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Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

18.03.2026 51 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 9 2/2
Klims Reise um den Planeten Nazar

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
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Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

Nachdem ich dies Land verlassen, reiste ich durch die Provinz Kiliac, wo die Einwohner mit solchen Merkmalen auf der Stirn geboren werden, aus denen man sehen kann, wie lange und wie viele Jahre einer leben werde, auch diese pries ich glückselig, weil niemand zu der Zeit, wenn er etwa ein Laster begeht, durch einen unvermuteten Tod hingerissen werden kann. Doch da ein jeder akkurat wusste, wann er sterben würde, so verschoben sie alle miteinander ihre Buße bis auf die letzte Todesstunde, wenn man da etwa einen frommen oder netten Einwohner sähe, so war es gewiss einer, der nun bald abfahren sollte. Ich sah hin und wieder einige auf den Gassen herumgehen, denen die Köpfe trefflich auf die Seite hingen, und diese waren alle Kandidaten des Todes, welche die Tage, Stunden und Augenblicke an den Fingern abzählten und mit Schrecken der herannahenden Todesstunde entgegensahen. Hieraus erkannte ich, wie weise der Schöpfer auch in diesem Stück mit uns gehandelt, dass er uns die Todesstunde verborgen, indem es den Menschen sehr zuträglich ist, dass er sie nicht weiß. Als ich aus diesem Land herauskam, ließ ich mich in einem Kahn über eine Meerenge, die ganz schwarzes Wasser hatte, übersetzen und kam in das Land Askarat. Hier stellten sich meinen Augen wieder neue Wunder dar: Denn wie in der Provinz Cabac Einwohner ohne Köpfe geboren werden, so werden hier einige im Gegenteil mit sieben Köpfen zur Welt gebracht. Diese sind in allen Wissenschaften vortrefflich erfahren und vor Zeiten haben die anderen Einwohner diesen siebenköpfigen Einwohnern beinah göttliche Ehren erwiesen und die Fürsten, Bürgermeister und Ratsherrn wurden nur aus dieser Zunft gewählt. Aber da sie so viele besondere Gemütsarten besitzen, wie sie Köpfe haben, so konnten sie zwar vielerlei geschickt und hurtig auf einmal erledigen und ließen nichts unversucht, so lange wie die Regierung mit ihnen bestellt war, allein da sie so vielerlei zugleich vernahmen und so mancherlei Ideen in einem Kopf anzutreffen waren, so mischten sie das Hundertste in das Tausendste, ja, mit der Zeit verwirrten sie alles dermaßen untereinander, dass man ganze hundert Jahre zubringen musste, die Konfusion, die der so viel wissende Magistrat angerichtet hatte, wieder in Ordnung zu bringen. Ja man hat nach der Zeit ein Gesetz erlassen, Kraft dessen die siebenköpfigen Einwohner auf immer von allen wichtigen öffentlichen Geschäften ausgeschlossen sein sollten und dass die Republik künftig nur von den Einfachen, oder die nur einen Kopf haben, regiert werden sollte. Es befinden sich daher diejenigen, die vor diesem in so großem Ansehen standen und fast den Göttern gleich geschätzt wurden, nun in eben den Umständen wie die ohnköpfigen Einwohner in der Provinz Cabac. Denn so wie diese gar keinen Kopf haben und nichts verrichten können, so verwirren im Gegenteil die vielköpfigen alles untereinander, daher sind sie nun ja auch von allen Ämtern ausgeschlossen und müssen im Privatleben alt werden. Sie dienen gleichwohl dem Gemeinwesen einigermaßen zur Zierde, denn sie werden hin und wieder zum Spektakel herumgeführt, dass sie ihre Künste beweisen und zeigen müssen, wie wohltätig die Natur bei ihrer Bildung gewesen, da sie ihnen doch viel günstiger gewesen wäre, wenn sie weniger Verschwendung bei ihnen angewendet und sie nur mit einem Kopf gebildet hätte. Aus dem ganzen Geschlecht derer, die sieben Köpfe haben, waren ihrer damals nicht mehr als zwei in öffentlichen Ämtern, doch sie wurden auch nicht eher da zugelassen, als bis sie sich vorher sechs Köpfe hatten abschneiden lassen, wodurch es zu geschehen pflegt, dass, wenn sie nur einen Kopf behalten, die verwirrten Ideen bei Ihnen verschwinden und sie zu gesunder Vernunft kommen. Eben wie die Gärtner öfters den Bäumen einige Zweige abnehmen, damit die übrigen desto besseren Wuchs bekommen. Es unterwerfen sich aber wenige von diesen Siebenköpfigen dergleichen Operation, weil sie nicht anders als mit dem heftigsten Schmerz und unter der größten Lebensgefahr verrichtet werden kann; hieraus lernte ich, dass allzu viel schädlich sei und dass die Klugheit in einem einfachen Gehirn und gesetztem Gemüt besteht. Aus diesem Land reiste man durch die Wüste, durch wüste Orte nach dem Fürstentum Bostanki, dessen Einwohner der äußeren Leibesgestalt nach von den Potuanern wenig unterschieden sind. Von innen aber gehen sie von der Ordnung der Natur etwas ab, denn sie haben das Herz in der linken Hüfte, sodass man mit Recht von ihnen sagen kann, sie haben das Herz in den Hosen. Deswegen sind sie auch unter allen Einwohnern dieses Planeten die allerfurchtsamsten. Als ich durch die Beschwerlichkeit meiner Reise sehr ermüdet in die Stadt kam und nahe dem Tor in ein Wirtshaus einkehrte, schalt ich den Wirt, weil er so gar nachlässig und langsam war, recht dicht derb aus, worauf er mir zu Füßen fiel und mit Tränen um Gnade und Barmherzigkeit bat, reckte mir auch seine linke Hüfte dar, damit ich das ängstliche Klopfen seines Herzens selber fühlen möchte. Über diese Begebenheit verwandelte sich mein Zorn in ein Gelächter. Ich trocknete diesem Fußfälligen die Tränen ab und befahl ihm, er solle sich nicht weiter fürchten. Als er aufstand, küsste er mir die Hand und ging hin, mir die Abendmahlzeit zu richten. Nicht lange danach hörte ich ein abscheuliches Heulen und Wehklagen in der Küche, ich lief hinzu und sah mit Staunen, wie mein furchtsamer Wirt seine Frau und Mägde in der Küche herumkarbatschte und gewichtige Maulschellen austeilte. Als er mich aber erblickte, fiel er mir wieder zu Füßen und lief hernach gar davon. Als ich mich hierauf der weinenden Familie zuwandte und nach der Ursache oder nach dem Verbrechen fragte, das einen so leutseligen Mann zu so heftigem Zorn bewegt habe, standen sie alle eine ganze Weile mit niedergeschlagenen Augen stockstill da und unterstanden sich nicht, mir ihre Betrübnis zu eröffnen. Da ich aber mit Fragen anhielt und endlich Drohungen mit untermischte, fing die Wirtin folgendermaßen an zu reden: »Mein lieber Gast, es scheint mir, als wenn dir die Beschaffenheit der Sterblichen noch nicht sattsam bekannt sei. Die Einwohner dieses Fürstentums, die den Anblick eines bewaffneten Feindes nicht ertragen können, ja die vor dem geringsten rauschenden Blatt erschrecken, herrschen alle in der Küche und sind gegen ihre unbewaffnete Familie rechte Tyrannen. Mit bewaffneten Leuten lassen sie sich in keinen Streit ein, sondern es müssen Unbewaffnete sein, die sie anfeinden können. Dieser Ursache wegen ist auch unsere Republik nur ein Raub, Spott und Gelächter der benachbarten Völker. Bei unseren Nachbarn hingegen, denen wir zinsbar sind, hat es eine ganz andere Beschaffenheit mit den Männern. Diese lassen sich mit niemandem, als mit bewaffneten Feinden, in den Streit ein und herrschen außer Landes, zu Hause aber sind sie lauter Knechte.