Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
18.02.2026 26 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 2
Von der Hinabkunft auf den Planeten Nazar
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Von der Hinabkunft auf den Planeten Nazar
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Musik:
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Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
2. KAPITEL
Von der Hinabkunft auf den Planeten Nazar
Nachdem also meine luftige Schifffahrt zu Ende und
ich gesund und unbeschädigt auf diesem Weltkörper
angelangt war (denn die Gewalt, mit der der
Greif anfangs hinabfiel, hatte bei Verminderung
seiner Kräfte allmählich nachgelassen),
lag ich ganz unbeweglich und wartete,
dass mir ferner bei anbrechendem Tag Neues
begegnen würde. Dabei wurde ich auch gewahr,
dass meine früheren Schwachheiten wieder begannen
und ich sowohl Schlaf als auch Speise nötig hatte,
daher reute es mich nun, dass ich mein Brot so
liederlich weggeworfen hatte. Endlich überfiel ein
tiefer Schlaf mein von Sorgen ermüdetes Gemüt. Ich
mochte etwa, soviel ich schließen konnte, 2 Stun-
den geschnarcht haben, als ein lang anhaltendes,
schreckliches Brüllen meine Ruhe störte und meinen
Schlaf vertrieb. Solange ich schlief, kamen mir
mancherlei und wunderliche Dinge im Traum vor.
Bald träumte mir, ich wäre wieder in Norwegen
angelangt und erzählte meinen guten Freunden,
was mir bisher begegnete. Bald bildete ich mir
ein, ich hörte in der Kirche von Fanø, nicht weit
vor der Stadt, den Diakon Nikolaus Andrea sin- gen
und sein elendes Geplärre wie gewöhnlich in meinen
Ohren schallen. Als ich nun erwachte, meinte ich,
das Geheul dieses Mannes hätte mich aus meinem
Schlaf gestört. Doch da ich nicht weit von mir
einen Ochsen stehen sah, schloss ich daraus, dass
der mit seinem Gebrüll meine Ruhe unterbrochen
hatte. Ich schaute daher mit furchtsamen Augen
überall herum und erblickte bei aufgehender Sonne
grüne Wiesen und fruchtbare Felder. Ich sah auch
Bäume, wunderte mich aber aufs Höchste, dass sie
beweglich waren, obgleich die Luft so still war,
dass sie auch nicht eine Flaumfeder von ihrem Ort
hätte wegbewegen können. Als der brüllende Ochse
auf mich loskam, sah ich mich voller Furcht
nach einer Möglichkeit zur Flucht um und da
ich in dieser Angst nicht fern von mir einen Baum
stehen sah, bemühte ich mich hinaufzusteigen. Als
ich aber damit beschäftigt war, gab dieser Baum
eine schwache aber durchdringende Stimme von sich,
etwa nach der Art, wie die Stimme eines erzürnten
Weibsbildes klingt und, ehe ich mich’s versah,
bekam ich, wie mit geballter Hand, eine dermaßen
derbe Maulschelle, dass ich, so lang ich war,
auf die Erde hinpurzelte. Ich erschrak über
diesen Schlag so sehr, als wenn ich vom Blitz
gerührt worden wäre, so, dass mir gleich hätte
die Seele ausfahren mögen, und ich hörte auch
überall ein Gemurmel und Geräusch wie etwa in den
Fleischbänken oder auf Kaufmannsbörsen, wenn sie
recht belebt sind. Als ich die Augen auftat, sah
ich rings um mich herum einen lebendigen Wald und
das Erdreich überall mit großen und kleinen Bäumen
besetzt, wo doch kurz zuvor kaum sechs oder sieben
zu sehen gewesen waren, und es ist nicht sagen,
was dies alles in meinem Gemüt für Verwirrung
anrichtete und wie sehr ich über diese Gaukeleien
bestürzt war. Ich wusste also nicht, was ich
denken sollte. Bald bildete ich mir ein, ich
träumte mit sehenden Augen, bald dachte ich, es
seien Gespenster, die mich plagten, bald aber, ich
würde von bösen Geistern besessen, und bald hatte
ich noch närrischere Dinge in meinen Gedanken.
