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Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

15.03.2026 65 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 9 1/2
Klims Reise um den Planeten Nazar

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
https://onsound.eu/
Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

9. KAPITEL Klims Reise um den Planeten Nazar Nachdem ich 2 Jahre lang das beschwerliche Amt eines Läufers verwaltet und im ganzen Land fürstliche Befehle und Gerichtsakten herumgetragen hatte, wurde ich endlich dieses beschwerlichen und mir so unanständigen Amts überdrüssig. Ich hielt also ein übers andere Mal bei dem durchlauchtigsten Fürsten um meine Demission an und bat zugleich um ein anständigeres Amt. Ich erhielt aber jedesmal abschlägige Antwort, weil der Fürst glaubte, es wäre nicht in meinem Vermögen, wichtigere Dinge zu verwalten. Er führte auch die Gesetze und Gewohnheiten an, gegen die mein Anhalten stritte, nach denen nämlich hohe und wichtige Ämter nur an solche Personen vergeben werden müssten, die dazu tüchtig befunden worden wären. Er sagte also, ich müsste so lange in dem einmal mir aufgetragenen Amt bleiben, bis ich etwa durch ein besonderes Verdienst mir den Weg zu einer höheren Ehrenstelle bahnen würde. Endlich beschloss er seine Rede mit dieser Erinnerung: Ein jeder müsse seine Kräfte selber aufs Genaueste untersuchen, denn sich selbst zu erkennen, sei etwas recht Himmlisches, darauf müsse man beständig denken und es niemals außer Acht lassen. Diese mir des Öfteren gegebene abschlägige Antwort verleitete mich zu einem verwegenen und recht desperaten Vorhaben. Ich bemühte mich nämlich von der Zeit an, etwas Neues zu erdenken, wodurch ich die Vortrefflichkeit meines Verstands an den Tag legen und den Schandfleck, den man mir angehängt hatte, wieder auslöschen möchte. Ich brachte fast ein ganzes Jahr mit der Untersuchung von Gesetzen und Gewohnheiten dieses Fürstentums zu und wollte einen Versuch tun, ob ich nicht doch einige Fehler entdecken könnte, die eine Verbesserung nötig hätten. Ich eröffnete meinen Gedanken einem gewissen Dornstrauch, mit dem ich einige Vertraulichkeit aufgebaut hatte und mit dem ich im Scherz und Ernst umzugehen gewohnt war. Dieser hielt nun zwar meine Erfindungen für nicht ganz ungereimt, er zweifelte aber doch sehr, ob sie auch dem Gemeinwesen nützlich sein würden. Denn er sagte, wer reformieren wolle, müsse sich den Zustand und die natürliche Beschaffenheit eines Landes, worin er eine Reformation anzuraten gedächte, sehr genau vor Augen stellen, denn dieselbe Sache könnte in verschiedenen Ländern und Gemütsarten ganz unterschiedliche und widrige Wirkungen verursachen, gleichwie dasselbe Medikament diesem Körper nutzen, einem anderen aber schaden könne. Er stellte mir ferner vor, was für einer großen Gefahr ich mich unterwürfe, wenn ich reformieren wolle, indem über mich würde Gericht gehalten werden, ja dass es um mein Leben geschehen wäre, wenn mein Vorschlag bei der Untersuchung missbilligt werden sollte. Er bat mich daher inständig, ich möchte ja vorher alles recht wohl überlegen, doch riet er mir eben nicht, gänzlich von meinem Vorhaben abzustehen, indem es doch wohl geschehen könne, dass ich durch fleißiges Untersuchen etwas entdeckte, was dem Staat dienlich sein möchte. Ich folgte auch dem Rat dieses guten Freundes, ließ noch einige Zeit anstehen, verwaltete mein Läuferamt noch weiter geduldig und streifte nach meiner Gewohnheit in den Ländern und Städten umher. Und damit ich nicht vergessen möchte, was ich auf meinen Reisen hin und wieder Besonderes angemerkt, so brachte ich alles so zierlich wie ich konnte zu Papier, sodass ich endlich ein großes Buch davon dem Fürsten übergeben konnte. Wie sehr dieses Buch Seiner Durchlaucht gefallen haben müsse, konnte ich daraus schließen, weil er meine Arbeit in öffentlicher Ratsversammlung vor jedermann lobte und nach wohlbedächtigem Durchlesen dieses Buchs beschloss, durch mich den ganzen Planeten Nazar zu entdecken. Ich hatte mir aber eine ganz andere Belohnung für meine Arbeit eingebildet, daher seufzte ich stillschweigend mit jenem Schriftsteller: Die Tugend wird zwar gerühmt, sie muss aber darben. Da ich ein großer Liebhaber von Neuigkeiten war und von diesem gütigen Fürsten nach meiner Rückkehr eine anständige Belohnung erwartete, so nahm ich dieses Werk ganz gelassen auf mich. Obgleich der Planet Nazar kaum 200 deutsche Meilen in seinem Umfang hat, so scheint er doch seinen Einwohnern, die so langsam zu Fuß sind, sehr groß zu sein. Es waren diesen unterirdischen Einwohnern deshalb noch die meisten Landschaften, besonders die weit entlegenen, gänzlich unbekannt. Denn kein Potuaner, er hätte mögen sein, wer er gewollt, würde diesen Planeten in 2 Jahren zu Fuß haben durchwandern können, was ich hingegen, wegen der Geschwindigkeit meiner Füße, innerhalb Monatsfrist bewerkstelligen konnte. Was mir aber die größte Sorge machte, war dies, dass ich mir einbildete, es würde ein jedes Land seine besondere Sprache haben. Doch machten mir einige wieder Mut, die mir versicherten, dass die Einwohner des ganzen Planeten, obgleich sie an Sitten voneinander abgingen, doch durchgängig dieselbe Sprache redeten; überdies sei das ganze Geschlecht der Bäume verträglich, wohltätig und tue niemandem etwas zu Leide, ja ich würde ohne jede Gefahr diese ganze Weltkugel durchreisen können. Hierdurch wurde ich, da ich ohnedem schon Lust dazu hatte, noch mehr angefrischt und trat meine Reise zu Anfang des Pappelmonats an. Was nun folgt, ist dermaßen erstaunenswürdig, dass man es fast für poetische Erfindungen oder für Spielwerke eines aufgeweckten Kopfs halten möchte, vornehmlich da der große Unterschied der Körper und Gemüter, den ich auf dieser Reise bemerkte, dermaßen groß ist, dass man ihn zwischen den allerentlegensten Völkern, die in einer anderen Welt leben, sich nicht größer einbilden sollte. Es ist aber anzumerken, dass die Völker dieser Erdkugel durch Meere und Meerengen voneinander unterschieden werden und dass dieser Planet einigermaßen die Gestalt eines Archipels oder solcher Gegenden, wo viele Inseln nah beisammen sind, ähnlich vorgestellt werden kann. Es lässt sich selten jemand über die Meerenge übersetzen und die Fährleute, so sich an den Ufern befinden, sind bloß der Reisenden wegen dahin gestellt. Denn die Eingeborenen des Landes kommen wenig über die Grenzen ihres Vaterlands, und wenn sie dazu genötigt werden, dass sie sich über eine Meerenge setzen lassen müssen, so pflegen sie doch bald wieder zurückzukehren, weil sie fremder Länder bald überdrüssig werden. So viele andere Völker es also gibt, so viel gibt es gleichsam auch neue Welten. Die vornehmste Ursache dieser Ungleichheit aber rührt wohl von der unterschiedlichen Beschaffenheit des Erdbodens her, was die mannigfaltigen Farben der Äcker und Erdklöße anzeigen, daher auch die vielerlei Farben der Blumen, Pflanzen, Gewächse und der große Unterschied der Hülsenfrüchte. Daher ist es denn gar kein Wunder, dass bei unterschiedlicher Beschaffenheit des Erdbodens und der Früchte auch viele besondere Gemütsarten der Einwohner und so mancherlei einander entgegengesetzte natürliche Neigungen anzutreffen sind. Auf unserem Erdboden unterscheiden sich auch die allerentlegensten Völker von den andern an Gemütsbeschaffenheit, Sitten, Gelehrsamkeit, Farbe und Leibesgestalt nur wenig. Denn da die Beschaffenheit des Erdbodens überall fast gleich ist, außer dass ein Land fruchtbarer ist als das andere, ja weil die Früchte, Kräuter und Wasser dieselbe Natur haben, so werden auch nicht so viele ungleiche Tiere hervorgebracht wie auf diesem Planeten gezeugt werden, wo ein jedes Land seine besondere natürliche Beschaffenheit hat. Die Fremdlinge mögen überall frei handeln und wandeln, aber häuslich dürfen sie sich nirgends niederlassen, ja es kann ihnen auch nicht wegen der so sehr unterschiedlichen und einander entgegengesetzten Landesbeschaffenheit zugelassen werden. Es sind daher alle Fremdlinge, die einem auf der Straße begegnen, entweder Wandersleute oder Kaufleute. Die benachbarten Länder um das Fürstentum Potu herum haben fast dieselbe Beschaffenheit. Die Einwohner haben vor Zeiten schwere