« Ich wunderte mich über die Klugheit dieser Frauen, und sie wären eines besseren Glücks würdig gewesen. Ja, nachdem ich die Sitten und Gemütsarten der Menschen ein wenig genauer überlegte, musste ich bekennen, dass diese Frau die Wahrheit gesagt, indem man durch unzählige Beispiele dartun kann, dass nicht nur Herkules durch eine Frau überwunden worden, sondern dass dies fast durchgängig das gemeinsame Schicksal der tapfersten Männer ist, dass sie ihren Hals freiwillig dem weiblichen Joch unterwerfen. Die Furchtsamsten hingegen und die mit den Einwohnern in Bostanki das Herz in den Hosen tragen, sind zu Hause, hinter dem Ofen, große Helden. Dieses Volk steht beständig unter der Herrschaft eines benachbarten Volks, dem es zinsbar ist. Als ich von hier wieder fortreiste, trat ich in einen anderen Kahn und ließ mich in das Land Mikolak übersetzen. In diesem Kahn wurde mir mein Mantel gestohlen. Nachdem ich mit dem Schiffer lange Zeit, wiewohl vergebens, herumgezankt hatte, weil er den Diebstahl leugnete, verklagte ich ihn bei der Obrigkeit und drang darauf, dass er mir wenigstens meinen Mantel wiederbeschaffen solle, weil er mir doch durch seine Nachlässigkeit oder durch sein Versehen weggekommen sei, wenn ich allenfalls nicht sollte erlangen können, dass er mir meinen Verlust doppelt und vierfach wiedergutmachen müsste. Allein der Schiffer leugnete nicht nur auf das Hartnäckigste, sondern stellte noch dazu eine Klage gegen mich an, dass ich ihn fälschlich angezeigt habe. Bei so zweifelhaften Umständen verlangte die Obrigkeit Zeugen, als ich aber keine stellen konnte, bat ich, man möchte dem Schiffer den Reinigungseid zuerkennen. Der Richter aber lachte, als ich den Eid erwähnte, und sagte: »Mein lieber Fremdling, wir sind hier an keine Religion gebunden, sondern die Gesetze des Vaterlands sind unsere Götter. Es müssen daher bei uns dergleichen Beweise rechtmäßigerweise dargetan werden, zum Beispiel durch ordentliches Aufschreiben, was man ausgelegt hat, durch ordentliche Rechnung, was man verzehrt hat, durch Darlegung glaubwürdiger Handschriften, durch besiegelte Obligationen und durch Aufführung tüchtiger Zeugen. Wer dergleichen nicht dartun kann, stellt nicht allein eine vergebliche Klage an, sondern wird noch dazu als ein falscher Ankläger verurteilt. Beweise deine Sache durch Zeugen, so sollst du bald wieder zu dem Deinigen kommen.« Da ich nun auf diese Weise, aus Mangel der Zeugen, meine Sache verlor, bedauerte ich nicht sowohl meinen als dieser ganzen Republik erbarmungswürdigen Zustand, denn ich schloss daraus, dass dergleichen Gesellschaften sehr schwach und ohnmächtig seien, die auf bloße menschliche Gesetze gegründet sind und dass dergleichen politische Gebäude von sehr schlechter Dauer sein müssten, wenn sie nicht durch die Religion befestigt wären. Ich hielt mich 3 Tage hier auf, lebte aber in steter Furcht. Denn obschon die Gesetze dieser Stadt ganz heilsam und nützlich sind und die Laster auf das Nachdrücklichste bestraft werden, so kann man doch bei dem Volk, das keinen Gott und keine Religion hat, keine Sicherheit hoffen, indem sie sich kein Gewissen machen, alle Laster auszuüben, wenn es nur verborgenerweise geschehen kann, dass sie nicht an den Tag kommen. Nachdem ich dieses Land, worin man an keinen Gott glaubte, verlassen und einen rauen Berg überstiegen hatte, kam ich zu der Stadt Bracmat, die auf einer Ebene am Fuß dieses Berges lag. Die Einwohner dieser Stadt sind Wacholderbäume. Der Erste, der mir begegnete, fiel mit ganzem Leib auf mich und warf mich rücklings zu Boden, und als ich ihn nach der Ursache dieses Willkommengrußes fragte, bat er mit den verbindlichsten Worten um Verzeihung. Bald darauf begegnete mir ein anderer, der einen großen Zaunstecken in der Hand hatte und mich damit, als ich bei ihm vorbeiging, dermaßen in die Seite schlug, dass er mir bald meine Lenden entzwei geschlagen hätte. Als ich auch diesem seine Unvorsichtigkeit vorhielt, bat er ebenfalls auf das Rührendste um Verzeihung. Ich hielt demnach dafür, dass dieses Volk entweder blind oder übersichtig sei, und ging allen, die mir begegneten, sorgfältig aus dem Weg. Aber dieser Fehler rührte bei einigen von einem allzu scharfen Gesicht her, Kraft dessen sie weit entlegene Dinge, die andere nicht wahrnehmen, aufs Genaueste unterscheiden, nahe Dinge aber und was sich unter ihren Füßen befindet, vor allzu scharfem Gesicht nicht sehen können. Sie werden insgeheim Makkatti genannt und sie betreiben höhere Studien, meistens aber sind es Astronomen. Denn zu weltlichen Geschäften eignen sie sich wegen ihres allzu scharfen Gesichts fast gar nicht, weil sie nur die Kleinigkeiten sorgfältig betrachten, bei gründlichen Dingen aber ganz blind sind. Doch bedient sich das Gemeinwesen ihrer beim Untersuchen der Erzgruben und da sie die obere Fläche der Erde nicht sehen, so entdecken sie, was darunter verborgen liegt. Hierüber machte ich diese Anmerkung, dass es nämlich Leute gäbe, die wegen gar zu scharfer Luchsaugen blind seien und in der Tat mehr sehen würden, wenn sie weniger sähen. Nachdem ich abermals einen jähen und höchst beschwerlichen Berg überstiegen hatte, kam ich in das Land Mütak, dessen Hauptstadt einen Weidengarten vorstellt, weil die Einwohner dort lauter Weidenbäume sind. Als ich auf den Markt kam, sah ich einen Jüngling auf einem Nachtstuhl sitzen, der den Rat