Doch es wurde mir nicht lange Zeit gelassen,
diese belebten Uhrwerke und ihre Ursachen zu
untersuchen, denn bald eilte ein Baum herzu,
der einen Zweig herunterließ, an dessen Ende sechs
junge Sprösslinge oder ebenso viele Finger zu
finden waren. Mit diesem Zweig hob er mich von der
Erde auf und trug mich fort, obwohl ich erbärmlich
schrie. Diesen Baum begleitete eine unzählbare
Menge anderer Bäume von unterschiedlicher Art
und Größe, die alle ein gewisses vernehmliches,
mir aber unverständliches Gemurmel hören ließen,
und ich konnte davon weiter nichts als die
Worte Pickel-Emi in meinem Gedächtnis behalten,
weil diese am häufigsten wiederholt wurden. Später
erfuhr ich, dass diese Worte einen Affen von
ungewöhnlicher Gestalt bedeuteten: Da sie aus
meiner Gestalt und Kleidung geurteilt hatten,
ich sei ein Affe, obwohl ich etwas anders aussähe
als die Affen oder Meerkatzen, die in ihrem Land
zu finden waren. Andere hatten mich für einen
Bewohner des Firmaments gehalten und geglaubt,
ich wäre von dem Vogel durch die Lüfte hierher
gebracht worden, weil sie in ihren Jahrbüchern
gefunden hatten, dass so etwas sich früher einmal
zugetragen hatte. Doch dies erfuhr ich erst nach
etlichen Monaten, nachdem ich nämlich die
unterirdische Sprache erlernt hatte. Denn
in meinem gegenwärtigen Zustand vergaß ich vor
Furcht und Verwirrung der Sinne meiner selbst und
konnte ganz und gar nicht begreifen, was ich
von diesen lebendigen und redenden Bäumen zu
halten hatte oder wohin die Reise mit mir hingehen
sollte, weil sie ganz langsam und mit regelmäßigen
Schritten fortgesetzt wurde. Gleichwohl aber
schloss ich aus den Reden und dem Gemurmel,
womit die Felder überall angefüllt waren, dass
diese Bäume böse auf mich sein mussten, und sie
hatten auch in der Tat nicht ohne erhebliche
Ursache großen Zorn gegen mich gefasst. Denn
der Baum, auf den ich in meiner Flucht steigen
wollte, war die Gemahlin des Herrn Stadtrichters,
der in der nächsten Stadt Recht sprach, und das
Ansehen der Person, die ich beleidigt hatte,
musste das Verbrechen nur größer erscheinen
lassen; denn sie waren der Meinung, ich hätte
nicht nur eine gewöhnliche Frau, sondern eine Dame
vom ersten Rang öffentlich verunehren wol- len,
und das war einem so ehrbaren und schamhaften
Volk ein ungewöhnlicher und schrecklicher
Anblick gewesen. Endlich gelangten wir zu einer
Stadt, in die man mich als Gefangenen brachte.
In der Stadt waren nicht nur prächtige Gebäude zu
sehen, sondern es waren auch die übrigen Häuser
ordentlich gebaut, die Gassen, Straßen, Märkte
und dergleichen waren in der gehörigen Ordnung
und nach den Regeln der Baukunst an- gelegt.
Die Häuser waren so hoch und ansehnlich, dass
sie alle Türme vorstellten; die Gassen wimmelten
von Bäumen, die darauf herumspazierten und die
sich durch das Niederbeugen oder Herablassen der
Zweige im Vorbeigehen untereinander grüßten, und
je mehr Zweige sie niedersenkten, desto größer war
die Ehrerbietigkeit, die sie einander erwiesen;
denn als damals aus einem gewissen ansehnlichen
Haus eine Eiche herauskam, traten die andern Bäume
alle die meisten ihrer Zweige niederlassend
zurück, woraus ich schloss, dass dieser Baum
etwas Vornehmes sein müsste. Kurz darauf erfuhr
ich auch, dass es eben der Herr Stadtrichter
gewesen war, dessen Gemahlin ich beleidigt haben
sollte. Ich wurde alsbald oben in dieses Mannes
Haus gebracht, wo man sogleich hinter meinem
Rücken die Tür zuschloss und fest verriegelte
und mich nicht anders betrachtete als einen Fisch,
der im Fischbehälter eingesperrt ist. Meine Furcht
vermehrten drei vor der Tür zur Rechten gestellte
Bäume, von denen jeder mit sechs Beilen bewaffnet
war, so viele Zweige hatte nämlich jeder von
ihnen; denn so viele Zweige ein Baum hatte,
so viele Arme hatte er und so viele Schößlinge an
einem Zweig waren, so viele Finger saßen daran.