Kriege mit den Potuanern geführt, jetzt aber stehen sie entweder mit ihnen im Bündnis, und die, so von ihnen überwunden worden sind, sind mit ihrer leutseligen Regierung ganz wohl zufrieden. Wenn man hingegen über die große Meerenge gesetzt, die den ganzen Planeten teilt, so sieht man ganz neue Welten, auch andere und den Potuanern ganz unbekannte Tiere. Dieses Einzige haben sie mit ihnen gemein, dass alle Einwohner dieses ganzen Erdkreises vernünftige Bäume sind und fast durchgängig dieselbe Mundart haben. Daher ist die Reise auch gar nicht beschwerlich und vor allem wegen der vielen Kauf- und Wandersleute, die durch die Provinzen reisen. Die Einwohner eines jeden Landes sind durch sie schon daran gewöhnt, allerhand ungestalte und von ihnen aufs Äußerste unterschiedliche Kreaturen zu sehen. Daran habe ich deswegen erinnern wollen, damit durch meine folgende Erzählung die Ohren nicht beleidigt werden und man mich nicht beschuldigen möchte, dass ich mit dem großen Messer aufschnitte. In der Provinz Quamso, die am nächsten über der Meerenge liegt, sind die Einwohner niemals einiger Leibesschwachheit oder Krankheit unterworfen, sondern werden alle bei gesunden Tagen alt und grau. Sie schienen mir daher unter allen Kreaturen die glückseligsten zu sein: Als ich aber nur ein klein wenig mit ihnen Umgang gepflogen, merkte ich gar bald, dass ich mich in meiner Meinung gewaltig betrogen. Denn da ich keinen einzigen Einwohner in dieser Provinz traurig sah, so fand ich im Gegenteil auch keinen einzigen, der vergnügt, viel weniger fröhlich gewesen wäre. Denn so wie wir durch einen heiteren Himmel und gemäßigte Luft nicht gerührt werden, wenn wir nicht vorher stürmisches und garstiges Wetter ausgestanden haben, so empfinden auch diese Bäume nicht einmal ihre Glückseligkeit, weil sie immerwährend und ununterbrochen fortdauert, ja sie werden es nicht einmal gewahr, dass sie gesund sind, weil sie von Krankheiten gar nichts wissen. Sie leben also zwar in beständiger Gesundheit, sie ästimieren sie aber nicht: Denn ein Gut, das man beständig genießt, wird man endlich überdrüssig. Daher leben nur diejenigen vergnügt, denen ihre Ergötzlichkeiten zuweilen vergällt werden. Ich kann es mit Wahrheit bezeugen, dass ich bei keinem Volk weniger angenehme Sitten und verdrießlicheren Umgang gefunden als hier. Es ist zwar ein unschuldiges Volk, es verdient aber weder Liebe noch Hass, man hat von niemandem eine Beleidigung zu gewärtigen, aber auch keine Gunst und Gewogenheit zu erhoffen. Ja, dass ich’s kurz sage, man findet hier nichts, was einem missfällt, aber auch nichts, was einen vergnügt. Und da ferner diese beständige Leibesgesundheit die Leute niemals an den Tod erinnert, auch keine Erbarmung gegen Betrübte und Kranke erweckt, so bringen sie ihre ganze Lebenszeit in aller Sicherheit und ohne Vergnügen und auch ohne Eifer und Mitleid zu. Daher findet man bei diesem Volk keine Spur von Gottesfurcht, Liebe und Barmherzigkeit. Denn da uns die Krankheiten den Tod vor Augen stellen und uns zugleich erinnern, dass es nötig sei, uns auf ihn gut vorzubereiten, ja, wenn sie uns gleichsam befehlen, uns allezeit zu dieser Reise gefasst zu halten, so lehren sie uns zugleich, wenn wir die Schmerzen von ihnen empfinden, dass wir uns der Bedrängten erbarmen sollen. Hieraus erkannte ich leicht, wie viel die Krankheiten und Todesgefahr zur Gottseligkeit und geselligem Leben beitragen. Ja, wie unrecht wir dem Schöpfer tun, wenn wir ungehalten werden, dass wir gleichsam zu gewissen Bedrängnissen geboren zu sein scheinen, die uns doch heilsam und nützlich sind. Doch ist dies zu merken, dass diese Eichbäume, sooft sie an andere Orte reisen, eben wie andere Bäume den Schwachheiten unterworfen und krank sein werden. Ich halte also dafür, dass diese Wohltat, wo es anders eine genannt zu werden verdient, bloß von der Luft dieses Landes und den Lebensmitteln dort herrührt. Die Provinz Lalac, die auch Mascatta oder die Glückselige genannt wird, schien mir diesen Namen mit allem Recht zu verdienen, denn sie bringt alles ohne Mühe und Arbeit hervor. Es fließen dort ganze Ströme von Milch und Nektar, der helle Honig trieft von den grünen Steineichen, und die Erde darf weder mit Pflug noch Egge zubereitet werden, sondern sie bringt alles freiwillig hervor. Allein diese große Wohltat macht deswegen die Einwohner dieser Provinz doch nichts glücklicher als diejenigen, die sich in andern Ländern befinden. Denn da sie gar keine Mühe und Arbeit anwenden müssen, ihren Unterhalt zu erwerben, so werden sie von Ruhe und Mäßigkeit ganz träge und sind fast beständig krank. Man findet daher wenig Einwohner, die nicht eines frühzeitigen Todes sterben und entweder von Würmern gefressen werden oder bei lebendigem Leib verfaulen. Die Beschaffenheit dieses Landes gab mir nicht weniger zu weitläufigen philosophischen Betrachtungen Anlass, und ich erkannte aus der Beschaffenheit und den Umständen dieses Volks, dass die Knechte und Tagelöhner nach ihrer Art einigermaßen noch glückseliger als diese Bäume seien, weil sie vor Faulheit und Wollust in allen Dingen schläfrig sind, da sie sich um keinen Unterhalt kümmern brauchen. Man kann es an niedlichen und delikaten Speisen sehen. Wenn man sie beständig genießt, so bekommt man endlich einen Ekel davor, und die Füße wollen einen verderbten Körper nicht länger tragen. Hieraus aber entstehen so viel üble Ratschläge, verzweifelte Unternehmungen und gewaltsame Todesfälle. Denn der Überfluss, in dem sie leben, verdirbt allen Geschmack und nimmt alle Empfindungen des Vergnügens, erweckt aber im Gegenteil Ekel und macht das Leben verdrießlich. Ich sah daher wohl, dass das Land, so ich anfangs für einen Wohnplatz der Glückseligen gehalten, ein trauriger Aufenthalt müßiger Einwohner sei, die mehr zu beklagen als zu beneiden waren. Und ich war nur darauf bedacht, wie ich fein bald wieder aus diesem Land herauskommen möchte. Das nächste Land nach diesen hieß Mardak. Die Einwohner sind alle Zypressen, haben alle dieselbe Leibesgestalt und sind bloß durch mancherlei Art der Augen voneinander zu unterscheiden. Denn einige haben längliche, andere viereckige, wieder andere sehr kleine und noch andere sehr weite und große Augen, die fast die ganze Stirn einnehmen: Überdies werden einige mit zwei, andere aber mit drei Augen, auch wohl mit vier Augen geboren; es gibt sogar einige, die nur ein Auge haben, man könnte sie Kinder des Polyphem nennen, nur dass diese ihr Auge am Hinterteil des Kopfs tragen. Es werden daher die Einwohner hier in so viel Klassen oder Zünfte eingeteilt, so viel es unterschiedliche Arten von Augen gibt. Die Namen dieser Klassen oder Zünfte sind folgende: Die Nagiri sind diejenigen, die längliche Augen haben, denen deswegen auch alle Dinge, die sie ansehen, länglich vorkommen. Die Naquiri sind diejenigen, die viereckige Augenhaben. Talampi haben ganz kleine Augen. Die Jaraku haben zwei Augen, deren eines etwas schiefer steht als das andere. Die Mehanki sind mit drei; Die Tarrasuki hingegen mit vier Augen versehen. Harramba werden diejenigen genannt, deren Augen die ganze Stirn einnehmen; und die Skadolki sind endlich diejenigen, die nur ein Auge am Hinterteil des Kopfs haben. Unter all diesen machen die Nagiri den größten und mächtigsten Haufen aus, und weil sie längliche Augen haben, so scheinen ihnen auch alle Dinge länglich zu sein. Aus diesen allein werden die Regenten, Ratsherrn und Priester gewählt, sie führen allein die Regierung und lassen niemanden aus einer anderen Zunft zu einem öffentlichen Amt gelangen, wenn er nicht bekennt, dass eine gewisse Tafel, die der Sonne gewidmet und an dem erhabensten Ort des Tempels aufgestellt ist, ihm auch länglich vorkomme. Ja er muss sogar dieses Bekenntnis mit einem Eid bekräftigen. Diese heilige Tafel ist der vornehmste Gegenstand des mardakanischen Gottesdienstes. Es sind daher die ansehnlichsten Bürger, die keinen Meineid begehen wollen, von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen, sie dienen den anderen zum beständigen Spott und werden jedesmal verfolgt, und ob sie schon bezeugen, dass sie ihre Augen im Geringsten nicht betrögen, so werden doch beständige Klagen darüber geführt, und dieser Fehler der Natur wird bloß ihrer