aufs Wehmütigste um Barmherzigkeit anflehte. Da ich mich nun erkundigte, was dies zu bedeuten hätte, erfuhr ich, dass dieser ein Missetäter sei, dem man heute die 15. Dosis geben würde. Über diese Antwort war ich bestürzt und ging fort, fragte aber kurz darauf meinen Wirt, wie dieses Rätsel zu verstehen sei. Dieser gab mir nun folgende Antwort: »Geißeln, Brandmale, Galgen und andere Strafen, womit benachbarte Völker die Laster zu bekämpfen pflegen, sind bei uns gänzlich unbekannt, denn wir haben die Gewohnheit, dass wir nicht sowohl die Verbrechen bestrafen, als vielmehr die Lasterhaften auf einen besseren Weg zu bringen suchen. Dieser schuldige Jüngling, den du öffentlich auf dem Nachtstuhl hast sitzen sehen, ist ein ungeschickter Bücherschreiber, der wegen seiner heftigen Begierde zu schreiben, die weder durch die Gesetze, noch durch die öftere Verwarnung der Obrigkeit zu dämpfen gewesen, um so mehr der öffentlichen Strafe oder Medizin unterworfen worden, und die Zensoren dieser Stadt, die alle Doktoren der Arzneikunst sind, werden ihn so lange mit öfterem Purgieren auszumergeln fortfahren, bis seine unmäßige Begierde erloschen sein wird und er mit dem Bücherschreiben aufhört.« Nach beendeter Antwort wurde ich in die öffentliche Apotheke geführt, wo ich mit größtem Erstaunen folgende Büchsen mit ihren Inschriften in richtiger Ordnung gesetzt antraf: Pulver gegen den Geiz, Pillen für die Geilheit, Tinktur gegen die Grausamkeit, niederschlagendes Mittel gegen die Hoffart, Rinde gegen die Wollust und dergleichen. Wie schwindlig mir in meinem Kopf über diese Gaukeleien geworden, kann ich unmöglich beschreiben. Endlich aber kam ich fast ganz und gar außer mir, als ich einige Pakete folgender Aufschrift sah: Magister Pisags Rede, deren Durchlesung, wenn sie frühmorgens geschieht, sechs Stühle verursacht. Doktor Jukes’ Betrachtungen, die Schlaf zu machen dienlich sind. Ich sah hieraus, dass dies ein ganz besonderes Volk sein musste, und damit ich die Kraft und Wirkung gedachter Medikamente genauer erfahren möchte, schlug ich das erste Buch auf. Es war dermaßen abgeschmackt verfertigt, dass ich bei Durchlesung des ersten Kapitels gähnen musste, als ich fortfuhr zu lesen, fingen meine Gedärme an zu murren und bald darauf bekam ich Schneiden und Grimmen im Leib. Ich legte daher dieses Buch gern wieder beiseite und machte mich auf die Beine, weil ich mich vollkommen wohl befand und keine Purganz nötig hatte. Hieraus lernte ich, dass nichts auf der Welt ganz und gar ohne Nutzen ist und dass die allerabgeschmacktesten Bücher doch auch zu etwas dienen können. Ferner, dass dieses Volk, obgleich es mir höchst wunderlich und närrisch vorkam, doch so gar töricht nicht wäre. Und mein Wirt beteuerte höchlich, dass er einstmals lange Zeit nicht habe schlafen können, da sei er einzig und allein dadurch kuriert worden, dass er des Doktor Jukes’ Betrachtungen gelesen, ja es stecke eine solche Kraft in diesem Buch, dass es die Wachsamkeit selber schlafen machen würde. Da ich dies und andere Dinge mehr hörte, wurde ich ganz verwirrt in meinem Kopf. Damit aber meine frühere Philosophie, so ich darin hatte, nicht Schiffbruch dabei leiden möchte, verließ ich dies Land auf das Eilfertigste und zwar zu meinem großen Glück, denn die neuen Wunderdinge, die mir hin und wieder bei anderen Völkern vorkamen, ließen mir nicht zu, dass ich meinen verwirrten Gedanken länger nachhängen konnte. Nachdem ich aber die Reise um diesen Planeten gänzlich vollbracht hatte und der Philosophie der Mütacianer sorgfältig nachdachte, so urteilte ich, dass die Arzneikunst, wie sie dieses Volk ausübt, nicht gänzlich zu verwerfen sei. Denn ich habe oft erfahren, dass es in Europa ebenfalls Bücher gibt, die man statt eines Brechpulvers oder einer Purganz brauchen kann, wenn man sie liest, ja die auch denen, die sie lesen, Schlaf verursachen können. Was aber die Gemütskrankheiten anlangt, kann ich den Grundsätzen der Mütacianer nicht Beifall geben, obgleich ich nicht leugnen will, dass es gewisse Leibesschwachheiten gibt, die wir mit den Gemütskrankheiten konfundieren, wie hiervon ein Dichter unserer Zeit ganz artig in folgenden Zeilen solches auszudrücken sucht: Mein Freund, ein scharfer Saft durchdringet unsere Glieder, Und schläget unsern Sinn aufs Heftigste darnieder; Mir nimmt der herbe Schmerz das Herze gänzlich ein, Und dir durchdringet er die Adern, Mark und Bein. Du hast das Podagra, dich höret man beklagen, Mir tut das Herze weh, so dass es nicht zu sagen, Doch glaubt mir’s niemand nicht: Ich muss ein Pinsel sein, Ein hochmutsvoller Narr, ein Starrkopf obendrein. So unterschieden ist die Wirkung scharfer Säfte; Dir lähmen sie das Bein, und hindern da die Kräfte, Mir dringen sie aufs Herz und stören meine Ruh: Jedoch du wirst beklagt, mein lacht man noch dazu. Nachdem ich auch dieses Land verlassen und über einen See, dessen Wasser ganz goldgelb aussah, übergesetzt, gelangte ich in das Land Mikrok. Als ich in die Hauptstadt gleichen Namens hineingehen wollte, fand ich das Stadttor zugeschlossen. Ich musste deshalb eine Zeit lang warten, ehe der verschlafene Wächter das mit Riegeln und Schlössern fest verwahrte Tor aufmachte. In der Stadt lag alles in tiefem Schlaf vergraben und ich hörte weiter nichts, als das gewaltige Schnarchen der schlafenden Einwohner, dass ich mir sogar einbildete, ich sei hier zu der wahren Wohnung des Schlafs, dergleichen sich die Poeten eingebildet, gekommen. Ich dachte daher bei mir selber : »Wollte Gott, dass einige von unseren Bürgermeistern und Ratsherrn nebst anderen honetten Bürgern in meinem Vaterland hier geboren worden wären, so könnten sie doch in dieser glückseligen Stadt ihr Leben in vollkommener Gemächlichkeit und Ruhe zubringen, auf die sie so sehr viel halten.