Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
18.03.2026 51 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 9 2/2
Klims Reise um den Planeten Nazar
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Klims Reise um den Planeten Nazar
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
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Musik:
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Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
Nachdem ich dies Land verlassen,
reiste ich durch die Provinz Kiliac,
wo die Einwohner mit solchen Merkmalen auf der
Stirn geboren werden, aus denen man sehen kann,
wie lange und wie viele Jahre einer leben werde,
auch diese pries ich glückselig, weil niemand zu
der Zeit, wenn er etwa ein Laster begeht, durch
einen unvermuteten Tod hingerissen werden kann.
Doch da ein jeder akkurat wusste, wann er sterben
würde, so verschoben sie alle miteinander ihre
Buße bis auf die letzte Todesstunde, wenn man da
etwa einen frommen oder netten Einwohner sähe,
so war es gewiss einer, der nun bald
abfahren sollte. Ich sah hin und wieder
einige auf den Gassen herumgehen, denen
die Köpfe trefflich auf die Seite hingen,
und diese waren alle Kandidaten des Todes, welche
die Tage, Stunden und Augenblicke an den Fingern
abzählten und mit Schrecken der herannahenden
Todesstunde entgegensahen. Hieraus erkannte ich,
wie weise der Schöpfer auch in diesem
Stück mit uns gehandelt, dass er uns die
Todesstunde verborgen, indem es den Menschen
sehr zuträglich ist, dass er sie nicht weiß.
Als ich aus diesem Land herauskam, ließ
ich mich in einem Kahn über eine Meerenge,
die ganz schwarzes Wasser hatte, übersetzen
und kam in das Land Askarat. Hier stellten
sich meinen Augen wieder neue Wunder dar:
Denn wie in der Provinz Cabac Einwohner ohne
Köpfe geboren werden, so werden hier einige im
Gegenteil mit sieben Köpfen zur Welt gebracht.
Diese sind in allen Wissenschaften vortrefflich
erfahren und vor Zeiten haben die anderen
Einwohner diesen siebenköpfigen Einwohnern
beinah göttliche Ehren erwiesen und die Fürsten,
Bürgermeister und Ratsherrn wurden nur aus dieser
Zunft gewählt. Aber da sie so viele besondere
Gemütsarten besitzen, wie sie Köpfe haben, so
konnten sie zwar vielerlei geschickt und hurtig
auf einmal erledigen und ließen nichts unversucht,
so lange wie die Regierung mit ihnen bestellt war,
allein da sie so vielerlei zugleich vernahmen
und so mancherlei Ideen in einem Kopf anzutreffen
waren, so mischten sie das Hundertste in das
Tausendste, ja, mit der Zeit verwirrten sie
alles dermaßen untereinander, dass man ganze
hundert Jahre zubringen musste, die Konfusion,
die der so viel wissende Magistrat angerichtet
hatte, wieder in Ordnung zu bringen. Ja man hat
nach der Zeit ein Gesetz erlassen, Kraft dessen
die siebenköpfigen Einwohner auf immer von allen
wichtigen öffentlichen Geschäften ausgeschlossen
sein sollten und dass die Republik künftig nur
von den Einfachen, oder die nur einen Kopf
haben, regiert werden sollte. Es befinden sich
daher diejenigen, die vor diesem in so großem
Ansehen standen und fast den Göttern gleich
geschätzt wurden, nun in eben den Umständen wie
die ohnköpfigen Einwohner in der Provinz Cabac.
Denn so wie diese gar keinen Kopf haben und nichts
verrichten können, so verwirren im Gegenteil die
vielköpfigen alles untereinander, daher sind sie
nun ja auch von allen Ämtern ausgeschlossen und
müssen im Privatleben alt werden. Sie dienen
gleichwohl dem Gemeinwesen einigermaßen zur
Zierde, denn sie werden hin und wieder zum
Spektakel herumgeführt, dass sie ihre Künste
beweisen und zeigen müssen, wie wohltätig die
Natur bei ihrer Bildung gewesen, da sie ihnen
doch viel günstiger gewesen wäre, wenn sie weniger
Verschwendung bei ihnen angewendet und sie nur
mit einem Kopf gebildet hätte. Aus dem ganzen
Geschlecht derer, die sieben Köpfe haben, waren
ihrer damals nicht mehr als zwei in öffentlichen
Ämtern, doch sie wurden auch nicht eher da
zugelassen, als bis sie sich vorher sechs Köpfe
hatten abschneiden lassen, wodurch es zu geschehen
pflegt, dass, wenn sie nur einen Kopf behalten,
die verwirrten Ideen bei Ihnen verschwinden und
sie zu gesunder Vernunft kommen. Eben wie die
Gärtner öfters den Bäumen einige Zweige abnehmen,
damit die übrigen desto besseren Wuchs bekommen.
Es unterwerfen sich aber wenige von diesen
Siebenköpfigen dergleichen Operation, weil sie
nicht anders als mit dem heftigsten Schmerz
und unter der größten Lebensgefahr verrichtet
werden kann; hieraus lernte ich, dass allzu viel
schädlich sei und dass die Klugheit in einem
einfachen Gehirn und gesetztem Gemüt besteht.
Aus diesem Land reiste man durch die Wüste, durch
wüste Orte nach dem Fürstentum Bostanki, dessen
Einwohner der äußeren Leibesgestalt nach von den
Potuanern wenig unterschieden sind. Von innen aber
gehen sie von der Ordnung der Natur etwas ab, denn
sie haben das Herz in der linken Hüfte, sodass man
mit Recht von ihnen sagen kann, sie haben das Herz
in den Hosen. Deswegen sind sie auch unter allen
Einwohnern dieses Planeten die allerfurchtsamsten.
Als ich durch die Beschwerlichkeit meiner Reise
sehr ermüdet in die Stadt kam und nahe dem Tor
in ein Wirtshaus einkehrte, schalt ich den Wirt,
weil er so gar nachlässig und langsam war, recht
dicht derb aus, worauf er mir zu Füßen fiel und
mit Tränen um Gnade und Barmherzigkeit bat, reckte
mir auch seine linke Hüfte dar, damit ich das
ängstliche Klopfen seines Herzens selber fühlen
möchte. Über diese Begebenheit verwandelte sich
mein Zorn in ein Gelächter. Ich trocknete diesem
Fußfälligen die Tränen ab und befahl ihm, er solle
sich nicht weiter fürchten. Als er aufstand,
küsste er mir die Hand und ging hin, mir die
Abendmahlzeit zu richten. Nicht lange danach hörte
ich ein abscheuliches Heulen und Wehklagen in der
Küche, ich lief hinzu und sah mit Staunen, wie
mein furchtsamer Wirt seine Frau und Mägde in der
Küche herumkarbatschte und gewichtige Maulschellen
austeilte. Als er mich aber erblickte, fiel er mir
wieder zu Füßen und lief hernach gar davon. Als
ich mich hierauf der weinenden Familie zuwandte
und nach der Ursache oder nach dem Verbrechen
fragte, das einen so leutseligen Mann zu so
heftigem Zorn bewegt habe, standen sie alle
eine ganze Weile mit niedergeschlagenen Augen
stockstill da und unterstanden sich nicht, mir
ihre Betrübnis zu eröffnen. Da ich aber mit Fragen
anhielt und endlich Drohungen mit untermischte,
fing die Wirtin folgendermaßen an zu reden:
»Mein lieber Gast, es scheint mir, als wenn
dir die Beschaffenheit der Sterblichen noch
nicht sattsam bekannt sei. Die Einwohner
dieses Fürstentums, die den Anblick eines
bewaffneten Feindes nicht ertragen können, ja die
vor dem geringsten rauschenden Blatt erschrecken,
herrschen alle in der Küche und sind gegen
ihre unbewaffnete Familie rechte Tyrannen.