Bosheit und Halsstarrigkeit zugeschrieben. Die Eidesformel, die alle diejenigen unterschreiben müssen, die zu einem öffentlichen Amt erhoben werden wollen, ist ungefähr diese: Kaki manasca quihombu miriac Jacku mesimbrii Cavhani Crukkia Manaskar Quebriac Krusundora. Das heißt: Ich schwöre, dass mir die heilige Tafel der Sonne länglich vorkommt und verspreche, dass ich in dieser Meinung bis an den letzten Hauch meines Lebens beständig verharren will. Wenn sie diesen Eid abgelegt haben, so werden sie Kandidaten der Ehrenstellen und in die Zunft der Nagiri aufgenommen. Als ich den anderen Tag nach meiner Ankunft, um mir die Zeit zu verkürzen, auf dem Markt herumspazierte, sah ich einen gewissen Alten geführt bringen, der gegeißelt werden sollte und der von einer sehr großen Menge Zypressenbäume begleitet wurde, die die heftigsten Schmähreden gegen ihn ausstießen. Als ich mich erkundigte, was dieser getan hätte, wurde mir gesagt, er sei ein Ketzer, der öffentlich gelehrt habe, die Tafel der Sonne schiene ihm viereckig, und auf dieser höchst schädlichen Meinung sei er auch, aller getanen Ermahnungen ungeachtet, auf das Hartnäckigste bestehen geblieben. Ich ging daher auch in den Sonnentempel, um zu erfahren, ob ich rechtgläubige Augen hätte, und als ich sah, dass jene Tafel wirklich viereckig war, so sagte ich das meinem Wirt, der erst kürzlich Baumeister in der Stadt geworden war, frei heraus. Als ich ihm meine Meinung so treuherzig entdeckte, seufze er tief und gestand mir, dass sie ihm freilich auch so vorkomme, er unterstehe sich aber nicht, das jemandem zu entdecken, aus Besorgnis, er möchte die herrschende Partei vor den Kopf stoßen und seines Amts wieder entsetzt werden. Ich verließ also stillschweigend und voller Zittern diese Stadt, indem ich befürchtete, ich möchte etwa den Fehler meiner Augen auf dem Buckel büßen müssen; man möchte mir sonst vielleicht auch den verhassten Titel eines Ketzers beilegen und mich mit Schimpf und Schande aus der Stadt jagen. Ja es hat mir nirgends eine Verordnung schrecklicher, grausamer und ungerechter erschienen als hier, da ich sah, dass man sich durch Meineid und Verstellung den Weg zu Ehrenstellen bahnen musste. Ich habe auch deswegen, nachdem ich in das Fürstentum Potu wieder zurückgekehrt war, sooft ich nur Gelegenheit gehabt, gegen diese barbarische Republik Gift und Galle ausgespien. Als ich aber einem gewissen Wacholderbaum, mit dem ich sehr vertraut umging, mit gewöhnlichem Unwillen meinen Abscheu hierüber offenbarte, so fing er folgendermaßen an zu reden: »Es scheint uns zwar sehr närrisch und unbillig, was die Nagiri in diesem Stück verordnet; ich meine aber, du solltest dich darüber nicht gar so sehr wundern, wenn sie gleich wegen der Mannigfaltigkeit der Augen so scharf miteinander verfahren, denn ich besinne mich, dass du mir erzählt hast, wie es in den meisten europäischen Republiken eben auch solche herrschenden Parteien gäbe, die wegen eines natürlichen Fehlers der Augen oder der Vernunft gegen die übrigen mit Feuer und Schwert wüteten, und solchen Zwang hast du ja als etwas Gottseliges und den Republiken Nutzbringendes höchstens gelobt und gebilligt.« Ich merkte gar bald, wo dieser listige Mann mit diesen Reden hinzielte und machte mich voller Scham aus seinem Gesicht. Von der Zeit an habe ich auch beständig ein gelinderes Urteil von den Irrenden gefällt, und habe beständig angeraten, dass eines mit dem andern Geduld haben solle. Das Fürstentum Kimal wird wegen der überflüssigen Reichtümer, die darin anzutreffen sind, für das allermächtigste gehalten. Denn außer den Silberbergwerken, deren es eine große Menge gibt, wird auch jährlich eine sehr große Menge Goldes aus dem Sand der Flüsse gesammelt, und die Meere um diese Gegend sind an Perlen ungemein fruchtbar. Dass aber der Reichtum allein nicht glücklich mache, habe ich nach genauerer Untersuchung und Betrachtung dieses Volks mehr als zu deutlich gemerkt. Denn so viel Einwohner es hier gibt, so viel sind sozusagen auch Bergleute und Perlenfischer, und weil sie beständig nach einer reichen Ausbeute schnappen, scheinen sie zu einer immerwährenden Knechtschaft und höchst unanständiger Arbeit verdammt zu sein. Und welche etwa von dieser Arbeit frei sind, die tragen nur Sorge, wie sie ihre erworbenen Schätze erhalten mögen, denn das ganze Land ist dermaßen mit Mördern und Spitzbuben angefüllt, dass sich niemand alleine zu reisen trauen darf. Auch an den heiligsten Festtagen wird Dieberei, Hinterlist, Betrug und Übervorteilung ausgeübt. Die meisten nähren sich vom Raub, und hier ist kein Mensch vor dem andern sicher, auch die Eltern nicht vor ihren Kindern, so sehr ist alle Treu und aller Glaube verschwunden. Es verdient daher dieses Volk, das die Nachbarn so beneiden, vielmehr beklagt als beneidet zu werden. Denn Furcht, Argwohn, Misstrauen und Neid herrscht hier beständig in allen Gemütern, und stets sieht einer den andern als seinen Feind an, der ihm nach seinem Vermögen trachtet, so sehr, dass aller Nutzen und Vorteil, den dieses Fürstentum Kimal von seinen Reichtümern zieht, auf die es sich doch so viel einbildet, in nichts als Furcht, Bekümmernis, Wachen, übler Gestalt des Gesichts und so weiter besteht. Ich reiste daher nicht ohne Beschwerlichkeit und Furcht durch dieses Land, denn auf allen Wegen und Stegen, an allen Grenzorten musste ich die Ursache meiner Reise, meinen Namen, Vaterland und andere Dinge mehr denen, die über die Wege bestellt waren, anzeigen, und ich sah mich hier allen den Beschwerlichkeiten ausgesetzt, denen Wandersleute in argwöhnischen Ländern unterworfen zu sein pflegen. Dieses Land hat einen feuerspeienden Berg, aus dem das unterirdische Feuer gleichsam wie große Fluten herausströmt. Nachdem ich dieses Fürstentum, das auf meiner ganzen Reise das allerbeschwerlichste war, zurückgelegt, setzte ich meinen Lauf beständig gegen Morgen fort. Ich traf überall gesellige und ganz wohlgesittete Völker an, die mir aber doch höchst wunderlich vorkamen. Am allermeisten wunderte ich mich über die Einwohner des ganz kleinen Königreichs Quamboja, deren Natur ganz und gar umgekehrt war, so, dass je älter einer an Jahren wurde, desto mehr nahm auch die Leichtfertigkeit und die Wollust bei ihm überhand, sodass Mutwillen, Geilheit und andere Laster, die sonst der Jugend anhaften, hier mit den Jahren wachsen und zunehmen. Es wird demnach hier niemand zu einem öffentlichen Ehrenamt erhoben, der das 40. Jahr allbereits erreicht, denn wenn einer dies erlangt, so ist er nichts anderes als ein mutwilliger Knabe, den die Mutter noch züchtigen muss. Hier sah ich eisgraue Leute auf den Gassen miteinander kälbern und mit kindischen Spielen sich die Zeit vertreiben. Sie bauten zum Beispiel kleine Häuschen, banden Mäuse vor kleine Puppenwagen, spielten Grad und Ungrade, ritten auf Stecken und so weiter. Dieser Narrenpossen wegen wurden sie öfters von den Knaben gescholten, auch gar wohl zuweilen mit Karbatschen nach Hause gejagt. Einen alten Mann sah ich auf öffentlichem Markt den Kreisel mit einer Peitsche treiben. Eben dieser Mann hatte vor Zeiten in großem Ansehen gestanden und war Präsident im großen Rat gewesen. Ich habe auch die verkehrte Ordnung an beiderlei Geschlechtern bemerkt. Wenn daher ein Jüngling eine alte Frau heiratet, so sagen alle Leute von ihm, dass er bald in die Zunft der Hörnerträger würde eingeschrieben werden, was also dem schnurstracks entgegen ist, was man bei uns zu schreien pflegt, wenn nämlich ein alter Mann eine junge Dirne heiratet, so besorgt er sich dieses Unfalls. Einstmals traf ich auf dem Markt zwei alte, abgemergelte Männer an, die sich miteinander herumbalgten. Ich wunderte mich über die ungewöhnliche Wut dieser Leute von so hohem Alter und als ich mich erkundigte, worüber sie denn in Zweikampf miteinander geraten, erfuhr ich, dass es einer Hure wegen geschehen, mit der sie alle beide in einem Hurenhaus hätten löffeln wollen. Der mir dies erzählte fügte noch hinzu, wenn der Mutwillen dieser beiden alten Gecken ihren Vormündern zu Ohren gebracht werden sollte, dürften sie für dichte, derbe Schillinge nicht sorgen. Eben an diesem Abend erzählte man mir noch, dass eine betagte Frau sich selber erhängt habe, weil ihr eine junge