Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
01.03.2026 11 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 5
Von der Beschaffenheit des Landes Potu und der Gemütsart seiner Einwohner
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Von der Beschaffenheit des Landes Potu und der Gemütsart seiner Einwohner
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Musik:
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https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
5. KAPITEL
Von der Beschaffenheit des Landes Potu und der Gemütsart seiner Einwohner
Das Fürstentum Potu erstreckt sich so gar weit
nicht, sondern macht nur einen mäßigen Teil
dieser Weltkugel aus. Der ganze Planet Nazar
hat in seinem ganzen Umkreis kaum mehr als 200
deutsche Meilen. Er kann ganz gemächlich von jedem
Wandersmann durchreist werden, obwohl sich die
Potuaner, was ihre Gesetze und Sitten betrifft,
von den übrigen Republiken und Fürstentümern
sehr unterscheiden. Und so wie auf unserem
Erdboden die Europäer vor allen anderen Völkern
einen Vorzug haben, so übertreffen auch hier die
Potuaner alle anderen Einwohner des Planeten an
Tugend und Verstand. Auf den Wegen sind hin und
wieder Meilensteine gesetzt, die die Meilen
anzeigen und die entweder durch ausgestreckte
Hände oder durch andere Merkmale den Weg
nach einer jeden Stadt und jedem Flecken
weisen. Das ganze Fürstentum ist mit Dörfern
und ansehnlichen Städten angefüllt. Dass nun
alle Einwohner des Planeten dieselbe Sprache
reden, ist höchst merkwürdig, da doch ein jedes
Volk sich von dem andern an Glück, Tugenden,
Gesetzen und Gemütsgaben so unterscheidet,
dass diese Welt im Grunde ein deutliches Bild der
Mannigfaltigkeiten der Natur vorstellt, woran sich
der Wanderer nicht nur vergnügen kann; er kann in
Erstaunen, aber auch außer sich selbst geraten.
Die Länder werden teils durch große Flüsse, teils
durch kleinere Gewässer voneinander getrennt. Die
großen sind schiffbar, und die Ruder der Schiffe
werden gleichsam durch Zauberkraft geführt, indem
sie durch gewisse Maschinen, wie unsere Uhrwerke,
getrieben und nicht mit der Hand regiert werden.
Ich kann aber die eigentliche Art und die Kunst
selber, wie sie gebaut werden, nicht beschreiben,
denn in der Mathematik habe ich nicht gerade
viel zu vergessen, und die Bäume wissen alles
so künstlich einzurichten und zu verbergen, dass
einer noch schärfer als ein Argus sehen und fast
mit göttlichem Witz begabt sein müsste, wenn er
dieses Kunststück entdecken wollte. Im Übrigen
hat der Planet wie unsere Erde eine dreifache
Bewegung, es gibt also wie bei uns Zeiten,
die durch Nacht und Tag, Sommer, Herbst, Winter
und Frühling unterschieden werden und die Flecken
unter den Polen oder Wendekreisen sind ebenfalls
kälter als andere. Was aber das Licht anlangt,
sind die Tage von den Nächten aus oben gewählten
Ursachen wenig unterschieden. Ja die Nacht ist
vielleicht noch angenehmer als der Tag selber,
denn man kann sich nichts Schöneres vorstellen,
als dieses Licht, das die obere Hälfte des
Himmels oder das feste Firmament verursacht,
wenn es die von der Sonne kommenden Strahlen
auf den Planeten zurückwirft, also die Gestalt
eines unermesslich großen Mondes annimmt.