Ich bemerkte, dass oben auf dem Stamm ein Kopf
steckte, der einem Menschenkopf nicht unähnlich
war, und zugleich, dass diese Bäume statt der
Wurzeln zwei Füße hatten, die aber sehr kurz
waren, sodass die Einwohner dieses Planeten, wie
etwa Schildkröten, nur ganz langsam gehen können.
Wenn ich also nicht gefangen gesessen hätte, hätte
ich mich schon getraut, ihren Händen zu entrinnen,
weil mir schien, dass ich viel hurtiger auf den
Beinen sein würde als sie. Damit ich’s kurz sage:
Ich erkannte nun deutlich, dass diese Bäume die
Einwohner dieses Planeten waren, zugleich aber,
dass sie mit Vernunft begabt waren und wunderte
mich nur über die Mannigfaltigkeit der Natur,
die sich in der Hervorbringung und Bildung ihrer
Geschöpfe erwies. Meine vernünftigen Bäume waren
nicht so hoch wie unsere Bäume, sondern die
meisten hatten eine ordentliche Mannslänge;
einige waren aber auch kleiner, man möchte sie
etwa Blumen oder Pflanzen nennen, und diese hielt
ich für die Kinder. Ich kann meine Verwunderung
nicht beschreiben, in die ich durch das Anschauen
dieser Erscheinungen und Gegen- stände geriet,
noch weniger, welche Seufzer mir der Gedanke
auspresste, dass ich wieder in meinem Vaterland
sein möchte; denn obwohl diese Bäume ganz gesellig
oder verträglich schienen, weil sie reden konnten
und auch mit einer Art von Vernunft begabt waren,
sobald man sie unter die vernünftigen Kreaturen
rechnen konnte, so fragte ich mich doch, ob sie
mit den Menschen zu vergleichen wären; denn ich
glaubte nicht, dass Gerechtigkeit, Güte und andere
sittliche Tugenden von ihnen ausgeübt wurden oder
statthaben konnten. Für diesen quälenden Gedanken
empfand ich, dass sich alle meine Eingeweide
in meinem Leib bewegten und die Tränenbäche aus
meinen Augen flossen und mein Gesicht benetzten.
Doch während ich mich dem Schmerz ergab und wie
ein altes Weib heulte, traten meine Leibwächter
zu mir ins Zimmer hinein, die ich auf Grund ihrer
Beile für nichts anderes als Stadtknechte halten
konnte. Sie führten mich durch die Stadt zu einem
ansehnlichen Haus mitten auf dem Marktplatz.
Damals schien es mir, als ob ich der oberste
Befehlshaber in Rom geworden wäre und mehr als
ein römischer Bürgermeister zu bedeuten hätte;
denn die Bürgermeister hatten nur 12 Beile zu
ihrer Begleitung, mich aber umgaben gleich 18.
An der Tür des Hauses, zu dem ich geführt wurde,
war Justitia eingemeißelt und in der Gestalt eines
Baums abgebildet, der die Waage mit einem Zweig
hielt. Sie stellte übrigens eine Jungfrau vor,
sah ernsthaft aus, hatte scharfe Augen, war aber
weder niedergeschlagen noch grausam, sondern
gleichsam wie bekümmert und ehrwürdig anzusehen.
Hieraus schloss ich nun ganz deutlich, dass dies
das Rathaus sei. Nachdem man mich hineingeführt
hatte, sah ich, dass der Boden mit viereckigen
Marmorsteinen gepflastert war. Ferner erblickte
ich dort einen, auf einem erhabenen Sessel,
gleichsam wie auf dem Richterstuhl sitzenden
Baum, neben dem auf jeder Seite sechs Beisitzer,
nämlich sechs zur Rechten und sechs zur Linken des
Präsidenten in gehöriger Ordnung auf ebenso vielen
Stühlen saßen. Der Präsident war eine Palme von
mittlerer Größe, der sich aber von den anderen
Richtern darin unter- schied, dass seine Blätter
verschiedene Farben hatten. Zu bei- den Seiten
um ihn herum standen 24 Stadtknechte, jeder mit
6 Beilen versehen. Das war in meinen Augen ein
schrecklicher Anblick, da ich aus dieser Rüstung
schloss, dies müsse ein sehr blutrünstiges Volk
sein. Bei meinem Eintritt ins Rathaus stutzten
die Ratsherren alle, streckten ihre Zweige in
die Höhe gen Himmel, und, nachdem sie dieses
Werk der Andacht verrichtet hatten, setzten sie
sich wieder hin. Nachdem sie sich alle gesetzt
hatten, wurde ich vor die Schranken gestellt,
mitten zwischen zwei Bäume, deren Stämme mit
Schafsfellen überzogen waren. Die Letzteren
hielt ich für Advokaten – und sie waren es auch.
