bringen, es sei nämlich für
eine wohleingerichtete Republik sehr dienlich,
wenn der halbe Teil davon aus Narren und
törichten Leuten bestünde. Ich wunderte mich,
dass ein so nützlicher Lehrsatz den Philosophen
unserer Erde so lange verborgen bleiben konnte.
Vielleicht aber wissen es einige und wollen es nur
nicht öffentlich unter die politischen Lehrsätze
setzen, weil ohnedem alles bei uns voller Narren
ist und, ohne jemandem nahe zu treten, kein Dorf,
viel weniger eine Stadt anzutreffen, die an
diesem heilsamen Ferment einen Mangel hätte.
Nachdem ich einige Zeit ausgeruht hatte, begab
ich mich wieder auf den Weg und durchwanderte
verschiedene Landschaften, die ich aber hier
mit Schweigen übergehe, weil ich darin wenig
Ungewöhnliches angetroffen. Ich glaubte daher,
es sei hier das Ende der wunderbaren Dinge
anzutreffen, die der Planet Nazar hervorbrächte.
Als ich aber in das Land Cabac kam, boten sich
meinem Auge aufs Neue recht erstaunliche Dinge
dar, ja, solche Dinge, die fast allen Glauben
zu übertreffen scheinen. In diesem Land gibt
es Einwohner, die ohne Köpfe geboren werden.
Sie haben das Maul auf der Brust und reden ganz
vernehmlich dadurch. Dieser Ursache oder dieses
Fehlers der Natur wegen sind sie von wichtigen
Geschäften, die Gehirn erfordern, ausgeschlossen,
weil solchen ohnköpfigen Personen wichtige
Dinge nicht anvertraut werden können. Die Ämter,
wozu sie etwa noch zugelassen werden, sind meist
Bedienungen bei Hof. Man nimmt zum Beispiel aus
ihrer Mitte die Kammerjunker, Hofmarschälle,
die, die über das Frauenzimmer gesetzt sind,
aber auch Türhüter und Aufwärter. Aus ihnen nimmt
man auch die Pedelle, Küster und andere Bedienten,
die ihre Ämter einigermaßen ohne Gehirn verwalten
können. Es werden auch einige von ihnen,
auf besondere Erlaubnis der Obrigkeit, wegen der
Verdienste ihrer Vorfahren in den Rat genommen,
was zuweilen ohne Schaden des Gemeinwesens
geschehen kann. Denn die Erfahrung hat bewiesen,
dass das Ansehen des Rats nur auf ganz wenigen
Personen beruht und dass die anderen nur die
Stellen ausfüllen oder dasjenige, was die Ersteren
beschlossen haben, nur besiegeln und zugleich mit
unterschreiben müssen. Zu der Zeit gab es zwei
Assessoren im Rat, die ohne Köpfe geboren waren
und ebenso viele Einkünfte wie andere Ratsherren
zu genießen hatten. Denn ob sie schon wegen dieses
natürlichen Mangels nicht so viel Verstand wie die
übrigen besaßen, so gaben sie doch ihr Wort dazu
und stimmten jedenfalls wie die anderen. Ja,
sie waren noch besser dran als ihre Kollegen,
denn wenngleich jemand eine Sache vor Gericht
verlor, wurde er doch deswegen auf die ohnköpfigen
Ratsherrn nicht böse, sondern schüttete all
seinen Unwillen nur gegen die anderen aus.
Hierdurch erhellt zugleich, dass
es zuweilen ganz zuträglich ist,
ohne Kopf geboren zu werden. Diese Stadt gab
anderen Städten des Planeten an Pracht und
Zierlichkeiten wenig nach. Sie hat eine fürstliche
Residenz, eine Universität und prächtige Tempel.
In den beiden nächsten Provinzen, die ich
durchreiste, nämlich in Cambara und Spelek,
sind die Einwohner durchgängig Lindenbäume.