Mit bewaffneten Leuten lassen sie sich in keinen
Streit ein, sondern es müssen Unbewaffnete sein,
die sie anfeinden können. Dieser Ursache
wegen ist auch unsere Republik nur ein Raub,
Spott und Gelächter der benachbarten Völker. Bei
unseren Nachbarn hingegen, denen wir zinsbar sind,
hat es eine ganz andere Beschaffenheit mit
den Männern. Diese lassen sich mit niemandem,
als mit bewaffneten Feinden, in den
Streit ein und herrschen außer Landes,
zu Hause aber sind sie lauter Knechte.«
Ich wunderte mich über die Klugheit dieser
Frauen, und sie wären eines besseren Glücks
würdig gewesen. Ja, nachdem ich die Sitten
und Gemütsarten der Menschen ein wenig genauer
überlegte, musste ich bekennen, dass diese Frau
die Wahrheit gesagt, indem man durch unzählige
Beispiele dartun kann, dass nicht nur Herkules
durch eine Frau überwunden worden, sondern dass
dies fast durchgängig das gemeinsame Schicksal
der tapfersten Männer ist, dass sie ihren Hals
freiwillig dem weiblichen Joch unterwerfen. Die
Furchtsamsten hingegen und die mit den Einwohnern
in Bostanki das Herz in den Hosen tragen,
sind zu Hause, hinter dem Ofen, große Helden.
Dieses Volk steht beständig unter der Herrschaft
eines benachbarten Volks, dem es zinsbar ist.
Als ich von hier wieder fortreiste, trat ich
in einen anderen Kahn und ließ mich in das Land
Mikolak übersetzen. In diesem Kahn wurde mir mein
Mantel gestohlen. Nachdem ich mit dem Schiffer
lange Zeit, wiewohl vergebens, herumgezankt hatte,
weil er den Diebstahl leugnete, verklagte ich
ihn bei der Obrigkeit und drang darauf, dass
er mir wenigstens meinen Mantel wiederbeschaffen
solle, weil er mir doch durch seine Nachlässigkeit
oder durch sein Versehen weggekommen sei, wenn
ich allenfalls nicht sollte erlangen können,
dass er mir meinen Verlust doppelt und vierfach
wiedergutmachen müsste. Allein der Schiffer
leugnete nicht nur auf das Hartnäckigste, sondern
stellte noch dazu eine Klage gegen mich an,
dass ich ihn fälschlich angezeigt habe. Bei so
zweifelhaften Umständen verlangte die Obrigkeit
Zeugen, als ich aber keine stellen konnte, bat
ich, man möchte dem Schiffer den Reinigungseid
zuerkennen. Der Richter aber lachte, als ich den
Eid erwähnte, und sagte: »Mein lieber Fremdling,
wir sind hier an keine Religion gebunden, sondern
die Gesetze des Vaterlands sind unsere Götter.
Es müssen daher bei uns dergleichen
Beweise rechtmäßigerweise dargetan werden,
zum Beispiel durch ordentliches Aufschreiben, was
man ausgelegt hat, durch ordentliche Rechnung,
was man verzehrt hat, durch Darlegung
glaubwürdiger Handschriften, durch besiegelte
Obligationen und durch Aufführung tüchtiger
Zeugen. Wer dergleichen nicht dartun kann,
stellt nicht allein eine vergebliche Klage an,
sondern wird noch dazu als ein falscher Ankläger
verurteilt. Beweise deine Sache durch Zeugen, so
sollst du bald wieder zu dem Deinigen kommen.«
Da ich nun auf diese Weise, aus
Mangel der Zeugen, meine Sache verlor,
bedauerte ich nicht sowohl meinen als dieser
ganzen Republik erbarmungswürdigen Zustand,
denn ich schloss daraus, dass dergleichen
Gesellschaften sehr schwach und ohnmächtig seien,
die auf bloße menschliche Gesetze gegründet
sind und dass dergleichen politische Gebäude
von sehr schlechter Dauer sein müssten, wenn
sie nicht durch die Religion befestigt wären.
Ich hielt mich 3 Tage hier auf, lebte aber in
steter Furcht. Denn obschon die Gesetze dieser
Stadt ganz heilsam und nützlich sind und die
Laster auf das Nachdrücklichste bestraft werden,
so kann man doch bei dem Volk, das keinen Gott
und keine Religion hat, keine Sicherheit hoffen,
indem sie sich kein Gewissen machen, alle Laster
auszuüben, wenn es nur verborgenerweise geschehen
kann, dass sie nicht an den Tag kommen.
Nachdem ich dieses Land, worin man an keinen
Gott glaubte, verlassen und einen rauen Berg
überstiegen hatte, kam ich zu der Stadt Bracmat,
die auf einer Ebene am Fuß dieses Berges lag. Die
Einwohner dieser Stadt sind Wacholderbäume. Der
Erste, der mir begegnete, fiel mit ganzem Leib auf
mich und warf mich rücklings zu Boden, und als ich
ihn nach der Ursache dieses Willkommengrußes
fragte, bat er mit den verbindlichsten Worten
um Verzeihung. Bald darauf begegnete mir ein
anderer, der einen großen Zaunstecken in der
Hand hatte und mich damit, als ich bei ihm
vorbeiging, dermaßen in die Seite schlug,
dass er mir bald meine Lenden entzwei geschlagen
hätte. Als ich auch diesem seine Unvorsichtigkeit
vorhielt, bat er ebenfalls auf das Rührendste um
Verzeihung. Ich hielt demnach dafür, dass dieses
Volk entweder blind oder übersichtig sei, und ging
allen, die mir begegneten, sorgfältig aus dem Weg.
Aber dieser Fehler rührte bei einigen von einem
allzu scharfen Gesicht her, Kraft dessen sie weit
entlegene Dinge, die andere nicht wahrnehmen,
aufs Genaueste unterscheiden, nahe Dinge aber
und was sich unter ihren Füßen befindet, vor
allzu scharfem Gesicht nicht sehen können.
Sie werden insgeheim Makkatti genannt und sie
betreiben höhere Studien, meistens aber sind es
Astronomen. Denn zu weltlichen Geschäften eignen
sie sich wegen ihres allzu scharfen Gesichts
fast gar nicht, weil sie nur die Kleinigkeiten
sorgfältig betrachten, bei gründlichen Dingen
aber ganz blind sind. Doch bedient sich das
Gemeinwesen ihrer beim Untersuchen der Erzgruben
und da sie die obere Fläche der Erde nicht sehen,
so entdecken sie, was darunter verborgen liegt.
Hierüber machte ich diese Anmerkung, dass
es nämlich Leute gäbe, die wegen gar zu
scharfer Luchsaugen blind seien und in der
Tat mehr sehen würden, wenn sie weniger sähen.
Nachdem ich abermals einen jähen und
höchst beschwerlichen Berg überstiegen
hatte, kam ich in das Land Mütak, dessen
Hauptstadt einen Weidengarten vorstellt,
weil die Einwohner dort lauter Weidenbäume sind.