Ehe sie anfingen, die Rechtssache zu führen, wurde
der Kopf des Präsidenten mit einigen schwarzen
Decken verhüllt. Hierauf hielt der Kläger eine
kurze Ansprache, die er dreimal wiederholte und
mein Advokat und rechtlicher Beistand antwortete
ebenfalls mit wenigen Worten. Hierauf folgte
ein Schweigen, das wohl eine halbe Stun- de
dauerte. Dann stand der Präsident, nachdem er
die Decke von seinem Kopf genommen hatte, auf,
und als er seine Zweige gen Himmel erhoben
hatte, sagte er ganz zierlich etliche Worte,
und ich glaubte, dass darin mein Urteil enthalten
sei; denn nachdem er ausgeredet hatte, wurde ich
wieder in mein voriges Gefängnis gebracht und
ich glaubte, man bewahrte mich gleich- sam auf
wie in einer Speisekammer, aus der man mich kurz
darauf auf die Schlachtbank liefern wollte. Als
ich wieder allein war, dachte ich nach alledem,
was bisher vorgegangen, sorgfältig nach und musste
über die Torheit dieses Volks lachen: Es schien
mir eher, als hätten sie eine Komödie aufgeführt,
als Gerechtigkeit administriert; denn
alles, was ich gesehen hatte, ihre Gebärden,
Kleidungen, ihre Art, juristisch zu verfahren
usw., all das schien mir mehr einem lächerlichen
Schauspiel und Gaukelpossen ähnlich, als dass
es bei Hegung eines peinlichen Halsgerichts
angebracht gewesen wäre. Ich pries also damals
in meinen Gedanken die Glückseligkeit unseres
Erdbodens und zog unsere Europäer allen andern
Menschen vor. Doch obwohl ich die Dummheit
und den Unverstand dieses unterirdischen Volks
verwarf, musste ich doch bei mir selbst gestehen,
dass es von den unvernünftigen Tieren sehr wohl
unterschieden sei. Denn das Ansehen der Stadt,
die Übereinstimmungen der Gebäude und andere
Dinge zeigen deutlich genug, dass diese Bäume
nicht unvernünftig sein müssten, und dass auch
Künste und Wissenschaft, besonders die Mechanik
bei ihnen im Schwange wären. Aber ich dachte
doch auch, dass darin all ihre Kunst, all ihr
Vorzug und Geschicklichkeit bestünde. Während ich
nun so insgeheim mit mir selbst redete, trat ein
Baum zu mir hinein, der eine Triangel in der Hand
hatte. Nachdem mir der Baum die Brust und den Arm
entblößt hatte, schlug er mit diesem Instrument
recht geschickt die Medianader. Nachdem er mir
eine Quantität Blut – so viel er für nötig
erachtete – abgelassen hatte, verband er mir,
mit nicht weniger Geschicklichkeit, meinen Arm.