Die Einwohner des Planeten bestehen aus
verschiedenen Sorten von Bäumen, zum
Beispiel aus Eichen, Linden, Pappeln,
Palmbäumen, Dornhecken usw., und davon haben auch
die 16 Monate ihren Namen bekommen, 16 Monate,
in die das Jahr eingeteilt ist, denn im 16. Monat
absolviert der Planet Nazar seinen Lauf einmal,
doch geschieht das wegen der ungleichen
Bewegung nicht auf einem bestimmten Tag,
sondern er beunruhigt die Einwohner des Firmaments
wegen seiner mannigfaltigen Abweichung ebenso sehr
wie der Mond die Astronomen auf unserer Erde. Die
Jahresrechnungen sind deshalb unterschiedlich und
richten sich nach den merkwürdigen Begebenheiten,
die sich ehemals zugetragen haben. Insbesondere
aber ist die Epoche vom großen Kometen berühmt,
der vor 3000 Jahren die allgemeine Sintflut
verursacht haben soll, wodurch nicht nur das ganze
Geschlecht der Bäume nebst den übrigen Tieren,
außer etlichen wenigen, die sich auf den höchsten
Gipfeln der Berge vor dem Untergang gerettet haben
und von denen die jetzigen Einwohner
abstammen, im Wasser umgekommen sind.
Das Land selber ist ungemein fruchtbar, und
man findet hier fast alle Arten von Früchten,
Kräutern und was in Hülsen wächst, wie bei
uns in Europa, nur Hafer bleibt ausgenommen,
er wird hier nicht gezüchtet, ist auch nicht
nötig, weil es in diesem Land keine Pferde gibt.
Die Meere und Seen geben köstliche Fische, und die
Ufer sind mit schön gedeckten und auf mancherlei
Art erbauten Häusern besetzt. Der Saft, dessen
sie sich statt anderen Getränks bedienen, wird
aus bestimmten Kräutern, die beständig grünen,
zubereitet. Diejenigen, die diesen Saft verkaufen,
werden Minhalpi oder Kräuterköche genannt,
jede Stadt hat eine bestimmte Zahl solcher
Kräuterköche, außer ihnen darf niemand den Trank
zubereiten, weil sie allein privilegiert sind.
Wer sich eines solchen Privilegs zu erfreuen hat,
darf kein anderes Handwerk ausüben oder auf irgend
andere Art etwas zu gewinnen suchen. Vor allem
aber verbieten die Gesetze, dass diejenigen,
die in öffentlichen Ämtern stehen oder von Geldern
der Gemeinschaft leben, sich mit der Zubereitung
dieses Saftes befassen, weil sie wegen des
Ansehens, in dem sie bei der Bürgerschaft stünden,
die meisten Käufer an sich ziehen und der
anderen Nahrung schwächen würden, ingleichen,
weil sie wegen anderer Einnahmen das Getränk
wohl- feiler geben könnten als diejenigen, die
weiter nichts aufzuweisen hätten. Wie wir sehen,
geschieht so etwas auf unserer Erde nur allzu oft,
dass diejenigen, die in öffentlichen Ämtern
stehen oder Gnadengelder genießen, auf diese Weise
Nahrung an sich ziehen und zu anderer Handwerker
oder Kaufleute Verderben in kurzem reich werden.
Zur Vermehrung der Einwohner trägt vor allem ein
heilsames Gesetz von der Erzeugung der Kinder
vieles bei. Denn je mehr einer Kinder hat, desto
mehr genießt er auch Wohltaten und Freiheiten,
und wer Vater von sechs Kindern ist, darf weder
ordentliche noch außerordentliche Abgaben mehr
entrichten. Daher ist hier zu Lande
die Fortpflanzung des Geschlechts oder
die Vielheit der Kinder ebenso nützlich wie
sie bei uns beschwerlich und schädlich ist,
wo ein gewisses Kopfgeld auf Leute gelegt wird,
das sogar von den Kindern entrichtet werden muss.