Buche, dem sie einen verliebten Antrag getan, abschlägige Antwort erteilt habe. Bei dieser verkehrten Ordnung sind auch verkehrte Gesetze nötig. Es wird daher vermöge des Gesetzes, das von den Vormundschaften handelt, niemand die Verwaltung einiger Güter anvertraut, der nicht unter 40 Jahre ist. Ferner werden die Verträge für ungültig erklärt, die von Personen geschlossen werden, die das 40. Jahr schon zurückgelegt haben. Es müssten denn ihre Vormünder oder ihre eigenen Kinder solche genehm gehalten und besiegelt haben. Im Gleichen, in dem Titel von der Subordination, stehen folgende Worte: Die alten Männer und Frauen sollen ihren Kindern gehorsam sein. Wenn daher einer in einem öffentlichen Amt steht, wird er kurz vor seinem 40. Lebensjahr daraus entlassen und unter die Vormundschaft seiner jüngeren und nächsten Verwandten getan. Bei so gestalten Sachen hielt ich es nicht für ratsam, mich lange in diesem Eiland aufzuhalten, denn wenn ich noch 10 Jahre hier hätte leben sollen, würde ich vermöge der Gesetze gezwungen worden sein, wieder zum Kind zu werden. In der Landschaft Cocklecu herrschte nicht weniger eine verkehrte Gewohnheit, die von den Europäern aufs Allerhöchste missbilligt werden würde. Diese verkehrte Gewohnheit hatte nicht in der Natur, sondern bloß in Gesetzen ihren Ursprung. Die Einwohner dieses Landes beiderlei Geschlechts sind durchgängig Wacholderbäume. Allein nur die Männer müssen die Arbeit in der Küche und andere auch die verächtlichsten Verrichtungen auf sich nehmen. Zu Kriegszeiten nehmen sie zwar Dienste an, steigen aber selten über die Charge eines gemeinen Soldaten, indem es sehr wenigen glückt, dass sie etwa eine Fähnrichsstelle erlangen, was auch die höchste Militärcharge ist, die ein männlicher Wacholderbaum erlangen kann. Den Frauen hingegen werden die wichtigsten weltlichen, geistlichen und kriegerischen Ämter anvertraut. Vor kurzem hatte ich mich über die Potuaner mokiert, dass sie bei der Vergabe der öffentlichen Ämter keinen Unterschied des Geschlechts beobachten: Dieses Volk schien mir vollends gar rasend zu sein und gegen alle Vernunft zu handeln. Überhaupt aber konnte ich mir gar keinen Begriff von der Unempfindlichkeit dieser Männer machen, dass sie sich so ein unanständiges Joch aufbürden lassen und diese Schande so viele Jahrhunderte durch ertragen haben, da sie doch an Leibeskräften die Frauen weit übertreffen. Denn es wäre ihnen gar leicht, dieses Joch wieder abzuschütteln, wenn sie nur wollten oder sich unterstünden, dieser weiblichen Tyrannei den Garaus zu machen. Aber die eingewurzelte Gewohnheit hat sie alle dermaßen verblendet, dass es keinem in den Sinn kommt, etwas zu unternehmen, sich von dieser Schande loszureißen, ja sie glauben vielmehr, die Ordnung der Natur bringe es also mit sich, dass die Frauen die Regierung führen, die Männer hingegen weben, stricken, malen, backen, die Stuben auskehren und Schläge leiden sollen. Die Beweggründe, so die Frauen sich bei ihren Posten zu erhalten anführen, sind diese: Da die Natur dem männlichen Geschlecht mehr Leibeskräfte und stärkere Gliedmaßen verliehen habe, sodass sie allerhand starke Arbeit viel gemächlicher als die Frauen verrichten könnten, so wäre es gar leicht abzuleiten, dass auch das männliche Geschlecht allein zu den unanständigen und schweren Verrichtungen bestimmt sei. Die Fremden und Ausländer erstaunten immer, wenn sie hier zu Lande in ein Haus kamen und sahen die Frau im Kabinett oder in der Schreibstube sitzen und die Feder führen, den Mann hingegen in der Küche antrafen, wo er sich allerhand zu schaffen machte und Töpfe und Schüsseln aufwusch. Ja, sooft ich selber in ein Haus kam, es mochte auch sein, wo es wollte, und mit dem Hausvater zu sprechen verlangte, wurde ich nach der Küche gewiesen, wo er entweder das Silbergeschirr abputzte oder sonst eine dergleichen unanständige Arbeit verrichtete. Die Frauen hingegen gingen herum und befahlen wie sie es gehalten haben wollten und drohten wohl gar denjenigen, die ihren Befehlen nicht nachkommen wollten, mit Schlägen. Die traurigen Wirkungen von dieser verkehrten Gewohnheit konnte ich leicht wahrnehmen. Denn so wie es an anderen Orten freche und unzüchtige Weibsbilder gibt, die sich um ein schlechtes Geld einem jeden überlassen und alle Scham beiseite setzen, so trifft man im Gegenteil hier Jünglinge und Männer an, die sich auf gewisse Nächte verdingen, ja sie mieten zu dem Zweck ganz besondere Hurenhäuser, die an den Türen durch gewisse Zeichen, an denen man sie erkennen kann, von anderen unterschieden werden. Treiben sie es aber zu arg und wuchern gar zu öffentlich mit ihrem Leib, so werden sie eingesteckt und ihnen später vor allem Volk, eben wie bei uns, öffentlich der Kitzel mit Ruten vertrieben. Die Frauen und Jungfern hingegen laufen hier, ohne dass sich jemand darüber aufhält, auf den Gassen umher, sehen den Mannspersonen munter ins Gesicht, nicken mit dem Kopf, liebäugeln mit ihnen, necken sich mit ihnen, rufen sie, sind ihnen beschwerlich und machen sich nichts daraus, wenn sie hie und da blind kommen oder für unzüchtig gehalten werden, sondern sie rühmen sich noch wohl ungescheut und ungeahndet ihrer Liebesbegebenheiten und tun sich was Rechtes darauf zugute, als wenn sie ebenso viel Siegeszeichen erlangt hätten, eben wie bei uns freche Jünglinge sich viel damit wissen, wenn sie hie und da eine Jungfer oder wohl gar eine verheiratete Weibsperson missbraucht haen und das mit großsprecherischen Worten erzählen. Es wird hier ferner den Frauen und Jungfern nicht für übel gehalten, wenn sie wie die Junggesellen Präsente machen und Buhlenlieder auf sie verfertigen. Die Junggesellen hingegen stellen sich ganz kaltsinnig und ehrbar, weil es gegen den Anstand läuft, wenn sich eine junge Mannsperson gleich auf den ersten Antrag einer Jungfer ergibt. Es gab damals gleich einen heftigen Streit wegen eines jungen Ratsherrnsohns, den eine Jungfer zur Unzucht verleitet hatte. Man war deswegen sehr übel auf sie zu sprechen, ja ich hörte, dass die Verwandten dieses Jünglings sich heimlich miteinander beredeten. Sie wollten gedachte Weibsperson demnächst verklagen, und es würde in der künftigen ersten Sitzung des Gerichts das Urteil dahin ausfallen, dass sie den Jüngling heiraten und ihn wieder zu Ehren bringen solle, zumal da man unwidersprechlich dartun könne, dass er noch ein unbefleckter Jüngling gewesen, eh ihn dieses Weibsbild zu unzüchtiger Liebe verleitet. Solange ich mich unter diesen Wacholderbäumen aufhielt, unterstand ich mich nicht, diese verkehrte Gewohnheit öffentlich zu missbilligen. Als ich aber die Hauptstadt dieses Landes verlassen, eröffnete ich einigen meine Gedanken, dass man nämlich hier zu Lande ganz und gar wider die Natur handle, da nach den allgemeinen Rechten und aus dem Beifall aller anderen Völker erhelle, dass das männliche Geschlecht zu schweren und wichtigen Geschäften geboren sei. Allein sie antworteten mir, ich verwechsele Gewohnheit und Gesetze der Natur, weil die Schwachheiten, die wir im weiblichen Geschlecht wahrnehmen, bloß von der Erziehung herrührten, was man deutlich und vornehmlich an der Einrichtung der Regierungsform und Beschaffenheit dieser Republik sehen könne, allwo die Frauen eben die Tugenden und die herrlichen Gemütsgaben von sich blicken ließen, die anderwärts sich die Männer einzig und allein zuschrieben. Denn die cocklecuanischen Frauen sind sittsam, ernsthaft, klug, beständig und verschwiegen, die Männer hingegen sind leichtsinnig, frühklug und können nicht leicht etwas verschweigen. Wenn daher etwas Abgeschmacktes erzählt wird, so sagen sie hier im Sprichwort: Es sind Männermärchen; ist aber etwas aus Übereilung versehen worden oder unbedachtsam unternommen, so heißt es, man muss der männlichen Schwachheit etwas zugute halten. Allein diese Beweggründe waren für mich nicht hinreichend genug, sondern ich bleibe dabei, dass dieser Zustand verkehrt, hässlich und der Natur ganz zuwider ist. Der Unwillen, den ich in meinem Gemüt wegen dieses Hochmuts der Frauen gefasst, war nach diesem, als ich wieder nach Hause gekommen, an meinem unglücklichen Unternehmen schuld, das mir so viel Verdruss verursachte, wie ich an einem anderen Ort berichten werde. Unter allen prächtigen