« Aus den Zeichen und Überschriften der Häuser konnte ich aber doch so viel herauslesen, dass hier Künste und Handwerke getrieben wurden, hingleichen, dass man Recht und Gerechtigkeit handhabe. Nach Anweisungen dieser Überschriften entdeckte ich auch ein Wirtshaus, doch war der Eingang nicht offen, denn die Tür war verriegelt und zugeschlossen, und obgleich es schon über Mittag war, so war es was die Einwohner betraf doch noch Nacht. Nach langem Anpochen wurde ich endlich eingelassen. Hier teilen sie Tag und Nacht in 23 Stunden ein, wovon sie 19 dem Schlaf, die übrigen 4 aber dem Wachen widmen. Ich mutmaßte daher, dass hier sowohl öffentliche als Privatgeschäfte sehr nachlässig behandelt werden müssten und befahl, mir in aller Geschwindigkeit aufzutragen, was an Speisen vorhanden sei, denn ich befürchtete, es möchte den Koch unter währender Zubereitung des Mittagsmahls die Nacht wieder überfallen. Aber da hier alles sehr gedrängt zugeht und alles Überflüssige vermieden wird, so ist ein solcher kurzer mikrokischer Tag lang genug, dass sie ihre Geschäfte verrichten können. Nach der Mittagsmahlzeit, die mir früher aufgetragen wurde, als ich vermuten konnte, führte mich mein Wirt durch die Stadt. Wir gingen in die Kirche, wo eine Rede gehalten wurde, die der Zeit nach sehr kurz, der Wichtigkeit wegen aber sehr lang zu halten war. Der Redner kam gleich zum Zweck, er machte keine Umschweife, wiederholte auch eine Sache nicht wievielmal und sagte nichts Überflüssiges. Mit einem Wort, sie war dermaßen wohl eingerichtet, dass, wenn ich sie gegen die langen Predigten des Herrn Magister Petri hielt, die mir so oft einen Ekel verursacht hatten, und sie mit dieser unterirdischen verglich, mir diese kurze Rede zweimal nachdrücklicher vorkam als seine langen Predigten. Mit ebensolcher Kürze werden auch die Gerichtshändel entschieden. Die Advokaten sagen hier mit wenig Worten viel und stellen sogleich die Zeugen zur Untersuchung dar. Ich besinne mich, dass ich den Vertrag gelesen, den dieses Volk mit einem benachbarten Volk nur kurz zuvor, ehe ich hinkam, erstellt hatte, der mit folgenden Worten abgefasst war: Die Mikrokianer und die Splendikaner wollen eine immerwährende Freundschaft miteinander halten. Die Grenzen beider Reiche sollen der Fluss Klimac und die Mitte des Berges Zabor sein. Unterschrieben von XXX. Sie verrichten also hier mit etlichen wenigen Zeilen, was bei uns wohl ganze Bücher erfordert. Man sieht auch hieraus, dass man mit wenig Umständen und ohne viel Zeit zu verlieren, gar leicht zum Zweck kommen kann, wenn man nur die Weitläufigkeiten zu vermeiden suchte, eben wie ein Wandersmann noch halb so geschwind an Ort und Stelle kommen könnte, wenn der Weg beständig gleich zuginge. Die Einwohner dieser Stadt sind durchgängig Zypressen und sind durch gewisse Beulen an der Stirn von den anderen Bäumen unterschieden. Diese Beulen nehmen zu gewissen und bestimmten Zeiten ab und zu, wenn die Stirn anfängt aufzulaufen, so erfüllt sie nach und nach einen Schnupfen, da denn die Feuchtigkeiten aus den Beulen auf der Stirn, gleichsam wie aus einem Geschwür, in die Augen herabfließen und ihnen die herannahende Nacht verkünden. Fast 1 Tagereise von hier liegt das Land Makrok, oder das Land der Wachenden, weil die Einwohner hier niemals schlafen, sondern beständig wachen. Als ich in die Stadt kam, begegnete ich einem sehr eilfertigen und geschäftigen Jüngling, den ich ganz demütig ersuchte, er möchte so gütig sein und mich in ein bequemes Wirtshaus weisen. Er entschuldigte sich aber mit notwendigen Verrichtungen und setzte seinen Weg sehr eilfertig fort. Ja, die Einwohner waren alle dermaßen eilfertig, dass sie über die Gassen und Märkte der Stadt nicht gehen sondern zu springen oder gar zu fliegen schienen, gleichsam als wenn sie befürchteten, sie würden alle zu spät kommen. Ich dachte daher, es sei Feuer in der Stadt oder die Bürger seien sonst durch einen unvermuteten Unglücksfall in Furcht und Schrecken gesetzt worden, und ging lange ganz allein hin und her, bis ich endlich an ein Haus kam, an dem mir die ausgehängte Tafel zeigte, dass es ein Wirtshaus sei. Hier traf ich einige an, die weggingen, andere stiegen die Treppe hinauf, wieder andere stolperten vor allzu großer Eilfertigkeit dermaßen, dass ich wohl eine Viertelstunde am Eingang des Hauses stehen bleiben musste, ehe ich hineinkommen konnte. Als ich endlich hineinkam, wurde ich mit unzähligen und unnützen Fragen empfangen. Einer fragte, was ich für ein Landsmann sei, wo ich hinreiste, wie lange ich mich schon in der Stadt aufhielte, der andere, ob ich allein oder mit anderen zugleich an einem Tisch speisen wollte, hingleichen in welchem Zimmer ich das Mittagsmahl einnehmen wollte, ob in dem roten, grünen, weißen oder schwarzen Zimmer, ob es mir besser unten auf der Erde oder im oberen Stockwerk gefiele und dergleichen Dinge mehr. Der Wirt, der an einem kleinen Ort zugleich Gerichtsschreiber war, ging auch zu Tisch, kam aber bald wieder und erzählte mir sehr weitläufig den Inhalt eines Prozesses, der schon ganze 10 Jahre währte und der jetzt schon vor dem 14. Gericht geführt würde. Endlich setzte er hinzu, er hoffe aber doch, dass er in ein paar Jahren wird zu Ende gebracht werden können, denn es sind nur noch zwei Instanzen übrig, von denen hernach nicht weiter appelliert werden kann. Über diese Erzählung geriet ich ganz außer mir, mein Wirt aber verließ mich auf eine Zeit lang, und ich erkannte hieraus so viel, dass dieses Volk mit aller seiner Eilfertigkeit nichts ausrichtete. Während der Abwesenheit des Wirts ging ich hin und wider im Haus herum und kam zufällig in die Bibliothek. Diese war sehr groß, aber an guten und Kernbüchern sehr arm und übel versehen. Unter den Büchern, die sehr sauber eingebunden waren, bemerkte ich folgende: Beschreibung des Tempels Cath in 24 Bänden. Die Belagerung des Schlosses Pehunc in 56 Bänden. Vom Nutzen des Krautes Slac in 15 Bänden. Leichenrede auf das Absterben des Ratsherrn Jacksi in 18 Bänden. Als mein Wirt wiederkam, erzählte er mir von der Regierungsverfassung dieser Stadt, woraus ich so viel sehen konnte, dass die verschlafenen Mikrokianer mehr verrichten, als die beständig wachenden Makrokianer, weil jene nach dem Kern griffen, diese aber mit den Hülsen und Schalen spielten. Die Einwohner dieses Landes sind ebenfalls Zypressen und sind der äußeren Gestalt nach wenig von den Mikrokianern unterschieden, nur dass sie keine Beulen auf der Stirn haben. Doch haben sie auch kein Blut oder sonst einen fließenden Saft in ihren Adern, wie die anderen belebten Bäume dieses Planeten, sondern sie sind stattdessen mit einer gewissen dicken Feuchtigkeit versehen, die dem Quecksilber beinah gleichkommt. Ja, einige meinen sogar, dass es wirklich Quecksilber sei, weil diese Feuchtigkeit mit dem Quecksilber