Als ich auf den Markt kam, sah ich einen Jüngling
auf einem Nachtstuhl sitzen, der den Rat aufs
Wehmütigste um Barmherzigkeit anflehte. Da ich
mich nun erkundigte, was dies zu bedeuten hätte,
erfuhr ich, dass dieser ein Missetäter sei,
dem man heute die 15. Dosis geben würde. Über
diese Antwort war ich bestürzt und ging fort,
fragte aber kurz darauf meinen Wirt, wie dieses
Rätsel zu verstehen sei. Dieser gab mir nun
folgende Antwort: »Geißeln, Brandmale, Galgen
und andere Strafen, womit benachbarte Völker
die Laster zu bekämpfen pflegen, sind bei uns
gänzlich unbekannt, denn wir haben die Gewohnheit,
dass wir nicht sowohl die Verbrechen bestrafen,
als vielmehr die Lasterhaften auf einen besseren
Weg zu bringen suchen. Dieser schuldige Jüngling,
den du öffentlich auf dem Nachtstuhl hast sitzen
sehen, ist ein ungeschickter Bücherschreiber,
der wegen seiner heftigen Begierde zu schreiben,
die weder durch die Gesetze, noch durch die öftere
Verwarnung der Obrigkeit zu dämpfen gewesen,
um so mehr der öffentlichen Strafe oder Medizin
unterworfen worden, und die Zensoren dieser Stadt,
die alle Doktoren der Arzneikunst sind, werden
ihn so lange mit öfterem Purgieren auszumergeln
fortfahren, bis seine unmäßige Begierde erloschen
sein wird und er mit dem Bücherschreiben aufhört.«
Nach beendeter Antwort wurde ich in die
öffentliche Apotheke geführt, wo ich mit
größtem Erstaunen folgende Büchsen mit ihren
Inschriften in richtiger Ordnung gesetzt antraf:
Pulver gegen den Geiz, Pillen für die
Geilheit, Tinktur gegen die Grausamkeit,
niederschlagendes Mittel gegen die Hoffart, Rinde
gegen die Wollust und dergleichen. Wie schwindlig
mir in meinem Kopf über diese Gaukeleien
geworden, kann ich unmöglich beschreiben.
Endlich aber kam ich fast ganz und gar außer mir,
als ich einige Pakete folgender Aufschrift sah:
Magister Pisags Rede, deren Durchlesung, wenn sie
frühmorgens geschieht, sechs Stühle verursacht.
Doktor Jukes’ Betrachtungen, die Schlaf
zu machen dienlich sind. Ich sah hieraus,
dass dies ein ganz besonderes Volk sein musste,
und damit ich die Kraft und Wirkung gedachter
Medikamente genauer erfahren möchte, schlug ich
das erste Buch auf. Es war dermaßen abgeschmackt
verfertigt, dass ich bei Durchlesung des ersten
Kapitels gähnen musste, als ich fortfuhr zu lesen,
fingen meine Gedärme an zu murren und bald darauf
bekam ich Schneiden und Grimmen im Leib. Ich
legte daher dieses Buch gern wieder beiseite
und machte mich auf die Beine, weil ich mich
vollkommen wohl befand und keine Purganz nötig
hatte. Hieraus lernte ich, dass nichts auf der
Welt ganz und gar ohne Nutzen ist und dass die
allerabgeschmacktesten Bücher doch auch zu etwas
dienen können. Ferner, dass dieses Volk, obgleich
es mir höchst wunderlich und närrisch vorkam,
doch so gar töricht nicht wäre. Und mein Wirt
beteuerte höchlich, dass er einstmals lange
Zeit nicht habe schlafen können, da sei er
einzig und allein dadurch kuriert worden,
dass er des Doktor Jukes’ Betrachtungen gelesen,
ja es stecke eine solche Kraft in diesem Buch,
dass es die Wachsamkeit selber schlafen machen
würde. Da ich dies und andere Dinge mehr hörte,
wurde ich ganz verwirrt in meinem Kopf. Damit aber
meine frühere Philosophie, so ich darin hatte,
nicht Schiffbruch dabei leiden möchte, verließ ich
dies Land auf das Eilfertigste und zwar zu meinem
großen Glück, denn die neuen Wunderdinge,
die mir hin und wieder bei anderen Völkern
vorkamen, ließen mir nicht zu, dass ich meinen
verwirrten Gedanken länger nachhängen konnte.
Nachdem ich aber die Reise um diesen Planeten
gänzlich vollbracht hatte und der Philosophie der
Mütacianer sorgfältig nachdachte, so urteilte ich,
dass die Arzneikunst, wie sie dieses Volk ausübt,
nicht gänzlich zu verwerfen sei. Denn ich habe oft
erfahren, dass es in Europa ebenfalls Bücher gibt,
die man statt eines Brechpulvers oder einer
Purganz brauchen kann, wenn man sie liest, ja
die auch denen, die sie lesen, Schlaf verursachen
können. Was aber die Gemütskrankheiten anlangt,
kann ich den Grundsätzen der Mütacianer nicht
Beifall geben, obgleich ich nicht leugnen will,
dass es gewisse Leibesschwachheiten gibt, die
wir mit den Gemütskrankheiten konfundieren,
wie hiervon ein Dichter unserer Zeit ganz artig
in folgenden Zeilen solches auszudrücken sucht:
Mein Freund, ein scharfer Saft
durchdringet unsere Glieder,
Und schläget unsern Sinn aufs Heftigste darnieder;
Mir nimmt der herbe Schmerz
das Herze gänzlich ein,
Und dir durchdringet er die Adern, Mark und Bein.
Du hast das Podagra, dich höret man beklagen,
Mir tut das Herze weh, so dass es nicht zu sagen,
Doch glaubt mir’s niemand
nicht: Ich muss ein Pinsel sein,
Ein hochmutsvoller Narr, ein Starrkopf obendrein.
So unterschieden ist die Wirkung scharfer Säfte;
Dir lähmen sie das Bein,
und hindern da die Kräfte,
Mir dringen sie aufs Herz und stören meine Ruh:
Jedoch du wirst beklagt, mein lacht man noch dazu.
Nachdem ich auch dieses Land verlassen und über
einen See, dessen Wasser ganz goldgelb aussah,
übergesetzt, gelangte ich in das Land Mikrok. Als
ich in die Hauptstadt gleichen Namens hineingehen
wollte, fand ich das Stadttor zugeschlossen.
Ich musste deshalb eine Zeit lang warten,
ehe der verschlafene Wächter das mit Riegeln
und Schlössern fest verwahrte Tor aufmachte.