Nachdem er so sein Amt ver- richtet und das Blut
stillschweigend und verwundert angesehen hatte,
ging er wieder seiner Wege. Das bestärkte die
Meinung, die ich von der Torheit dieses Volks
gefasst hatte, noch mehr. Sobald ich aber die
unterirdische Sprache erlernt hatte und mir alles
erklärt worden war, wurde meine Verachtung in
Bewunderung verwandelt. Das rechtliche Verfahren
mit mir, das ich so verwegen verworfen hatte,
wurde mir so erklärt: Aufgrund der Gestalt meines
Körpers hatten sie mich für einen Einwohner des
Firmaments gehalten. Sie hatten ferner geglaubt,
ich hätte eine Dame vom ersten Rang vergewaltigen
wollen, und dieses Verbrechens wegen war ich
als strafbar vor Gericht geführt worden. Der
eine Advokat hatte mich verklagt und meine
Bestrafung verlangt, der andere hatte zwar
nicht die Abwendung, jedoch einen Aufschub der
Strafe angeraten, bis man erführe, wer oder woher
ich wäre, zugleich, ob ich ein unvernünftiges Vieh
oder ein mit Verstand begabtes Geschöpf sei. Das
In-die-Höhe-Strecken der Zweige war eine Art des
Gottesdienstes, den sie immer verrichteten, ehe
sie über eine Sache ein Urteil fällen. Die beiden
Advokaten waren deswegen mit Schaffellen bedeckt,
damit sie der Unschuld und Aufrichtigkeit
in Parteidingen eingedenk sein sollten.
Und in der Tat, die Advokaten sind hier zu
Lande alle ehrliche und aufrichtige Leute,
woraus deutlich wird, dass es in einer
wohlbestellten Republik auch redliche und
gewissenhafte Advokaten geben kann. Es gibt hier
so strenge Gesetze gegen Rechtsübertreter, dass
man weder Betrug noch Falschheit bemänteln kann.
Die Treulosigkeit erlangt hier keine Vergebung.
Üble Nachrede gibt es überhaupt nicht. Auch
die Tollkühnheit ist verbannt und aller Betrug
aus dieser Republik verjagt. Das dreimalige
Wiederholen ihrer Reden geschah des- wegen,
weil man hier eine Sache sehr langsam fasst, worin
sich dieses Volk von den anderen Einwohnern dieses
Planeten unterschied; denn die wenigsten
verstanden, was sie nur flüchtig lasen oder
konnten das begreifen, was sie nur einmal hörten.
Wer eine Sache sogleich begriff, von dem glaubte
man, dass er keine Kraft zu urteilen besäße und
deswegen wurden solche Leute auch selten zu hohen
oder etwas bedeutenden Ehrenstellen befördert;
denn sie hatten aus der Erfahrung gelernt, dass es
um das Gemeinwesen schlecht bestellt war, wenn so
genannte große Köpfe oder leicht auffassende Bäume
das Ruder geführt hatten. Wenn aber so genannte
Dummköpfe, die eine Sache schwerer begriffen,
die Regierung verwaltet hatten, hatten diese
immer wiedergutgemacht, was jene anderen
verdorben hatten. Dies schien mir aufs Höchste
ungereimt zu sein, obwohl ich hinterher einsah,
dass es gar nicht so uneben war. Am allermeisten
aber wunderte ich mich über die Geschichte des
Präsidenten, denn dieser war eine Jungfrau, die
in dieser Stadt, wo sie die Regierung verwaltete,
geboren und vom Fürsten zum Kaki oder obersten
Richter bestellt worden war. Denn bei diesem
Volk wird in der Besetzung der Ämter keineswegs
auf den Unterschied des Geschlechts gesehen,
sondern man sucht die Verständigsten aus und
besetzt die Ämter mit den würdigsten Personen.