Doch sind sie hierin von anderen unterschieden,
dass sie in Cambara nicht über 4 Jahre leben, in
Spelek aber dehnen sie ihr Alter alle über 400
Jahre hinaus. Man trifft also hier Großväter,
Großgroßväter, Älterväter und Urälterväter an,
und wenn man die Alten ihre Geschichten erzählen
hört, sollte man meinen, man sei vor etlichen
hundert Jahren schon geboren worden. So viel ich
Mitleid mit den Ersteren hatte, so glücklich pries
ich hingegen die Letzteren. Nachdem ich aber die
Umstände beiderlei Volks reichlich erwogen, fand
ich mich in meinem Urteil betrogen. In der Provinz
Cambara gelangt ein jeder Einwohner in wenigen
Monaten nach seiner Geburt zu seinem vollkommenen
Verstand und Leibesgröße, sodass er in einem Jahr
ein vollkommener Mann wird, die übrigen Jahre
schienen ihnen nur deswegen gegeben zu sein,
dass sie sich darin auf den Tod vorbereiten
sollten. Bei dieser Lage der Dinge kam mir dieses
Land in der Tat wie eine platonische Republik
vor, in der alle Tugenden zur vollkommenen
Reife gelangt waren. Denn da sie in Betrachtung
ihrer kurzen Lebenszeit gleichsam alle Zeit auf
dem Sprung stehen und diese Zeitlichkeit nur als
eine Pforte ansehen, durch die sie in das andere
Leben hindurchgehen müssen, so richten sie die
Gedanken mehr auf ihren künftigen als auf ihren
gegenwärtigen Zustand. Folglich kann man hier
einen jeden als einen wahren Philosophen ansehen,
der sich um das Irdische wenig kümmert,
sondern nur auf einen dauerhaften und
immerwährenden Schatz bedacht ist, der in Tugend,
Gottseligkeit und einem ehrlichen Namen besteht.
Und dass ich’s kurz mache, dieses Land schien
mir eine Wohnung der Engel und Heiligen zu sein,
ja ich hielt es für eine Schule, in der
die wahre Tugend und Frömmigkeit aufs
Vortrefflichste gelehrt wurde. Es erhellt auch
hieraus, wie ungerecht das Murren derjenigen ist,
die sich über die Kürze des Lebens beschweren,
sich deswegen gleichsam mit Gott zanken, denn
unser Leben kann zwar kurz genannt werden, weil
wir den größten Teil mit Müßiggang und Wollüsten
verderben, es würde uns aber solches lange genug
vorkommen, wenn wir die Zeit besser anwendeten.
In dem anderen Land hingegen, wo die Einwohner
über 400 Jahre alt wurden, sah ich alle Laster
herrschen, die nur im menschlichen Leben begangen
werden. Man sah hier nur auf das Gegenwärtige, als
wenn es ewig währte und unvergänglich sei. Hier
bemerkte man weder Scham noch Scheu, Wahrheit,
Treue, Glauben und Ehrbarkeit hatte Abschied
bekommen und an deren Stelle herrschte Betrug
und hinterlistige Nachstellung. Es hatte dieses
lange Leben auch sonst noch eine traurige Wirkung,
denn diejenigen, die durch einen Unglücksfall
um Hab und Gut gekommen oder denen ihre Glieder
verstümmelt oder die etwa in eine unheilbare
Krankheit verfallen waren, pflegten sich mit
zitternder Stimme über die Langwierigkeit ihres
Lebens zu beschweren und wohl gar selber den
Tod anzutun, weil sie wegen Länge des Lebens
kein Ende ihres Unglücks vor sich sahen, denn
ein kurzes Leben ist den Betrübten der kräftigste
Trost. Beide Länder setzten mich in nicht geringe
Verwunderung und ich reiste voller philosophischer
Betrachtungen aus den Ländern wieder ab.
Ich musste meinen Weg über öde und wüste Orte
fortsetzen, die mich nach Spalank, oder in
das unschuldige Land führten. Dieses Land hatte
seinen Namen von der Unschuld der Einwohner und
ihrem friedfertigen Naturell bekommen. Sie waren
alle Mispelbäume, und ich hielt sie unter allen
Sterblichen für die Glückseligsten, denn sie waren
keinen Affekten und Leidenschaften unterworfen,
folglich lebten sie auch ohne Laster. Sie hatten
keine Gesetze und lebten doch schlecht und recht.