Gebäuden dieser Stadt verdient besonders der königliche Palast den Vorzug, in dem 300 der schönsten Mannsbilder, sowohl Männer als Jünglinge, untergebracht sind. Diese alle werden auf Kosten der Königin unterhalten und dienen zu ihrem Vergnügen. Als ich hörte, dass meine Leibesgestalt von einigen gerühmt wurde, befürchtete ich, man möchte mich auch in diesen Palast bringen, so beschleunigte ich meine Reise und die Furcht machte meinen Füßen sozusagen Flügel. Das nächste nach diesem Fürstentum ist das Land der Weltweisen, das von seinen Einwohnern den Namen hat, die der Weltweisheit und den höheren Wissenschaften ganz und gar ergeben sind. Ich prangte daher recht vor Begierde, dieses Land je eher je lieber zu sehen, weil ich mir einbildete, hier würde ich den Mittelpunkt der Wissenschaften und den wahren Sitz der Musen antreffen. Ich stellte mir vor, hier würde ich nicht Äcker und Wiesen wie anderwärts sondern den allerschönsten Blumengarten finden. In diesen Gedanken eilte ich, was ich konnte und zählte Stunden und Augenblicke an den Fingern ab, bis ich dahin käme. Die Straßen, die ich passieren musste, lagen voller Steine und waren wegen vieler Gräben und Höhlen dermaßen beschwerlich, dass ich bald über eingefallene Stückchen Erde marschieren, bald durch Schlammlöcher, und zwar öfters bis an den Nabel durchwaten und meine verwundeten und besudelten Füße nachschleppen musste, weil ich nirgends eine Brücke vor mir sah. Ich ertrug alles mit Geduld, weil ich wohl wusste, wenn man Rosen pflücken will, muss man sich durch Dornen stechen lassen. Nachdem ich nun eine gute Stunde lang in dieser Beschwerlichkeit zugebracht, begegnete mir ein Bauer, den ich ganz freundlich anredete und ihn fragte, wie weit ich noch bis nach Maskattia oder in das Land der Philosophen hätte. Er gab mir aber zur Antwort: Ich solle vielmehr fragen wie weit ich noch zu reisen hätte, bis ich wieder hinauskäme; denn ich befände mich schon mitten darin. Über diese Antwort erschrak ich und sagte: »Ja wie kommt es denn, dass dieses Land von großen Philosophen bewohnt wird, dass es mehr einem schrecklichen Aufenthalt wilder Tiere als einem angebauten Land ähnlich sieht?« Hierauf erwiderte er: Das Land würde in kurzem ein besseres Ansehen bekommen, sobald nur seine Einwohner ein wenig Zeit gewinnen würden, an solche Kleinigkeiten zu denken: »Denn jetzt sind alle mit himmlischen Dingen beschäftigt, sie denken nur daran, wie sie einen Weg zur Sonne finden wollen. Man muss sie daher entschuldigt halten, wenn sie das Feld einige Zeit unbebaut liegen lassen, denn es geht nicht leicht an, dass man bläst und auch zugleich hinunterschluckt.« Hieraus merkte ich nun gar bald, wo der listige Bauersmann mit seinem Diskurs hinzielte; ich setzte aber meine Reise fort und kam endlich vor die Hauptstadt Caskam. Unter den Stadttoren sah ich anstatt der Wächter nichts als Gänse, Hühner, Vogelnester und Spinnweben. Auf den Gassen der Stadt liefen hin und wieder Schweine und Philosophen herum und Letztere waren nur durch die Leibesgestalt von den Ersteren unterschieden, an Unflat und Unsauberkeit aber waren sie einander vollkommen gleich. Die Philosophen trugen alle Mäntel von derselben Art, was sie aber für Farbe hatten, konnte ich vor Staub und Unflat nicht erkennen. Unter anderem redete ich einen, der in tiefen Gedanken ging und geradewegs auf mich zukam, folgendermaßen an: »Mein lieber Herr Magister, sagen Sie mir doch, wie diese Stadt genannt wird.« Er aber blieb eine lange Weile ganz unbeweglich stehen, zwinkerte nicht einmal mit den Augen und schien als wenn seine fünf Sinne nicht zu Hause wären, endlich aber erhob er die Augen gen Himmel und antwortete mir: »Es wird bald Mittag sein.« Diese abgeschmackte Antwort, die von einer großen Verwirrung des Gemüts zeugte, lehrte mich so viel, es sei besser wenig zu studieren, als vor allzu großer Gelehrsamkeit närrisch zu werden. Ich ging daher ohne Verweilen weiter in die Stadt hinein um zu sehen, ob ich außer den Philosophen vielleicht auch Menschen oder andere vernünftige Kreaturen antreffen könnte. Auf dem Markt der Stadt, der ziemlich groß war, standen verschiedene Statuen und Säulen, die alle mit besonderen Aufschriften geziert sind. Ich ging zu ihnen hin und wollte versuchen, ob ich etwa so eine Aufschrift lesen könnte. Wie ich aber damit beschäftigt war, wurde ich gewarnt, dass mein Rücken warm und dabei zugleich nass wurde. Als ich mich daher umwandte und die Quelle dieses warmen Flusses entdecken wollte, sah ich einen Philosophen stehen, der mich von hinten anpisste. Dieser hatte sich dermaßen in seine Gedanken vertieft, dass er mich für diejenige Statue gehalten, bei der er sonst seine Blase zu erleichtern gewohnt gewesen. Diese Schmach konnt’ ich unmöglich ertragen, zumal da gedachter Philosoph noch dazu die Zähne auf mich bleckte und recht herzlich lachte, sondern ich gab ihm eine dichte, derbe Maulschelle. Hierüber wurde er ganz rasend, fiel mir in die Haare und schleppte mich bei ihnen über den ganzen Markt, obgleich ich erbärmlich schrie. Als ich aber sah, dass er in seiner Rachbegierde nicht gesättigt werden konnte, so setzte ich mich zur Wehr und vergalt ihm Gleiches mit Gleichem dermaßen, dass wir einander nichts schuldig blieben, sondern einer beinah so viel bekam wie der andere. Nachdem wir uns lange genug herumgebalgt, fielen wir beiden Kämpfer endlich miteinander zu Boden. Hierüber kamen unzählig viele Philosophen angelaufen und fielen wie rasend über mich her, schlugen mit Fäusten und Prügeln auf mich ein und schleppten mich halb tot bei den Haaren auf dem Markt herum. Endlich, da sie zwar gern noch weiter zugeschlagen hätten, vor Müdigkeit aber nicht mehr konnten, führten sie mich zu einem großen Haus, und als ich mich mit den Füßen anstemmte und durchaus nicht hinein wollte, ergriffen sie mich beim Hals und rissen mich wie ein grunzendes Schwein mit Gewalt hinein und legten mich in dem anderen Stockwerk mit dem Rücken auf den Boden nieder. Hier lag alles verwirrt und unordentlich durcheinander, und es sah in diesem Haus nicht anders aus, als wie bei uns etwa gegen Ostern oder Michaelis, wenn Leute ausziehen wollen und ihren Hausrat und die Möbeln unordentlich untereinander hinzuwerfen gewohnt sind. Ich fing schließlich an, diese Weltweisen fußfällig zu bitten, sie möchten sich doch in ihrem Zorn mäßigen und zur Barmherzigkeit bewegen lassen, indem ich ihnen vorstellte, dass es einem Weltweisen oder Philosophen höchst unanständig sei, wenn er wie eine wilde Bestie rase und von Affekten, die er doch anderen zu unterdrücken anriete, sich selber so gar sehr einnehmen ließe. Allein ich predigte tauben Ohren, denn derjenige Philosoph, der mir meinen Rücken eingeweicht hatte, fing den Streit wieder von neuem an und schlug auf mich Elenden gleichsam wie auf einen Amboss dermaßen wieder los, dass es schien, als wenn er nicht anders als durch meinen Tod versöhnt werden könnte. Damals empfand ich, dass kein Zorn heftiger sei, als der philosophische und dass diejenigen, so den anderen die Tugenden am meisten anpreisen, sie für ihre Person am wenigsten ausübten. Endlich kamen vier andere Philosophen in das Haus, an deren Mänteln ich sehen konnte, dass sie von einer anderen Sekte waren. Sie taten mit Hand und Mund den Drohungen der Rasenden Einhalt und schienen Mitleid mit meinem Unglück zu haben, ja, nachdem sie sich mit den anderen besprochen hatten, brachten sie mich in ein anderes Haus. Wer war froher als ich, als ich sah, dass ich aus den Händen dieser Mörder gerissen wurde und nun unter ehrliche Leute geraten war, denen ich alles ausführlich erzählte, da sie mich nach der Ursache dieses Lärmens befragten. Über so eine lächerliche Begebenheit mussten sie lachen und sagten, wenn die Philosophen auf dem Markt herumspazierten, so sei es etwas ganz Gewöhnliches, dass sie an eine Statue hinträten und ihre Blase erleichterten und es sei wahrscheinlich, dass mein Widersacher, da er sich in seine philosophischen Betrachtungen vertieft habe, mich für eine Statue gehalten. Sie berichteten mir ferner, dass er ein berühmter Astronom sei, die anderen aber, die so unbarmherzig auf mich losgeschlagen hätten, seien lauter Moralisten. Jetzt, dachte ich, wäre ich in einem