In der Stadt lag alles in tiefem Schlaf vergraben
und ich hörte weiter nichts, als das gewaltige
Schnarchen der schlafenden Einwohner, dass ich
mir sogar einbildete, ich sei hier zu der wahren
Wohnung des Schlafs, dergleichen sich die Poeten
eingebildet, gekommen. Ich dachte daher bei mir
selber : »Wollte Gott, dass einige von unseren
Bürgermeistern und Ratsherrn nebst anderen
honetten Bürgern in meinem Vaterland hier geboren
worden wären, so könnten sie doch in dieser
glückseligen Stadt ihr Leben in vollkommener
Gemächlichkeit und Ruhe zubringen, auf die
sie so sehr viel halten.« Aus den Zeichen und
Überschriften der Häuser konnte ich aber doch so
viel herauslesen, dass hier Künste und Handwerke
getrieben wurden, hingleichen, dass man Recht und
Gerechtigkeit handhabe. Nach Anweisungen dieser
Überschriften entdeckte ich auch ein Wirtshaus,
doch war der Eingang nicht offen, denn die Tür
war verriegelt und zugeschlossen, und obgleich es
schon über Mittag war, so war es was die Einwohner
betraf doch noch Nacht. Nach langem Anpochen wurde
ich endlich eingelassen. Hier teilen sie Tag und
Nacht in 23 Stunden ein, wovon sie 19 dem Schlaf,
die übrigen 4 aber dem Wachen widmen. Ich
mutmaßte daher, dass hier sowohl öffentliche als
Privatgeschäfte sehr nachlässig behandelt werden
müssten und befahl, mir in aller Geschwindigkeit
aufzutragen, was an Speisen vorhanden sei,
denn ich befürchtete, es möchte den Koch
unter währender Zubereitung des Mittagsmahls die
Nacht wieder überfallen. Aber da hier alles sehr
gedrängt zugeht und alles Überflüssige vermieden
wird, so ist ein solcher kurzer mikrokischer Tag
lang genug, dass sie ihre Geschäfte verrichten
können. Nach der Mittagsmahlzeit, die mir früher
aufgetragen wurde, als ich vermuten konnte, führte
mich mein Wirt durch die Stadt. Wir gingen in die
Kirche, wo eine Rede gehalten wurde, die der Zeit
nach sehr kurz, der Wichtigkeit wegen aber sehr
lang zu halten war. Der Redner kam gleich zum
Zweck, er machte keine Umschweife, wiederholte
auch eine Sache nicht wievielmal und sagte nichts
Überflüssiges. Mit einem Wort, sie war dermaßen
wohl eingerichtet, dass, wenn ich sie gegen die
langen Predigten des Herrn Magister Petri hielt,
die mir so oft einen Ekel verursacht hatten,
und sie mit dieser unterirdischen verglich,
mir diese kurze Rede zweimal nachdrücklicher
vorkam als seine langen Predigten. Mit ebensolcher
Kürze werden auch die Gerichtshändel entschieden.
Die Advokaten sagen hier mit wenig Worten viel und
stellen sogleich die Zeugen zur Untersuchung dar.
Ich besinne mich, dass ich den Vertrag gelesen,
den dieses Volk mit einem benachbarten Volk
nur kurz zuvor, ehe ich hinkam, erstellt hatte,
der mit folgenden Worten abgefasst war:
Die Mikrokianer und die Splendikaner wollen eine
immerwährende Freundschaft miteinander halten. Die
Grenzen beider Reiche sollen der Fluss Klimac und
die Mitte des Berges Zabor sein.
Unterschrieben von XXX.
Sie verrichten also hier mit etlichen wenigen
Zeilen, was bei uns wohl ganze Bücher erfordert.
Man sieht auch hieraus, dass man mit wenig
Umständen und ohne viel Zeit zu verlieren,
gar leicht zum Zweck kommen kann, wenn man
nur die Weitläufigkeiten zu vermeiden suchte,
eben wie ein Wandersmann noch halb so geschwind
an Ort und Stelle kommen könnte, wenn der Weg
beständig gleich zuginge. Die Einwohner dieser
Stadt sind durchgängig Zypressen und sind durch
gewisse Beulen an der Stirn von den anderen
Bäumen unterschieden. Diese Beulen nehmen zu
gewissen und bestimmten Zeiten ab und zu, wenn die
Stirn anfängt aufzulaufen, so erfüllt sie nach und
nach einen Schnupfen, da denn die Feuchtigkeiten
aus den Beulen auf der Stirn, gleichsam wie aus
einem Geschwür, in die Augen herabfließen
und ihnen die herannahende Nacht verkünden.
Fast 1 Tagereise von hier liegt das Land Makrok,
oder das Land der Wachenden, weil die Einwohner
hier niemals schlafen, sondern beständig
wachen. Als ich in die Stadt kam, begegnete
ich einem sehr eilfertigen und geschäftigen
Jüngling, den ich ganz demütig ersuchte,
er möchte so gütig sein und mich in ein bequemes
Wirtshaus weisen. Er entschuldigte sich aber mit
notwendigen Verrichtungen und setzte seinen Weg
sehr eilfertig fort. Ja, die Einwohner waren alle
dermaßen eilfertig, dass sie über die Gassen und
Märkte der Stadt nicht gehen sondern zu springen
oder gar zu fliegen schienen, gleichsam als wenn
sie befürchteten, sie würden alle zu spät kommen.
Ich dachte daher, es sei Feuer in der Stadt oder
die Bürger seien sonst durch einen unvermuteten
Unglücksfall in Furcht und Schrecken gesetzt
worden, und ging lange ganz allein hin und her,
bis ich endlich an ein Haus kam, an dem mir die
ausgehängte Tafel zeigte, dass es ein Wirtshaus
sei. Hier traf ich einige an, die weggingen,
andere stiegen die Treppe hinauf, wieder andere
stolperten vor allzu großer Eilfertigkeit
dermaßen, dass ich wohl eine Viertelstunde am
Eingang des Hauses stehen bleiben musste, ehe ich
hineinkommen konnte. Als ich endlich hineinkam,
wurde ich mit unzähligen und unnützen Fragen
empfangen. Einer fragte, was ich für ein
Landsmann sei, wo ich hinreiste, wie lange ich
mich schon in der Stadt aufhielte, der andere,
ob ich allein oder mit anderen zugleich an einem
Tisch speisen wollte, hingleichen in welchem
Zimmer ich das Mittagsmahl einnehmen wollte, ob in
dem roten, grünen, weißen oder schwarzen Zimmer,
ob es mir besser unten auf der Erde oder im oberen
Stockwerk gefiele und dergleichen Dinge mehr.
Der Wirt, der an einem kleinen Ort zugleich
Gerichtsschreiber war, ging auch zu Tisch,
kam aber bald wieder und erzählte mir sehr
weitläufig den Inhalt eines Prozesses, der
schon ganze 10 Jahre währte und der jetzt schon
vor dem 14. Gericht geführt würde. Endlich setzte
er hinzu, er hoffe aber doch, dass er in ein
paar Jahren wird zu Ende gebracht werden können,
denn es sind nur noch zwei Instanzen übrig, von
denen hernach nicht weiter appelliert werden kann.
Über diese Erzählung geriet ich ganz außer mir,
mein Wirt aber verließ mich auf eine Zeit lang,
und ich erkannte hieraus so viel, dass dieses
Volk mit aller seiner Eilfertigkeit nichts
ausrichtete. Während der Abwesenheit des Wirts
ging ich hin und wider im Haus herum und kam
zufällig in die Bibliothek. Diese war sehr
groß, aber an guten und Kernbüchern sehr arm
und übel versehen. Unter den Büchern, die sehr
sauber eingebunden waren, bemerkte ich folgende:
Beschreibung des Tempels Cath in 24 Bänden.
Die Belagerung des Schlosses Pehunc in 56 Bänden.
Vom Nutzen des Krautes Slac in 15 Bänden.
Leichenrede auf das Absterben
des Ratsherrn Jacksi in 18 Bänden.
Als mein Wirt wiederkam, erzählte er mir
von der Regierungsverfassung dieser Stadt, woraus
ich so viel sehen konnte, dass die verschlafenen
Mikrokianer mehr verrichten, als die beständig
wachenden Makrokianer, weil jene nach dem Kern
griffen, diese aber mit den Hülsen und Schalen
spielten. Die Einwohner dieses Landes sind
ebenfalls Zypressen und sind der äußeren Gestalt
nach wenig von den Mikrokianern unterschieden,
nur dass sie keine Beulen auf der Stirn haben.
Doch haben sie auch kein Blut oder sonst einen
fließenden Saft in ihren Adern, wie die
anderen belebten Bäume dieses Planeten,
sondern sie sind stattdessen mit einer
gewissen dicken Feuchtigkeit versehen,
die dem Quecksilber beinah gleichkommt. Ja, einige
meinen sogar, dass es wirklich Quecksilber sei,
weil diese Feuchtigkeit mit dem Quecksilber
in den Wettergläsern gleiche Wirkung hat.