Damit aber von eines jeden Geschicklichkeit und
Gemütsgaben ein richtiges Urteil gefällt werden
könne, sind gewisse Seminaria oder Pflanzenschulen
angelegt, deren Aufseher oder Direktoren Karatti
genannt werden, welches Wort eigentlich einen
Untersucher oder Erforscher bedeutet. Ihr Amt
besteht darin, dass sie die Geschicklichkeit und
die natürlichen Kräfte eines jeden untersuchen,
insbesondere aber die Gemüts beschaffenheit
der jungen Leute genau examinieren und dem
Fürsten alle Jahr’ ein Verzeichnis derjenigen
einsenden, die zu öffentlichen Ämtern Geschick
haben und dabei zugleich anzeigen, worin ein
jeder seinem Vaterland hauptsächlich dienen
könne. Wenn der Fürst dieses Verzeichnis bekommt,
so befiehlt er immer, die Namen der Kandidaten in
ein besonderes Buch einzuschreiben, damit er es
nicht vergessen, sondern diejenigen gleichsam
beständig vor Augen haben möge, die würdig
sind, freie Ehrenstellen zu bekleiden. Die
erwähnte Jungfrau hatte vor 4 Jahren ein sehr
rühmliches Zeugnis von den Karattis erhalten,
und deswegen war sie vom Fürsten zum Präsidenten
des Rats dieser Stadt, in der sie geboren war,
bestellt worden. Dies ist wiederum eine beständige
und heilig gehaltene Gewohnheit bei den Potuanern,
weil sie glauben, dass diejenigen, die an einem
Ort geboren sind, auch dessen Beschaffenheit am
besten einzusehen vermögen. Palmka, so hieß diese
Jungfrau, hatte jenes Amt schon 3 Jahre mit dem
größten Ruhm verwaltet, und sie wurde für den
aller- weisesten und verständigsten Baum in der
ganzen Stadt gehalten. Sie fasste eine Sache so
langsam auf, dass sie sie schwerlich begriff, wenn
sie ihr nicht drei- oder viermal wiederholt und
vorgetragen wurde. Was sie aber einmal begriff,
das sah sie gewiss auf das Allerscharfsinnigste
und -klügste ein und entschied in Rechtssachen
mit solcher Vorsicht und Klugheit, dass ihre
Aussprüche fast für göttlich gehalten wurden.
Sie wusste das Recht aufs Genaueste zu
bestimmen und das Wahre vom Falschen,
wenn es auch noch so verdeckt war, zu
unterscheiden. Daher geschah es auch,
dass sie in 4 Jahren nicht einen einzigen
rechtlichen Ausspruch getan, der nicht vom
Obergerichtshof in Potu bestätigt und gerühmt
worden wäre. Hieraus sah ich nun gar wohl ein,
dass die Verordnung, nach der auch das weibliche
Geschlecht zu Ehrenstellen erhoben werden konnte,
so ungereimt nicht wäre. Doch dachte ich bei mir
selber: Wenn bei uns in Bergen des Stadtrichters
Frau anstelle ihres Mannes Recht sprechen und des
Advokaten Seferins Tochter, die eine beredte und
mit vortrefflichen Gemütsgaben gezierte Jungfrau
ist, anstatt ihres dummen Vaters Prozesse führen
würde, so hätte unsere Rechtsgelehrsamkeit
gewiss wenig Schaden davon, und das Recht
würde nicht so oft gebeugt. Ich machte mir
ferner Gedanken darüber, dass die Rechtsprüche,
die in europäischen Richterstuben in so großer
Geschwindigkeit abgefasst und manchmal sozusagen
aus dem Stegreif genommen werden, schwerlich
bestehen würden, wenn man sie in aller Schärfe
examinieren würde. Und damit ich das Übrige auch
vollends erkläre, so hörte ich folgende Ursache
angeben, warum man mich zur Ader gelassen hatte.
Wenn jemand eines Verbrechens überführt war,
so wurde er anstatt des Staupenschlags, Hände-
und Füßeabhackens oder den Kopf herzugeben,
bloß zum Aderlass verurteilt, damit man sehen
könnte, ob das Verbrechen aus Bosheit geschehen,
oder ob es vom verderbten Geblüt herzuleiten und
ob vielleicht der Missetäter durch dieses Mittel
wieder zurechtgebracht werden könnte, dass also
die Richter mehr auf Besserung als auf Bestrafung
hinaus wollten. Diese Besserung schloss gleichwohl
eine Art der Strafe ein, weil es eine Schande war,
wenn sich jemand auf richterliches
Urteil die Ader öffnen lassen musste.
Beging jemand ein Verbrechen noch einmal, so
wurde er von der bürgerlichen Gesellschaft
ausgeschlossen und pflegte zum Firmament, wo
jedes Wesen ohne Unterschied aufgenommen wurde,
verbannt zu werden. Von diesem Elend und
dessen Beschaffenheit wird bald mehr zu sagen
sein. Dass aber der Chirurg, der mich zur Ader
gelassen, bei Anschauung meines Bluts erstaunte,
war deswegen geschehen, weil die Einwohner dieses
Planeten anstelle des Bluts einen weißen und
flüssigen Saft haben, der durch die Adern läuft;
je weißer er ist, desto höher und heiliger wird er
geschätzt. Das alles erfuhr ich und sah es aufs
Genaueste ein, nach- dem ich die unterirdische
Sprache erlernt hatte und fing daher an, viel
milder von diesem Volk zu urteilen, das ich allzu
verwegen verdammt hatte, und obgleich ich diese
Bäume anfangs für dumm und töricht gehalten hatte,
so merkte ich doch bald, dass einige Leutseligkeit
bei ihnen anzutreffen war, und dass ich folglich
wegen meines Lebens nichts zu befürchten hätte.