in den Wettergläsern gleiche Wirkung hat. 2 Tagereisen von diesem Land liegt die Republik Siklok, die aus zwei Bundesgenossenschaften besteht, die aber einander ganz zuwiderlaufende Gesetze haben. Die eine wird Miho genannt und ist von ihrem ehemaligen berühmten Gesetzgeber Mihac gestiftet worden; dieser suchte hauptsächlich durch solche Gesetze, die die überflüssigen und unnötigen Kosten verbieten, dem Gemeinwesen aufzuhelfen und verbot alle Pracht und Schwelgerei auf das Nachdrücklichste. Diese Bundesgenossenschaft verdiente daher ihrer Mäßigkeit und Sparsamkeit wegen ein zweites Sparta genannt zu werden. Darüber aber wunderte ich mich nicht wenig, dass es in einer so wohlbestellten Republik so viele Bettler gab, denn wohin ich meine Augen nur wendete, sah ich auf einen Baum, der um ein Almosen anhielt, sodass es für einen Reisenden nirgends beschwerlicher ist als hier. Nachdem ich die Beschaffenheit der Republik etwas aufmerksamer überlegt hatte, befand ich, dass dieses Elend von der Mäßigkeit der Einwohner selbst herrührte. Denn da aller Überfluss verboten ist und die Reichen sogar bei ihrem Überfluss darben, so führt das einfache Volk ein faules, träges und bettelhaftes Leben, weil es nichts zu verdienen hat oder irgendetwas erwerben könnte. Ja, ich lernte hieraus, dass die Kargheit und Sparsamkeit in politischen Dingen eben die Wirkung hat, wie die Verstopfung des Geblüts im menschlichen Leib hervorzubringen pflegt. In der anderen Bundesgenossenschaft, die Liho genannt wird, lebte man hingegen herrlich und in Freude und scheute keine Kosten. Daher blühen auch hier hin und wieder gute Künste und Wissenschaften, wodurch die Einwohner zur Arbeit angefrischt werden und auf diese Weise sich nicht nur nötigen Unterhalt erwerben, sondern auch Schätze sammeln können. Und wenn man doch etwa einen Armen antrifft, so mag er die Schuld nur seiner bloßen Faulheit beimessen, indem es allhier niemanden an Gelegenheit fehlt, etwas zu erwerben. Die Verschwendung der Reichen gibt also der ganzen Gesellschaft das Leben, nicht anders als wie der ordentliche Umlauf des Geblüts die Glieder des menschlichen Körpers stärkt und belebt macht. Mit diesem Land grenzt die Stadt Lama zusammen, ein berufener Aufenthalt der Ärzte, denn die Arzneikunst wird hier mit solchem Fleiß und mit solcher Gründlichkeit betrieben, dass niemand für einen rechtschaffenden und verständigen Doktor durchgeht, wenn er nicht auf der Hohen Schule zu Lama studiert hat. Es gibt daher hier so viel Doktoren, dass man eher einen Medicum als einen Einwohner findet. Hier sieht man ganze Gassen voll Apotheken und Werkstätten, worin anatomische Instrumente verfertigt werden. Als ich einstmals aus Langeweile in der Stadt herumschlenderte, begegnete mir ein Bäumchen, das ein Verzeichnis derjenigen, die dieses Jahr hier verstorben waren, zu verkaufen anbot. Ich sah daraus nicht ohne Erstaunen, dass im vergangenen Jahr 150 Bäume geboren, 600 aber gestorben seien. Denn ich konnte in Wahrheit nicht begreifen, wie es zuging, da Apollo selber hier zu wohnen schien, dass der Tod dennoch so schrecklich unter den Einwohnern aufräumte. Ich fragte demnach diesen Buchhändler, durch was denn für eine ungewöhnliche Seuche oder Pest im vorigen Jahr so viele Einwohner dieser Stadt aufgerieben worden seien, und erhielt von ihm zur Antwort, dass die nächsten 2 Jahre vorher die Totenliste noch weit stärker gewesen und das sei die gewöhnliche Proportion zwischen den Geborenen und Gestorbenen, denn der Letzteren pflegten größtenteils dreimal mehr zu sein als der Ersteren, weil die Einwohner dieser Stadt beständig siech und krank seien, wodurch denn ihr Tod beschleunigt werde. Ja, wenn nicht jährlich aus anderen Provinzen immer neue Einwohner hierher versetzt würden, wäre die Stadt in kurzem ganz und gar ausgestorben. Ich setzte demnach meine Reise aufs Eilfertigste fort, indem ich es nicht für ratsam hielt, mich hier länger aufzuhalten, zumal da mir schon der bloße Name eines Arztes und das bloße Anschauen anatomischer Instrumente Furcht und Schrecken verursachte, weil ich dasjenige noch nicht vergessen hatte, was mir im Land der Philosophen begegnet war. Ich war daher froh, als ich aus diesem Land wieder hinauskam und ruhte nicht eher, bis ich in ein Dorf kam, das 4.000 Schritt von Lama entfernt war, in dem die Einwohner ohne Ärzte und auch ohne Krankheit lebten. Nach 2 Tagereisen langte ich im Freien Land an. Hier lebt ein jeder Einwohner für sich und ist sein eigener Herr. Eine jede Familie kann eine kleine Republik vorstellen, denn sie sind keinen Gesetzen und keiner Obrigkeit unterworfen, doch halten sie unter sich eine Art von gesellschaftlichem Wesen und in allgemeinen Angelegenheiten beratschlagen sich die Alten miteinander, die denn immer Friede und Einigkeit zu erhalten suchen und vornehmlich diese Regel aus dem natürlichen Gesetz einführen: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« An allen Stadttoren und an allen Haustüren war das Bild der Freiheit ausgeschnitzt zu sehen, die auf Ketten und Banden trat, wobei gleich die Aufschrift stand: »Die goldene Freiheit«. In der ersten Stadt, in die ich kam, sah alles ziemlich ruhig aus, doch sah ich, dass sich die Einwohner durch gewisse Binden voneinander unterschieden, welche die Merkmale besonderer Fraktionen waren, in die die Bürgerschaft eingeteilt war. Die Zugänge an den Häusern der Mächtigsten waren mit sieben bewaffneten Wächtern besetzt und es schien, als wenn sie nur alle darauf lauerten, dass nach beendetem Stillstand der Krieg von neuem angehen möchte. Ich floh daher voller Furcht aus diesem Freien Land und hielt mich nicht eher für sicher, bis ich es aus den Augen verloren hatte. Das nächste Land, das gleich neben diesem lag, hieß Jochtana. Was ich von diesem Land wusste, setzte mich in Erstaunen, weil ich glaubte, es würde allhier noch viel unordentlicher, ja unsicherer und verwirrter zugehen als in dem Freien Land, denn hier wurden alle Religionen, Sekten und Ketzereien geduldet und alle Lehren, die nur an irgendeinem Ort dieses Planeten gelehrt wurden, kamen hier gleichsam wie zu einem Mittelpunkt zusammen und wurden öffentlich vorgetragen. Da mir nun hierbei einfiel, was für traurige Folgen aus dem Unterschied der Religionen in den meisten Ländern unseres Europa