2 Tagereisen von diesem Land liegt die Republik
Siklok, die aus zwei Bundesgenossenschaften
besteht, die aber einander ganz zuwiderlaufende
Gesetze haben. Die eine wird Miho genannt und ist
von ihrem ehemaligen berühmten Gesetzgeber
Mihac gestiftet worden; dieser suchte
hauptsächlich durch solche Gesetze, die die
überflüssigen und unnötigen Kosten verbieten,
dem Gemeinwesen aufzuhelfen und verbot alle
Pracht und Schwelgerei auf das Nachdrücklichste.
Diese Bundesgenossenschaft verdiente daher ihrer
Mäßigkeit und Sparsamkeit wegen ein zweites Sparta
genannt zu werden. Darüber aber wunderte ich mich
nicht wenig, dass es in einer so wohlbestellten
Republik so viele Bettler gab, denn wohin ich
meine Augen nur wendete, sah ich auf einen Baum,
der um ein Almosen anhielt, sodass es für einen
Reisenden nirgends beschwerlicher ist als hier.
Nachdem ich die Beschaffenheit der Republik
etwas aufmerksamer überlegt hatte, befand ich,
dass dieses Elend von der Mäßigkeit der Einwohner
selbst herrührte. Denn da aller Überfluss verboten
ist und die Reichen sogar bei ihrem Überfluss
darben, so führt das einfache Volk ein faules,
träges und bettelhaftes Leben, weil es nichts zu
verdienen hat oder irgendetwas erwerben könnte.
Ja, ich lernte hieraus, dass die Kargheit und
Sparsamkeit in politischen Dingen eben die
Wirkung hat, wie die Verstopfung des Geblüts
im menschlichen Leib hervorzubringen pflegt.
In der anderen Bundesgenossenschaft, die Liho
genannt wird, lebte man hingegen herrlich
und in Freude und scheute keine Kosten. Daher
blühen auch hier hin und wieder gute Künste und
Wissenschaften, wodurch die Einwohner zur Arbeit
angefrischt werden und auf diese Weise sich nicht
nur nötigen Unterhalt erwerben, sondern auch
Schätze sammeln können. Und wenn man doch etwa
einen Armen antrifft, so mag er die Schuld nur
seiner bloßen Faulheit beimessen, indem es allhier
niemanden an Gelegenheit fehlt, etwas zu erwerben.
Die Verschwendung der Reichen gibt also der ganzen
Gesellschaft das Leben, nicht anders als wie der
ordentliche Umlauf des Geblüts die Glieder des
menschlichen Körpers stärkt und belebt macht.
Mit diesem Land grenzt die Stadt Lama zusammen,
ein berufener Aufenthalt der Ärzte, denn die
Arzneikunst wird hier mit solchem Fleiß und
mit solcher Gründlichkeit betrieben, dass niemand
für einen rechtschaffenden und verständigen Doktor
durchgeht, wenn er nicht auf der Hohen Schule
zu Lama studiert hat. Es gibt daher hier so
viel Doktoren, dass man eher einen Medicum als
einen Einwohner findet. Hier sieht man ganze
Gassen voll Apotheken und Werkstätten, worin
anatomische Instrumente verfertigt werden.
Als ich einstmals aus Langeweile in der Stadt
herumschlenderte, begegnete mir ein Bäumchen,
das ein Verzeichnis derjenigen, die dieses Jahr
hier verstorben waren, zu verkaufen anbot. Ich sah
daraus nicht ohne Erstaunen, dass im vergangenen
Jahr 150 Bäume geboren, 600 aber gestorben seien.
Denn ich konnte in Wahrheit nicht begreifen, wie
es zuging, da Apollo selber hier zu wohnen schien,
dass der Tod dennoch so schrecklich unter
den Einwohnern aufräumte. Ich fragte demnach
diesen Buchhändler, durch was denn für eine
ungewöhnliche Seuche oder Pest im vorigen Jahr so
viele Einwohner dieser Stadt aufgerieben worden
seien, und erhielt von ihm zur Antwort, dass
die nächsten 2 Jahre vorher die Totenliste noch
weit stärker gewesen und das sei die gewöhnliche
Proportion zwischen den Geborenen und Gestorbenen,
denn der Letzteren pflegten größtenteils dreimal
mehr zu sein als der Ersteren, weil die Einwohner
dieser Stadt beständig siech und krank seien,
wodurch denn ihr Tod beschleunigt werde. Ja, wenn
nicht jährlich aus anderen Provinzen immer neue
Einwohner hierher versetzt würden, wäre die Stadt
in kurzem ganz und gar ausgestorben. Ich setzte
demnach meine Reise aufs Eilfertigste fort, indem
ich es nicht für ratsam hielt, mich hier länger
aufzuhalten, zumal da mir schon der bloße Name
eines Arztes und das bloße Anschauen anatomischer
Instrumente Furcht und Schrecken verursachte,
weil ich dasjenige noch nicht vergessen hatte,
was mir im Land der Philosophen begegnet
war. Ich war daher froh, als ich aus diesem
Land wieder hinauskam und ruhte nicht eher,
bis ich in ein Dorf kam, das 4.000 Schritt
von Lama entfernt war, in dem die Einwohner
ohne Ärzte und auch ohne Krankheit lebten.
Nach 2 Tagereisen langte ich im Freien
Land an. Hier lebt ein jeder Einwohner
für sich und ist sein eigener Herr. Eine jede
Familie kann eine kleine Republik vorstellen,
denn sie sind keinen Gesetzen und keiner Obrigkeit
unterworfen, doch halten sie unter sich eine Art
von gesellschaftlichem Wesen und in allgemeinen
Angelegenheiten beratschlagen sich die Alten
miteinander, die denn immer Friede und Einigkeit
zu erhalten suchen und vornehmlich diese Regel
aus dem natürlichen Gesetz einführen: »Was
du nicht willst, das man dir tu, das füg auch
keinem anderen zu.« An allen Stadttoren und
an allen Haustüren war das Bild der Freiheit
ausgeschnitzt zu sehen, die auf Ketten und
Banden trat, wobei gleich die Aufschrift stand:
»Die goldene Freiheit«. In der ersten Stadt,
in die ich kam, sah alles ziemlich ruhig aus,
doch sah ich, dass sich die Einwohner durch
gewisse Binden voneinander unterschieden,
welche die Merkmale besonderer Fraktionen waren,
in die die Bürgerschaft eingeteilt war. Die
Zugänge an den Häusern der Mächtigsten waren mit
sieben bewaffneten Wächtern besetzt und es schien,
als wenn sie nur alle darauf lauerten, dass nach
beendetem Stillstand der Krieg von neuem angehen
möchte. Ich floh daher voller Furcht aus diesem
Freien Land und hielt mich nicht eher für sicher,
bis ich es aus den Augen verloren hatte.
Das nächste Land, das gleich neben diesem lag,
hieß Jochtana. Was ich von diesem Land wusste,
setzte mich in Erstaunen, weil ich glaubte,
es würde allhier noch viel unordentlicher, ja
unsicherer und verwirrter zugehen als in dem
Freien Land, denn hier wurden alle Religionen,
Sekten und Ketzereien geduldet und alle Lehren,
die nur an irgendeinem Ort dieses Planeten
gelehrt wurden, kamen hier gleichsam wie zu
einem Mittelpunkt zusammen und wurden öffentlich
vorgetragen. Da mir nun hierbei einfiel,
was für traurige Folgen aus dem Unterschied
der Religionen in den meisten Ländern unseres
Europa entstanden, wagte ich beinah nicht,
in die Hauptstadt Jochtansii einzukehren,
weil hier so viele Kirchen und einander
entgegengesetzte Sekten wie öffentliche
Plätze und Gassen anzutreffen waren. Aber als ich
hineinkam, verschwand meine Furcht augenblicklich,
weil ich die größte Einigkeit regieren sah
und niemanden über den anderen klagen hörte.