Niemand in diesem Land hat zweierlei Ämter zu
verwalten, denn man glaubt hier, ein jedes Amt
erfordere einen eigenen und ganzen Mann. Dieser
Ursachen wegen (dass ich es mit Vergünstigung der
Einwohner unserer Erde sagen darf) werden auch
hier die Ämter besser und löblicher verwaltet
als bei uns. Ja man hält so scharf auf diese
Gewohnheit, dass sich ein Arzt zum Beispiel
nicht auf die ganze Medizin einlässt, sondern
sich nur auf eine einzige Krankheit festlegt, sie
aufs Genaueste studiert und später von Grund auf
verstehen kann. Ein Musiker befleißigt sich bloß,
ein einziges Instrument vollkommen zu spielen, da
es wiederum anders ist als bei uns, wo durch die
Menge der Ämter, die häufig eine einzige Person
zu verwalten hat, die Leutseligkeit unterbrochen,
das mürrische Wesen vermehrt und die Ämter
schlecht erledigt werden, da wir nirgends zu
Hause sind, weil wir uns überall befinden.
Wenn also ein Arzt die Gebrechen des
menschlichen Leibs und auch zugleich die
Fehler des Gemeinwesens verbessern will,
wird er auf beiden Seiten Fehler begehen. Und
wenn der Musiker zugleich einen Harfenisten und
auch einen Ratsherrn vorstellen will, wird man
nichts als schlecht harmonierende Dinge von ihm
zu erwarten haben. Wir bewundern diejenigen, die
sich nicht entblöden, unterschiedliche Tätigkeiten
auf sich zu nehmen, die sich ungebeten in die
wichtigsten Dinge mischen und von sich selber
glauben, sie seien in allen Sätteln geschickt.
Aber das ist bloße Verwegenheit, indem sie ihre
eigenen Kräfte nicht kennen, und gleichwohl sind
wir töricht und bewundern solche Leute, denn
wenn sie einsehen, wie viel Geschicklichkeit ein
einziges Amt rechtschaffen zu führen erfordert,
und wenn sie ihre eigenen Kräfte dagegen genau
abwiegen könnten, sie würden vor dem bloßen Namen
eines Amts erschrecken und sich wohl gar, wenn
es ihnen angetragen wird, es anzunehmen weigern.
Es wagt hier also niemand, ein Amt anzunehmen,
wenn er nicht meint, dass er ihm vollauf gewachsen
sei. Ich erinnere mich, dass ich einmal
den berühmten Weltweisen Rakbasi davon
folgendermaßen reden hörte: »Ein jeder muss seine
Gemütskräfte kennen und seine Tugenden und Laster
aufs Schärfste selber beurteilen, damit
nicht die Komödianten mehr Klugheit zu
besitzen scheinen mögen als wir, denn jene wählen
nicht die besten Fabeln zu ihren Vorstellungen,
sondern nur diejenigen, die sie für sich
am zuträglichsten halten. Sollte also ein
Komödiant auf dem Schauplatz das sehen, was
ein Weiser in seinem Leben nicht wahrnimmt?«
Die Einwohner dieses Fürstentums sind nicht
in Adel und einfache Leute eingeteilt. Es hat
zwar diesen Unterschied früher gegeben, nachdem
aber die Fürsten gemerkt hatten, dass darin der
Same der Uneinigkeit verborgen läge, haben sie
allen Vorzug der Geburt ganz weislich aufgehoben,
und die Einwohner werden nur nach ihren Tugenden
eingeschätzt und nach Verdienst zu Ehrenstellen
und Ämtern erhoben, was ich an einem anderen Ort
genauer darstellen werde. Der einzige Vorzug,
den die Geburt erteilt, besteht in der Vielheit
der Zweige, denn je mehr Zweige ein Baum hat,
desto edler; je schlechter er aber damit
versehen ist, desto unedler wird er eingeschätzt,
weil die Vielheit der Zweige einen Baum
geschickt macht, die Verrichtungen,
die mit der Hand geschehen, aufs Hurtigste
zu erledigen. Von der Gemütsbeschaffenheit
und den Sitten dieses Landes habe ich hin und
wieder schon vieles im Voraus erzählt, weswegen
ich den Leser auf das, was ich schon gesagt habe,
zurückverweise und damit dieses Kapitel schließe.