entstanden, wagte ich beinah nicht, in die Hauptstadt Jochtansii einzukehren, weil hier so viele Kirchen und einander entgegengesetzte Sekten wie öffentliche Plätze und Gassen anzutreffen waren. Aber als ich hineinkam, verschwand meine Furcht augenblicklich, weil ich die größte Einigkeit regieren sah und niemanden über den anderen klagen hörte. In politischen Dingen waren alle miteinander eines Sinnes, ein jeder ließ sich gefallen, was dem anderen gefiel und sie boten einander hilfreich die Hand. Denn da es bei Lebensstrafe verboten war, dass sich keiner unterstehen sollte den anderen in seinem Gottesdienst zu stören, oder auch nur einander der Lehre wegen aufsässig zu sein, so traf man hier bei dem Unterschied der Religion keine Feindschaft an, das Disputieren darüber ging ohne Gezänk ab, und es konnte kein Hass entstehen, weil keiner den anderen verfolgte. Die ganze Sache, worauf es ankam, bestand in einem rühmlichen Eifer, dass eine jede Sekte der anderen in Ausübung löblicher Tugenden vorangehen wollte und durch ein gottseliges Leben dartun wollte, dass sie vor anderen den Vorzug verdiene. Es war demnach hier durch die guten Anstalten und Verordnungen der Obrigkeit so weit gekommen, dass die Mannigfaltigkeit der Religion keine größere Unordnung verursachte, als nur etwa diejenigen zu sein pflegen, welche die vielerlei Kaufmannsgewölbe und Handwerksbuden auf einem Markt verursachen, wenn einige durch die bloße Güte der Ware die Käufer an sich locken, im Übrigen aber allen Betrug, Gewalt und Verleumdung beiseite setzen, wodurch alle Uneinigkeit, so etwa entstehen könnte, alsbald erstickt und stattdessen ein beständiger und rühmlicher Eifer, sich vor anderen hervorzutun, behalten wird. Ich sah auch hieraus, dass all die Unruhen, die anderwärts herrschen, nicht nur vom Unterschied der Religion herrühren, sondern vielmehr aus den Verfolgungen entstanden. Ein gewisser Gelehrter in Jochtana erzählte mir, die Sitten und Gewohnheiten dieses Volks, ihre Regierungsform und die Ursachen, warum hier alles so ruhig zuging, sehr ausführlich und ich hörte ihm mit größter Aufmerksamkeit zu und drückte mir’s tief ins Gedächtnis. Ich machte ihm zwar allerhand Einwürfe, endlich aber musste ich ihm doch recht geben, da er seine Grundsätze mit so einem sonderbaren und in die Augen fallenden Beispiel bestärken konnte, daher war ich genötigt, dem, was ich sah und in der Tat nicht anders war, beizupflichten und hielt mit ihm zugleich dafür, dass die Freiheit zu glauben, was ein jeder wolle, der wahre Grund dieser Einigkeit sei. Doch griff ich meinen Kontrapart mit noch einem anderen Argument an, indem ich behauptete, die Gesetzgeber hätten bei Errichtung oder Stiftung einer Republik nicht sowohl auf die gegenwärtige Glückseligkeit der Sterblichen zu sehen, als vielmehr ihre künftiges Wohl in Betracht zu ziehen und nicht nur ihr Augenmerk auf das zu richten, was uns in diesem Leben nützt, sondern vielmehr auf das, was dem Schöpfer wohlgefällt. Er antwortete mir aber hierauf folgendermaßen: »Mein lieber Fremdling, du betrügst Dich, wenn Du meinst, dass Gott, als der Brunnquell aller Wahrheit, an einer geschminkten und heuchlerischen Verehrung Gefallen habe. Bei anderen Völkern, wo, auf obrigkeitlichen Befehl, durchgängig dieselbe Religionsübung eingeführt ist, werden eben dadurch der Unwissenheit und Verstellung Tor und Tür geöffnet, es untersteht sich dort niemand, seines Herzens Gedanken zu offenbaren, sondern die meisten denken im Herzen anders, als sie mit dem Mund reden. Daher wird denn das Studium der Gottesgelahrtheit sehr lau behandelt, und man gibt sich keine Mühe, die Wahrheit zu entdecken, weil die Priester sogar sich selber mancher gottseligen Betrachtung entziehen, da sie nicht etwa mit dem verhassten Namen der Ketzer belegt werden möchten, sondern sie legen sich auf andere Studien, die sie mit weniger Gefahr ausüben können und die der Freiheit nicht so beschwerlichen Fesseln anlegen. Diejenigen, die von der herrschenden Meinung abweichen, werden allesamt verdammt. Die Heuchler aber gefallen Gott nicht, er hat mehr Gefallen an einer irrigen und aufrichtigen Verehrung, als an einem verstellten und heuchlerischen Gottesdienst.« Als ich dies hörte, schwieg ich gern still und unterstand mich nicht, mit einem so verschlagenen Volk weiter zu disputieren. Es waren nun beinah 2 Monate über meine Reise verstrichen, als ich endlich in das Land Tumbac kam, das mit dem Fürstentum Potu gleiche Grenzen hatte und das ich ja als mein Vaterland betrachtete, und nun das Ende meiner beschwerlichen Reise vor mir sah. Die Einwohner des Landes Tumbac sind meist wilde Ölbäume und sie führen ein sehr andächtiges und strenges Leben. Im ersten Wirtshaus, in dem ich einkehrte, musste ich beinah 2 Stunden nüchtern stehen bleiben und so lange auf das Frühstück warten, obwohl ich es zu wiederholten Malen forderte. Die Ursache dieser Verzögerung war auf Seiten meines Wirts eine unzeitige Ausübung seiner Gottesfurcht, indem er mir das Frühstück nicht eher zurichten wollte, bis er sein Morgengebet verrichtet hatte. Nachdem er endlich mit seiner gewöhnlichen Andacht fertig war, brachte er mir unter vielem Murmeln das Morgenbrot, das statt aus Krammetsvögeln aus stinkendem Kohl bestand, gleichwohl kam mich dieses Frühstück teuer zu stehen und ich kann versichern, dass ich auf meiner ganzen Reise keinen andächtigeren aber auch keinen ungeschliffeneren Wirt angetroffen habe als diesen. Bei mir selber aber dachte ich, es sei besser etwas sparsamer zu beten, die Werke der Gottseligkeit hingegen desto reichlicher auszuüben. Doch ich verbiss meinen Schmerz, indem ich wohl wusste, wie gefährlich es sei, so himmlisch gesinnte Gemüter zum Zorn zu reizen. So viel in dieser Stadt Bürger anzutreffen waren, so viel sah man auch sauersehende und strenge Sittenbeurteiler. Alle Einwohner, wenn sie auf die Gasse gehen, hängen die Köpfe auf die Seite, lassen ihre Zweige niedersinken, schmähen beständig auf die Eitelkeiten der Welt und verdammen auch das unschuldigste Vergnügen, denn sie tadeln alles, sogar die Gebärden und das Lachen, und wollen durch beständiges Richten der anderen hingleichen, durch viele dunkle Worte, den Schein der Heiligkeit für sich zuwege bringen. Als ich mein Gemüt, das von der Reise ermüdet und nach so