In politischen Dingen waren alle miteinander
eines Sinnes, ein jeder ließ sich gefallen,
was dem anderen gefiel und sie boten einander
hilfreich die Hand. Denn da es bei Lebensstrafe
verboten war, dass sich keiner unterstehen sollte
den anderen in seinem Gottesdienst zu stören,
oder auch nur einander der Lehre wegen aufsässig
zu sein, so traf man hier bei dem Unterschied der
Religion keine Feindschaft an, das Disputieren
darüber ging ohne Gezänk ab, und es konnte
kein Hass entstehen, weil keiner den anderen
verfolgte. Die ganze Sache, worauf es ankam,
bestand in einem rühmlichen Eifer, dass eine jede
Sekte der anderen in Ausübung löblicher Tugenden
vorangehen wollte und durch ein gottseliges
Leben dartun wollte, dass sie vor anderen den
Vorzug verdiene. Es war demnach hier durch die
guten Anstalten und Verordnungen der Obrigkeit
so weit gekommen, dass die Mannigfaltigkeit der
Religion keine größere Unordnung verursachte,
als nur etwa diejenigen zu sein pflegen, welche
die vielerlei Kaufmannsgewölbe und Handwerksbuden
auf einem Markt verursachen, wenn einige durch die
bloße Güte der Ware die Käufer an sich locken, im
Übrigen aber allen Betrug, Gewalt und Verleumdung
beiseite setzen, wodurch alle Uneinigkeit, so etwa
entstehen könnte, alsbald erstickt und stattdessen
ein beständiger und rühmlicher Eifer, sich vor
anderen hervorzutun, behalten wird. Ich sah auch
hieraus, dass all die Unruhen, die anderwärts
herrschen, nicht nur vom Unterschied der Religion
herrühren, sondern vielmehr aus den Verfolgungen
entstanden. Ein gewisser Gelehrter in Jochtana
erzählte mir, die Sitten und Gewohnheiten dieses
Volks, ihre Regierungsform und die Ursachen, warum
hier alles so ruhig zuging, sehr ausführlich und
ich hörte ihm mit größter Aufmerksamkeit zu und
drückte mir’s tief ins Gedächtnis. Ich machte ihm
zwar allerhand Einwürfe, endlich aber musste ich
ihm doch recht geben, da er seine Grundsätze mit
so einem sonderbaren und in die Augen fallenden
Beispiel bestärken konnte, daher war ich genötigt,
dem, was ich sah und in der Tat nicht anders war,
beizupflichten und hielt mit ihm zugleich dafür,
dass die Freiheit zu glauben, was ein jeder
wolle, der wahre Grund dieser Einigkeit sei.
Doch griff ich meinen Kontrapart mit noch einem
anderen Argument an, indem ich behauptete, die
Gesetzgeber hätten bei Errichtung oder Stiftung
einer Republik nicht sowohl auf die gegenwärtige
Glückseligkeit der Sterblichen zu sehen, als
vielmehr ihre künftiges Wohl in Betracht zu
ziehen und nicht nur ihr Augenmerk auf das zu
richten, was uns in diesem Leben nützt, sondern
vielmehr auf das, was dem Schöpfer wohlgefällt.
Er antwortete mir aber hierauf folgendermaßen:
»Mein lieber Fremdling, du betrügst Dich, wenn
Du meinst, dass Gott, als der Brunnquell aller
Wahrheit, an einer geschminkten und heuchlerischen
Verehrung Gefallen habe. Bei anderen Völkern, wo,
auf obrigkeitlichen Befehl, durchgängig dieselbe
Religionsübung eingeführt ist, werden eben dadurch
der Unwissenheit und Verstellung Tor und Tür
geöffnet, es untersteht sich dort niemand,
seines Herzens Gedanken zu offenbaren,
sondern die meisten denken im Herzen anders,
als sie mit dem Mund reden. Daher wird denn das
Studium der Gottesgelahrtheit sehr lau behandelt,
und man gibt sich keine Mühe, die Wahrheit zu
entdecken, weil die Priester sogar sich selber
mancher gottseligen Betrachtung entziehen, da sie
nicht etwa mit dem verhassten Namen der Ketzer
belegt werden möchten, sondern sie legen sich
auf andere Studien, die sie mit weniger Gefahr
ausüben können und die der Freiheit nicht so
beschwerlichen Fesseln anlegen. Diejenigen,
die von der herrschenden Meinung abweichen,
werden allesamt verdammt. Die Heuchler aber
gefallen Gott nicht, er hat mehr Gefallen an einer
irrigen und aufrichtigen Verehrung, als an einem
verstellten und heuchlerischen Gottesdienst.«
Als ich dies hörte, schwieg ich gern still
und unterstand mich nicht, mit einem so
verschlagenen Volk weiter zu disputieren.
Es waren nun beinah 2 Monate über meine
Reise verstrichen, als ich endlich in das
Land Tumbac kam, das mit dem Fürstentum Potu
gleiche Grenzen hatte und das ich ja als mein
Vaterland betrachtete, und nun das Ende meiner
beschwerlichen Reise vor mir sah. Die Einwohner
des Landes Tumbac sind meist wilde Ölbäume und sie
führen ein sehr andächtiges und strenges Leben. Im
ersten Wirtshaus, in dem ich einkehrte, musste
ich beinah 2 Stunden nüchtern stehen bleiben und
so lange auf das Frühstück warten, obwohl ich
es zu wiederholten Malen forderte. Die Ursache
dieser Verzögerung war auf Seiten meines Wirts
eine unzeitige Ausübung seiner Gottesfurcht,
indem er mir das Frühstück nicht eher zurichten
wollte, bis er sein Morgengebet verrichtet hatte.
Nachdem er endlich mit seiner gewöhnlichen
Andacht fertig war, brachte er mir unter
vielem Murmeln das Morgenbrot, das statt aus
Krammetsvögeln aus stinkendem Kohl bestand,
gleichwohl kam mich dieses Frühstück teuer zu
stehen und ich kann versichern, dass ich auf
meiner ganzen Reise keinen andächtigeren aber
auch keinen ungeschliffeneren Wirt angetroffen
habe als diesen. Bei mir selber aber dachte ich,
es sei besser etwas sparsamer zu beten, die Werke
der Gottseligkeit hingegen desto reichlicher
auszuüben. Doch ich verbiss meinen Schmerz,
indem ich wohl wusste, wie gefährlich es sei, so
himmlisch gesinnte Gemüter zum Zorn zu reizen. So
viel in dieser Stadt Bürger anzutreffen waren,
so viel sah man auch sauersehende und strenge
Sittenbeurteiler. Alle Einwohner, wenn sie auf
die Gasse gehen, hängen die Köpfe auf die Seite,
lassen ihre Zweige niedersinken, schmähen
beständig auf die Eitelkeiten der Welt und
verdammen auch das unschuldigste Vergnügen,
denn sie tadeln alles, sogar die Gebärden und
das Lachen, und wollen durch beständiges Richten
der anderen hingleichen, durch viele dunkle Worte,
den Schein der Heiligkeit für sich zuwege bringen.