sicheren Hafen und hätte nichts Böses mehr zu befürchten. Daher hörte ich ihnen mit großem Vergnügen zu, wie sie mir dies und noch andere Dinge erzählten. Aber als sie meine Leibesgestalt so gar genau und vorwitzig untersuchten, begann ich wieder einigen Argwohn zu schöpfen, der sich vermehrte, da sie sehr sorgfältig nach meiner Lebensart, der Ursache meiner Reise, nach meinem Vaterland und dergleichen fragten, auch ihre Fragen öfter wiederholten. Ingleichen wollte mir das Gemurmel, so sie untereinander anfingen, nichts Gutes prophezeien und als ich vollends ungefähr in eine anatomische Kammer geriet, wo schrecklich viel Beine und tote Körper lagen, die einen abscheulichen Geruch verursachten, kam ich vor Furcht vollends ganz und gar aus mir selber. Anfangs glaubte ich fest, ich sei in eine Mördergrube geraten, doch legte sich meine Furcht wieder etwas, als ich an den Wänden verschiedene anatomische Instrumente hängen sah, weil ich daraus schloss, dass mein Wirt entweder ein Arzt oder ein Chirurg sein müsse. Nachdem ich eine halbe Stunde in diesem Zuchthaus allein zugebracht und vor Furcht fast erstarrt war, trat die Frau des Hauses mit einer Mittagsmahlzeit zu mir hinein, die sie für mich zugerichtet hatte. Sie kam mir sehr leutselig vor, als sie mich aber aufmerksam ansah, holte sie einen tiefen Seufzer nach dem andern. Als ich fragte, warum sie so seufze, gab sie mir zur Antwort, mein bevorstehendes Unglück presse sie ihr aus, und sie sagte ferner: »Du bist zwar in ein ehrliches und vornehmes Haus gekommen, denn mein Mann, der Herr über diese Insel ist, ist zugleich Stadtphysikus und Doktor der Arzneikunst, und die Übrigen, die du gesehen hast, sind seine Kollegen. Aber eben diese sind es, die sich über deine ganz besondere Leibesgestalt höchlich gewundert und beschlossen haben, die innerliche Beschaffenheit deines Leibs und deine Eingeweide genauer zu untersuchen. Sie wollen dich daher anatomieren und sehen, ob sie was Neues entdecken könnten, wodurch die Anatomie erläutert werden kann.« Diese Worte schlugen mein erschrockenes Gemüt vollends zu Boden. Ich fing daher erbärmlich an zu schreien und sagte: »Ach meine liebste Frau, wie können diese ehrliche Leute heißen, die kein Bedenken tragen, einem ehrlichen und unschuldigen Menschen seinen Leib aufzuschneiden.« Sie gab aber zur Antwort: »Trage an der Ehrlichkeit dieser Männer, unter denen du dich befindest, keinen Zweifel. Du bist in der Tat bei ehrlichen und netten Leuten, die nichts aus bösem Vorsatz unternehmen, sondern sie haben bloß diese Operation untereinander beschlossen, um das Studium Anatomicum in ein besseres Licht zu setzen.« Ich aber erwiderte: »Ich wollte lieber von Mördern freigelassen, als von ehrlichen Leuten zergliedert werden«, fiel hierauf der Frau zu Füßen und bat mit den bittersten Tränen, sie möchte doch eine Fürbitte für mich einlegen. Sie gab mir aber zur Antwort: »Meine Fürbitte wird dir wenig helfen, da es die Fakultät einmal beschlossen, denn ihr Schluss pflegt unabänderlich zu sein, doch will ich mich bemühen, dich durch einen anderen Weg vom Tod zu erretten.« Bei diesen Worten nahm sie mich bei der Hand und führte mich durch eine heimliche Tür aus dem Haus, begleitete mich auch, der ich vor Furcht zitterte, bis an das Stadttor. Hier wollte ich nun von meiner Erhalterin Abschied nehmen und stattete ihr mit den verbindlichsten Worten wie billig meinen Dank ab. Sie fiel mir aber in die Rede und sagte, sie würde mich nicht eher verlassen, bis sie sähe, dass ich außer aller Gefahr sei, und begleitete mich gegen meinen Willen noch weiter. Unterwegs fielen unterschiedliche Reden von der Beschaffenheit dieses Landes vor, und ich hörte aufmerksam zu. Endlich aber fiel sie auf eine Erzählung, die mir nicht allzu angenehm war, weil ich aus ihrem Reden schloss, dass sie zur Belohnung für ihren mir erwiesenen Dienst etwas von mir verlange, was mir nach der Sittenlehre unmöglich war. Sie erzählte mir mit herzzerbrechenden Worten, wie schlimm die Frauen in diesem Land dran seien, dass nämlich die philosophischen Schulmeister, weil sie alle ihre Gedanken nur auf das Studieren richteten, die eheliche Pflicht bei ihnen ganz und gar hintan setzten. »Ich kann es mit einem Eid bestätigen«, fuhr sie fort, »es wäre ganz und gar um uns Frauen geschehen, wenn sich nicht etwa zuweilen ein ehrbarer und barmherziger Fremdling unser Elend ließe zu Herzen gehen und dem Übel, womit wir geplagt werden, abzuhelfen suchte.« Ich stellte mich bei diesem Diskurs, als ob ich nicht verstünde, wo sie hinzielte und verdoppelte meine Schritte. Allein meine Kaltsinnigkeit vermehrte ihre Brunst nur immer mehr, und als sie sah, dass all ihr Bitten nichts helfen wollte, wurde sie endlich böse, streckte ihre Hände aus, fiel mir ganz rasend in die Haare und warf mir mein undankbares Gemüt vor. Als ich aber demungeachtet meine Reise immer fortsetzte, kriegte sie mich beim Rock zu halten und wollte mich durchaus nicht fortgehen lassen. Ich wandte hingegen alle Macht an und riss mich aus den Händen dieser Frau los, kam ihr auch in kurzem aus dem Gesicht, weil ich hurtiger auf meinen Beinen war als sie. Wie ergrimmt sie damals auf mich muss gewesen sein, kann ich leicht aus den Worten Rakispalaki oder »Du undankbarer Hund« schließen, die sie mir ein über das andere Mal nachschickte. Allein ich verdaute die Schmachreden ganz großmütig und war nur froh, dass ich aus dem Land der Weltweisen, an das ich ohne Entsetzen niemals zurückdenken kann, nur gerade mit einigermaßen glatter Haut entkommen war. Zunächst diesem Land liegt die Provinz Nakir, in der die Hauptstadt den gleichen Namen führt. Diese Hauptstadt ist eigentlich nur ein großes Dorf, und ich kann nicht viel davon sagen, weil ich die Provinzen, die an das Land der Philosophen grenzten mit größter Eilfertigkeit durchreiste und vielmehr zu solchen Völkern eilte, die sich aus der Weltweisheit und besonders der Zergliederungskunst nicht viel machten. Denn es hatte mich die Furcht dermaßen eingenommen, dass ich einen jeden, der mir begegnete, fragte, ob er ein Philosoph sei. Die Körper aber und die anatomischen Instrumente kamen mir lange Zeit im Schlaf vor. Die Einwohner in Nakir schienen mir sehr gesprächig zu sein, denn wer mir auch nur begegnete bot mir seine Dienste an und beteuerte auf das Weitläufigste, dass er ein ehrlicher Mann sei. Dieses Rühmen kam mir sehr lächerlich vor, weil ich mich gegen niemanden so aufgeführt hatte, als ob ich an seiner Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit einigen Zweifel trüge. Ich entdeckte daher einigen, ich könne gar nicht begreifen, warum man so viel Versicherungen und Beteuerungen von seiner Ehrlichkeit mache. Als ich aus dieser Stadt wieder hinauskam, begegnete mir ein Wandersmann, der sehr langsam reiste und unter der Last seiner Bürde seufzte. Als er meiner ansichtig wurde, blieb er stehen und fragte, wo ich herkäme. Ich erzählte ihm daher, dass ich nur durch Nakir gereist sei, wozu er mir gratulierte, dass ich nämlich glücklich durchgekommen, weil die Einwohner dort alle die listigsten Betrüger seien und die Wandersleute nicht leicht ungerupft von sich ließen. Ich antwortete ihm dagegen, wenn aber ihre Taten mit ihren Worten übereinstimmen, so müssten dies die ehrlichsten Leute von der Welt sein, denn ein jeder verwünschte und verschwöre sich ja, ohne dass es jemand verlangt habe, dass er ehrlich und aufrichtig sei. Hierüber lachte der Wandersmann und sagte: »Hüte dich, dass du denjenigen Leuten nicht zu viel glaubst, die ihre eigene Ehrlichkeit sogar mehr herausstreichen, insbesondere aber nimm dich vor denen in Acht, die bei dem Teufel beschwören, dass sie es ehrlich und aufrichtig meinen.