vielen Beschwerlichkeiten ganz entkräftet war, durch einen unschuldigen Zeitvertreib wieder aufzurichten trachtete, wurde mir dies hin und wieder sehr übel ausgelegt, sodass mir auf diese Weise jedes Haus wie ein strenger Richterstuhl vorkam, vor dem ich gleichsam mein Sündenbekenntnis ablegen sollte. Einige flohen mich sogar wie eine Pest und ansteckende Seuche, als sie sahen, dass ihre Ermahnungen und Verweise bei mir nichts fruchten wollten. Ich mag mich aber bei dem mürrischen Wesen dieses Volks nicht länger aufhalten, doch will ich nur noch ein einziges Beispiel davon anführen, das die Gemütsart dieses Volks deutlich abmalen und von dem aus man auf das Übrige leicht schließen kann. Ein gewisser wilder Ölbaum, mit dem ich früher in Potu schon ganz vertraut umgegangen, wurde mich zufällig gewahr, als ich vor einem gewissen Wirtshaus vorbeiging, und rief mich hinein. Als er aber vernahm, dass ich ein wenig locker lebte, verwies er mir meine Lebensart mit solcher Heftigkeit, dass mir die Haare zu Berge standen und mir alle Glieder zu zittern anfingen. Als er aber so gewaltig auf mich loswetterte, leerten wir indessen einen Krug nach dem andern aus, bis wir endlich alle beide dermaßen bezecht waren, dass wir rücklings miteinander zu Boden fielen und von den herbeilaufenden Einwohnern halb tot nach Hause geschleppt wurden. Nachdem mir der Tummel im Kopf wieder vergangen und ich erwachte, fing ich zunächst ernsthaft an, die Beschaffenheit dieses Religionseifers zu untersuchen und wurde gewahr, dass dieser eher von verderbten Säften und schwarzer Galle als von einer wahren Neigung zur Gottesfurcht herrührte. Doch unterstand ich mich nicht, hier meine Meinung jemandem zu eröffnen, sondern reiste kurz darauf in aller Stille wieder fort. Endlich langte ich nach Verlauf von 2 Monaten wieder zu Hause an. Ich war aber rechtschaffen müde, denn die durch beständiges Wandern entkräfteten Knie konnten meinen Körper kaum mehr tragen. Am 10. Tag des Hageichenmonats kam ich wieder in Potu an und überreichte dem Fürsten mein Tagebuch in aller Untertänigkeit und Ihro Durchlaucht ließen es alsbald zum Druck befördern. (Hier ist zu bemerken, dass die Buchdruckerkunst, deren Erfindung sich die Europäer und Skythen zuschreiben, auf diesem Planeten schon lange vorher erfunden worden war.) Meine Reisebeschreibung war dermaßen nach dem Geschmack der Potuaner eingerichtet, dass sie sich nicht satt daran lesen konnten. Man sah an allen Ecken und Gegenden der Stadt gewisse Bäume umhergehen, welche die Beschreibung zu verkaufen hatten und sie mit folgenden Worten ausriefen: »Reisebeschreibung des Hofläufers Scabba um die ganze Welt.« Durch diese glückliche Begebenheit wurde ich hochmütig und fing an, nach höheren Diensten zu streben, indem ich mir ein außerordentlich reiches Geschenk dafür einbildete. Als ich mich aber in meiner Hoffnung betrogen sah, übergab ich dem Fürsten aufs Neue eine Supplik, in der ich meine gehabten Bemühungen aufs Beste herausstrich und um eine anständige Vergeltung anhielt. Der Fürst, weil er von Natur gnädig und gütig war, wurde durch mein Bitten bewegt und versprach mir ganz gnädig, er wolle meiner gedenken, was er zwar auch tat, allein die ganze Gnade bestand in nichts weiter, als in einer Erhöhung meines jährlichen Solds. Ich hatte mir aber eine ganz andere Belohnung vorgestellt, daher wollte ich mit dieser Gnadenbezeugung nicht zufrieden sein. Doch obwohl ich durch häufiges Flehen und Bitten bei dem Fürsten nichts weiter herausbringen konnte, eröffnete ich meinen Herzenskummer dem Großkanzler. Dieser verständige Mann hörte meine Klagen mit der größten Leutseligkeit an und versprach mir seinen Beistand, erinnerte mich aber daran, ich solle lieber von einer so ungereimten Bitte absehen und nur selber die Schwäche meines Verstands überlegen: »Denn«, fuhr er fort, »die Natur ist dir nicht günstig gewesen und es fehlt dir an Gemütsgaben, wodurch der Weg zu wichtigen Staatsgeschäften gebahnt wird. Du musst nach demjenigen nicht trachten, was du nicht erlangen kannst, denn indem du dich anderen gleichstellen willst, vergisst du dich selbst darüber. Ja, wenn du dasjenige erhalten solltest, worum du so töricht bittest, so würde es dem Fürsten sehr übel ausgelegt werden und die Gesetze würden dadurch verletzt. Sei deshalb mit deinem Zustand zufrieden und lass die Hoffnung nach demjenigen nur fahren, was die Natur dir versagt hat.« Er erkannte meine Dienste zwar an und rühmte meine Strapazen, die ich bei meiner Reise ausgestanden hatte, er meinte aber zugleich, meine Verdienste seien doch nicht so beschaffen, dass ich mir ein öffentliches Amt versprechen dürfe, denn wenn ein jeder, der etwa eine Beschwerlichkeit ausgestanden oder sich einigermaßen verdient gemacht hat, sogleich zu einer hohen Ehrenstelle erhoben wird, so würde ein jeder Handwerksmann, Maler und Bildhauer, wenn er etwa eine künstliche Statue verfertigt oder ein schönes Bild gemalt hätte, eine Ratsherrnstelle für seine Bemühungen zum Ausgleich verlangen wollen. Die Verdienste wären zwar zu belohnen, man müsse aber die Belohnungen nach den Verdiensten einrichten, damit das Gemeinwesen dabei nichts einbüße oder sich lächerlich mache. Diese und andere Ermahnungen bewegten mich, eine Zeit lang still zu schweigen, doch da es mir allzu unerträglich schien, bei so einer geringen Lebensart grau zu werden, so fiel ich aufs Neue wieder auf ein desperates Vornehmen, das ich bisher ein wenig beiseite gesetzt, und dachte auf Verbesserungen in politischen Dingen, damit ich durch eine neue Erfindung sowohl dem Gemeinwesen dienen, als mein eigenes Wohl befördern möchte. Kurz vor meiner letzten Reise hatte ich die Staatsverfassung des Fürstentums sorgfältig untersucht, um zu erfahren, ob ich nicht etwa einige Fehler darin entdecken möchte, die einer Verbesserung würdig wären, und was für Mittel etwa am bequemsten hierzu dienen könnten. Bei der Staatsverfassung in der Provinz Cocleku hatte ich bemerkt, dass das Gemeinwesen schlimm dran sei, wo die Frauen zu den Staatsgeschäften hinzugezogen wurden, weil sie von Natur hoffärtig sind und daher ihre Gewalt und ihr Ansehen unendlich erweitern wollen und auch nicht eher ruhen, bis sie eine vollkommene und absolute Herrschaft erlangt haben. Ich wollte daher ein Gesetz in Vorschlag