Sie hatten sich vor keiner Strafe zu fürchten,
niemand drohte dem anderen, kein Untertan durfte
sich vor der Obrigkeit scheuen, sondern sie
lebten vollkommen sicher. Hier sah man weder
Krieg noch Streit, folglich auch keine Soldaten,
sondern ein jeder lebte in Ruhe und Frieden. Als
ich in dieses Land kam, befand ich alles so, wie
man es mir erzählt hatte, dass nämlich ein jeder
nach seinem Gutdünken lebte und ohne Zwang der
Tugend nachjagte. Neid, unordentliche Begierden,
Zorn, Hass, Hoffart, Ehrgeiz, Uneinigkeit und alle
Laster, die nur im menschlichen Leben zu finden,
waren aus diesem Land verbannt. Es fehlte
aber nebst den Lastern auch vieles, was den
Sterblichen sonst zu einer großen Zierde dient und
die vernünftigen Kreaturen von den unvernünftigen
Tieren unterscheidet. Außer der Gottesgelahrtheit,
Naturlehre und Sternkunst waren hier weiter keine
Künste und Wissenschaften mehr anzutreffen,
von der Rechtsgelehrsamkeit, Staatslehre,
Historie, Sittenlehre, Mathematik, Beredsamkeit
und anderen Wissenschaften wusste man hier nicht
einmal die Namen zu nennen, und da gar kein Neid
und keine Ehrbegierde bei ihnen anzutreffen war,
so suchte auch keiner dem anderen in irgendetwas
vorgezogen zu werden. Man traf hier keine Paläste
und herrlichen Gebäude an, man sah keine Rathäuser
und Gerichtsplätze, es war auch niemand reich,
weil keine Obrigkeit, kein Zank und Streit
und keine Begierde, vieles an sich zu bringen,
hier zu finden war. Und damit ich’s kurz mache, es
gab hier zwar keine Laster, es fehlte aber auch an
vieler Zierde, an Künsten und an unzähligen
anderen Dingen, die man Tugend nennt und die
die bürgerliche Gesellschaft beliebt, die Menschen
aber höflich und galant macht, so gar, dass es mir
vorkam, ich sei vielmehr in einen Mispelgarten,
als in eine Gesellschaft vernünftiger Kreaturen
gekommen. Ich stand daher auch lange bei mir
an, was ich für ein Urteil von diesem Volk
fällen sollte und ob wohl für die Menschen ein
gleicher Zustand wie dieser zu wünschen wäre.
Als ich aber endlich überlegte, es wäre besser,
ein schlechtes und unschuldiges als lasterhaftes
Leben zu führen, insgleichen dass, wenn man
verschiedene Künste nicht verstünde, auch Morden,
Rauben und andere dergleichen Laster, durch die
oft Leib und Seele verloren gehen, nicht einreißen
könnten, so schätzte ich diesen Zustand allerdings
für glückselig. Indem ich nun durch dieses Land
meine Reise ganz unbedachtsam fortsetzte,
stieß ich mich mit meinem linken Schienbein
recht schmerzlich an einen Stein, wovon es alsbald
auflief und schwoll. Als dies ein Bauersmann sah,
kam er herzugelaufen, pflückte mit der Hand
ein Kraut ab und legte es mir auf die Wunde,
wodurch sich der Schmerz alsbald linderte und
die Geschwulst sich legte. Hieraus schloss ich,
dass sich dieses Volk auf die Heilkunst wohl
verstehen müsse, worin ich auch nicht irrte.
Denn da die Studien der Einwohner in Spalank so
enge Grenzen haben, so sind sie nicht wie unsere
vielwissenden Gelehrten mit der Schale vergnügt,
sondern untersuchen alles auf das Genaueste.
Als ich meinem Arzt für seinen geleisteten
Beistand Dank abstattete und mich unter anderem
der Redensart bediente, der liebe Gott würde ihm
diese Wohltat vergelten, so antwortete er mir so
gründlich gelehrt und gottselig, obzwar mit zarter
und bäurischer Stimme, dass ich mir einbildete,
es sei etwas Göttliches an ihm oder er wäre
vielleicht ein Engel, der mir unter der Gestalt
eines Baums erschiene. Ich erkannte hieraus,
wie unbillig wir uns über diejenigen aufhalten,
die sich befleißigen, alle Leidenschaften
abzulegen, indem wir dafürhalten, dass sie nur
bei faulen und müßigen Tagen alt würden, wenn sie
nach nichts strebten, sich über nichts betrübten,
sich niemals erzürnten, auch nie fröhlich seien,
sondern alle heftigen Leidenschaften verbannten.
Ich sah vielmehr ein, wie sehr diejenigen irren,
die behaupten, dass die Laster im normalen
Leben nötig seien und der Zorn ein Wetzstein der
Tapferkeit, die Eifersucht ein Sporn des Fleißes
und das Misstrauen ein Zunder der Klugheit. Denn
wie der Vogel ist, so legt er die Eier, und viele
Tugenden, worauf sich die Menschen viel einbilden,
ja, die wir mit herrlichen Lobgedichten preisen,
sind vielmehr Verstellungen als Zierarten, wenn
wir sie mit philosophischen Augen betrachten.