Als ich mein Gemüt, das von der Reise ermüdet und
nach so vielen Beschwerlichkeiten ganz entkräftet
war, durch einen unschuldigen Zeitvertreib wieder
aufzurichten trachtete, wurde mir dies hin
und wieder sehr übel ausgelegt, sodass mir
auf diese Weise jedes Haus wie ein strenger
Richterstuhl vorkam, vor dem ich gleichsam mein
Sündenbekenntnis ablegen sollte. Einige flohen
mich sogar wie eine Pest und ansteckende Seuche,
als sie sahen, dass ihre Ermahnungen und Verweise
bei mir nichts fruchten wollten. Ich mag mich aber
bei dem mürrischen Wesen dieses Volks nicht länger
aufhalten, doch will ich nur noch ein einziges
Beispiel davon anführen, das die Gemütsart
dieses Volks deutlich abmalen und von dem
aus man auf das Übrige leicht schließen kann.
Ein gewisser wilder Ölbaum, mit dem ich früher
in Potu schon ganz vertraut umgegangen, wurde
mich zufällig gewahr, als ich vor einem gewissen
Wirtshaus vorbeiging, und rief mich hinein.
Als er aber vernahm, dass ich ein wenig locker
lebte, verwies er mir meine Lebensart mit solcher
Heftigkeit, dass mir die Haare zu Berge standen
und mir alle Glieder zu zittern anfingen. Als er
aber so gewaltig auf mich loswetterte, leerten
wir indessen einen Krug nach dem andern aus, bis
wir endlich alle beide dermaßen bezecht waren,
dass wir rücklings miteinander zu Boden fielen
und von den herbeilaufenden Einwohnern halb
tot nach Hause geschleppt wurden. Nachdem mir der
Tummel im Kopf wieder vergangen und ich erwachte,
fing ich zunächst ernsthaft an, die
Beschaffenheit dieses Religionseifers
zu untersuchen und wurde gewahr, dass dieser
eher von verderbten Säften und schwarzer Galle
als von einer wahren Neigung zur Gottesfurcht
herrührte. Doch unterstand ich mich nicht,
hier meine Meinung jemandem zu eröffnen, sondern
reiste kurz darauf in aller Stille wieder fort.
Endlich langte ich nach Verlauf von 2 Monaten
wieder zu Hause an. Ich war aber rechtschaffen
müde, denn die durch beständiges Wandern
entkräfteten Knie konnten meinen Körper
kaum mehr tragen. Am 10. Tag des Hageichenmonats
kam ich wieder in Potu an und überreichte dem
Fürsten mein Tagebuch in aller Untertänigkeit
und Ihro Durchlaucht ließen es alsbald zum
Druck befördern. (Hier ist zu bemerken, dass
die Buchdruckerkunst, deren Erfindung sich
die Europäer und Skythen zuschreiben, auf diesem
Planeten schon lange vorher erfunden worden war.)
Meine Reisebeschreibung war dermaßen nach
dem Geschmack der Potuaner eingerichtet,
dass sie sich nicht satt daran lesen konnten. Man
sah an allen Ecken und Gegenden der Stadt gewisse
Bäume umhergehen, welche die Beschreibung
zu verkaufen hatten und sie mit folgenden
Worten ausriefen: »Reisebeschreibung des
Hofläufers Scabba um die ganze Welt.«
Durch diese glückliche Begebenheit wurde ich
hochmütig und fing an, nach höheren Diensten zu
streben, indem ich mir ein außerordentlich reiches
Geschenk dafür einbildete. Als ich mich aber in
meiner Hoffnung betrogen sah, übergab ich dem
Fürsten aufs Neue eine Supplik, in der ich meine
gehabten Bemühungen aufs Beste herausstrich
und um eine anständige Vergeltung anhielt.
Der Fürst, weil er von Natur gnädig und gütig war,
wurde durch mein Bitten bewegt und versprach mir
ganz gnädig, er wolle meiner gedenken, was er
zwar auch tat, allein die ganze Gnade bestand
in nichts weiter, als in einer Erhöhung meines
jährlichen Solds. Ich hatte mir aber eine ganz
andere Belohnung vorgestellt, daher wollte ich mit
dieser Gnadenbezeugung nicht zufrieden sein. Doch
obwohl ich durch häufiges Flehen und Bitten bei
dem Fürsten nichts weiter herausbringen konnte,
eröffnete ich meinen Herzenskummer dem
Großkanzler. Dieser verständige Mann hörte
meine Klagen mit der größten Leutseligkeit an und
versprach mir seinen Beistand, erinnerte mich aber
daran, ich solle lieber von einer so ungereimten
Bitte absehen und nur selber die Schwäche meines
Verstands überlegen: »Denn«, fuhr er fort, »die
Natur ist dir nicht günstig gewesen und es fehlt
dir an Gemütsgaben, wodurch der Weg zu wichtigen
Staatsgeschäften gebahnt wird. Du musst nach
demjenigen nicht trachten, was du nicht erlangen
kannst, denn indem du dich anderen gleichstellen
willst, vergisst du dich selbst darüber. Ja,
wenn du dasjenige erhalten solltest, worum du so
töricht bittest, so würde es dem Fürsten sehr übel
ausgelegt werden und die Gesetze würden dadurch
verletzt. Sei deshalb mit deinem Zustand zufrieden
und lass die Hoffnung nach demjenigen nur fahren,
was die Natur dir versagt hat.« Er erkannte
meine Dienste zwar an und rühmte meine Strapazen,
die ich bei meiner Reise ausgestanden hatte, er
meinte aber zugleich, meine Verdienste seien doch
nicht so beschaffen, dass ich mir ein öffentliches
Amt versprechen dürfe, denn wenn ein jeder,
der etwa eine Beschwerlichkeit ausgestanden oder
sich einigermaßen verdient gemacht hat, sogleich
zu einer hohen Ehrenstelle erhoben wird, so würde
ein jeder Handwerksmann, Maler und Bildhauer, wenn
er etwa eine künstliche Statue verfertigt oder ein
schönes Bild gemalt hätte, eine Ratsherrnstelle
für seine Bemühungen zum Ausgleich verlangen
wollen. Die Verdienste wären zwar zu belohnen,
man müsse aber die Belohnungen nach den
Verdiensten einrichten, damit das Gemeinwesen
dabei nichts einbüße oder sich lächerlich mache.
Diese und andere Ermahnungen bewegten mich,
eine Zeit lang still zu schweigen, doch da es mir
allzu unerträglich schien, bei so einer geringen
Lebensart grau zu werden, so fiel ich aufs Neue
wieder auf ein desperates Vornehmen, das ich
bisher ein wenig beiseite gesetzt, und dachte auf
Verbesserungen in politischen Dingen, damit ich
durch eine neue Erfindung sowohl dem Gemeinwesen
dienen, als mein eigenes Wohl befördern möchte.
Kurz vor meiner letzten Reise hatte ich die
Staatsverfassung des Fürstentums sorgfältig
untersucht, um zu erfahren, ob ich nicht
etwa einige Fehler darin entdecken möchte,
die einer Verbesserung würdig wären, und
was für Mittel etwa am bequemsten hierzu
dienen könnten. Bei der Staatsverfassung in
der Provinz Cocleku hatte ich bemerkt, dass
das Gemeinwesen schlimm dran sei, wo die Frauen
zu den Staatsgeschäften hinzugezogen wurden,
weil sie von Natur hoffärtig sind und daher
ihre Gewalt und ihr Ansehen unendlich erweitern
wollen und auch nicht eher ruhen, bis sie eine
vollkommene und absolute Herrschaft erlangt haben.