bringen, Kraft dessen die Frauen ferner keinen Anteil an öffentlichen oder Staatsgeschäften haben sollten, und ich versprach mir hierin großen Beifall, indem ich mir einbildete, ich würde gar leicht dartun können, was für üble Folgen daraus entstünden und wie gefährlich es für das männliche Geschlecht sei, wenn nicht der Gewalt und Ansinnen der Frauen beizeiten Einhalt geschehe. Und falls auch den meisten die gänzliche Abschaffung dieser Gewohnheit allzu hart vorkommen möchte, so wollte ich doch jedenfalls darauf dringen, dass man der weiblichen Gewalt Einhalt tun und ihr engere Grenzen setzen müsste. Ich hatte bei Anratung dieses Gesetzes dreierlei Absicht. Erstlich wollt’ ich das Ansehen haben, einem Fehler, dem das Gemeinwesen unterworfen war, abzuhelfen. Zum anderen suchte ich dadurch mich selber in bessere Umstände zu setzen, wenn ich durch eine edle und kluge Erfindung eine Probe meiner Beurteilungs- und Erfindungskraft ablegte. Und drittens wollte ich hierdurch das von den Frauen mir angetane Unrecht rächen und die Schandflecken, die sie mir öfters angehängt hatten, wieder auslöschen. Denn ich gestehe ganz gern, dass mein Privatnutzen und das Verlangen mich zu rächen die Hauptursachen dieses Unternehmens waren. Doch wusste ich meine eigene Absicht meisterlich zu verbergen und suchte unter dem Vorwand, dem Gemeinwesen zu dienen, bloß meinen eigenen Vorteil, eben wie andere Projektemacher, deren Vorschläge jedesmal dem Gemeinwesen zum Besten gereichen sollen, wenn man sie aber genau prüft, so findet man, dass der Eigennutz der einzige Beweggrund gewesen, weswegen sie dieselben getan haben. Gedachten Vorschlag übergab ich meinem Fürsten in aller Untertänigkeit, nachdem ich ihn auf das Künstlichste abgefasst und mit triftigen Beweggründen erläutert und bewiesen hatte. Er erschrak aber über dieses verwegene und törichte Ansinnen aufs Heftigste, weil er besondere Gnade für mich hegte und glaubte, ich würde dadurch das äußerste Verderben über den Hals bekommen. Daher suchte er mich durch freundliche Ermahnungen von meinem Vorhaben abzuschrecken, ja, er vermischte sie sogar mit majestätischen Drohungen. Ich ließ mich aber keineswegs von meinem Vorhaben abwendig machen, weil ich mich dabei teils auf den Nutzen verließ, den mein Vorschlag schaffen konnte, teils aber auch auf den Beifall des ganzen männlichen Geschlechts, von dem ich gewiss glaubte, dass es gemeinsame Sache mit mir machen würde. Ich wurde daher nach Gewohnheit dieses Landes mit einem Strick um den Hals auf den öffentlichen Markt geführt, dass ich dort den Ausspruch des gesamten Rats abwarten sollte. Nachdem man nun Rat gehalten und die Stimmen gesammelt, wurde der Ausspruch des Rats dem Fürsten zur Konfirmation überschickt, von wo er bald wieder zurückkam und durch einen Herold mit folgenden Worten ausgerufen wurde: »Nach sattsamer Überlegung urteilen wir : dass das Gesetz, welches Herr Scabba, erster fürstlicher Hofläufer, wegen Ausschließung des weiblichen Geschlechts von öffentlichen Ehrenstellen in Vorschlag gebracht hat, nicht anders als mit dem größten Schaden des Gemeinwesens geduldet werden könnte, indem die Hälfte des Volks aus Weibsbildern besteht, diese Neuerung sehr übel nehmen und dem Gemeinwesen beschwerlich und höchst verhasst werden würde. Ferner halten wir dafür, es sei unbillig, dass Bäume von vortrefflichen Gemütsgaben, wodurch sie eben zu hohen Ehrenstellen geeignet befunden werden, davon gänzlich ausgeschlossen bleiben sollen, da man zumal weiß, dass die Natur nichts vergebens gemacht und das weibliche Geschlecht nicht umsonst mit herrlichen Gemütsgaben geziert habe. Wir glauben, das Gemeinwohl erfordere, dass man viel mehr auf die Vortrefflichkeit des Gemüts als auf das Geschlecht bei Besetzung der Ehrenämter zu sehen habe. Und da es öfters in einem Land an vortrefflichen Leuten fehlt, so sei es eine Torheit durch ein einziges Gesetz oder durch einen einzigen Ratschluss, die eine ganze Hälfte des Volks, bloß der Geburt und des Geschlechts wegen, zu allen Ehrenämtern für unfähig zu erklären. Wir erklären vielmehr nach reichlicher Überlegung der Sache oben genannten Vorschlag des Scabba für verwegen und närrisch und verurteilen ihn zum Strick.« Über diesen Zufall wurde der Fürst sehr bekümmert, allein weil er niemals einen Ratschluss zu ändern pflegte, so unterschrieb er dieses Urteil mit eigener Hand, ließ das gewöhnliche Siegel darauf drücken und befahl, es zu publizieren, doch linderte er es in soweit, da ich ein Fremdling und aus einer neuen und unbekannten Welt hergekommen sei, wo ein frühkluger Verstand unter die Tugenden gerechnet werde, so sollte ich dieser wegen mit der Todesstrafe verschont bleiben. Damit aber gleichwohl durch Erlassung der Strafe die Gesetze nicht geschwächt würden, sollte ich bis zum Birkenmonat gefänglich verwahrt, sodann aber nebst anderen Übertretern der Gesetze nach dem Firmament verbannt werden. Nach Publizierung des Urteils wurde ich ins Gefängnis gelegt. Meine Freunde rieten mir damals, ich solle gegen dieses Urteil protestieren, weil unter meinen Richtern so viel Frauen und Jungfrauen gewesen seien, die in ihrer eigenen Sache gerichtet hätten. Anderen aber schien es ratsamer, ich solle mein Vergehen erkennen und dasjenige, was geschehen sei, durch meine natürliche und angeborene Dummheit entschuldigen. Aber ich verwarf diesen Vorschlag beständig, weil ich allzu viel Respekt gegen die Menschen auf unserer oberen Erde hegte, sodass ich sie durch ein so niederträchtiges Bekenntnis nicht hätte beschimpfen wollen. Nicht lange hernach erfuhr ich, der Fürst wolle mir alle Strafen erlassen, wenn ich nur bei ihm um Gnade anhielte und um Vergebung meines Fehlers bäte, obgleich die Rahagna, oder die Schatzmeisterin, mit Händen und Füßen sich dagegen zur Wehr setzte, dass ich meine Freiheit erhalten sollte. Doch dass ich die Wahrheit offenherzig bekenne, ich kümmerte mich gar nicht um dieses Urteil, denn das Amt, das ich verwaltete, war mir unerträglicher als der Tod und ich war es überdrüssig, länger bei diesen Bäumen zu leben, die vor allzu großer Weisheit hätten bersten mögen; überdies hoffte ich auch, meine Umstände könnten sich vielleicht im Firmament bessern, denn ich hatte gehört, dass dort alle Fremdlinge ohne Unterschied sehr gütig aufgenommen würden.