Darin wurde ich noch mehr bestärkt als ich sah,
dass man mir täglich zweimal Speise reichte.
Diese Speise bestand für gewöhnlich aus Obst,
Kräutern und Hülsenfrüchten, der Trank aber
war ein flüssiger Saft, und ich kann mich nicht
entsinnen, dass ich jemals etwas Angenehmeres
oder Süßeres gekostet hatte. Der Stadtrichter,
bei dem ich in Verwahrung gehalten wurde, hatte
dem Fürsten oder Landesherrn, der nicht weit von
dieser Stadt residierte, alsbald angezeigt,
dass ein gewisses vernünftiges Tier, aber von
ungewöhnlicher Gestalt, in seine Hände geraten
wäre. Den Fürsten trieb die Neugier so weit, dass
er befahl, man solle mich in der Landessprache
unterrichten und darauf zu ihm an seinen Hof
schicken. Es wurde mir daher ein Sprachmeister
bestellt, unter dessen Anweisung ich in der Zeit
von einem halben Jahr so viel erlernte, dass ich
mich mit den Einwohnern ganz hurtig verständigen
konnte. Nachdem ich in der unterirdischen Sprache
die Kinderschuhe sozusagen abgelegt hatte,
kam ein neuer Befehl vom Hof, dass man mich
weiter unterweisen und in das Seminarium der
Stadt aufnehmen solle, damit dessen Karatti meine
Gemütskräfte untersuchen und darüber urteilen
könnten, wozu ich mich am besten eignen würde.
Dieser Befehl wurde aufs Genaueste vollstreckt,
und solange ich mich hier befand, wurde nicht nur
für mein Gemüt, sondern auch für den Leib gesorgt,
und man war hauptsächlich damit beschäftigt, mich
so sehr wie möglich einem Baum gleich zu machen.
Zu diesem Zweck wurden mir sogar einige falsche
oder gemachte Zweige angekünstelt. Während dieser
Zeit unterhielt mich mein Wirt jeden Abend,
wenn ich aus dem Seminar heimkam, mit allerhand
Gesprächen und Fragen. Er hörte mir mit dem
größten Vergnügen zu, wenn ich ihm erzählte, was
mir auf dieser unterirdischen Reise begegnet war.
Am meisten aber erstaunte ihn die Beschreibung von
unserer oberen Erde, die unermessliche Weite
des mit unzähligen Sternen erfüllten Himmels,
der sie umgibt. All das hörte er sich sehr
aufmerksam und begierig an, aber darüber,
was ich ihm von den Bäumen auf unserem Erdboden
erzählte, wurde er einigermaßen schamrot,
dass sie nämlich unbeseelt, unbeweglich und fest
in die Erde eingewurzelt wären. Endlich aber sah
er mich ganz zornig an, als ich ihm versicherte,
dass unsere Bäume gefällt und die Öfen damit
geheizt würden oder Speise darauf gekocht werde.
Doch da er die Sache mit rechtem Ernst überlegte,
ließ sein Zorn ein wenig nach, und nachdem
er seine fünf Zweige gen Himmel erhoben (denn
so viele hatte er immerhin), bewunderte er die
Werke des Schöpfers, deren Ursachen verborgen und
mannigfaltig seien und hörte mir auch weiter ganz
aufmerksam zu. Seine Frau, die meine Gegenwart
bisher verabscheut hatte, ließ sich nun, nachdem
sie diese wahre Ursache erfahren hatte, warum ich
vor Gericht gezogen war, und dass mich die Gestalt
des Baums betrogen, weil wir auf unserer Erde
darauf zu steigen pflegen, auch wieder versöhnen
und ließ allen unrechten Arg- wohn gegen mich
fahren. Ich aber redete niemals mit ihr, es sei
denn im Beisein und auf Befehl ihres Mannes,
um nach einer so kürzlich geschehenen Versöhnung
die frische Wunde nicht wieder aufzureißen.