Ich wollte daher ein Gesetz in Vorschlag bringen,
Kraft dessen die Frauen ferner keinen Anteil an
öffentlichen oder Staatsgeschäften haben sollten,
und ich versprach mir hierin großen Beifall,
indem ich mir einbildete, ich würde gar leicht
dartun können, was für üble Folgen daraus
entstünden und wie gefährlich es für das männliche
Geschlecht sei, wenn nicht der Gewalt und Ansinnen
der Frauen beizeiten Einhalt geschehe. Und falls
auch den meisten die gänzliche Abschaffung dieser
Gewohnheit allzu hart vorkommen möchte, so
wollte ich doch jedenfalls darauf dringen,
dass man der weiblichen Gewalt Einhalt tun
und ihr engere Grenzen setzen müsste. Ich
hatte bei Anratung dieses Gesetzes dreierlei
Absicht. Erstlich wollt’ ich das Ansehen haben,
einem Fehler, dem das Gemeinwesen unterworfen
war, abzuhelfen. Zum anderen suchte ich dadurch
mich selber in bessere Umstände zu setzen, wenn
ich durch eine edle und kluge Erfindung eine
Probe meiner Beurteilungs- und Erfindungskraft
ablegte. Und drittens wollte ich hierdurch das
von den Frauen mir angetane Unrecht rächen und
die Schandflecken, die sie mir öfters angehängt
hatten, wieder auslöschen. Denn ich gestehe
ganz gern, dass mein Privatnutzen und das
Verlangen mich zu rächen die Hauptursachen dieses
Unternehmens waren. Doch wusste ich meine eigene
Absicht meisterlich zu verbergen und suchte
unter dem Vorwand, dem Gemeinwesen zu dienen,
bloß meinen eigenen Vorteil, eben wie andere
Projektemacher, deren Vorschläge jedesmal
dem Gemeinwesen zum Besten gereichen sollen,
wenn man sie aber genau prüft, so findet man,
dass der Eigennutz der einzige Beweggrund
gewesen, weswegen sie dieselben getan haben.
Gedachten Vorschlag übergab ich meinem Fürsten
in aller Untertänigkeit, nachdem ich ihn auf
das Künstlichste abgefasst und mit triftigen
Beweggründen erläutert und bewiesen hatte.
Er erschrak aber über dieses verwegene und
törichte Ansinnen aufs Heftigste, weil er
besondere Gnade für mich hegte und glaubte, ich
würde dadurch das äußerste Verderben über den Hals
bekommen. Daher suchte er mich durch freundliche
Ermahnungen von meinem Vorhaben abzuschrecken,
ja, er vermischte sie sogar mit majestätischen
Drohungen. Ich ließ mich aber keineswegs von
meinem Vorhaben abwendig machen, weil ich mich
dabei teils auf den Nutzen verließ, den mein
Vorschlag schaffen konnte, teils aber auch auf den
Beifall des ganzen männlichen Geschlechts, von dem
ich gewiss glaubte, dass es gemeinsame Sache mit
mir machen würde. Ich wurde daher nach Gewohnheit
dieses Landes mit einem Strick um den Hals auf
den öffentlichen Markt geführt, dass ich dort den
Ausspruch des gesamten Rats abwarten sollte.
Nachdem man nun Rat gehalten und die Stimmen
gesammelt, wurde der Ausspruch des Rats dem
Fürsten zur Konfirmation überschickt, von wo er
bald wieder zurückkam und durch einen Herold mit
folgenden Worten ausgerufen wurde: »Nach sattsamer
Überlegung urteilen wir : dass das Gesetz,
welches Herr Scabba, erster fürstlicher Hofläufer,
wegen Ausschließung des weiblichen Geschlechts von
öffentlichen Ehrenstellen in Vorschlag gebracht
hat, nicht anders als mit dem größten Schaden des
Gemeinwesens geduldet werden könnte, indem die
Hälfte des Volks aus Weibsbildern besteht, diese
Neuerung sehr übel nehmen und dem Gemeinwesen
beschwerlich und höchst verhasst werden würde.
Ferner halten wir dafür, es sei unbillig,
dass Bäume von vortrefflichen Gemütsgaben, wodurch
sie eben zu hohen Ehrenstellen geeignet befunden
werden, davon gänzlich ausgeschlossen bleiben
sollen, da man zumal weiß, dass die Natur nichts
vergebens gemacht und das weibliche Geschlecht
nicht umsonst mit herrlichen Gemütsgaben geziert
habe. Wir glauben, das Gemeinwohl erfordere,
dass man viel mehr auf die Vortrefflichkeit
des Gemüts als auf das Geschlecht bei Besetzung
der Ehrenämter zu sehen habe. Und da es öfters in
einem Land an vortrefflichen Leuten fehlt, so
sei es eine Torheit durch ein einziges Gesetz
oder durch einen einzigen Ratschluss, die eine
ganze Hälfte des Volks, bloß der Geburt und des
Geschlechts wegen, zu allen Ehrenämtern für
unfähig zu erklären. Wir erklären vielmehr
nach reichlicher Überlegung der Sache oben
genannten Vorschlag des Scabba für verwegen
und närrisch und verurteilen ihn zum Strick.«
Über diesen Zufall wurde der Fürst sehr bekümmert,
allein weil er niemals einen Ratschluss zu
ändern pflegte, so unterschrieb er dieses Urteil
mit eigener Hand, ließ das gewöhnliche Siegel
darauf drücken und befahl, es zu publizieren,
doch linderte er es in soweit, da ich ein
Fremdling und aus einer neuen und unbekannten
Welt hergekommen sei, wo ein frühkluger
Verstand unter die Tugenden gerechnet werde,
so sollte ich dieser wegen mit der Todesstrafe
verschont bleiben. Damit aber gleichwohl durch
Erlassung der Strafe die Gesetze nicht geschwächt
würden, sollte ich bis zum Birkenmonat gefänglich
verwahrt, sodann aber nebst anderen Übertretern
der Gesetze nach dem Firmament verbannt werden.
Nach Publizierung des Urteils wurde ich ins
Gefängnis gelegt. Meine Freunde rieten mir damals,
ich solle gegen dieses Urteil protestieren,
weil unter meinen Richtern so viel Frauen
und Jungfrauen gewesen seien, die in ihrer
eigenen Sache gerichtet hätten. Anderen aber
schien es ratsamer, ich solle mein Vergehen
erkennen und dasjenige, was geschehen sei,
durch meine natürliche und angeborene Dummheit
entschuldigen. Aber ich verwarf diesen Vorschlag
beständig, weil ich allzu viel Respekt gegen
die Menschen auf unserer oberen Erde hegte,
sodass ich sie durch ein so niederträchtiges
Bekenntnis nicht hätte beschimpfen wollen. Nicht
lange hernach erfuhr ich, der Fürst wolle mir alle
Strafen erlassen, wenn ich nur bei ihm um Gnade
anhielte und um Vergebung meines Fehlers bäte,
obgleich die Rahagna, oder die Schatzmeisterin,
mit Händen und Füßen sich dagegen zur Wehr
setzte, dass ich meine Freiheit erhalten sollte.
Doch dass ich die Wahrheit offenherzig bekenne,
ich kümmerte mich gar nicht um dieses Urteil,
denn das Amt, das ich verwaltete, war mir
unerträglicher als der Tod und ich war es
überdrüssig, länger bei diesen Bäumen zu leben,
die vor allzu großer Weisheit hätten bersten
mögen; überdies hoffte ich auch, meine Umstände
könnten sich vielleicht im Firmament bessern,
denn ich hatte gehört, dass dort alle Fremdlinge
ohne Unterschied sehr gütig aufgenommen würden.