« Diese Ermahnung habe ich lange Zeit treulich beobachtet und habe befunden, dass dieser unterirdische Mann vollkommen recht gehabt. Sooft meine Schuldner beschworen, dass sie ehrlich bezahlen wollten, habe ich den Kontrakt mit ihnen aufgehoben und mein Geliehenes zurückgefordert. Als ich jenes Land zurückgelegt hatte, erblickte ich einen See, dessen Wasser ganz rot war. An dessen Ufer befand sich eine Mietgaleere, auf der sich die Wandersleute um ein weniges in das Land der Vernünftigen übersetzen lassen. Als ich mit dem Schiffer einig geworden, stieg ich in das Schiff und ließ mich mit dem größten Vergnügen hinüberfahren: Denn die unterirdischen Schiffe werden ohne Beihilfe der Ruder durch gewisse künstliche und verborgene Maschinen getrieben und sie durchschneiden die Wasser mit unglaublicher Geschwindigkeit. Als ich ans Land kam, sah ich mich nach einem Wegweiser um, den ich auch gar bald fand und nach seiner Anführung eilte ich nach der Stadt der Vernünftigen weiter. Unterwegs beschrieb mir mein Gefährte den Zustand dieser Stadt und die Gemütsart der Einwohner. Ich hörte von ihm, dass die Einwohner alle Logiker oder solche Leute seien, die sich auf die Vernunftlehre legten, und diese Stadt sei der wahrhafte Sitz der Vernunft, deshalb habe sie auch diesen Namen erhalten. Als ich meinen Fuß in die Stadt setzte, wurde ich alsbald gewahr, dass es sich in der Tat so befände, wie mir erzählt worden war, denn ein jeder Bürger schien mir wegen der Schärfe seines Verstands, Ernsthaftigkeit und anständigen Sitten eher ein Ratsherr als ein Bürger zu sein. Ich hob daher meine Hände gen Himmel und sagte: »Oh glücklich und aberglücklich ist dieses Land, das lauter Catones hervorbringt.« Doch da ich die wahre Beschaffenheit dieser Stadt etwas genauer kennen lernte, merkte ich wohl, dass hier das eine und andere verabsäumt und nachlässig behandelt werde und dass das Gemeinwesen einigermaßen wankte, weil hier gar keine Narren anzutreffen waren. Denn da die Einwohner hier alle nach den Regeln der gesunden Vernunft überlegen und niemand weder durch scheinbare Verheißung noch durch gekünstelte Reden noch auch durch anderes Spielwerk bewegt werden kann, so fehlen auch hier die Mittel, durch welche die Gemüter der Untertanen zu vortrefflichen und dem Gemeinwesen höchst nützlichen Unternehmungen angefrischt werden könnten, ohne dass das Gemeinwesen etwas aus seiner Kasse dazu hergeben müsste. Die Mängel dieser Stadt, die aus der gar zu akkuraten Überlegung aller Dinge entstehen, erzählte mir ein gewisser Bedienter des Schatzmeisters mit recht herzzerbrechenden Worten folgendermaßen: »Es ist hier ein Baum vom andern bloß durch den Namen und die Leibesgestalt unterschieden, es sucht sich hier kein Bürger vor dem anderen hervorzutun, weil man hier keinen für höher hält als den anderen, und niemand scheint hier weise zu sein, weil sie alle weise sind. Ich gestehe es, die Torheit ist ein Laster, aber es ist nicht zu wünschen, dass sie ganz und gar aus einem Staat verbannt werde. Es ist für eine Stadt genug, wenn nur so viel weise Leute darin anzutreffen sind, wie es öffentliche Ämter gibt. Es muss Leute geben, die regieren und auch Leute, die regiert werden. Was die Regenten in anderen Gesellschaften sozusagen mit bloßen Narrenpossen und Spielwerken ausrichten können, das kann unsere Obrigkeit nicht anders als durch große Belohnungen ausrichten, die den Schatz öfters erschöpfen. Denn ein Weiser fordert für seine Dienste, die er dem Vaterland erwiesen, den Kern, da sich Narren mit den Schalen abspeisen lassen. Zum Beispiel die Vergabe der Ehrenämter und die Verleihung von Ehrentiteln, wodurch törichte Leute gleichsam wie mit einem Amen gefangen und zu den beschwerlichsten Verrichtungen angefrischt werden, hat bei unseren Bürgern wenig Eindruck, weil sie meinen, dass durch die bloße Tugend und den innerlichen Wert die wahre Hochachtung und eine beständige Ehre erworben werden müsse, daher lassen sie sich durch prächtige Verheißungen niemals verblenden. Es werden ferner Eure Soldaten aller Gefahr für ihr Vaterland sich zu unterwerfen aufgemuntert, weil sie versichert sind, dass ihrer auch nach dem Tod in den Geschichtsbüchern gedacht und ihre Namen in beständigem Andenken erhalten werden. Unsere Soldaten hingegen halten dies für ein bloßes Gespött der Ohren und verstehen die Redensarten »in der Tat leben« oder »in den Geschichtsbüchern leben« keineswegs, denn sie meinen, dies sei eine große Eitelkeit, wenn man diejenigen lobte, die es nicht hören. Von anderen unzähligen Beschwerlichkeiten ganz zu schweigen, die aus der gar zu genauen Überlegung aller Dinge entstehen und die sattsam zeigen, dass es nötig ist, dass in jeder wohlbestellten Republik wenigstens der halbe Teil Narren sein sollte. Denn in einer Gesellschaft hat die Torheit eben die Wirkung, wie die Fermentation oder die Säure im Magen, denn wenn sich zu viel Säure darin befindet, so sind wir krank und wenn gar keine darin anzutreffen, sind wir nicht gesund.« Ich hörte ihm mit wachsendem Staunen zu. Als er mir aber im Namen des Rats die Bürgerrechte anbot und mir durch oftmals wiederholtes Bitten anlag, ich solle mich doch hier häuslich niederlassen, so wurde ich schamrot darüber und argwöhnte, die Bitte rührte von einer vorgefassten Meinung meiner Torheit her und dass ich gleichsam die Säure im politischen Magen dieser Stadt vorstellen solle, der sich aus Mangel daran und vor allzu großer Weisheit ganz schwach befände. Ich wurde auch in diesem Argwohn noch mehr bestärkt, als ich hörte, dass die Obrigkeit beschlossen hatte, sie wolle eine große Menge Bürger als Pflanzvölker in gewisse Pflanzorte schicken und die Stellen wieder mit so vielen törichten Einwohnern von den benachbarten Völkern ersetzen. Ich wanderte daher voller Unwillen aus dieser Stadt wieder fort. Doch konnte ich diesen unterirdischen Lehrsatz, der unseren Politikern bis dato ganz unbekannt geblieben, lange Zeit nicht aus den Gedanken bringen, es sei nämlich für eine wohleingerichtete Republik sehr dienlich, wenn der halbe Teil davon aus Narren und törichten Leuten bestünde. Ich wunderte mich, dass ein so nützlicher Lehrsatz den Philosophen unserer Erde so lange verborgen bleiben konnte. Vielleicht aber wissen es einige und wollen es nur nicht öffentlich unter die politischen Lehrsätze setzen, weil ohnedem alles bei uns voller Narren ist und, ohne jemandem nahe zu treten, kein Dorf, viel weniger eine Stadt anzutreffen, die an diesem heilsamen Ferment einen Mangel hätte. Nachdem ich einige Zeit ausgeruht hatte, begab ich mich wieder auf den Weg und durchwanderte verschiedene Landschaften, die ich aber hier mit Schweigen übergehe, weil ich darin wenig Ungewöhnliches angetroffen. Ich glaubte daher, es sei hier das Ende der wunderbaren Dinge anzutreffen, die der Planet Nazar hervorbrächte. Als ich aber in das Land Cabac kam, boten sich meinem Auge aufs Neue recht erstaunliche Dinge dar, ja, solche Dinge, die fast allen Glauben zu übertreffen scheinen. In diesem Land gibt es Einwohner, die ohne Köpfe geboren werden. Sie haben das Maul auf der Brust und reden ganz vernehmlich dadurch. Dieser Ursache oder dieses Fehlers der Natur wegen sind sie von wichtigen Geschäften, die Gehirn erfordern, ausgeschlossen, weil solchen ohnköpfigen Personen wichtige Dinge nicht anvertraut werden können. Die Ämter, wozu sie etwa noch zugelassen werden, sind meist Bedienungen bei Hof. Man nimmt zum Beispiel aus ihrer Mitte die Kammerjunker, Hofmarschälle, die, die über das Frauenzimmer gesetzt sind, aber auch Türhüter und Aufwärter. Aus ihnen nimmt man auch die Pedelle, Küster und andere Bedienten, die ihre Ämter einigermaßen ohne Gehirn verwalten können. Es werden auch einige von ihnen, auf besondere Erlaubnis der Obrigkeit, wegen der Verdienste ihrer Vorfahren in den Rat genommen, was zuweilen ohne Schaden des Gemeinwesens geschehen kann. Denn die Erfahrung hat bewiesen, dass das Ansehen des Rats nur auf ganz wenigen Personen beruht und dass die anderen nur die Stellen ausfüllen oder dasjenige, was die Ersteren beschlossen haben, nur besiegeln und zugleich mit unterschreiben müssen. Zu der Zeit gab es zwei Assessoren im Rat, die ohne Köpfe geboren waren und ebenso viele Einkünfte wie andere Ratsherren zu genießen hatten. Denn ob sie schon wegen dieses natürlichen Mangels nicht so viel Verstand wie die übrigen besaßen, so gaben sie doch ihr Wort dazu und stimmten jedenfalls wie die anderen. Ja, sie waren noch besser dran als ihre Kollegen, denn wenngleich jemand eine Sache vor Gericht verlor, wurde er doch deswegen auf die ohnköpfigen Ratsherrn nicht böse, sondern schüttete all seinen Unwillen nur gegen die anderen aus. Hierdurch erhellt zugleich, dass es zuweilen ganz zuträglich ist, ohne Kopf geboren zu werden. Diese Stadt gab anderen Städten des Planeten an Pracht und Zierlichkeiten wenig nach. Sie hat eine fürstliche Residenz, eine Universität und prächtige Tempel. In den beiden nächsten Provinzen, die ich durchreiste, nämlich in Cambara und Spelek, sind die Einwohner durchgängig Lindenbäume. Doch sind sie hierin von anderen unterschieden, dass sie in Cambara nicht über 4 Jahre leben, in Spelek aber dehnen sie ihr Alter alle über 400 Jahre hinaus. Man trifft also hier Großväter, Großgroßväter, Älterväter und Urälterväter an, und wenn man die Alten ihre Geschichten erzählen hört, sollte man meinen, man sei vor etlichen hundert Jahren schon geboren worden. So viel ich Mitleid mit den Ersteren hatte, so glücklich pries ich hingegen die Letzteren. Nachdem ich aber die Umstände beiderlei Volks reichlich erwogen, fand ich mich in meinem Urteil betrogen. In der Provinz Cambara gelangt ein jeder Einwohner in wenigen Monaten nach seiner Geburt zu seinem vollkommenen Verstand und Leibesgröße, sodass er in einem Jahr ein vollkommener Mann wird, die übrigen Jahre schienen ihnen nur deswegen gegeben zu sein, dass sie sich darin auf den Tod vorbereiten sollten. Bei dieser Lage der Dinge kam mir dieses Land in der Tat wie eine platonische Republik vor, in der alle Tugenden zur vollkommenen Reife gelangt waren. Denn da sie in Betrachtung ihrer kurzen Lebenszeit gleichsam alle Zeit auf dem Sprung stehen und diese Zeitlichkeit nur als eine Pforte ansehen, durch die sie in das andere Leben hindurchgehen müssen, so richten sie die Gedanken mehr auf ihren künftigen als auf ihren gegenwärtigen Zustand. Folglich kann man hier einen jeden als einen wahren Philosophen ansehen, der sich um das Irdische wenig kümmert, sondern nur auf einen dauerhaften und immerwährenden Schatz bedacht ist, der in Tugend, Gottseligkeit und einem ehrlichen Namen besteht. Und dass ich’s kurz mache, dieses Land schien mir eine Wohnung der Engel und Heiligen zu sein, ja ich hielt es für eine Schule, in der die wahre Tugend und Frömmigkeit aufs Vortrefflichste gelehrt wurde. Es erhellt auch hieraus, wie ungerecht das Murren derjenigen ist, die sich über die Kürze des Lebens beschweren, sich deswegen gleichsam mit Gott zanken, denn unser Leben kann zwar kurz genannt werden, weil wir den größten Teil mit Müßiggang und Wollüsten verderben, es würde uns aber solches lange genug vorkommen, wenn wir die Zeit besser anwendeten. In dem anderen Land hingegen, wo die Einwohner über 400 Jahre alt wurden, sah ich alle Laster herrschen, die nur im menschlichen Leben begangen werden. Man sah hier nur auf das Gegenwärtige, als wenn es ewig währte und unvergänglich sei. Hier bemerkte man weder Scham noch Scheu, Wahrheit, Treue, Glauben und Ehrbarkeit hatte Abschied bekommen und an deren Stelle herrschte Betrug und hinterlistige Nachstellung. Es hatte dieses lange Leben auch sonst noch eine traurige Wirkung, denn diejenigen, die durch einen Unglücksfall um Hab und Gut gekommen oder denen ihre Glieder verstümmelt oder die etwa in eine unheilbare Krankheit verfallen waren, pflegten sich mit zitternder Stimme über die Langwierigkeit ihres Lebens zu beschweren und wohl gar selber den Tod anzutun, weil sie wegen Länge des Lebens kein Ende ihres Unglücks vor sich sahen, denn ein kurzes Leben ist den Betrübten der kräftigste Trost. Beide Länder setzten mich in nicht geringe Verwunderung und ich reiste voller philosophischer Betrachtungen aus den Ländern wieder ab. Ich musste meinen Weg über öde und wüste Orte fortsetzen, die mich nach Spalank, oder in das unschuldige Land führten. Dieses Land hatte seinen Namen von der Unschuld der Einwohner und ihrem friedfertigen Naturell bekommen. Sie waren alle Mispelbäume, und ich hielt sie unter allen Sterblichen für die Glückseligsten, denn sie waren keinen Affekten und Leidenschaften unterworfen, folglich lebten sie auch ohne Laster. Sie hatten keine Gesetze und lebten doch schlecht und recht. Sie hatten sich vor keiner Strafe zu fürchten, niemand drohte dem anderen, kein Untertan durfte sich vor der Obrigkeit scheuen, sondern sie lebten vollkommen sicher. Hier sah man weder Krieg noch Streit, folglich auch keine Soldaten, sondern ein jeder lebte in Ruhe und Frieden. Als ich in dieses Land kam, befand ich alles so, wie man es mir erzählt hatte, dass nämlich ein jeder nach seinem Gutdünken lebte und ohne Zwang der Tugend nachjagte. Neid, unordentliche Begierden, Zorn, Hass, Hoffart, Ehrgeiz, Uneinigkeit und alle Laster, die nur im menschlichen Leben zu finden, waren aus diesem Land verbannt. Es fehlte aber nebst den Lastern auch vieles, was den Sterblichen sonst zu einer großen Zierde dient und die vernünftigen Kreaturen von den unvernünftigen Tieren unterscheidet. Außer der Gottesgelahrtheit, Naturlehre und Sternkunst waren hier weiter keine Künste und Wissenschaften mehr anzutreffen, von der Rechtsgelehrsamkeit, Staatslehre, Historie, Sittenlehre, Mathematik, Beredsamkeit und anderen Wissenschaften wusste man hier nicht einmal die Namen zu nennen, und da gar kein Neid und keine Ehrbegierde bei ihnen anzutreffen war, so suchte auch keiner dem anderen in irgendetwas vorgezogen zu werden. Man traf hier keine Paläste und herrlichen Gebäude an, man sah keine Rathäuser und Gerichtsplätze, es war auch niemand reich, weil keine Obrigkeit, kein Zank und Streit und keine Begierde, vieles an sich zu bringen, hier zu finden war. Und damit ich’s kurz mache, es gab hier zwar keine Laster, es fehlte aber auch an vieler Zierde, an Künsten und an unzähligen anderen Dingen, die man Tugend nennt und die die bürgerliche Gesellschaft beliebt, die Menschen aber höflich und galant macht, so gar, dass es mir vorkam, ich sei vielmehr in einen Mispelgarten, als in eine Gesellschaft vernünftiger Kreaturen gekommen. Ich stand daher auch lange bei mir an, was ich für ein Urteil von diesem Volk fällen sollte und ob wohl für die Menschen ein gleicher Zustand wie dieser zu wünschen wäre. Als ich aber endlich überlegte, es wäre besser, ein schlechtes und unschuldiges als lasterhaftes Leben zu führen, insgleichen dass, wenn man verschiedene Künste nicht verstünde, auch Morden, Rauben und andere dergleichen Laster, durch die oft Leib und Seele verloren gehen, nicht einreißen könnten, so schätzte ich diesen Zustand allerdings für glückselig. Indem ich nun durch dieses Land meine Reise ganz unbedachtsam fortsetzte, stieß ich mich mit meinem linken Schienbein recht schmerzlich an einen Stein, wovon es alsbald auflief und schwoll. Als dies ein Bauersmann sah, kam er herzugelaufen, pflückte mit der Hand ein Kraut ab und legte es mir auf die Wunde, wodurch sich der Schmerz alsbald linderte und die Geschwulst sich legte. Hieraus schloss ich, dass sich dieses Volk auf die Heilkunst wohl verstehen müsse, worin ich auch nicht irrte. Denn da die Studien der Einwohner in Spalank so enge Grenzen haben, so sind sie nicht wie unsere vielwissenden Gelehrten mit der Schale vergnügt, sondern untersuchen alles auf das Genaueste. Als ich meinem Arzt für seinen geleisteten Beistand Dank abstattete und mich unter anderem der Redensart bediente, der liebe Gott würde ihm diese Wohltat vergelten, so antwortete er mir so gründlich gelehrt und gottselig, obzwar mit zarter und bäurischer Stimme, dass ich mir einbildete, es sei etwas Göttliches an ihm oder er wäre vielleicht ein Engel, der mir unter der Gestalt eines Baums erschiene. Ich erkannte hieraus, wie unbillig wir uns über diejenigen aufhalten, die sich befleißigen, alle Leidenschaften abzulegen, indem wir dafürhalten, dass sie nur bei faulen und müßigen Tagen alt würden, wenn sie nach nichts strebten, sich über nichts betrübten, sich niemals erzürnten, auch nie fröhlich seien, sondern alle heftigen Leidenschaften verbannten. Ich sah vielmehr ein, wie sehr diejenigen irren, die behaupten, dass die Laster im normalen Leben nötig seien und der Zorn ein Wetzstein der Tapferkeit, die Eifersucht ein Sporn des Fleißes und das Misstrauen ein Zunder der Klugheit. Denn wie der Vogel ist, so legt er die Eier, und viele Tugenden, worauf sich die Menschen viel einbilden, ja, die wir mit herrlichen Lobgedichten preisen, sind vielmehr Verstellungen als Zierarten, wenn wir sie mit philosophischen Augen betrachten.